Verlag Kanggafle 21
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Donnerstag, 5. Dezember 1912.
Morgen» Ausgabe.
Nr. 368. - 60. Jahrgang.
wir unh das Donaureich.
Es ist alles richtig, was der Reichskanzler in seiner Montagsrede gesagt hat: wir müssen fechten, wenn
unsere Interessen bedroht werden; wir müssen den Verbündeten treu, fest, entschlossen zur Seite stehen, wenn sie ins ihrer Existenz durch einen Angriff von dritter Seite bedroht werden. Alles ist richtig, aber man muß es immer, nur recht verstehen, wie es. gern eint ist, wie es allein gemeint sein? kann. Der Reichskanzler hat so rückhaltlos gesprochen, daß es keiner Auslegungskünste bedarf. Zudem . er aber so sprach, lrüe er mußte, kann er schließlich auch beanspruchen, daß man nicht argwöhnt, er möchte die deutschen Machtmittel unbesehen und mit blinder Gefolgschaft in den Dienst einer Politik stellen, die der not- wendigen,. vom Standpunkt der deutschen Interessen aus vorzunchmenden Würdigung nicht in allen Punkten standhalten kann. Seien wir doch deutlich und sagen wir also: Es ist ganz gut möglich, daß in Wien Tendenzen am Werke sind, die uns gern in eine Richtung fartreißen möchten, van der uns Instinkt wie nüchtern verstandesgemäße Überlegung sagen müssen., daß sie nicht in der Linie der eigenen Interessen verläuft. Zum Glück stehen die Dinge so, daß die Besorg- mis, als könne in dieser Richtung etwas versehen Wersten, mehr der Vergangenheit angehört, als daß sie gegenwärtig noch akut wäre. Eine Zeitlang schien es in der Tat. als ob die B c l v e d ö r e p o I i t i k allzu stürmisch, mit Außerachtlassung der immer noch vorhanden gewesenen und inzwischen erfreulicherweise bestätigten Möglichkeiten eines friedlichen Interessenausgleichs. vorzugehen wünsche. Es ist das dieselbe -Politik, die im vorigen Jahre Öfter reich- IInaa ri, beinahe on die Schwelle eines Krieges mit Italien geführt hatte, wenn, nicht Graf Aehrenthal die Gefahr erkannt und, beinahe schon ein Sterbender, seine letzten Kräfte aufgeboten hätte, um dies Unglück fernzuhalten. Wäre damals die Richtung, in deren Dienst sich Generalstabs- chef Konrad v. Hotzendorff gestellt hatte, zum Ziele gelangt, so ständen wir heute mitten in einem Weltkriege. Vielleicht war die Gefahr nicht geringer, als der österreichisch-russische Konflikt seiner Zuspitzung entgegentrieb. Wenn heute eine n u v e r k e n n bare Entspannung eingetreten ist, dann glauben wir, das Verdienst an dieser Wendung vor allem der d e u t - s ch c u Politik zuschreiben zu können. Österreich-Ungarn bat nichts von seinen Ansprüchen aufzugeben brauchen, aber auf die M e t ho d e kam es an. und die mäßigende, begütigende, unser gutes Verhältnis zu Petersburg geschickt benutzende deutsche Methode hat sich offenbar als erw'esen. Wir sind überzeugt davon, daß der Reichskanzler das starke und notwendige Bekenntnis zur Bundestreue mit um so ruhigerem Gewissen ablegSli konnte, je sicherer er war und ist, daß schon die bloße Tatsache unserer Macht und unseres Entschlusses, übernommene Verpflichtungen zu halten, die erforderliche Wirkung ausüben konnte und mußte. Vorübergehend hat zweifellos eine gewisse Verstimmung an der Donau gegen uns bestanden; man wird, heute wohl ruhiger denken, nachdem, gerade durch die selbständig vorgehende deutsche Politik den öster
reichisch-ungarischen Interessen am zweckmäßigsten gedient werden konnte. Man wird an der Donau aber auch wissen (und es schadet wahrlich nichts, daß man es dort weiß), daß in Berlin kritisch unterschieden wird, daß also nicht jeder Appell von dort eine Alarmierung der deutscheil Wehrkraft uiit sich bringen muß. Wir müssen es im Auge behalten, daß der Begriff „österreichische Interessen" verschieden ist, je nachdem er vom Standpunkt der Deutschen iui Donaureiche oder von dem der Slawen, vom Standpunkt liberaler Ideen oder vom Standpunkt des Feudalismus und des Klerikalismus betrachtet wird. Es ist uns einigermaßen verdächtig, daß das deutsche Zentrum neuerdings mit erhöhtem Eifer für Tendenzeil im Nachbarreiche eintritt, die die Aussicht auf die Etablierung einer ausgreifenden klerikalen Herrschaft eröffnen. Indessen genügt es wohl, diese Verhältnisse scharf zu beobachten, um sich von ihnen und ihrer Entwicklung nicht überrumpeln zu lassen. Wir sind jeder Richtung und Regierung im Donaureiche so notwendig uild unentbehrlich, daß wir schon aus diesem Grullde voll der Gefahr bewahrt bleiben, in irgendwelches Schlepptau genommell zu werden, woferu wir llur immer wissell, was unsere!: eigene,l Interessen frommt.
