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Wiesbadener Tsgblstt.

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Mittwoch, 18. Dezember 1912.

Morgen»Bitsgabe.

Nr. 590. SO. Jahrgang.

Nervosität.

Tie Welt ist augenblicklich voll von nervöser Span­nung und Überreiztheit. Tie auswärtige Lage bleibt nach wie vor ungeklärt, in mancheriKreisen rechnet inan trotz der steten offiziösen Beschwichtigungen, wie wir sie noch in der gestrigen Abendausgabe wieder mitteilten nehmen wir an: hoffentlich zu U n r e ch t damit, das; es doch bald einmal, spätestens tm Frühjahrlos­gehen" werde, und infolge dieser allgemeinen Beunruhi­gung wollen die Kurse sich nicht wieder heben, obwohl ja nun scheinbar der eine große Krieg so gut wie zu Ende ist; aber doch nur scheinbar, denn die Hoffnungen auf einen positiven Erfolg der Friedenskonferenz, die jetzt zusammengetreten ist, sind nicht allzu groß, und hieraus nimmt die öffentliche Meinung wiederum neuen Anlaß, der Zukunft mit Besorgnis entgegenzu- sehen. Österreich und Rußland mobilisieren obwohl von beiden Seiten dagegen Einsprüche erhoben werden, zweifelt kein Mensch an der Tatsache; Serbiens Verhalten läßt noch kein positives Einlenken vor dem mächtigen Nachbarn erkennen, und inan hat dabei üvch immer die Empfindung, daß es auf Rußlands starke Hilfe baut. Und Griechenlands Hartnäckigkeit in der Verweigerung des Waffenstillstandes init der Türkei und in Verbindung damit die neuen kriegerischen Zn- saminenstöße zwischen beiden Staaten tragen mit dazu bei, das Gefühl der europäischen Sicherheit nicht wieder aufkonrmen zu lassen. Tenn immerhin kann jeden Augenblick eine neue Komplikation der Lage emtreten.

Auch in der inneren Politik Deutschlands aber herrscht eine ausgesprochene Nervosität. Natur­gemäß hängt diese zu einem erheblichen Teile mit der gespannten auswärtigen Lage zusammen. Als deren Unmittelbare Folge werden neue militärische Forderun­gen angekündigt, die ihrerseits wiederum tiefgreifende Steuermoßregeln nach sich ziehen müßten. Ernste parlamentarische Kämpfe stehen infolgedessen bevor, und sie senden ihre Vorläufer voraus in den mehr oder minder unzutreffenden Krisen gerächten, die in die- [en Tagen die Zeitungen durchschwirrten. Es wurde ja zwar dementiert, daß zwischen dem Kriegsminister und dem Reichsschatzsekretär eine Differenz hinsichtlich der militärischen Neuanforderungen bestehe; aber aus der Persönlichkeit dieser beiden Minister ließe es sich sehr wohl erklären, wenn Gegensätze zwischen ihnen beständen. Ter alte militärische Haudegen v. Heeringen kennt sicherlich keine allzu großen finanziellen Bedenken, wenn es sich für ihn darum handelt, das Vaterland auf der militärischen Höhe zu halten, die er für notwendig

Nachdruck »erböte».

Einsamkeit.

ÖHn Weihnachtsabend in der Großstadt von Matthias Blank.

Martin Scholander stand unter der Normaluhr am Potsdamer Platz. Nicht, daß er sich dort zu einem Rendezvous eingefunden hätte, denn zu ihm konnte in dieser Stadt, in der sich Millionen Menschen kreuzten und begegneten, keiner kommen, der ihm die Hand zum Eruße gereicht hätte. Cr war fremd!

Er stand nur dort, um das Treiben vorüberfluten M sehen.

Tie Menschen trieben hastig und geschäftig, so eilig, als müßte jeder zur Sekunde sein Ziel erreichen.

Eine starre Kälte füllte die Luft, daß der Boden öei jedem Schritte knarrte. Aber nirgends war Schnee Lu sehen, nirgends eine Spur der großen, schier end­losen weißen Tecke, die seine Heimat einhüllte. Seine Heimat! Da lag das stille, kleine Dorf eben uni die gleiche Stunde zwischen zwei Berghängen eingeschneit.

