Sette 2. Nbend-Nusgabe, 1. Blstt.
*_ Wien, 13. November. In später Abendstunde ist die Nachricht eingetrosfen, daß Serbien in den strittigen Punkten eine friedliche Lösung anstrebt. Augenblicklich wird die« Situation günstig beurteilt.
* Wien, 13. November. Dein ,,N. W. Tagebl." wird aus Petersburg telegraphiert: In offiziösen Kreisen verlautet, daß in den Verhandlungen Wischen Österreich-Ungarn und Serbien eine Wendung eingetreten sei. Rußland hat sich bereit erklärt, seine freundschaftliche Unterstützung in den Verhandlungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu gewähren.
Die militärische» Maßnahmen Österreichs.
* Wien, 12. November. Die im Ausland verbreiteten Meldungen über Mobilisiernngsorders werden hier als übertrieben bezeichnet. Es seien zwar Vorbereitungen getroffen worden, jedoch handle es sich nicht um offizielle Kundgebungen, sondern nur um Provisorische Anordnungen. Den österreichischen Blättern ist es untersagt, Nachrichten über MobWsierungsmatznahmen zu veröffentlichen.
Aus dem österreichischen Abgeordnctenharise.
wb. Wien, 12. November. Am Schluffe der heutigen Sitzung protestierte der alldeutsche Ilbgeordnete ,J ro auf das nachdrücklichste gegen eine etwa bestehende Absicht, deutsches Mut für die Rettung der verfehlten österreichischen Politik herzugeben, während die österreichischen Slawen offensichtlich mit den Balkanslawen fraternisierten. Der Präsident möge die maßgebenden Faktoren zu einer ehe- baldigen 'Erklärung der unbedingten Friedensabsichten der Monarchie veranlassen. Der tschechisch-radikale Abgeordnete Klosak erklärte, die Bevölkerung, ohne Unterschied der Nationalität, wolle keinen Krieg. Der christlich- soziale Abgeordnete Jerzabek ruft dazwischen: Da muß ober erst Serbien seine Frechheiten beiseite lassen. (Anhaltende Zurufe und Pfui-Rufe bei den Tschechisch-Radikalen und anhaltender großer Lärm.) Abgeordneter Klofak erklärte fortfahrend: Die Tschechen wollen eine aufrichtige Freundschaft mit den vereinigten Balkanstaaten. Das Balkan- problöm muß definitiv gelöst wecken. Die Slawen verlangen, daß ihre Gefühle etwas respektiert wecken. Kein Krieg mit Deutschen und auch nicht mit Serbien. (Beifall bei den Tschechisch-Radikalen.) Die nächste Sitzung findet Mittwoch statt.
Zuversichtliche Stimmung in Paris.
* Paris, 12. November. Fm Elysöe fand heute mittag ünter Vorsitz des Präsidenten der Republik ein Minister- r a t statt, in dem Poinrars über die auswärtige Lage berichtete. Eine offiziöse Notiz über das Expos« Poincarös ist nicht auSgegeben worden; dagogen hat der Minister de?> Jnnern bei dem Empfang der Journalisten nach dem Minister- rate mitgeteilt, daß die AufKärungcn PoincarAs den günstigsten Eindruck gemacht hätten. Es ergebe sich eine wesentliche Besserung der gesamten internationalen 'Lage, und die Befürchtung eines iriternatioNalsn Konfliktes habe sich beinahe vollständig verflüchtigt. Insbesondere verharren die Dreibundmäch'te nicht Mehr in ihrer schroffen Haltung gegenüber Serbien und den serbischen Ansprüchen. Man dürfte nunmehr erwarten, daß es in dieser Beziehung zu einem Einvernehmen kommen werde.
Eine Rebe Poincargs über die Lage.
wb. Paris, 13. November. Nach einer Blättermeldtmg wick Ministerpräsident P o i n c a r« in der Rede, die er heute abend auf dem Bankett der radikalen Handels- und Industrie-Vereinigung halten soll, über wirtschaftliche Fragen sowie über die äußere Politik sprechen. In diesem letzteren Teil seiner Rcke werde PoincarL feststellen, daß sich die internationale Lage in den letzten Tagen beträchtlich gebessert habe und mit Befriedigung aus die eingetretene Detente Hinweisen.
Entlassung rumänischer Reservisten.