Lasseil wir von diesem Gesichtspunkte aus die beiden letzten Debattentage im Reichstag noch einmal an uns vorüberzichen, so dürfen wir mit Genugtuung sagen, daß das Verständnis für eine gegebene Sachlage durch uilklare Gefühlsregungen nicht verdunkelt worden ist. Der mit berechtigtem Mißtraueil anzusehende Versuch des Herrn Spahn, uns vor den Wagen eines exzessiveil Klerikalismlts zu spannen, wurde von deil Rednern der koirservativen Parteien, der nationallibe- raleu und der fortschrittlichen Fraktion, auch von beiu Revisionisten David, schnell genug erkannt uild teils aus, taktischen Gründen (so vom Grafeil Kanitz) mit Schweigen übergangen, teils deutlich zurückgewiesen. Auch die Alldeutschen, die so viel unnötigen Lärm macheil, haben inzwischen gelernt, kritisch zu unterscheiden. Es gefällt uns, daß Blätter wie die „Tägliche Rundschau" und die „Post" neuerdiygs Bedenken tragen, unsere Soldaten irm Durazzo willen marschieren zu lassen. Darum wird freilich doch alles getan werden müssen, damit die Donaumonarchie ihren Willen durchsetzt, aber, um schon Gesagtes zu wiederholen. auf die Methode kommt es an, und man wird es uils ail der Donau nicht ilur nicht verdenken dürfen, sondern man wird uns dankbar dafür sein müssen, daß wir die friedliche Methode vorziehen, gerade ilt Würdigung unserer eigenen Interessen, die, solange es irgend mit unserer Ehre und mit unseren berechtigten Machtansprüchen verträglich ist, auf die Bewahrung der Ruhe in unserem Weltteil gerichtet sein müssen.
Unsere AuslaUdspolitik hatte in der Marokkokrise zu vielen, nur allzu berechtigten Ausstellungen Anlaß gegeben. Wenn sie aus ben damaligen Fehlern gelernt hat, wenn sie heute die^ Anerkennung verdient, daß sie Festigkeit und Friedlichkeit in glücklicher Harmonie verbindet, so wollen wir nicht zögern, diese Anerkennung verdientermaßen auszüsprechen. Haben wir das Recht zum Tadel, so haben wir auch die Pflicht zum Lobe.
Deutsches Reich.
* Die Kommission zur Untersuchung der Verhältnisse im Vieh- und Fleischhandel wird am 3. Januar ihre Arbeiten wieder ansnöhmen. Die Fortsetzung der Beratungen wird in erster Linie dazu dienen, Sachverständige über die bei der ersten Tagung erörterten Fragen zn vernehmen. Das bei den Beratungen zur Beurteilung der ganzen Frage ge- wonnene Material wird voraussichtilich in einer Denkschrift Niedergelegt, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.
* Konkurrenzklauselgesetz. Dem Reichstag ist, ein Gesetzentwurf zur Änderung der §§ 74, 75 und 76 Abs. 1 des Handelsgesetzbuches (Bestimmungen über die Konkurrenz- Haufeil) zugegangen. Durch diesen EnUvurs sollen die bisher geltenden Bestimmungen über -die KonkurrenzNausül eine ziemlich bedeuteirde Erweiterung erfahren.
* Innere Kolonisation. Nachdem unlängst die Domäne Ummenidorf an die SiedlunWgesellschaft „Eigene Scholle" in Frankfurt a. d. O. verkauft worden ist, verhandelt die Staatsregierung gegenwärtig mit derselben Gesellschaft wegen des Verkaufs einer zweiten großen Domäne im Kreise Merseburg, die im Interesse der inneren Kolonisation zur Hebung der Viehzucht und zur Bekämpfung der Landflucht in Bauernwirtschaften ausgeteilt we-rÄeu soll.