Acht Uhr! wies der Zeiger der Normaluhr. Da lag der Konzenhof im Schlafe, beim Schultheißenbauern brannte kein Licht mehr, die Torfkirche mit deni schlan­ken. moosgrünen Turm schlief und nur in dem letzten Häuschen schimmerte aus einein Fenster ein ^Lichtschein. Martin Scholander wußte es, daß um diese Stunde am Weihnachtsabend seine Mutter noch wachte. Sie saß wohl an der Ösenbank und ihre faltigen, mageren, braunen Hände hielten seinen Brief, den er gestern an ue geschickt hatte. Er glaubte sogar die Tränen-zu when, die in den Augen glänzten, die zu dem kleinen Tannenbaum hinüberirrten, der auf dem weißgedeckten ^Üche stand, auf dem die roten, gelben und blauen Kerzen brannten.

. Das schrille Läuten der elektrischen Straßenbahn !flß ihn fort aus dem verschneiten Torf und ließ ihn Quitten des unsteten, nie rastenden Getriebes der Millionenstadt erwachen.

Nichts gemahnte ihn hier an den Weihnachtsabend. Nur eines! Alle, die da geschäftig liefen, hatten Päck-

empfindet; der vorsichtige Finanzmann Kühn hingegen, der genau weiß, welche gewaltigen parlamentari­schen Schwierig ketten die Beschaffung n e ue r Steuern verursacht, wird sicherlich seinen bangen Sorgen über die finanzielle Teckung für die abermals zu steigernden militärischen Lasten Ausdruck. gegeben haben. Und in den weitesten Volkskreisen wird man, namentlich angesichts der jetzigen Teuerungs- zeiten, diese ernsten Sorgen und Zweifel mit ihm teilen. Ob der Balkankrieg und die jetzige unsichere inter­nationale Lage neue militärische Anforderungen, nach­dem noch kein Jahr seit der letzten Mehrbewilligung verflossen ist, rechtfertigen können, wird sehr eindring­licher Prüfung im Reichstag bedürfen. Man wird ge­stehen müssen, daß an die O p f e r w i l I i g k e i t des deutschen Volkes außerordentliche Anfor­derungen gestellt werden, noch dazu von einer Re­gierung, die über eine weitreichende Autorität nicht verfügt. Hinsichtlich der etwa notwendig werdenden Teckung für abermalige neub Lasten wird der Reichstag, wie wir bestimmt annehmen, auf keinen Fall die schwachen Schultern heranziehen, sondern die Besitz­oder, was Wohl jetzt dasselbe besagt, die Erb- anfa11steuer derartig ausgestalten, daß. sie wirklich kräftig zu Buch schläfst. Daneben wäre die Idee der Erweiterung des E r b r e ch t s des Staates sehr ernsthaft zu erwägen. Eine entsprechende Vorlage hat bekanntlich die Regierung schon 1909 eingebracht, sie fiel aber dem allgemeinen Fanatismus der Rechts­parteien, die Besitzenden nur ja nicht entsprechend zu den Lasten des Reichs heranzuziehen, ebenso zum Opfer wie die Erbanfallsteuer. Die in sener Abänderung der erbrechtliche:: Bestimmungen liegende Auffassung, daß die Zahl der lachenden Erben zugunsten des Erb­rechts des Reichs vermindert werden solle, ist, daraus muß inmier wieder hingewiesen werden, durchaus gesund.

Einen weiteren Grund zur i n n e r P o l i t i s ch e n Nervosität liefert das Verhältnis des Reichskanzlers zum Zentrum und zu den Konservativen. Die Stellungnahme der Jesuitenfrage wird das Zentrum dem Reichskanzler nicht so leicht vergessen; und auch auf der konservativer: Seite scheint man jetzt intensiver an der Unterminierung der Stellung des Herrn v. Bethmann-Hollweg zu arbeiten, wem: man dies auch nach außen hin mit der Miene des vollendeten Bieder­manns ableugnet. Das Zollerleichterungsgesetz tragen die Konservativen dem Reichskanzler außerordentlich nach; und gerade die Tatsache, daß auf die bpndlerischen Wutausbrüche gegen jenen Regierungsvorschlag im ! Reichstag ganz milde Töne folgten, läßt darauf deuten,

chen, alle hatten ihren Lieben etwas heimzübringen, alle hatten ein Ziel, an dem sie leuchtende Augen wuß­ten, alle erwarteten die Freude.