* Bukarest» 13. November. Der rumänische Meneralstäb gab Befehl, verschiedene Jahrgänge der Reservisten in die Heimat zu entlassen. Hierzu gehören die Reservemannschaften der Marine aus dem Fcchrgang 1909, die der Artillerie von 1910 und der Infanterie von 1911.
Direkte Friedensverhandlungen zwischen den kriegführenden Staaten.
* Cettmje, 12. November. In Hiesigen politischen Kreisen will man wissen, daß konkrete Verhandlungen der Türkei mit den Balkanstaaten wegen Anbahnung des Friedens schon in den nächsten Tagen beginnen wecken.
Nus Kmr8 und Leben.
* Avrite Guilbert im Kurhaus. Nach acht Jahren, nach einem glanzvollen Gastspiel im alten Residenz-Theater, ist sie uns wiedergekehrt, die große Diseuse. Diesmal trat sie in dem großen Saale des Kurhauses auf, dem prunkenden Saale mit seiner Pracht, seinem Lichtgefunkel und seiner ganzen unpersönlichen Atmosphäre, der cs so schwer macht, die Aufmerksamkeit auf einen Punkt zu konzentrieren, und der für intime Wirkungen geradezu verderblich wirkt. Und doch verstand es Uvette Guilbert, schnell Kontakt zu bekommen, verstand es, selbst bis in die fernsten Winkel des großen Saales das gesprochene und das gesungene Wort verständlich zu tragen, verstand zu packen und zu wirken. Die Lieder des 16. und 16. Jahrhunderts, alte Legenden aus der biblischen Geschichte, mit ihrer monotonen Melodie und dem naiven Text hob sie zu ungeahnter, dramatischer Wirkung. Wie sie mit großer Gebärde die Arme nach oben streckte, bei dem Kreuzigungslied des Heilands, wie sie den feierlichen Zug inszenierte, da hatte ihre Erscheinung etwas dämonisch Bezwingendes. Das schwarze, golddurchwirkte Kleid mit dem künstlerisch übergezogenen kurzen blutroten Überwurf, das brennend rote Haar, das alles war von eindrucksstarker Wucht. Im zweiten Teil, im Kostüm aus Molitzres Zeiten, war die Frau, die eben noch so ernst und düster sein konnte, fast ein neckisches junges Mädchen gewocken. Voller Grazie und Koketterie sang sie die pikanten Liebcsliedchen, von Colinette, die im Walde Veilchen pflückt und die immer wieder versichert, daß gar nichts dabei sei, und sang noch so manches andere Lied, dem s i e erst durch ihre Kunst die richtige Bedeutung gab. Nicht immer der Dichter ist e§, der spricht, Dveite allein gibt dem Ganzen das Gepräge und den Wert. Auch die Bekenntnisse einer Großmutter sang sie diesmal wieder mit jener spitzbübischen Vertraulichkeit, daß man es der alten Frau verzeiht, die sich bitter beklagt über verlorene Zeit und entschwundene Jugend. Nur eine Ronde, ein WAzerlied. hätte beinah verloren durch etwas weitgehende
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Vom östlichen Kriegsschauplatz.
fy Die Bulgaren vor der Tschataldschastellnng.
#wS. Sofia, 12. November. Die Bulgaren drangen vorgestern bis zu den Tschataldschastellungen ohne Widerstand vor. Rodosto, Eregli, Siliwri und Midia wurden besetzt. Die zweite bulgarische Armee, die Adrianopel belagert, zieht den Belagerungsring um die Stadt immer enger. Die Forts Papztepe und Kartaltepe wurden eingenommen. Die Gerüchte, daß die Bulgaren bei der Einnahme dieser Forts große Verluste erlitten, entbehren jeder Begründung.
Die Türken suchen einen Waffenstillstand nach.
wb. London, 12. November. Wie dem Reuterschen Bureau aus Konstantinopel gemeldet wird, hat sich die Pforte direkt an Bulgarien gewandt, um einen Waffenstillstand berbei- zuführen.
Vom Westlichen Kriegsschauplatz.
