Freie Zeitung
„âeiheit und Recht!"
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Wiesbaden. Dienstag, -V. Mai
1848.
Die Streit Stituna" erscheint täglich in einem Bogen. — Bestellungen darauf beliebe man zu machen in Wiesbaden in den Buchhandlungen von H. Fischer und H. W. Ritter; auswärts bei den zunächst gelegenen Postämtern. — Der Abonnements«Preis vom 1. März bis 1. Juli d. J. beträgt hier in Wiesbaden 2 fl.; auswärts durch die Post bezogen innerhalb des aanren HerwatbumS Nassau, des GroßherzogthumS Hessen, der freien Stadt Frankfurt, der Landgrafschaft Hessen-Homburg, sowie der Kurhesfischen Provinz Hanau 2 ff. 49 kr. inner- halb aller übrigen Thurn und TariS'schtn Postbezirken 3 fl. —
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Jedem das Seine.
Wirkliches geheimes Glaubensbekenntnis
Ich will unter jeder Bedingung in die Kammer! Ich hoffe auch dies Ziel meiner brennendsten Wünsche zu erreichen, wenn ich geeigneten Falls Benehmen und Worte für diesen ihren Zweck genau berechne. Als ich einmal beim Herzog in Ungnade war, vermochte ich natürlich am Hofe meinen Weg nicht mehr zu machen; ich glaubte nun, mein Bruch mit dem Adel würde mir auf der andern Seite zu gutkonunen, demgemäß begab ich nü$ in das Lager der Liberalen und schloß Brüderschaft mit den Tonangebern. Ich ward ohne Rückhalt ausgenommen und benutzte die neuen Freunde, mich unter den Freisinnigen empfehlen zu lassen, worauf ich keine Gelegenheit versäumte, mir Popularität zu verschaffen. Ich zählte auf treulichen Beistand und täuschte mich nicht, denn Biedermänner bauen auf die Zuverlässigkeit der Gesinnung derjenigen, die mit ihnen halten wollen. Man stand mir redlich bei, suchte mich in die Gunst des Publikums zu heben und gestattete mir deshalb bei Versammlungen öfter den Vortritt (im Bewußtsein meiner schwachen Kräfte gerieth ich dabei übrigens häufig in Verlegenheit).
Die Zeit der Wahlen kam aber heran und, o Schrecken, von meinen politischen Freunden hör' ich 3 Kandidaten nennen, ich Unglückseliger jedoch bin nicht dabei! Auf dieser Seite blüht demnach kein Heil für mich — also such' ich's aus der andern, denn in die Kammer muß ich! Wie aber fang' ich's an? Gott sei Dank, die Jesuiten von Limburg zeigen mir den Weg. Diese Hüter des Seelenfriedens rufen um Re- ligi'önsgefahr; die Geistlichen haben im Rheingau, namentlich auf den weniger gebildeten Theil der Bevölkerung, noch mächtigen Einfluß, ich präsentire mich als Vorkämpfer für ihre bedrohte Religionsfreiheit (ich selbst kann freilich keine Spur von Gefahr entdecken), annehmbare populäre Kandidaten von Seiten der Ul- tramontanen sind ziemlich selten — köstlich, ich glaube das thut's! Durch meinen Umgang mit den Liberalen bin ich für freisinnig bekannt geworden und werde darum gewiß auch noch viele Stimmen von Solchen erhalten, die zwar gern öffentlich mit den Aufgeklärten gehen möchten, die die Geistlichkeit heimlich indeß dennoch am Gängelbande führt. Haben sich aber sämmtliche Pfarrer des Rhcingaü's, zumal in der österlichen Zeit der Stimmen ihres Anhangs' für mich versichert, so verbreite ich zum Ueberfluß im entscheidenden Augen-, blick und so spät, daß mir's Niemand mehr beleuchten kann, ein gedrucktes Glaubensbekenntniß, und dann — o Damian, Damian das wirkt! Wenn'ö aber seine
Wirkung verfehlte .... .entsetzlicher Gedanke! — Jedenfalls muß ich's wegen meiner seitherigen Freundschaft und für die ultramontan - liberal Gescheckten so abfassen, daß eS bei den Freisinnigen nicht geradezu einen Anstoß gibt. Ich muß darin an allerlei glauben machen. Da der Domänenhunger der Meinigen selbst von unsern Blindgläubigen nicht gern gestillt wird, so weise ich ein solches Gelüste mit Entrüstung von mir und beruhige die Aengstlichen, die die Habsucht der Kirche kennen, mit der Versicherung, daß die „meisten" Domänen unangefochten bleiben sollten; was ich aber unter günstigen Umständen mit dem Rest für die katholische Kirche vorhabe, davon sage ich bei Leibe Nichts, sondern beichte es den Geistlichen, die meine Wahl ja ohnehin nur gegen Annahme ihres Kontraktes durchsetzen. Zugleich erwecke ich mancherlei Hoffnungen für Befriedigung aller möglichen Wünsche, schmeichle hier und schmeichle da, und schließe — ich zweifach verstockter Sünder — als Märtyrer meines katholischen Glaubens (Damiânchen, o wie schlau!), für den ich von den zahllosen Ketzern im Rheingau, ach, so unsägliche Verfolgung erlitt! Endlich versichere ich, daß mein Adel zwar nicht viel werth fei, daß ich aber doch nicht so inkonsequent sein möchte, ihn abzulegen (man weiß nicht, was er mir noch einmal werth wird); und wenn ich dann ehe der Vorhang fällt auch noch meine „bürgerliche" Frau mitspielen lasse, so mag wohl Mancher glauben, daß ihr das nicht lieb sein könnte, allein was für Mittel gebraucht man md^ . um gewählt zu werden und — ich will unter jeder Bedingung in die Kammer!
