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Sonntag» Dezember 1912.
Morgen- Kusgabe.
Nr. 362. - 60. Jahrgang.
Vas IefultenKompromitz.
Es hat also bis auf weiteres sein Bewenden bei dem Z 1 des Gesetzes vom 4. Juli 1872 über den Orden der Gesellschaft Jesu; worin die Ausschließung dieses uno der ihm verwandten Orden aus dem Gebiete des deutschen Reiches und das Verbot der Errichtung von Niederlassungen festgesetzt ist. Die Aufhebung des . 8 2. demzufolge die Ordensmitglieder, wenn sie Ausländer sind ausgewiesen werden können und ihnen, wenn ge Inländer sind, der Aufenthalt in bestimmten Bezirken oder Orte verboten oder angewiesen werden kann, ist bekanntlich schon im Jahre 1904 erfolgt. Wenn sich da- Mols eine große Mehrheit des Reichstags durch den Beschluß vom 8. März 1904 mit dieser Abbröckelung des Jesuitengesetzes einverstanden erklärte, so geschah das besonders im Hinblick darauf, daß ja durch dre Ausführungsb-estimmungen zu diesem Gesetz, dre kam 8 3 Sache des Bundesrats sind, den Jesuiten dre Ausübung einer Ordenstätigkeit insbesondere rn Kirchen und Schulen sowie die Abhaltung von Missionen ver-
^^a^sich nun die Aussichten für die vom Zentrum angestrebte völlige Aufhebung . des Jesuitengesetzes unterdessen anscheinend nicht, gebessert haben,, hatte die bayerische Regierung, deren Leiter ia der frühere Zentrumsführer Freiherr v. Hertling ist, den Versuch gemacht, auf dem Wege der Interpretation eine Bresche in das Reichsgesetz zu schlagen. Es ist noch tn frischer Erinnerung, welches Aufsehen es erregte, als im April dieses Jahres die vertrauliche Verfügung des Minister» des Innern v. Soden und des Kultusministers von Knilling an die Kreisbehörden bekannt wurde, worin der Tätigkeitskreis der Jesuiten „im Rahmen des Gesetzes" mit einer Geschicklichkeit erweitert wurde, die jedem Schüler des Ignatius von Loyola Ehre gemacht hätte. Allein so ungern der Reichskanzler v. Bethmann- Hollweg mit dem zum bayerischen Ministerpräsidenten Avancierten Zentrumsführer anbinden mochte, so konnte doch die Reichsregierung zu dieser „Gesetzesauslegung nicht stillschweigen, und so erfolgte denn die Berwah nmq der „Nordd. Mg. Ztg.". Erst daraufhin. — das darf nickt übersehen werden — stellte die bayerische Regierung ihren Antrag beim Bundesrat. auf eine genaue Interpretation des Gesetzes. Es ist mithin sehr höflich, wenn der Bundesrat das Vorgehen der bayerischen Regierung als loyal anerkannt, hat.
Im übrigen bedeutet die am Donnerstag erfolgte Entscheidung des Bundesrats in der Jesuitensrage ein von preußischer Seite angeregtes Kompromiß zwischen der Forderung der bayerischen Regierung und )em bisherigen theoretischen Standpunkt, der aller- ,ings in der Praxis stark durchlöchert war. Nach der Entscheidung des Bundesrats fällt die bisher in Bayern Kugelassene aushilfsweise Betätigung in dev Seelsorge Unter die verbotene -Ordenstätigkeit, und das gleiche
gilt wenigstens offiziell für die vielerörterten Konfe- renzen, von denen der bayerische Erlast sprach. Icach der bundesrätlichen Interpretation würden diese. ieden- falls unbedingt verboten sein, soweit damit eine priesterliche Tätigkeit verknüpft ist.. Aber das. Zugeständnis, wonach wi s j e n scha ft l iche Vorträge die das religiöse Gebiet nicht berühren, erlaubt sind, schemt hier eine Brücke zu bauen. Der Begriff „wissenschaftlich" ist sehr dehnbar, und die „Germ." betont bereits, daß über den Ort, an dem diese Vorträge gehast ten werden dürfen, nichts gesagt sei., daß sie also auch in Kirchen zulässig seien. Man wird danach in Zukunft wenigstens in Bayern wohl viel „wissenschaftliche Vorträge" in Kirchen zu hören bekommen.