Serbische Greueltate» nach englischer Darstellung.
wb. London, 12. November. „Daily Chronicle" veröffentlicht einen Bericht eines kürzlich aus Serbien heimgekehrten Korrespondenten, in welchem es heißt: Die Serben veranstalteten Massakers unter den Arnauten. Hunderte von Soldaten sowie Dutzende Offiziere und Privatleute, die cs wissen können, erzählten dasselbe. Zwischen Kumanowo und Uesküb wurden 2000 Arnauten niedergemctzelt, bei Prischttna 8000. Nach dem Fall von Uesküb wurden starke Patrouillen in die Umgegend geschickt, welche die Arnauten- dörfer anzündeten und flüchtende Einwohner niederschoffen. Dutzende Offiziere erzählten, daß die Flüsse jener Gegend durch Leichen geradezu verstopft waren. Bei Durchsuchungen nach Waffen wurden in hunderten von Fällen Leute in ihren Häusern kalten Bluts erschossen, gleichviel, ob sie Waffen besaßen oder nicht. In der letzten Nacht, die ich in Uesküb zubrachte. wurden 38 Männer von einer Patrouille gefangen und erschossen; die Leichen wurden in einen Fluß geworfen. Die Serben suchen die Arnauten nicht in gewöhnlicher Weise zu unterwerfen, sie wollen sie vernichten. Soldaten aller Nangklassen sagten mir in dutzenden von, Fällen: Wir wollen sie a u s r o t t e n. das ist die praktischste Methode. Ein Soldat in Uesküb lud mich ein. seine Truppe auf einer Expedition zu begleiten. Diese Einladung wurde von einem Leutnant, einem Hauptmann und einem Major dringend wiederholt. Ich sollte ein Gewehr und 250 Patronen erhalten und würde etwas zu sehen bekommen. Schon diese Aufforderung trägt viel dazu bei. alle jene fürchterlichen Geschichten zu bestätigen, die ich gehört hatte.
Die serbischen Verwundeten.
Belgrad, 12. November. Nach amtlichen Berichten befinden sich hier gegenwärtig 6700 serbische Verwundete, die in 18 Hospitälern untergebracht sind. Die Gesanitzahl der serbischen Verwundeten soll sich auf ungefähr 10 0 0 0 belaufen.
Die Beschwerden gegen das serbische Prefsrbureau.
* Belgrad, 12. November. Das Pressebuveau gM bekannt. daß aus Anlaß der von mehreren Blättern gegen Einzelne Beamte des serbischen Kviegspresstibureiaus erhobenen Anklagen wegen Mißbrauchs ihrer Amtsgewalt Lte öffentliche Untersuchung eingMitet wurde.
Die Kämpfe der Montenegriner um Skmtari.
wb. Wien, 12. November. Die „Südslawische Korrespondenz" meldet aus Cattaro: Einwandsfreie Berichte stellen fest, daß die militärische Lage vor Skutari für die Montenegriner entschieden ungünstig ist. Die Kolonnen auf dem linken Bojanaufer wurden nach dreitägigem Kampfe von Essad-Pascha bis nach Belas zurückgeworfen. Vor dem Eintreffen der Garden unter Jankowitsch ist keine Besserung der Lage der Montenegriner zu erwarten, welche durch Überschwemmungen der Bojana und große Schneefälle Ver- pslegungsschwierigkeiten haben. Die Meldungen über die Besetzung von San Giovani di Medua und Alessio durch die Montenegriner haben sich als falsch erwiesen.
Kus ösv Tüvksr.
Der Sultan will fliehen.