Nur er war einsam! Wohin sollte er? Er wußte nur eine kalte Stube, aus der die warme Glut des Feuers vom Vormittag längst verflogen war, in der er wohnte. Dort erwartete ihn nichts, als die furchtbare Einsamkeit, als das schmerzliche Gefühl des Verlassen­seins unter Millionen. Keinen Freund, kein Herz, kein Augenpaar, das ihn sehnend gesucht hätte, nur die Mutter ferne im verschneiten Torf.

Einsam unter Millionen! __ Einen Augenblick be­herrschte ihn ein seltsames Gefühl. Wenn er an dieser Stelle nun zusammenbrechen würde, tot vielleicht, oder wenn er verschwinden würde, dann würde das Leben, das ihn umbrandete, weitersluten wie vorher. Ein Nichts war er in diesem Treiben.

Trüben erloschen die Lichter hinter den schmalen, hohen Fenstern bei Wertheim. Der Menschenstrom schwoll an zur Flut. Da kamen die vielen Mädchen, die bis spät abends die Kunden bedient hatten und nun mit raschen Schritten heimwärtseilten, wo eine kleine Freude doch auf alle wartete.

Heimwärts!

Martin Scholander ließ sich treiben. Die Pots­damer Straße, entlang. Ganz langsam schlenderte er vorwärts. Seine Stube war ja doch kalt und leer und dunkel. Alle eilten ihm vor. Straßenbahn und Omnibus; alle Wagen waren übervoll.

Und da eilte, dicht an seinem Arm vorüberstreifend, eine schlanke, zierliche Gestalt an ihm vorbei. Er sah das goldblonde Haar, das, bleiche Gesicht, in dem nur auf die Wangen ein flüchtiges Rot hingehaucht war, er glaubte noch einen Blick aus diesen blauen Augen zu er­haschen, und er hatte sie erkannt.

Sie! Wer war sie denn? Er wußte es nicht' Ans seinen Streifzügen, auf seinen Irrfahrten in diesem Irrgarten war er ihr schon oft begegnet, da war ihm ihre zierliche Gestalt stets wie eine von den Feen aus den hundert Sagen und Geschichten seiner Heimat er­schienen. Da hatte er oft gewähnt, daß auch aus ihren

daß die konservative Partei einen Schlag gegen den Kanzler plant. Die Bündlerführer hatten sich nur ettvas zu zeitig decouvriert, derartige Dinge müssen vor­sichtiger betrieben werden! Ob wirklich Herr Dei­ch r ü ck durch fein weites Entgegenkommen an die Auffassung des Ultramontanismus in der Frage der Gewerkschafts-Enzyklika sich beim Zen­trum für mögliche Eventualitäten in angenehme Er­innerung hat setzen wollen, oder ob er hier ganz i:n Sinne seines hohen Chefs gearbeitet hat, diese' Frage zu entscheiden ist schwer. Tie nervöse Stimmung in Volk und Parlament muß aber naturgemäß erhöht werden, wenn man einer Regierung gegenübersteht, von der man nie weiß, ob daS heutige Hott gilt, oder ob sie morgen bereits Hüh rufen wird!

Deutsches Reich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Aus Anlaß des fünfzig­jährigen Bestehens der Preußischen Pfandbrief-Bank wurden dem Direktor, Geheimen Kommerzienrat ®atincitkum, der Rote Adlerorden 3. Klasse mit der Schleife, den stellver­tretenden Direktoren, Gustav G o r t a n und Ferdinand Zirn in ermann, der Rote Adlerorden 4. Masse verliehen.