Jedenfalls ist es angesichts dieses im Bundesrat zustande gekommenen Kompromisses nicht zu begreifen, wie die „Germ.", das führende Zentrumsblatt, hier von einer „ungeheuerlichen Maßnahme" sprechen und hinzufügen kann, der Bundesrat dürfe sich nicht wundern, „wenn man nicht etwa nur in allen zivilisierten, sondern auch in halbzivilisierten Ländern nur ein Gefühl des Mitleids hat für ein Reich, in dem heute und unter Verhältnissen wie. den augenblicklichen ein derartiger Beschluß noch möglich ist". Ein Blatt, das sich stolz „Germania." nennt, sollte doch nicht so und besonders nicht aus einem solchen Anlaß über Deutschland schreiben! Und Wenn die. „Köln. Volkszeitung" von einem „Aufschrei der Entrüstung" spricht, der durch das katholische Volk gehen werde, und von einer „Wiedererneuerung des Kulturkampfes", so ist demgegenüber zu bemerken, daß nicht einmal alle Katholiken, die auf das politische Programm des Zentrums schwören, für die Aufhebung des Jesuiten- oesetzes sind, ja, daß sogar ein großer Teil des niederen Klerus dem unbequemen Jesuitenregiment mit banger Sorge entgegensieht. 'Offenbar wird jetzt von seiten des Zentrums eine neue große, .auf die Aus- bebung des Jesuitengesetzes abzielende Aktion ins Werk gesetzt werden, aber nach dem gestrigen Beschluß des Bundesvats ist wohl anzunehmen, daß dieser, wie bis- her so auch in der Folge, einer solchen Maßnahme entschiedenem Widerstand entgegensetzen wird, von der, wre man auch sonst über die formale Seite der Jesuiten- staae denken mag, jedenfalls eine weitere Verschärfung der konfessionellen Streitrg- keiten und der religiösen..Zerklüftung in Deutschland befürchtet werden müßte.
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Zn feen Bundesratsverhandlungen über ine Auslegung des Jesuitengesetzes
erfahrt die „Dägil. Rundschau" noch, daß der preußische Antrag'mit überwiegender Mehrheit zur Annahme gelangte, nur die bayerischen Stimmen wurden dagegen abgegeben. Als besonders bemerkenswert sei noch hervorzu-heben, daß Ministerpräsident v. Hertling persönlich weder an den Ausschußsitzungen noch an der Mtscheidenden Plenarsitzung , des BunidesLats über die Jefuitenfrage teiluahm und die Ver
teidigung des bayerischen Erlasses den übvrgen bayersicheu Bevollmächtigten überließ. Hervorzuheben ser firner, mehrere Bundesrogierungon mit fast rein evangelischer -Bevölkerung den preußischen Vorschlag als. zu entgegenkommend bezeichneten und für eine schärfere Fassung erntraten. Der Vertreter eines mitteldeutschen Kleinstaates wollte ausdrücklich die bayerifaie ,Auslegung als u n g-e f etz - lich bezeichnet wissen. Die preußische Regierung habe den vermittelnden Standpunkt während der ganzen Dauer der Verhandlungen, die stellenweise recht lebhaft geführt wurden, innebehalten und erfolgreich durchgesetzt.
vre Politik der Woche.
Wenn die wieder in dem Prachtpalast am Königs- platz .versammelten M. d. R. beim Zusammentritt des Reichstags noch das alte Kommerslied anstunmen konnten „wir haben kein Präsidium mehr", so durste bereits am zweiten Sitzungstage die ersteuliche Tatsache festgestellt werden: habemus Papam! Die Wieder
wahl des bisherigen Präsidenten Kaemps ist gtan und schmerzlos und ohne die heißen Kämpfe vor stw gegangen, die von manchen politischen Zeichendentern vorausgesiagt -worden waren. Mt 190, d. h. mit wer Stimmen über die absolute Mehrheit, ist der Kandidat der Fortschrittlichen Volkspartei wiedergewah.lt worden, während die Konservativen durch die Zahlkanvi^- datur Dietrichs demonstrierten, ohne daß jedoch das Zentrum, das sich mit dem stillen Protest der Abgabe wectzer Zettel begnügte, jene Kundgebung mitmachte. Freilich darf man nicht verkennen, daß . die Mehrheit, welche sich zu diesem Zweck zusammenfand, nicht nur eine außerordentlich knappe war, sondern zugleich auch nur eine Art Zweckverband für die Präsidentenwahl
darstellte. r .. .