Petersburg, 12. November. Der „Nowoje Wremja" wird berichtet, daß es in Konstantinopel zwischen Kiamil-Pascha und dem Sultan zu bewegten Szenen gekommen ist, weil der Sultan die Vorbereitungen zu seiner Flucht nach Bruffa traf. Der Großwesir bedurfte seines ganzen Ein-
Gebärdensprache, die gerade noch auf der haarscharfen Grenze zwischen Ästhetik und brutalem Realismus balancierte. Im letzten Teile, als Interpretin moderner Dichtungen, zeigte sie wieder ein neues Gesicht: Frömmigkeit bei dem Kinderliedchen von James, und dann ganz die verwegene Kokotte, als sie sich als Weib gegen die Kraft des Mannes wehrt, als sie ihn mit ungleichen Waffen bekämpft. Eine Katze, die Krallen erst heimlich unter der Sammetpfote versteckt, dann fauchend und lodernd in entbrannter Wut. Etwa achthundert Personen hatten sich eingefundcn, der berühmten Diseuse zuzuhören. Wieder und immer wieder rnußte sie sich verneigen. Ein Teil hielt fest zu ihr, bejubelte jede Leistung, der andere Teil schien nicht so ganz befriedigt. Uvette ist durch und durch Französin, nicht alles, waS die temperamentvolle Gallierin brachte, wollte ganz gefallen. Aber jeder muh schließlich doch gespürt haben, daß in dieser Kleinkunst eine große Kunst und eine große Künstlerin steckt, die über den Rahmen herauswuchs. Ihre typische Erscheinung hat Uvctte geändert. Die Frau, die alles wohl erwägt, die alles klug durchdenkt, war Wohl der Meinung, daß sie nicht nur im Programm, sondern auch in der äußeren Erscheinung Abwechslung bringen müsse. Sie trägt nicht mehr die langen schwarzen Handschuhe, die sie so berühmt machten, Für jede Epoche wählt sie ein anderes Kostüm, ganz im Stile der Zeit. Zu ihrer Begleitung hatte sie Harfe und Klavier. Arturo Luzzati. ein feinsinniger Pianist, der auf jede Intention der Künstlerin cinging und sich mit viriuoseni Geschick anpaßte. Helene Chalot. ein in graue Schleier gekleidetes, zierliches Etwas, ein Elschen, das mit zarten Händen ein zartes Solo in der Pause zum Besten gab, und ein Flötist. Louis Fleury. der es ebenfalls verstand mit einigen sehr präzis ausgeführten Stücken sich die Ruhe und Aufmerksamkeit der Zuhörer zu erringen. Ein besonderer Abend ... B. v. IST.
* Frankfurt. Kein Konzert — eine Festfeier war cs, die wir im altberühmten „Rüh lsch en Gesangvere in" erlebten! Unter. Herrn Musikdirektor Karl Schur ich ts Leitung wucken diesmal drei größere, zum Teil äußerst schwierige
Mitt woch, 13. November 1912. Nr. 838.
slusses, um den Sultan zur Rückgängigmachung seines KÄ« Muffes zu bewegen.
Der Zusammenbruch der jungtürkischerr Partei.
* Kvnstantinopel, 18. November. Hier zinkuNert^ das Gerücht, daß im Zusammenhang mit der Katastrophe aus dorn Kriegsschauplatz der Zusammenbruch der sirngtürkischen Parteli unvermeidlich gewocken sei und binnen kurzem er, folgen wecke.
Auflösung der politischen Klubs.
* Konstantinopel, 12. November. Die Regierung hat den Befehl erneuert, die politischen Klubs zu schließen und erlaubt in den zu Lazaretten umgewandelten Klubräumen nur die An, Wesenheit von Sanitätspersonen.
Hungersnot, Typhi,s und Cholera in Konstantiuopel?
* London, 13. Navemlber. Der Korrespondent des
„Daily Teilognrph" meldet unterm 11. NoverNber: Die
Szenen, welche sich in Konstantinopel absptelen, sind geradezu furchtbar. Es herrscht Hnn>gers.not. Typhus und Cholera fordern Tausende von Opfern.
Die Flotte der Mächte.
wb. Washington, 12. November. Die Kreuzer „Tennessee", „Montana" und „Philadelphia" find nach Smyrna und Beirut abgegangen.
Der Zwischenfall mit dem dentschen Militärattache beigelegt.
* Paris, 13. November. Wie der „Matin" zu melden weiß, hat der Zwischenfall mit dem deutschen Militärattache, Major von Strempel, dadurch seine Erledigung gefunden, daß dieser von den Stellungen bei Tschataldscha gestern zurück g e k e h r t ist. Irgend welche Weiterungen sind daher nicht zu erwarten.
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Zwei verschwundene Kriegskorrespondente».
* Kopenhagen, 13. November. Am 13. Oktober hatten ein schwedischer und ein dänischer Journalist, und zwar der Kriegskorrespondent der Stockholmer Zeitung „Eya Daglida Allchande", Philipp v. Schwerin, und der Kopenhayerrer Zeitung „Riget", Franz v. Jenssen, gemeinschaftlich Kon- ftantinopel verlassen, um sich nach dem türkischen Lager zu begeben. Bon diesem Tage cm ist man ohne jede Nachricht von den Korrespondenten und die von dem schwedischen lntb dänischen Konsul in KonstantinoM vorgenommene Untersuchung hat kein Resultat ergeben. Man vermutet, daß die beiden Korrespondenten sich entweder in GesanMnschaft befinden oder erschossen worden sind.
