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„âeiheit und Nerht!"
^^8. Wiesbaden. Donnerstag, 3. August LKâH.
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Die Alten und die Jungen.
y Bad Soden, 29. Juli. Die gestrige Sitzung des Parlaments hat uns einen Schritt weiter geführt auf dem Wege zur Entscheidung, ob das deutsche Volk, wenn es anders seine Souveränität in Wahrheit will verwirklicht sehen, noch seiner mit Sicherheit auf die Liberalen des alten Schlags zählen kann, auf die Freisinnigen der badischen Schule mit Mathp'schem Zulchnitt oder ob es seine Zukunft in die Hände jener Männer legen soll, die, in den Ideen der Neuzeit ausgewachsen, vor keinen Eonsequenzen zurückschncken, — die da wollen, daß die Errungenschaften der Februar- und Mä'ztage im weitesten Umfange begriffen und festgestellt werden, sollten sie selbst von ihren sogenannten radikalen Vorgänger n sich als abstracte Philosophen und unpraktische Idealisten verschrieen sehen. Unersetzliche Momente sind's, die uns solche entscheidende Blicke thun lassen, nicht wenn der Wein den verborgenen Sinn der Menschen enthüllt, sondern wenn in lichten Augenblicken eine Partei an ihrer reizbaren Stelle getroffen bei plötzlicher Noth Mittel zur Vertheidigung anwendet, die uns einen untrüglichen Maßstab für die Kritik an die Hand geben. Zur Sitzung.
Nachdem das Protokoll der vorhergegangenen Session verlesen und voin Präsidenten auf Antrag des Trierer Abgeordneten Simon das Wort unwürdig, womit das Betragen der Linken bezeichnet worden, unter Widerspruch der Rechten zurückgenommen war, hun zur Discuision der Lindenauische Antiag über die bei Interpellationen der Minister zu beobachtenden Formalitäten. Obgleich in der Motion kein übermäßiger Liberalismus zu sehen war, erhob sich dennoch Bassermann, der vormaliche badische Linke und Antragstelleller auf ein deutsches Parlam nt, gegen den weiten Spielraum, der hier gegen die Minister gegeben sei, und trug auf Tagesordnung an. Wozu man denn eine Erntralge- walt gewält hätte, wenn man ununterbrochen mit hinein regieren wolle? Das sei Paralpsiren des eben Geschaffenen; er müsse sich dagegen verwahren. Die häufigen Interpellationen, die ohne Zweifel bei einer Unterstützung von nur 20 Mitgliedern stausinden würden, erfordeiten zu viel Zeitaufwand und die Nationalversammlung habe Wichtigeres zu thun, als sich darum zu bekümmern und zu interpelliren , wenn in Hannover ein Handwelks- bursche oder ein Zeitungsschreiber ausgewiesen wmde. (Was ist denn Herr Bassermann eigentlich?!) Blos der äußersten Rechte gisse! diese Rede, die ohne alle Kraft und Saft war. Nach ihm bi stieg Eisenmann und dann Vogt die Nednerbuhne, gerade der Mann, den wir uns im Augenblicke gewünscht hatten. Vor seiner Schärfe zerstob der letzte Fetzen der badischen Bourgeoisie und
der geringste Schimmer von Recht, der in Bassermanns Sermon vielleicht für die Rechte sichtbar war. Er begreife nicht, sprach Vogt, wie Herr B. das Regieren und die Kritik des Regierens mit einander verwechseln könne; des letzteren dürfe sich die Versammlung nie einschlagen. Er sei der Meinung, daß gerade jetzt ein wahres seif government eintreten müsse, wie in England; anders freilich, als wie Bassermann meine. Da das Reichsministerium offenbar aus der Majorität der Versammmlung hervorgehe, so müsse die Opposition nothwendig — cs sei lpre heiligste Pflicht — in einem fort controliren und sehen, ob durchgängig im Sinne der Majorität des Volkes gehandelt werde; wenn nicht, so müsse diese Majorität ein neues Ministerium schaffen. Man spreche so oft von Zeitersparniß; hier sei am wenigsten der Ort zur Sparsamkeit, wo es sich um die wichtigsten Interessen handle; zudem werde keine übermäßige Zeit beansprucht; ein Unterschied sei zwischen der Interpellation nebst der Antwort des Ministers und der daran geknüpften Diseussion. Zuletzt noch müsse er entschieden die Geringschätzung rügen, mit der von HündwerkSburschen und Zeitungsschreibern gesprochen worden sei. Der Stand sei gleichgültig, es handele sich um ein Individuum des deutschen Volks (staikes Bravo) und eines Jeden Recht sei zu wahren, des Höchsten sowie des Niedrigsten. Diese Rede fand den vielseitigsten Beifall, freilich nicht bei Füist Lichnowökp, der mit den Händen in den Hosen während der ganzen Sitzung bei den Genossen auf der Nähten herumrannte, von wo wieder Mittheilung an Bassermann erging. Nur eins wollten wir, hätte Vogt noch angeführt, die berühmte Ausweisung der früheren Bassermann'schen Freunde, Idstein und Hecker, aus Berlin. Da hätten sich schöne Anknüpfungspunkte gefunden. — Bassermann machte noch einen Versuch zur Rechtfertigung, der aber noch unglücklicher ausfiel, als seine erste Rede. Er sprach, es wäre freilich was anderes, wenn ein Gießener Professor (furchtbarer Lärm) — ein Professor ausgewiesen würde; ferner noch darüber, daß sich dre Majorität der Versammlung (die er aber nicht hatte, da er bei der Abstimmung fast allein stand) nicht wolle tprannisircu lassen von der Minorität; diese aber müsse sich der Majorität fügen, d. h. bassermannisch: knechten lassen. — Ja wohl Handwerksbursche und Zeitungsschreiber!!