* Byzantinisches. Aus Dresden wird gemeldet: An der Stelle, wo aus Naundorfer Feldmark der Kaiser bei dem letzten Kaisermanöver den König von Sachsen zum General f el d ma r s chal I ernannte, hat die Gemeinde und be: Militärverein ideS Ortes jetzt ein Denkmal errichtet. ES wurde am Sonntag durch Festrede, Festzug der Militärvereine der Umgegend und der OrtsschuMnder und Pflanzung einer Königs- und einer Kaiseveiche geweiht. Es ist nur zn wünschen, daß an der denkwürdigen Stelle sich noch die fernsten Geschlechter des welthistorischen Moments erinnern, als Wilhelm II. den sächsischen König mit „Herr General, feldmarschall!" anspvach.
* Die Erweiterung des Kaiscr-Wilhelm-Kanals ist auch im vergangenen Baujahr planmäßig fortgeschritten. Die Trockenbaggevun-gen in den tiefen Einschnitten östlich von Rendsburg sind so weit beendet, daß der Raßba,ggLr>betrieb in großem Umfang ausgenommen werden konnte. Zur Unterbringung des tzdaßbaggevbodens, so weit er nicht nach der Küste geschickt werden muß, wird der Flemchuder See benutzt. Bei ibejt Seeschleuscn in BrunSbüttÄ und Holtenau sind die Gründu ngsgefahven überwunden, mit der planmäßigen Fertigstellung der Bauwerke kann gerechnet werden. Die Holtenauer Straßenbrücke ist fertiggestellt, doch hat ein im Oktober vorigen FahreS eingetretener Dammrutsch die Be- triebseröffnung verzögert, der aus Wasser -im unteren Teste des 30-Meter--Dammes zuvückzuführen war. Durch die Anlage von Cntwässeru-ngsstollen wird ein unschädlicher Ausweg geschaffen ,ntt> so der Damm gesichert. Bei Rendsburg sind die gewölbten -Bauten für die Eisenlbahnverlegung fertig- gestellt, die Montage der eisernen Hochbrücke und der Straßendrehbrücke in Rendsburg begonnen.
* Herr Matthias Erzberger. Die „Kölner Korresporrdenz" Lat jüngst von der notorischen Oberflächlichkeit des Mg. Erz- bcrger gesprochen, der ein politischer Dilettant gefährlichster Sorte sei. ALg. Erzberger ist auch sonst schon wiederholt ähnlich beurteilt worden, früher auch von der „Köln. Bolksztg.", zu jener Zeit nämlich, als er sich noch nicht den „Bachemiten" angcschlllsssn hatte. Herr Erzberger schreibt bekanntlich über alles, und cs kommt ihm gar nicht darauf an, bald so und bald anders zn schreiben, wofür ja „Julius" in „Klarheit und Wahrheit" den bisher unwidersprochen gebliebenen Beweis herbeigebracht hat. Jetzt stellt der „Vorwärts" LaS gegenüber, was Erzberger am 17. November d. I. im „Tag" über die
Nachdruck verdate«.
Brief vom Kriegsschauplatz.
Originalkorrespondenz ton E. Baron Binder - Krieglstei», Aja Giorgi, 14. November 1912.
Festzuhalten, was wir hier täglich erleben, und es nieder- schreiben, ist beinahe schon ein frevles Beginnen. Man könnte Tag für Tag schreiben, in der Art wie Comtc de Ssgur den Rückzug der großen Armee beschrieben hat. In das Detail cinzugehen, dazu fehlt augenblicklich die Zeit. Man möchte gerne die Erlebnisse und Beobachtungen eines Tages zu- samWnfaffen; che man ein Obdach gesunden hat und soweit zur Ruhe gekommen ist, daß man irgendwo einen Stuhl und Tisch findet, auf dem man arbeiten kann, ist mau entweder derart hundemüdc, daß man Bericht Bericht sein laßt, oder irgend ein Befehl, eine Nachricht oder auch nur ein Gerücht Letzt uns wieder auf und weiter. Man kommt also nie dazu, zusammenhängend zu erzählen, sondern muß sich mit der sprungweisen Wiedergabe verschiedener Episoden begnügen.