Herrn Friedrich Damian von Schütz mag man sonst für achtungswerth und liebenswürdig gelten lassen, was jedoch in jüngster Vergangenheit nach obiger Andeutung in dessen Kopf und Herzen vorgegangen zu sein scheint, steht in zu grellem Gegensätze zu unserm Begriffe von Dem, was wir beim Mann Charakter nennen, als daß eö unser Gefühl für höhere Sittlichkeit nicht tief verletzen sollte. Wer es in allen Hauptfragen der Zeit seit seinem Abfalle vom Hofe mit den Liberalen nnd seit seiner Anwesenheit im Rheingau stets mit uns gehalten hat, der darf sich nimmermehr der Geistlichkeit, d. h. der Jesuitcupartei in die Arme werfen — ober er wird als Ueberläufcr behandelt. Umsonst versichert Hr. v. Schütz, daß er nur das Rechte verfechten, daß er gewiß liberal bleiben würde, wie er cs stets gewesen; cs ist umsonst, wenn er von einer zahlreichen Klasse achtbarer Mitbürger spricht, deren besonderes Religions- Interesse er wohl wahrnehmen und dabei seinen früheren Grundsätzen dennoch treu sein könne. Wer sich auf Parteien versteht, der weiß daS besser: aus die schönen
Worte beim Beginn folgt der Kampf auf Tod und Leben für die eigentlichen, anfangs verschwiegenen Zwecke der Partei. Sie hat Dich zum Deputaten gemacht, ihr mußt Du hinfort auch dienen; nahmst Du aber das Geschenk von ihr und gabst chr erst den Finger, so gehörst Du ihr auch an mit Leib und Seele — oder Du durstest Dich nicht gebrauchen lassen!
Uebrigcns wundern wir uns, daß die Kirchenmänner (die nebenbei bemerkt Hrn. v. Schütz nach wohlbcrech- neten Maßregeln und in musterhafter Einigkeit wählten) nicht lieber dem früher auch genannten Kandidaten von Geisenheim ihre Stimme gaben. Das ist doch ein ächter Ultramontaner wie aus Einem Stück gehauen; und einem Manne, der mit derselben Aufrichtigkeit zum Trierer Rock pilgert, mit der er die Sache des Sonverbundcs verficht, weil er wirklich von dem vollständigen Siege der Seinigen das Heil der Menschheit erwartet; einem solchen Gegner kann wenigstens vom Standpunkte der Partei Niemand die Achtung versagen. Herr v. Schütz dagegen hätte sich gewiß noch vor kurzem geschämt, den Urhebern des Sonderbundkrieges das Wort zu reden, oder gar mit seinen Wählern vor dem heiligen Rock gewesen zu sein — jetzt wird Herr Himioben oder die Rhein- und Mosel-Zeitung das neue Rüstzeug über seine Stellung schon bedeuten.
Was Bielen vielleicht entging, ein besonders charakteristischer Mangel stört uns beim Durchlesen des Glaubensbekenntnisses: eine Kleinigkeit ist nämlich darin vergessen, vom Vaterland ist mit seiner Sylbe die Rede! Uns will bedünkcn, es müßten den wahrhaften Patrioten heilige Schauer überfallen, wenn er im Geiste zum erstenmal in jenen hehren Tempel tritt, wo der Abgeordnete über des Volkes Wohl und Wehe zu Gericht sitzt. Jene glühende, Alles überwiegende Liebe zum Vatcrlande sollte doch auch in einem politischen Glau- bensbekenntniß irgend einen Ausdruck finden; uns däucht diese heilige Liebe, die dem Deputirten doch allein erst die Weihe gibt, fie müsse selbst unerwähnt mit Flam-- mcnschrift aus jeder Zeile leuchten — habt Ihr aber von dergleichen etwas entdeckt? Nein, gewiß nicht!
Wir entdeckten statt dessen hauptsächlich die Kammer- begier — und dürfen wir nun von uns auf Andere schließen, so wird man Herrn Friedrich Damian von Schütz auch unzweideutig zu erkennen geben, wie viel von der Gediegenheit und Würde seines politischen Charakters z» halten ist.
