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Mittwoch, 4. Dezember 1912.
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klbend-Ausgabe.
Nr. 567. ♦ 60. Jahrgang.
Oie auswärtige Politik im Reichstag.
Zweiter Lag.
O Berlin. 3. Dezember.
Ter fortschrittliche Abgeordnete v. Payer, der in der heutigen Fortsetzung der Tebatte über die auswärtige Politik zuerst das Wort nahm, sprach dem Reichskanzler für seine gestrige Rede und für die von ihm mit Erfolg betriebene Friedenspolitik seine Anerkennung so rückhaltlos aus, daß der Verantwortliche Staatsmann die bolle Zustimmung gerade von dieser Seite her mit bc-
K lerer Genugtuung verzeichnen darf. Auch Herr von er sprach aus, >was Gemeingut der politischen Weltanschauungen in alleii bürgerlichen Parteien ist, nämlich daß die Erfüllung der Bundespflicht gegen Österreich-Ungarn mit Waffengewalt erfolgen wird, wenir die Stunde es erfordert. Es hatte aber auch ein Recht dazu, mit seinem Lob für die klug vermittelirde Tätigkeit der deutschen Diplomatie die Anerkennung der ruhigen Festigkeit zu verbinden, mit der sich die deutsche öffentliche Meinung und die meisten deutschen Blätter wohltuend von der Nervosität während der Marokkokrise unterscheiden. Der fortschrittliche Redner stimmte feine Ausführungen auf einen angenehm berührenden Ton der kritischen Nüchternheit ab. Er ist voll Mißtrauen gegen das chauvinistische Treiben früherer Offiziere und gegen die aufgeregten Versammlungsreden, wobei er hauptsächlich die Massenkundgebungen der Sozialdemokraten im Auge hat, die im Jnlande wie im Auslande, so die Pariser Kundgebung, bei der Scheidemanns Rede so mißverständlichen Auslegungen begegnete, so namentlich die Leranstaltung im Münster pu Basel, die ihn ein wenig an ein Missionsfest erinnert. Herr v. Payer stellte weiterhin mit Befriedigung fest, daß der Dreibund zu neuem Leben erwacht sei, und daß damit die Bürgschaften des europäischen Friedens verstärkt worden seien. Ter Redner durfte mit Fug darauf Hinweisen, daß Österreichs Langmut gegen die serbischen Herausforderungen gerade aus dem Bewußtsein seiner Stärke und seines guten Rechts zu erklären sei, und er durste des Beifalls aller bürgerlichen Fraktionen sicher sein, als er ihrer aller Zustimmung zu der mit kaltem Blute und mit Festigkeit durchgeführten Friedenspolitik der Regierung feststellte. Die Rede Payers machte jedenfalls den besten Eindruck im Hause, auch am Bundesratstisch. Tie Stimmung mußte freilich sofort Umschlagen, als der Pole v. Trampczynskr den Anlaß zu heftigen Ausfällen gegen die Ostmarken- politik benutzte. Die preußische Enteignuirgspolitik, so rief er aus, mutz das politische Volk erbittern, sie ist die Krone aller preußischeit Schändlichkeiten. Auf dieses kräftige Wort folgte natürlich prompt der Ordnungsruf des Präsidenten Kaempf. Und bami fügte Herr v. Trampczynski unter dem lauten Beifall seiner Fraktionsfreunde noch hinzu: „Für die Freiheit Albaniens treten Sie alle ein, aber zur Unterdrückmrg der Polen ist Ihnen jedes Mittel recht!" Und nun kam die Rede des Revisionisten Dr, David, der die zwar nicht leichte, aber lohnende Aufgabe hatte, die wahrhaft unglaublichen gestrigen Fehlgriffe und Torheiten des Herrn Ledebour vergessen zu machen, wenigstens zu versuchen, das moralische wie das intellektuelle Ansehen seiner Partei einigermaßen wieder herzustellen. Man darf mit der Anerkennung nicht zurückhalten, daß sich die Rede Davids von der Ledebonrs so unterschied, wie sich Klugheit von Beschränktheit, Einsicht von Verblendung unterscheiden. Herr David erklärte ohne Vorbehalt und mit unzweideutiger Bestimmtheit, die Sozialdemokratie sei für das Bündnis mit Österreich und sie sei für die Aufrechterhaltung