Wiesbadener Sagblatt
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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin SW.. Teltower Str. 16, Fernsprecher I I 5l88. Tagen und Platzen wird keine s-wahr übernommen.
Morrtcrg, 2. DEzember 1912.
klbend-klusgabe.
rrv. 863 . ^ 69 . IahrgKNg.
Das Zazit öer Teuerungs- öebatte.
^ Berlin, 30. November.
Denk Mißtrauensvotum ist der Reichskanzler glücklich entgangen. Nur »Lozialdcmokratie, Freiisinn uira Polen haben ihre Unzufriedenhert mit der agrarischen Wirtschaftspolitik der Regierung erklärt. Das hat eine Minderheit ergeben, die nur 1-10 Stimmenarut.-,, brachte. Neun Stimmen enthielten sich. Der Freisinnige Dr. Heckscher schlug sich sonderbarerweise auf die rechte Sette des Hauses. Die Mehrheit von 170 Ltim- men ist nicht gerade groß. Bei geschickter Operation wäre es viellercht noch gelungen, etliche Nationalliberale in die -Opposition zu bringen, wenn nämlich der Miß- trauensantrag nicht pon der Sozialdemokratie, sondern von der Volkspartei ausgegangen wäre. Den Sozial- vemokratcn zu folgen, erscheint den Nationaltiberalen immer noch iricht recht geheuer.
Auch ist die Kanzlermehrheit sicher nicht geschlossen. Die Nationalliberalen glaubten, daß sie, wenn sie den sozialdemokratischen Antrag unterstützten, gegen die gesamte Wirtschaftspolitik demonstrierteil. Das aber wollten sie nicht. Solche Erklärungen für oder gegen die Kanzlerpoliiik beweisen eben recht w e n i g. ^Insofern lag in dem ursprünglichen Antrag der ^Sozialdemokraten, üenr Mißtrauensantrag eine gewisse Begründung oder Beschränkung anzufügen, ein richtiger Gedanke zugrunde. Denn die Nationalliberalen und ivohl auch die Arbeitewertreter im Zentrum waren zweifellos mit den höchst oberflächlichen Rogie- ruugsmaßnahmen gegen die Teuerungspolitik nicht einverstanden. Für die Zulassung von Gefrierfleisch hat sich z. B. ein großer Teil der nationalliberalen. Presse einverstanden erklärt. Das gleiche haben die süddeutschen Regierungen von Baden, Bayern und Württem- bevg getan. Auch für die zeitweise A u f h e b u n g der Futtermittelzölle haben sich diese Stimmen ausgesprochen. Der bayerische Bauernbund hat schon voriges Jahr, sich sehr entschieden in diesem Sinne geäußert. Tie Regierung ist sa zum großen Teil an der jetzigen Fleischteuerung insofern schuld, daß sie im vorigen Winter bet der Knappheit der Futtermittel die Zölle auf Mais und Futtergerste nicht so lange aufgehoben hat, bis unseren Viehzüchtern wieder reichliche Futtermittel zu Gebote standen.
Die Teuerungsdebatte im Reichstag ist noch nicht zu Ende. Der Gesetzentwurf über die Zurückerstattung des Zolles auf das von den Großstädten eingeführte Fleisch ist einer Kommission überwiesen worden. Die Volkspartei hat angekündigt, daß sie in der Kommission erweiterte Zusatzanträge stellen wird. Ta werden Zentrum und Nationalliberale Farbe bekeimen müssen, ob sie nicht im einzelnen noch weit ergeh ende Maßnahmen zur Verbilligung des Fleisches befürworten wollen. Sache der Wähler ist es in diesem Falle, die Haltung ihrer Abgeordneten zu kontrollieren.
Ter bekannte Hallesche Natwnalökonom Professor- Conrad hat kürzlick) erklärt, daß sich allgemein die Anschauung immer mehr Bahn bricht, daß das Schutzzollsystem einer Revision lind -wohl einer Einschränkung unterworfen werden muß. Sonst ist cs ausgeschlossen, daß wir die teuren Preise jemals los werden.