Während die deutsche Volksvertretung nach diesem Wahlgeschäft die im preußischen Abgeordnetenhause eingeleitete Auseinandersetzung über dre Fleischte u e r u n g in recht lebhafter und temperamentvoller Weise fortsetzte, ohne daß dabei sonderlich Neues herauskam, wendet sich das noch stärkere, aktuellere Interesse bereits den in der nächsten Woche zu erwartenden Verhandlungen über die i n t e r n a ti o n a l e Lage zu, die sich um so eingehender gestalten dürften, da die Beratung der hierzu eingebrachten Interpellationen mit dem Etat des Auswärtigen Amtes verbunden werden tvird. Der Reichskanzler wird dabei Gelegenheit haben, die Haltung der deutschen Regierung gegenüber dem noch immer ungelösten Balkanproblem, soweit sich das mit den diplomatischen Interessen verträgt, klarzulegen, und das wird hoffentlich dazu beitragen, über manche noch bestehende Unklarheit Klarheit zu schaffen und die allzu nervösen Gemüter, wie sie sich nicht nur an der Börse finden, zu beruhigen. Hat sich der leitende Staatsmann doch genötigt gesehen, m einem Telegramm an den Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen die dort mehrfach zum Ausdruck gekommene Kviegs-
Die Erbse.
Nachdruck verbot»».
Aus dem Englischen von M. Walter.
Ich bin die Jüngste! Man nennt mich in der Familie noch immer Backfisch, aber das ist einfach eine Beleidigung, denn ich zähle bereits 17 Jahre und fühle mich ebenso erwachsen wie Schwester Jsabella. Die hat es freilich viel besser als ich, trotzdem sie nur zwei Jahre älter ist. Sie ist der Liebling, der Stolz der Eltern; die schönsten Kleider und alle Liebe und Zärtlichkeiten werden ihr zuteil.
Um ihretwillen muß ich heute zu Hause bleiben anstatt in der Oper den Troubadour zu hören. Sie behauptet nämlich, wegen ihrer Schleppe sei kein Platz für drei im Wagen -S-J) so läßt man mich einfach zurück. O, ich könnte weinen, wenn ich an den Troubadour denke und an den schönen, italienischen Sänger, der einen Namen hat, so lang wie mein Arm.
Was fange ich nun den ganzen Abend an? Hm, mein Zimmer sieht auf eine schmale Straße und gegenüber ist ein offenes Fenster. Mama würde außer sich sein, wenn sie's wüßte, aber — wäre es nicht ein prächtiger Zeitvertreib, mit Erbsen hinüber zu schießen? Bruder Toni hat seine Knallbüchse hier gelassen und ich verstehe famos damit umzugehen. Soll ich oder soll ich nicht! Eigentlich nein, denn ich bin jetzt eine erwachsene junge Dame und werde bald in die Gesellschaft eingeführt. Ah, da drüben sitzt ein Herr am Schreibtisch, die Nase in eine Zeitung gesteckt — gäbe der nicht eine prächtige Zielscheibe ab?-
Bums! Getroffen! Der Herr springt von seinem Stuhl auf und examiniert die Fenster. Wie zornig er aussieht! Fetzt ist er verschwunden! Ob er gemerkt hat, woher der Schuß kam? Guter Himmel, da kommt er über die Straße tn& direkt auf unser Haus zu. Was nun?--
Mit gewaltigem Herzklopfen flüchtete ich in den Salon, - ergriff das erste beste Buch und begann zu lesen, wobei ich ein möglichst unbefangenes Gesicht zu machen suchte. Gleich darauf brachte mir der Diener eine Karte. Mr. John Colcroft las ich. Wie, das war ja der Bruder meines lieben Spielkameraden Charlie, mit dem ich im vergangenen Jahr so manchen losen Streich verübt hatte.