Vorgestern beschlossen wir, loszugehen — wieder on die Front, nachdem. wir gestern einen Abstecher nach Stambul gemacht hatten, um uns frisch zu verproviantieren- und einen Teil der in Verlust geratenen Bagagen zu ersetzen. Wir wollten^wieder zu Pferd und mit neuen Leuten nach Hademköi. Da begegnen uns die „Daily Mirror"-Repc>rter. Grant, mit mir zugleich aus Tripolis ausgewiesen, und Bannister, mit dem ich kurz vorher in Montenegro war. -„Hov/ da you do old chap? — very glad to see you! • - „Wir haben gechartert eine Dampfer und uollen uwrgen früh
nach Bujuk Tschekmedsche, um zu sehen die Angriff voll die Bulgari .... Sehr froh, wenn Sie mittun — zahlen Sie Ihr Teil. . . ." „All right!" ....
Und dann finden wir nn§ zusammen — die beiden Eng. länder, Frhr. von Reitzenstein, Major Zwwigcr und ich. Der Dampfer „Howk" aus London fährt unter britischer Flagge, und da sind wir dach ziemlich sicher, nirgend? angehalter?zu werden. Es ist doch eine schöne Sache, Engländer zu sein . . .! Wie sind sie überall respektiert, und wir sind ab uild zu be- schämt, wie praktisch diese Leute sich einrichten und mit wie lord- mäßiger Itonchalance sie das Geld zum Fenster hinauswerfen und uns in der Berichterstattung — ich meine natürlich nur die ernste, gediegene, und nicht jene, welche, schmutziger Phantasie entspringend, haarsträubende Lügendepeschen in die Welt seht — zuvorkommen. Wo wir selig sind, Bier oder Kognak zu trinken, saufen sie egal Sekt, rasen im Auto umher, haben ihre Depeschenboten auf Motorrädern und wüsten schonungslos mit Pferdefleisch. Was liegt daran, an einem Tag zwei Gaule L tausend Mark tot zu schinden! — England hat da§ verbriefte Recht, von seinem Spezialkorrc- spondenten eher rnformrert Hu sein, als der, Rest der Welt, und warnt , sie nicht, „unnütze Ausgaben möglichst zu vermeiden . . . .'
Weis; man denn im Krieg im voraus, was nützlich und nutzlos sein wird, ... .. Man muß eben verschwenderisch austreten, und nur dann wird man gut bedient, wenn auch der letzte Lastträger tm voraus weiß, daß er für jede besondere Leistung glanzend entlohnt wird.
Eine schwere Sec steht im Mamaramcere. das wegen seiner Stürme außerordentlich gefürchtet ist. wir sehen, wie
sich die Brandung in haushoher Gischt an den Ufern von Maidar-Pascha bricht, uiid der Kapitän, ein Grieche, weigert sich, auszulaufen. Zahllose Schwierigkeiten werden uns ge> uiacht — wir-müssen einen Quarantänebe-amten mit an Port nehmen, da wir sonst riicht mehr nach Stambul zurück dürfen, sondern nach Anatoli Kawak in das Lazarett müssen. An der Front wütet die Cholera, und obgleich es in Anbetracht der Abertausende eintrefsender Flüchtlinge ausgeschlossen ist, die Seuche ton Stambul fernzuhalten, erfüllen die Quarantänebehörden doch ihre Pflicht und kämpfe« zäh, -aber hoffnungslos gegen das Unabwendbare.
Endlich gegen elf Uhr läßt der Sturm ein wenig nach und wir lausen aus und umdampsen die Spitze des alten Serail. An den fremden Kriegsschiffen kommen wir vorüber, deren Kanonenschlünde gierig nach der Stadt klotzen. Es ist abgemacht, daß bei»! ersten Zeichen einer Revolte gegen die Christen die von Stambul nach Galata führenden Brücken zerschossen iverden. und MatrosendetaKemcnts mit Maschinengewehren die Straßen, welche vom Norden und Osten nach Peru führen, besetzen, um jeden Zuzug rebellischer Elemente fernzuhalten, bis es gelungen ist, die fremden Kolonien auf die fremden . Kriegs- und Transportschiffe in Sicherheit zu bringen. Werden, die Flüchtlinge kommen? Wird ein Massaker der Christen beginnen . . . .?
Ich zweifle davan. Vom Fanatismus der Türken war bisher nichts zu bemerken — sie haben an Stelle der religiösen die patriotische Idee gesetzt, und biefc_ hat noch nicht Wurzel geschlagen. Der Glaubenshaß könnte allerdings durch fanatische Hodschas entfacht werden, jedoch hat die Regierung diesen Versuchen gegenüber Festigkeit bewiesen und
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