48. Sitzung der deutschen Bundesversammlung vom 8. Mai 1848.
In die heutige Sitzung traten die neuen Gesandten, für Braunschweig Legationörath Dr. Liebe und für
Schleswigs-Holsteins Selbstständigkeit in einem dreistigjährigen Kampf behauptet.
Von Franz Schuselka.
(Fortsetzung.)
Aber Erich und Margaretha schritten alsbald zur thätlichen Ausführung ihres habsüchtigen Entschlusses. Sie begannen damit, schleswig-Holsteinische Adelige durch Geld- und Ehrengeschenke zu gewinnen, und unter mancherlei Vorwand Güter in den deutschen Landen au sich zu bringen. Sv bekam Margaretha kurz nacheinander Lütgcntundcrn und Apenrade in Pfandbesiy und erpreßte das Pfandgeld sogleich von den Eingesessenen. Zu gleicher Zeit gewann König Erick» durch einen abscheulichen Betrug die Stadt Flensburg. Er lud nämlich den Grafen Heinrich nach Koldingen, um über den Zwist zwischen Dänemark und Holstein friedlich zu verhandeln. Heinrich stellte sich willig ein. Da erhob der König eine Forderung von 11,000 Mark für den vielen Nachtheil, den Holstein der Krone Dänemark zugefügt hätte. Graf Heinrich entgegnete, daß anderntheils der Schaden, den Holstein erlitten, auch nicht gering wäre, sodaß sich wohl eine ganz friedliche Gegenrechnung würde herstellen lassen. Da fragte der Dänenkönig mit heuchlerischer Freundlichkeit, ob wohl der liebe Vetter Heinrich sich zur Schlichtung die>cr Angelegenheit einer rechtlichen Verhandlung unterziehen wollte, und als Graf Heinrich dies bejahte,
wurde er nach Hinzgavel auf Fünen geladen, wohin sich der König, angeblich wegen dringender Geschäfte, begeben müßte. Der Grund der Entfernung aber war kein anderer, als daß Koldingen wegen der Nähe der schlcs- wigschen Grenze den Dänen zur Ausübung einer Gewaltthat nicht sicher genug schien.
Als Graf Heinrich in deutscher Treumüthigkeit auf Schloß Hinzgavel ankam, sah er sich plötzlich als Verbrecher behandelt, in enge Haft genommen und einem peinlichen Prozeß unterworfen. Vergebens protestirte cr, vergebens berief er sich auf das Wort des Königs; dieser war niedrig genug, den Grafen Holsteins, den er zu einem friedlichen Rechtsgeschäft geladen, mit der Folter, mit dem Tode durch Henkershand zu drohen, wofern er sich nicht unbedingt dem Verlangen Dänemarks fügen wollte. Da ergab sich Heinrich der Gewalt. König Erich verlangte nun, daß ihm für seine Forderung von 11,000 Mark die Stadt Flensburg sammt dem Schlosse Nienhus verpfändet würde, mit der Begingung, daß, wofern jene Summe nicht binnen Jahresfrist gezahlt würde, Flensburg und Nienhus für ewige Zeiten der Krone Dänemark verfallen sein sollten. Graf Heinrich willigte ein und war so ehrlich, das gewaltsam abge- drungenc Wort pünktlich zu erfüllen, obwohl Rath und Bürgerschaft von Flensburg dagegen waren. Heinrich übergab dem König die Stadt, der sie sogleich durch Gräben und hohe Mauern befestigte und eine starke Besatzung hiueinlegtc. Noch vor Ablauf des Jahres bot
Schleswig - Holstein dem König die 11,000 Mark und verlangte Flensburg lind Nienhus zurück; Erich aber lachte dieser Forderung und behauptete geradezu, Flensburg als ein Theil Schleswigs gehöre zu Dänemark, werde also bei Dänemark bleiben und das übrige Land müsse Nachfolgen.
Auf liiert minder unredliche Weise wollte sich die Königin Margaretha des Schlosses Gottorp bemächtigen, wo die Herzogin -Wittwe residirte. Zu dieser kam die Königin, scheinbar wie zu einem innigst ftcmirfchastucheu Besuch. Mit beredter Zunge schilderte sie das limstuck, welches durch die Feindschaft zwischen Dänemark im .Schleswig-Holstein über die beiden Völker drohte. Lebhaft äusserte sie den „„v königliches Gemüth über dieses Hn. mf.lt« zur »eilt« M w* ,„. ^ WF. leiste anwenden stände, bereit er- stch zu allem, >vas m r ^s Schloß Gvt- klarte, iwl'^^ nur zum Schein übergeben
freundliche Eintracht der Fürstinnen dir ^-ö'lker zum Frieden bewegen möchte. In allzu edlem Xmuien willigte die Herzogin em ; Margaretha ent- X„re sim und kam bald in Begleitung einiger Reichs- rätl-e wieder. Bei ihrem Eintritte zeichnete sie ein Kreuz ras Thor des Schlosses, küßte es und verlangte die
Schlüssel. Sie wurden ihr feierlich übergeben, und ein