Was sonst noch der heutige Samstag brachte, war an sich nicht uninteressant, stand aber air Bedeutung weit hinter der namentlichen Abstimmung zurück, nur der die kurze Sitzung eröffnet wurde. , Boi der Vorlage über das Verbot gesnüdheitlich schädlicher Kindersaug» slaschen wies' der sozialdemokratische Abgeordnete für Pirna, Herr Rühle, in temperamentvoller Rede nicht mit Unrecht darauf hin, hier versuche man ein kleines, unbedeutendes Hilfsmittel gegen die Säuglingssterblichkeit, während man im vergangenen Jahre hinsichtlich der W ö ch n e r i n n e n s ü r s o r g e die notwendigen Mittel verweigert habe. Der Redner, der, auf dem Gebiet der Kinderernährung viel gearbeitet und geschrieben hat, besprach eingehend das Elend der armen Wöchnerinnen und Säuglinge, namentlich der unehelichen Mütter und Kinder. Seine in sehr scharfen Ausdrücken verlaufende Kritik veranlaßte zwei Ordnungsrufe. In ähnlichen! Sinne sprach Dr. Müller» Meiningen, der noch besonders gegen den Zentrumsabgeordneten Sittart polemisierte, „der mitiehr salbungsvollen Redensarten die religiösen Pflichten in der Säuglingspflege betont hat.
Vor dem Ende öe§ Krieges?
Das tDaffenftiHftanfesaprotofeott.
Die. Verhandlungen der Friedensdcklegierten beider Kriegführenden in TfchataLdschia find nun also so weit vorgeschritten, daß der Waffenstillstand endgültig protokolliert wurde. '®t offizielle Unterzeichnung tonnte zwar bei der gestrigen Begegnung der osmanischen und bulgarischen Delegierten noch nicht erfolgen, da die Zustimmung Serbiens. Griechenlands und Atontenegros noch aussteht; sie soll am Dienstngvormiting erfolgen. Was die Türkei betrifft, so jvird uns Es Konstantinopel geinelldet, daß der Ministerrat in der gestrigen Sitzung deul Protokoll über den Waffenstillstand, der haute unterzeichnet werden soll, gugostimmt hat. Ein kaiserliches Jrade, das das Protokoll genehmigt, ist bereits erlassen worden. Das Protokoll enthält folgende Bedingungen:
1. Der Waffenstillstand wird für vierzehn Tage abgeschlossen?
2. die türkischen und die Truppen der verbündeten Armeen verbleiben in ihren gegenwärtigen Stellungen?
3. keine der beiden Parteien darf in de» Befestigungsarbeiten fortfahren und Truppen- und MnnitionS- transporte vornehmen;
4. die belagerten Plätze Adrianopel und Skntari werden wahrend der vierzehn Tage in der Weise mit Lebensmitteln versorgt, daß die Zufuhr der nötige» Lebensmittel von Tag zu Tag erfolgt.
Die türkischen Unterhändler, unter denen sich der Handölsminister und der Minister des Innern befinden, begaben
sich gestern zur Iluterzeichmm-g des Protokolls nach Tscha- taldscha.
Die Unterzeichnung. Paris, t. DezemLer. Ldagim- Pascha und Reschid-Pascha werden heute Konstantinopel verlassen, um sich zur letzten Verhandlung nach Bachtscy-ikoi zu begeben, die heute nachmittag 2 Uhr staktsindet un-d bei der die Unterzeichnung des Waffenstillstandes und die Festsetzung des Ortes sür die FriedensverhandluNtzen erfolgen soll.
Eventuelle Verlängerung der WaffenstillstandSfrist.
K o n st a u t i n o v e l, 2. Dezember. Der WafferKEstand ist zwar formell auf 14 Tage begrenzt, nötigenfalls soll er aber, auf 20 verlängert werden. Ist während dieser Frist eine Einigung über die FriSdensbediuguugeu nicht erzielt, so beginnen dem „Jkdccm" zufolge schon in den nächsten Tagen wieder die Feindsölig-keitcu von neuem.
Bor der Entscheidung. Konstantinope!, 30. Kov. Obschon die Verhandlungen über den Waffenstillstand sich dera Wbschilutz nähern, werfen noch in letzter Stunde dir , beiden kriegfühmeniden Parteien ein- ansehnliches neues Kräfteauf- gebot, tat die Wagschal-e. Aus der Festung Msch wurden die dort befuÄLichen BÄagerun-gZgsslihütze nach Jamboli und von Jv-mboli auf einer eigens konstruierten Decouville-B-cchn weiter Nach Kirk-Kilise befördert, um nötigenfalls auf die bulgarischen Positionen Tschat-Mscha gegenüber gebracht zu iverden, Türkischersoits erfährt die Östarmee eine tägliche Verstärkung von 2000 Mann; auch kornimt neue Artillerie und besseres Pferdematerial heran. In Anatolien dauern die Mobilisation«« an, so Laß Man logisch an die Forffetzung des Krieges glauben müßte.