An diesem Beispiele möge das deutsche Volk lernen, wie es mit den Liberalen â la Mathp und Bafser- mann auSsieht, wie sehr sie die neue Zeit begriffen haben. So lange der Absolutismus hcrischte, war es gar angenehm, so ein Stückchen Liberalismus in pomphaften Reden zur Schau zu tragen; jetzt in den Zeiten der möglichen Freiheit, des Handelns, wo kräftige Tha
ten erscheinen sollten, zeigt sich die GeisteSarmuth, der Mangel an Energie, indem man vor sich selber erschrickt. Wäre Herr Bassermann kein Protestant, so würden wir ihm eine Wallfahrt und Generalbeichte vorschlagen, nun thut es kaum eine Dosis Nieswurz. So ist der badische Liberalismus, bringt die Leute an die Gewalt (Herr Mathp!) und ihr habt dieselbe Erscheinung wie früher, denn man ist befriedigt. Das Allerbejammerns- wertheste ist diese Halbheit, diese vornehme glacirte behandschuhte Bourgeoisie, dann will ich aber doch lieber einen k> ästigen Absolutisten, wie den Nicolaus, in dem ist wenigstens Consequenz.
Nassauischer Landtag.
Sitzung vom 27. Juli.
(Schluß.)
Naht hielt sich in seiner ganzen Rede weit entfernt von Persönlichkeiten, er betrachtete und kritisirte das Nescript, wie cs dasselbe verdient, ohne im geringsten auf die Personen überzugehen, von welchen es ausge- gangen ist. Ihm gegenüber fällt auch mehr die gereizte Weise auf, mit der Hergenhahn entgegnet:
Ich würde die Leidenschaftlichkeit deö Hrn. Abgeordneten Naht mir nicht erklären können, wenn ich nicht seine Persönlichkeit (er wendet sich mit einer Anrede dircct an Naht) kennte und nicht wüßte, daß er pro (loino spräche. (Ruf der Linken:Meine Persönlichkeiten!)
Lang: Ich mache darauf aufmerksam, daß es nach der Geschäftsordnung verboten ist, daß ein Abgeordneter direkt angeredet wird.
Hergenhahn: Lassen sie mich ausreden. Man hat mich angegriffen, ich muß mich vertheidigen.
Wenkenbach I.: Es ist vom Ministerium, nicht von ihrer Person die Rede. -
Hergenhahn: Man legt dem Rescript Tendenzen unter, die ich nie gehabt habe. Wo hgbe ich die je an den Tag gelegt? Nur der Abgeordnete Naht kann dies thun. (Neuer Lärm, zur Ordnung! von der Linken.)
Wenn der Abgeordnete Naht sagt, die Negierung mache sich hier zum Gesetzgeber,. Ankläger und Richter, so möchte ich wiffeu, wo dies steht (er liest die Stellen des Nescripts vor). Wirft sich hiermit die Negierung zum Ankläger und Richter auf?, Wer dies sagt, der wirft absichtlich mit Tendenzen um, die ich nie batte. Der Abgeordnete war 4 Wochen Ministerpräsident, was hat er während dieser Zeit gethan? Der Abg. Naht sagt, die Form der Verfassung bestünde nicht
Er und seine Söhne.
Von Wilhelm Mülle r.
(Fortsetzung.)