des Dreibundes. Er betonte, daß die Auffassung der Sozialdemokratie, wonach das Bündnis mit Österreich seine Grenzen habe und eine unbedingte Gefolgschaft für die Donauinonarchie vor dem deutschen Volke nicht zu rechtfertigen sei, mit der gestern von dem Grafen Kanitz geäußerten Ansicht übereinstimme, ja, daß er und feine Freunde auch mit dem vom Grafen Kanitz entwickelten Balkanprogramm rn allen Punkten einverstanden seien, eine Bemerkung, die von lautem Hört, hört! des Zentrums begleitet wurde. Wenn die mehr realpolitischen Ausführungen Davids begreiflicherweise manchen Widerspruch im Hause fanden, so ist es eine Pflicht der Objektivität, anzuerkennen, daß der Schluß feiner Rede, der sich von einer höheren Warte der Betrachtung aus mit dem Problem von Politik und Christentum, von Krieg und Friedensbestrebungen beschäftigte und große Fragen in einem großen Stil zu erfassen versuchte, einen sichtbar starken Eindruck machte, einen Eindruck, dem sich auch die Konservativen und das Zentrum nicht zu entziehen vermochten. Fm weiteren Verlauf der Debatte meinte
der Abgeordnete Oertel, es wäre das beste gewesen, wenn sich alle bürgerlichen Redner mit kurzen Zustimmungserklärungen zur auswärtigen Politik des Reichskanzlers erklärt hätten: da aber die anderen Redner gesündigt hätten, so wolle er, Oertel. auch sündigen. Seine Bemerkung hat jedenfalls einen richtigen Kern, insofern sich auch bei dieser Tebatte dasselbe herausstellte, was das Schicksal aller solcher Debatten zu sein pflegt, nämlich, daß sie sich durch ihre unnötige A u s d e h n u n g um ihre beste Wirk u n g bringen. Man kann feboct) mit Befriedigung feststellen, daß die zweitägige Verhandlung überwiegend den Ausdruck des Vertrauens zu der vermittelnden, dem Weltfrieden dienenden Tätigkeit der Reichsleitung erbracht hat.
Serbien und die deutschen Wirtschaftsinteressen.
Von Dr. jur. Dr. phil. Eduard Michelis (Wiesbaden.)*)
Vom Standpunkt der realen deutschen Wirtschaftspolitik ergibt sich auch Deutschlands Stellungnahme zur Forderung Serbiens nach einem Hafen an der Adria. Gehen bei der großen Frage der Sicherung der Warendurchfuhr die Interessen Deutschlands mit denjenigen Österreich-Ungarns vollkommen solidarisch, so ergeben sich vielleicht in bezug auf die Hafenfrage einige, abweichende Interessen. Unter selbstverständlicher Voraussetzung, daß der Hafen ein Handelshafen bleibt und nicht ein Kriegshafen unter russischem Kuratel entsteht, hätte Deutschland teine Bedenken zu erheben, denn der Hasen bildet einen neuen Faktor in der selbständigen Bewegungsfreiheit, die bei Zusicherung der Meistbegünstigung nur willkommen sein kann. Mit seinem durch Bahne» und Wege aufzuschließendeu Hinterland bildet z. B. der Hasen von Durazzo einen erleichterten Zugang und AuLgang für West- und Südserbien.
■ Die Entfernung Nisch-Antivari ist mit 450 Kilometer Bahnlinie der Strecke Nisch-Saloniki zwar annähernd gleich, aber für den gesamten Export Serbiens nach Italien ist die kurze Überfahrt von erheblichem Vorteil. Hinzu kommt, daß der an sich wertvolle Ausgang ans Ägäische Meer für Serbien nicht frei ist von der Gefahr der Hineinbezichung in griechisch- bulgarische Konflikte. Gegenüber, dem politischen Bedenken des Übergreifens des Adriazugangs auf albanisches Territorium wird sich ein Ausgleich finden lassen. Hafenfragcn lassen sich, namentlich aber auf der östlichen Seite der Adria nicht nach ethnographischen Gesichtspunkten entscheiden. Ein typisches Beispiel bleibt dafür Fiume. Letzteres muß ewig ein Hafen Ungarns bleiben, wenn der Staat Ungarn nicht aus seine Lebensfähigkeit verzichten will, ganz gleichgültig, ob sich um Fiume an sich die Ungarn, die Kroaten und die Italiener streiten.