Die KxieLensLedingungen.
Paris, 1. Dezember. Der KoustantiiwpÄer SovLierLe- richterstattLr des „Demps" meldet ans angeblich hawamt- licher türkischer Quelle, sädoch unter Vo-rüchall, daß die Waffenstillstands- und eventuellen FriSenAbsLingUNgsn in den Hauptzügen folgende feien: Die Griechen würden
Epirus, Serbien Altserbien und Novibazar, BuLgarien Thrazien mit einer von Midi» am Schwarzen Meer nach Dedegatsch oder Kawwle am Ägäischen Meer veichau- den Grenzlinie erhalten; Mdrianopel würde der Türkei verbleiben, Maz-sdonien würde mit Saloniki als Hauptstadt^ Autonomie erhalten und ebenso würde Wibttnien autonom werden, abgesehen von -dern an Montenegro abgutretendeu Gebiet. Die beiden autonomen Provinzen würden unter die Souveränität der BalLmstaaten gestellt werden. Ws letzte Bedingung wird der Eintritt der Türkei in den BalkanLuud bezeichnet.
Die KrlcgsentschMgnngsansprüche. Sofia, 1. Dez. Die von den Alliierten crhobMLN Krisgseutschädiguugsau- sprüche sollen 1200 000 000 -Franken betragen.
Saloniki albanisch'? Konstanti-nvpel, 2. Dez. Auf der Pforte ist man sicher, daß der Waffenstillstand zum Frieden führen werde.. Man nimmt an, daß Saloniki albanisch wird. Einen Teil Mazödouiens sollen die Bulgaren, einen anderen Teil und Epirus Griechenland erhalten» falls die Albanesen damit einverstanden sind.
Mitwirkung dcS russischen Botschafters'? Konstanti- nope-l, 1. Dezember. Wie verlautet, hat der russische Botschafter Quartier für die Delegierten des Ba-lkaüb-undes br- reitgestellt, weil der Friede loahvscheinlich in Konst aut t- nope-l unter Mitwirkung des russischen Botschafters unter- ' zeichnet werden wird. Es bestätigt sich, daß Rußland demr
AttaritiS)
Komsn von Gerhart Hsupkmann.
(Verlag von S. Fischer, Berlin.)
Loch können wir nicht ganz verstehen, in wclcheur Grade Gerhart HauptmannS Dichtung wie bei allen ganz Großen mit seinem inneren persönlichen Erleben zusammenhängt, zu wenig wissen wir von den seelischen Kämpfen dieses zurückgezogenen Lebens. Aber es ist kein Zufall, wenn immer wieder in anderer Gestalt in seinen Werken das Weib als lockender, verführerischer Däuwn erscheint, seltsam alles Sinnliche aufreizend, scheinbar Großes und Schöpferisches im Mann zu wirken, um ihn dann herabzuziehen und zu vernichten. wenn er nicht die Ketten zerreißt und dieses Trieblebens Herr wird. Von Rautendelein, dem. seelenlosen Elcinsntar- wesen, über Pippa bis zu Gersuiüd, die selbst den großen Karl rm losen Spiel bärtdigt, reicht diese Reihe. Vielleicht klingt jene Mädchengestalt, die. in des Dichters jüngstem Roman rhr gaukelndes Wesen treibt, schon durch den altdeutschen Namen Jngigerd cm jene Gersuind an, jedenfalls hat sie viel von dieser Gestalt übernommen. Aber dieser Roman „Atlantis" ist zu einem Buch der Befreiung geworden. Friedrich v. Kammacher, der Arzt mit der Künstlernatur, löst sich endlich aus so entwürdigenden Banden entschlossen los, um auf Tüchtigkeit und Wahrhaftigkeit ein neues Glück sich auszubaucn. Wir hören, daß auch Geühart Hauptmann, wie sein Held, um sich selbst von lastenden Verhältnissen zü befreien, unter ähnlichen äußeren Umständen 1892 seine Seereise über bcu Atlantischen Ozean antrat, ja, daß er nur durch Zufall einer ähnlichen Schiffskatastrophe entging. Manches andere mag noch in dem Werke von Persönlichem zu finden sein, aber der Dichter hat doch auch hier ein Kunstwerk geschaffen, das, losgelöst von allen solchen Beziehungen, durch sich sell'st verständlich wird.