Des Seelenlichts entbehrend schienen diese Köpfe aus einer fremden Grabeswelt sich in die unsrige zu drängen; wohin man sich wandte um diesen blinden Schattenive- scu zu entfliehen, überall auf dem kalten Stein erstanden neue, und verbanden Traum und Wirklichkeit mit einander. Auf dem Tische lagen etliche Bänder, deren Farben erblichen; Blüthen und Blumen, die längst verwelkt, bei der leisesten Berührung zu Staub zerfielen, nur ein Vcilchenkranz war noch frisch und duftend. Mehrere Briefe auf feinem Papier, deren Freuden- und Schmcr- zcnü-Hicrvglpphen von Thränen erloschen waren. Als mein Blick noch einmal zu dem Veilchenkranz znrück- kehrte, gewahrte ich, daß er auf einigen beschriebenen Bogen lag. Das Papier war noch nicht vergelbt, die Schriftzüge noch nicht erloschen. Ich nahm die Bogen und den Kranz als gute Beute zu mir. In dem dritten ^nnmer waltete derselbe Schmerz, aber in einer andern Gestalt. Die Wände waren von jeder Bekleidung ent- ’ ^" ^m harten Bretterlager lief eine lange Ei-
Glieder glatt und blank wie gediegenes Süber glanzten, sonst war Alles öde und leer; aber an bem Cchcug.tte^und auf der Stelle, wo ich stand, zeigte sich noch die Spur von dem vergossenen Blute des
Jünglings. Ich konnte nun nicht länger weilen ; nennt mich nicht feig, ich kämpfte meiner Zeiten blutigste Schlachten mit, dennoch floh ich hier.
Mit angstvoller Wißbegierde saß ich vor dem Hefte, das ich aus dem Gemache des gerichteten Weibes mitgenommen hatte. Hier unb da waren siebte Gedanken, die aus der dunklen Nacht des Irrsinns wie Meteore aufstiegen und alle auf einen tiefen Schmerz hindcutctcn, bald aber entschwanden diese Oasen der Seelcnwüste, und wirre Bilder, gemalte Särge, Grabeskreuze, Königskronen , einzelne Worte und Buchstaben, unter denen sich besonders S und 9t hervorzeichnetcn, traten nun hervor. Immer und immer trieb es mich wieder zu den Phantomen des Irrsinns zurück; immer hoffte ich aufs neue sie deuten, enträthseln zu können. Vergebens! Unb dennoch mußte in diesen Sebmerzruincn eine Lösung liegen, ach! eine Silbe, ein Ausruf, zeigte vielleicht den ganzen verlorenen Himmel der Unglücklichen an.
So lagen abermals vor mir diese Räthsclblättcr, und der Veilcheukranz, nunmehr schon welk und verbotet' hing um das Porträt meines Heroen, da trat ein Colporteur ein, der die kleinen Tagesblättcr feil bot. Es war ein frecher zudringlicher Bursche, um ihn los zu werden, mußte ich ihm einige erlogene Mord- und Schauergeschichten abkaufen. Indem ich ihm die wenige Sous hinzählte, warf er seine spähenden Blicke in mei
nem Zimmer umher und gewahrte ben Veilchenkranz und die Blätter, die er zu kennen schien. Mit einem OJcmifcb listiger Habsucht und verborgenem Hohne sprach er: Ihr wäret in dem Irrenhause des alten Herenmei- stcrs und schienet dort nach Papieren zu forschen. Ich war früher als Ihr dort zur Stelle und besitze von dem Alten Schriften, die Euch vielleicht werth sein könnten. Jetzt erst erkannte ich in dem Colporteur jenen Burschen, der mir die Auskunft über das finstre Haus gab. Ohne meine Antwort zu erwarten, zog er ein Heft Papiere hervor , indem er zuversichtlich versicherte: der Eigenthümer der Anstalt habe sie selbst über seine Kranken znsammengeschricben. Als der Schöne meine Hast sah, forderte er einen hohen Preis, dennoch kaufte ich die Schriften. Ob ich von dem Buben getauscht worden , ob sic Wahrheit oder Trug enthalten, vermag ich nicht zu entscheiden. Die Papiere waren nur Bruchstücke, manches von ihnen schien absichtlich vernichtet. Einiges konnte ich ans den Rückerinnerungen meines eignen Lebens ergänzen; dennoch bliib das Ganze ohne Zusammenhang. Es erscheint hier, wie ich es geben kann und geben darf.
2.
Der ÄhabenjwifU
Auf bim Hafendamme waren die Knaben bei ihren Spielen in Streit gerathen ; der Bethciligte, ein Bkttèl-