* Die Erträge ans Zöllen, Steuern usw. Der Reichs- kasse sind im Monat November dieses Jahres 140 625 671 M. und in den acht Monaten April bis November 1109 174115 Mark aus den Zöllen, Steuern und Gebühren zugeflossen, gegen 1093 428 019 Mark Einnahmen in den Monaten April bis November 1911. Bei einem Vergleich mit dem Vorjahr ist jedoch zu berücksichtigen, daß ein großer Teil der Kassen in diesem Fahre vier Tage später als im Vorjahr abge­schlossen hat und ferner, daß die Reichsstempelabgabe für einige Ziehungen von Staatslotterien, die im Vorjahre im Dezember zur Verrechnung gelangte, in diesem Jahre bereits im November verrechnet worden ist. Wegen des ersteren Umstandes sind rund 11 Millionen Mark, wegen des letzteren etwa 3,7 Millionen Mark bei der Vergleichung außer Be­tracht zu lassen. Die Gesamt-Reineinnahmen der Reichskasse an Zöllen, Steuern und Gebühren in dem abgelaufeneu Teile des Rechnungsjahres 1912 stellt sich mithin nur um r u n d e r n e M i l l i o n Mark höher als im gleichen Zeit­raum des Vorjahres.

* Br. Nieberding und die Jesuiten. Der Zentrumsabge- ordnete Gröber hat bekanntlich im Reichstag erklärt, daß der frühere Staatssekretär Nieberding, als er sein Ende heran- nahen fühlte, wiederholt mehrere Jesuiten einzeln zu sich gebeten und mit diesen Jesuiten allerlei religiöse Fragen be­sprochen habe. DieGerm," hatte darauf, gegenüber der Entrüstung über diese Indiskretion, behauptet, Nieberding habe ausdrücklich gewünscht, daß das ganze deutsche Volk es wissen solle, er sei versöhnt mit der Kirche gestorben und

Augen ihn ein Blick gestreift hatte, ein warmer Blick, als leuchtete ihm eine Frühlingssonne im Wintertag.

Nun trug sie auch Päckchen unterm Arm. Fünf zählte er. Und rascher wurde sein Schritt.

Wenn er es einmal' wagte? War es so frevelhaft, wenn sich sein Herz in dieser Einsamkeit, in dem Ver­lassensein unter Millionen Menschen nach einem zweiten Herzen sehnte? Wenn er so zu ihr reden würde, wie er so einsam unter allen war! Wenn-

Da hatte er im Trubel die Gestalt verloren, wie ein Sonnenstrahl sich hinter Wolken stiehlt.

Vorbei! Da seine Augen die Entschwundene nicht mehr entdecken konnte, war es ihm, als wäre sie die einzige, die sein Herz mit neuer Sehnsucht neu beleben könnte, die er lange schon geliebt hatte, schon in den ersten Träumen, schon in den ersten Märchen, die sich seinem Ohr eingeschmeichelt hatten. Alles, was er er­sehnt, was er gehofft und erträumt hatte, das konnte nur jene sein im goldenen Haar mit ihren blauen Träumeraugen.

Unter Tausenden hatte er sie gefunden, erkannt und wieder verloren. So nahe tvar sie an ihm vorbeigestreift, daß er das Glück nur hätte fassen brauchen, und hatte es doch vorüberhuschen lassen.

Sein Glück im goldenen Haar!

Vorbei!

So kan: er dann in seine Stube. Dunkel war es dort; cr sah in schattenhaften Formen den Schreibtisch an. der Wand, er iah den hohen Ofen, der mit seinen aelben Kacheln heller aus dem Finstern leuchtete, sein Bett, den Tisch.

Ihn fröstelte!

Hier war er wieder nur allein und hatte keinen Men­schen, mit dem er plaudern konnte. Es war ihm fast die eigene Stimme fremd geworden, er kannte schier den Klang seiner eigenen Stimme nicht mehr, so ^wenig konnte er sprechen, wenn er sich nicht vor den Spiegel stellen wollte, um mit sich selbst zu plaudern.

Er blieb im Dunkel.

Martin Scholander trat an das Fenster hin, von dem er die Vorhänge zurückgezogen hatte. Da sah er in den