Die Gestattung des Zutritts zum Meer über fremdes Gebiet, z. B. Montenegro und Dalmation, bietet bei wertem nicht die Sicherheit selbständiger Bewegungsfreiheit wie aus eigenem Gebiet. Dian braucht ja nur an die Schwierigkeiten zu denken, welche der Verbindung der bosnischen Hauptstadt Sarajewo mit der dalmatinischen Küste entgegengestellt wurden. Die Herstellung der.Verbindung mit Spalato, dem bester'. Hafen an der dalmatinischen Küste, hinderten bald ungarische, bald österreichische Eingüsse. Seit Jahren hat Serbien mit Rücksicht auf die Entwicklung der südlichen Landesteile die Bahnverbindung mit der Adria, sei es über montnencgrini- sches Gebiet, sei cs südlich davon, bis San Giovaikni di Medua angestrebt, aber immer scheiterte die Forderung an der Ablehnung der notwendigen türkischen Bahnanschlüsse. Die französischen am Bahnbau interessierten Kapitalisten standen daher vorr jeher und auch heute ans Seite Serbiens.
Die Berechtigung, auch ans deutscher Seite ein verstärktes Interesse an serbischer wirtschaftlicher Bewegungsfreiheit zu betonen, wird sich um so unbedenklicher geltend machen, je mehr auf österreichischer Seite von Politikern, die ernst genommen zu werden wünschen, alle Art Monopole im neuen Serbien in Anspruch genommen werden möchten. Z. B. Überlassung des Schiffährtsdienstes bon und zu den Balkanstaaten an den österreichischen Lloyd, der von den Balkanstaaten subventioniert werden müßte, steuerfreie Überlassung der Bahn von Belgrad nach Saloniki, und was man sonst für wirtschaftspolitische Kuriosa vernimmt.
Österreich-Ungarn hat ja schon das große Monopol, daß es sich zwischen Deutschland und den Balkanstaaien vorlagert. Die Milderung dieses Monopols kann auf deutscher Seite nur erwünscht sein, sie kann von ausschlaggebender Bedeutung werden in Zeiten zollpolitischer Konflikte, die ja auch im Verhältnis Deutschlands zu Österreich-Ungarn nicht außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liegen und die Freiheit des Durchfuhrverkehrs gefährden würden.
An der Sicherheit des Durchfuhrverkehrs und der selbstständigen Zugänge und Ausgänge der Balkanstaaten werden die deutschen Schisfahrtskreise stets das größte Interesse zu nehmen haben. In dem Adriahafen Durazzo gehen heute schon für ca. .3 Millionen Franken Waren, sei es aus Deutsch-
*) Vergl. die Nr. 560 des „Wiesbadener Tagblatts".
land kommend, sei es für Deutschland bestimmt, ein und aus, ohne daß sich die deutsche Handelsflagge zeigt. Es wäre doch für die Zukunft nicht einzusehen, weshalb deutsche Schiffe, die mit so großem Erfolg den Verkehr ans den bulgarischen Häfen vermitteln, sich nicht auch für serbische Häfen interessieren sollten.
Die Grundlinien der bisherigen und mutmaßlichen künftigen wirtschaftlichen Entwicklung geben auch die Antwort aus die Kurzsichtigkeit der sozialdemokratischen Resolutionen gegenüber dem Balkanproblem.
Liegt auf der exportierten Maschine nur der Arbeitslohn der unmittelbar beteiligten Arbeiter der. exportierenden Maschinenfabrik, oder liegt das Arbeiterintcreffe nicht ganz wesentlich auch bei allen Vorstadien des Werdegangs der Maschine: Bergbau, Gießerei, Walzwerk, Schmiede, Montage, Verkehr, Transport? — Arbeiterintereffen des großen Jnnen- marktes, von denen die Statistik des Außenhandels schweigt! Die deutsche Ausfuhr nach den Balkanländern steigerte sich in 10 Jahren von 1901 aus 1010 von 74,0 Millionen Mark aus 171 Millionen Mark. Im Jahre 1920 könnte es sich schon um einen Absatz von 400 Millionen Mark handeln, wenn nicht zu. folge der Vernichtung und Entkräftung bon Hunderttausenden Männern im besten Lebensalter in den so . schwach bevölkerten Ländergebieten ein Rückschlag eintritt. Unzweifelhaft ist die Balkanfrage eine große deutsche Arbeiterfrage!