„Der Herr möchte eine von den Damen sprechen, Fräulein",-meldete der Diener
„Führen Sie ihn hierher!' befahl ich mit großer Würde.
Mr. Colcroft trat ein. Ich erkannte ihn sofort als den Herrn, ' den ich mit der unglückseligen Erbse bombardiert hatte." Er war ein großer, stattlicher Mann mit dunklen Augen und schwarzem Bart, eine rechte Heldengestalt, wie ich sie mir in Gedanken oft ausmale.
„Verzeihung, mein Fräulein!" redete er mich mit tiefer Verbeugung an. »Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich mir erlaube, zu dieser Stunde bei Ihnen vorzusprechen?"
„O nein!" murmelte ich dazwischen. Ich wußte den Grund ja nur zu genau.
„Aber" — fuhr er fort, „es hat jemand in Ihrem Haust die Keckheit gehabt, eine Erbse in mein Studierzimmer zu schießen. Und die Erbse traf mich an der Nase." —
Er machte bei den letzten Worten ein so komisch-ärgerliches Gesicht, daß ich w:der Willen in ein helles Lachen ausbrach. Ob er's übel nahm? Ich weiß es nicht, aber etwas in seinen dunklen Augen zwang mich, meine Heiterkeit rasch zu
unterdrücken.
„Bitte, seien Src nicht böse, mein Herr!" stotterte ich, verlegen und rot werdend. „Es war ja sehr unartig von mir, aber ich dachte mir nichts Böses dabei — ich wollte wirklich nicht-" .
Er sah mich mit einem so erstaunten Blick an, daß mir die Worte in der Kehle stecken blieben — ich hätte mich in den Boden hinein schämen mögen.
„Wie, mein Fräulein? Sie wollen doch nicht sagen, daß Sie jene Erbse abschossen?" —
„Ja, ich war die Missetäterin!" gestand ich kleinlaut und von einer plötzlichen Angst vor den Folgen meines dummen Streiches erfaßt, fügte ich hinzu: „Aber bitte, seren Sre nicht böse und sagen Sie es nicht der Mama!"
„Gewiß nicht, mein liebes Kind!" erwiderte er freundlich, aber mir schien, als spiele ein recht spöttisches Lächeln um seinen Mund. Gewiß hielt auch er mich für einen rechten Backfisch, der eher in die Schulstube als in den Salon gehöre. Das war ein sehr niederdrückendes Gefühl und ein harter Schlag für meinen Stolz, aber ich durfte es nicht merken lassen, ich mutzte froh sein, mit blauem Auge davon zu kommen.
„Wie gut Sie sind! Ich danke Ihnen!" erwiderte ich daher auf seine Zusicherung, schweigen zu wollen.
„Aber was in aller Welt hat Ihnen die Idee eingegeben, mit Erbsen zu schießen?" fragte er nach einer kleinen Pause.
„Bruder Toni ließ mir das Spielzeug hier und zeigte mir, wie man damit umgehen müsse. Es ist wirklich ganz amüsant", fuhr ich fort, plötzlich meine gewohnte Redseligkeit wiederfindend. „Man muß nur ein sicheres Auge haben. Einmal — im vergangenen Jahre — wäre es mir beinahe schlecht bekommen. Ich traf unglücklicherweise die dicke Miß Gantry, aber Ihr Bruder Charlie nahm alle Schuld ans
„Wie? Sie sind die Heldin jener Tragödie?" rief er belustigt. „Charlie erzählte sie mir in allen ihren gvaupgen Einzelheiten, ohne jedoch JhrcnRamen zu nennen." Jnd,c;em Augenblick fiel mir ein, was Mama wohl sagen wu.oc. wenn sie mich so spät abends ganz allein mrt einem ff.
Herrn sprechen sähe. Ich begann mich ein wenig zu fühlen. Vielleicht merkte er es, denn er eh 1 >•
4 „Ich glaube, ich mutz nun gehend sagte er da'N, „aber es ist nicht das letztemal, daß ich hier war Gute Nach, mein Fräulein!" Ich reichte chm dw Hand, dre er galant