Ein uraltes Symbol deutet der Name'Atlantis an, die Sage von dem in MecreSliesen versunkenen Lande lvird wie die Mär von Vineta, der. Wunderstadt, wie der Mythos, den Gerhart Hauptman-n selbst in der „Versunkenen Glocke" schuf, zum Ausdruck der ewigen Sehnsucht LeS Menschen nach dem Unerreichbaren, nach jenem Seelenfrieden, in dem alle Stürme ruhen. Und auch in die Schilderungen realen Lebens, die uns Hauptmann hier gibt, klingen solche mystischen Töne hinein, am schönsten in jenen Traumen, die Friedrich auf dem Ozeanrissen träumt, langen Wanderungen der Seele, voll von Vorahnungen, wie sie Gottfried Keller im „Grünen Heinrich" erdachte. Oder die Galleonensigur, die in „Gabriel Schillings Flucht" zu phantastischer Dämonik benutzt wivd, taucht auch hier einmal als symbolisches Motiv auf. Aber sonst ist nichts Märchenhaftes, Romantisches in dem Buch, sondern jenes starke, sichere Erfassen der Wirklichkeit, wie es der Dichter in seiner Naturalist»scheu Epoche sich aneignete. Ja, nebelt den mächtigen Klängen des Hauptthemas jener Erlösung vom Weib drängen sich oft recht nüchterne Dinge ein, virtuose Schilderungen einer trivialen Gegenwart, itt denen weniger der große Dichter redet als der geschickte Beobachter; bisweilen wird er hier allzu breit, fast geschwätzig. Aber dann leuchten wieder Stellen hervor, die ganz ersiillt sind von der ruhigen Klarheit, dem großen Schauen des Genius, man lieft Worte von mächtiger Einfachheit des Ausdrucks, die an Goethesche Prosa erinnern, wie denn gang wie in jenem Buch von Emanuel Quint, dem Gottsucher, Hauptmanns durchaus persönliche-Redeweise^sich weit entfernt von allen nervös impressionistischen Stilknnsten der Gegenwart.
Auf dem Meer nun, wo Friedrich den verführerischen Irrwisch wiederfindet, dieses Kind, das mit Puppen spielt und doch so im Grunde verdorben ist, erlebt er die tiefste Erschütterung seines ganzen Wesens durch eine Elementarkatastrophe, ählllich 'dem furchtbaren Untergang der „Titauic". Gewaltiger
ist.wohl.nie so Schreckensvolles geschildert worden, als in die- seu Abschnitten des Buchs, die Grausen und Erhabenheit zum Gipfel führen. Aber diese Erschütterung bringt ihn dern Ewigen ganz nahe, sic löst ihn vom Erbärmlichen, sie wirkt in ihm nach in einer schweren Krankheit; sie läßt ihn dann aber auch die Kraft finden, zu seelischer Freiheit aufzuatmen. In diesem letzten Teil des Buches fühlen wir, daß der Dichter selbst wie sein'Held alles Amerikanische im Innersten ablehucn mußte. Freilich ermattet hier das- künstlerische und meusch-, liche Interesse etwas, wir finden manche interessante Eharak- tcrbilder, aber nach dem gewaltigen Höhepunkt des Schiffs- uutergangs wirkt das alles nicht mit gleicher Stärke, bis daun wieder das Gesunden des Helden einen schönen, vollen Ausklang bringt. So ist dieses Buch nicht eigentlich ein Markstein in der künstlerischen Entwicklung des Dichters, aber auch in ihin hat er sich vieles von der Seele geschrieben, und in den großen Partien des Werkes aus eigenen Tiefen geschöpft, um uns selbst zu den tiefen Quellen des Lebens zu führen. L. V.
RestdLN^-Theaksr
Samstag, den 80. November, zweites Gastspiel von W. Böller: „Einer von unsere Leut'". Posse mit Seng in I Aufzügen und 0 Bildern nach O. 8^ Berg von . Kalisch. Musik von Stolz und Conradi.
Ein wohlbekannter und geschätzter Gast ist zunr Besuch im esidenz-Theater ein gekehrt. C. W. Büllcr hatte zunächst ut sharleys Tautc", wie schon so oft. mit fernem Motesken umor wahre Lachsalven entfesselt. Nun sab er e a. r j :m besten, was freilich schon recht alt ist. ff
ngsposse in ihrer ganzen Naivität und varmlojrgkm. wurde is dein Rumpelkasten hervorgeholt und machte auca m uafc r so wenig harmlosen Zeit den Hörern viel Vergnügen. A'mr rs hatte damals der biedere Werßblerphtlrster für cm«