Dieselben großbn Zukunstsinteressen stehen auf österreichisch-ungarischer Seite auf dem Spiel. Eine Gefährdung dieser Interessen muß notwendigerweise aus die dentsch-öster- reichisch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen zurückwirkeu. . . Österreich-Ungarn ist von jeher einer der besten Märkte Deutschlands, und letzteres ist bei weitem der beste für Österreich-Ungarn.
Alle diese und andere Wechselwirkungen sind entscheidend für den Grad der wirtschaftlichen und politischen Jntereffen- solidarität Deutschlands und Österreich-Ungarns und nicht zuletzt auch Italiens!
Der Rrieg auf dem Valkan.
Waffenstillstand ohne Griechenland.
Die Unterzeichnung des Waffenstillstandes scheint also Nach den honte vorliegenden LsteLdungen erfreulicherweise nun erfolgt zu sein, wenn auch, da Griechenland auch weitgehende Sonderansprüche stellt, nur partiell zwischen der Türkei, Bulgarien, Serbien und Montenegro. Serbien, das sich bekanntlich auch gegen die türkischen Bedingungen sträubte, hat sich also zuguterletzt noch eines Besseren besonnen. Daß unter solchen Umständen die Verhandlungen in letzter Stunde recht kritisch wurden, ist leicht begreiflich. Tatsächlich sind, wie das Reutersche Bureau erfährt, die türkischen Bedingungen für-den Waffenstillstand viel weitgehender, als die telegraphischen Berichte ausdrücken. Danach verlangt die Türkei nicht nur das Recht, alle belagerten Festungen zu verproviantieren, sondern ebenso alle in Mazedonien oder sonstwo befindlichen türkischen Truppenkörper und die türkische Bevölkerung in den verschiedenen Landesteilen. Desgleichen verlangt die Türkei das Rech:, durch daS Wdriatische und das JonisM Meer Lebensmittel unter sicherem Geleit zu befördern.
Auch in den weitcrgohendcn Verhandlungen, die zum endgültigen^Frieden führen sollen,, sucht die Türkei offenbar immer weitere Zugeständnisse zu erhalten und verhält sich namentlich der Forderung Griechenlands auf der Übergabe I a n i n a S gegenüber «ablehnend. Falls Griechenland nun auf der Übergabe Janinas beharrt und keine Einigung über diesen Punkt, wohl aber über die anderen zustande kommt, soll folgender Ausweg gewählt worden: Zwischen der Türkei und Griechenland wird der Kriogsgustand als anhaltend betrachtet. Mit den übrigen drei Verbündeten aber wurde, wie schon gesagt, ein Waffenstillstand abgeschlossen. Dabei würde aber auch Griechenland die Friedenskonferenz, die in London stattfinden soll, beschicken. — Wir verzeichnen folgende Meldungen:
Der partielle Waffenstillstand mit unbeschränkter Dauer.
Ko nst a n t i n o p cl, 3. Dezember. Der Ministerrat dauerte bis 7 Uhr und sofort wurden die osnmnischen Delegierten von den gefaßten Beschlüssen verständigt. Da mit Griechenland eine Einigung nicht zu erzielen war, wurde der Waffenstillstand mit unbeschränkter Dauer zwischen den türkischen und bulgarischen, serbischen und montenegrinischen Bevollmächtigten unterzeichnet, und Mar kurz nach 9 Uhr.
Griechenlands Sonberforderungen. K o nst an t i no p e l, 4. Dezember. Die Beratungen beschäftigten sich mit den griechischen Spezialbeidingungen und betrafen angeblich, die Zurückziehung der türkischen Truppen von Chios und Mytilenc sowie die Übergabe Janinas. Es verlautet, Griechenland habe anfangs noch schärfere Bedingungen stellen wollen, aber aus Drängen Bulgariens darauf verzichtet. Ragims Bericht wurde für Mitternacht erwartet. Heute vormittag findet rat Ministerrat statt, der über die griechischen Forderungen beraten wird. Auf der Pforte scheint man noch mit der ..cog-
chkeit einer Einigung zu rechnen.
Erschütterte Fricdensboffnungen in Konstantinopel: o n st a n t i n o p e 1, 4. Dezember. Die Hoffnung aut rldigen Frieden ist erschüttert und die Milstarkrerie sind voll- iimitett vorbereitet auf die Fortsetzung des Krieges. Gestern