Zw Ermordung Canalejas.
Der tragische Tod des spanischen Ministerpräsidenten hat in allen Kreisen der spanischen Bevölkerung unbeschreiblichen Eindruck hervorgerufen.
Josv Canalejas war anr 31. Juli 1854 zu Ferrol (Provinz Galicien), ein Sohn eines ausgezeichneten Eisenbahningenieurs, geboren und widmete sich dem' Studium der Rechte, aber auch der Philosophie und Literatur. Als EiMbahnteamter schrieb er lein erstes Werk, eine zweibändige Geschichte der lateinischen Literatur. 1881 wurde er zum erstenmal als Abgeordneter in die Cortes gewählt. Aus jener Zeit stammt sein Werk über das Recht des Parlaments. Im Dezember 1888 wurde er Handels- und Justizminister und blieb es bis zum Februar 1890. Vom Dezember 1894 bis J895 war er Landwirtschaftsminister. 1900 erhob er die Fahne gegen den K'lerikalismus und Jesuitis- mus, und im Jahre 1802 trat er als Minister für Ackerbau, Industrie und Handel in das Ministerium Sagasta ein und wurde im Februar 1910 Minister- präsident.
Was gerade ein liberaler Minister in Spanien getan hat, um sich den besonderen Haß der Anarchisten zuzuziehen, muß einer späteren Aufklärung Vorbehalten bleiben. An sich war er an der Spitze der Regierung der Vertreter eines Liberalismus, wie er an dieser Stelle in Spanien noch nicht oft gewesen ist. Canalejas stellte bei Beginn seiner Regierung im Jahre 1810 ein durchaus demokratisches Reformprogramm auf. Er wagte es, Hand an di« privilegierte Stellung des Klerus zu legen und die A b s cha f f u n g des Konkordats zu erstreben,
Chorwerke zu Gehör gebracht. Und zwar mit hinreißendem künstlerischen Schwung: es ging wie ein Feuerstrom von dem jungen Dirigenten aus, und alle Mitwirkenden, Chor, Solisteir und Orchester spannten ihre Kräfte aufs Höchste. Max Negers neue .Kantate „Die Nonnen" — hatte es hauptsächlich der fein- gesonderten, stimmungsreichen Wiedergabe zu danken, daß man über die Sonderbarkeiten und Geschraubtheiten der Komposition willig hinwegsah. Wild-gespenstig zog Hugo Wolfs Chor „Der Feuerreiter" vorüber, und am eindringlichsten bewies der Rühlsche Verein seine jetzt so glänzende musikalische Disziplin in Mendelssohns „Walpurgisnacht": gerade diesem klassischen Meisterwerk hatte Herr Schuricht eine äußerst liebevolle und — von kleinen Ausdrucks-Übertreibungen abgesehen — meisterwürdige Ausführung zuteil werden lassen, die von förmlich dramatischer, von elektrisierender Wirkung war. So wurde denn auch Herr S ch u r i ch t von unserem Franktnrter Publikum in begeisterter Weise gefeiert. 4.
s= Verband deutscher Orchester- und Chorleiter (E. V.). Mit dem Sitz in Nürnberg bestrebt dieser Verband unter dem Ehrenpräsidium des Generalmusikdirektors Max Schillings den.festeren Zusammenschluß und die Verbesserung der sozialen Lage der deutschen Dirigenten. Der Vorstand des Verbandes, Herr Kapellmeister Ferdinand Meister (Nürnberg), hat in einer lesenswerten Broschüre das Programm der Gesellschaft näher entwickelt und zum Teil erschreckende Beispiele von der Stellung und Behandlung der Dirigenten kleinerer Orchester und Vereine beigebracht. Besonders wick auch daS Unwesen der sogenannten Kapellmeister-Volontäre, der Gastdirigenten und die Konkurrenz der Lehrer (als Vereinsleiter) ins Auge gefaßt: und über die Verbesserung der Lage, wie über die erforderliche Ausbildung der Dirigenten, die Stellenvermittlung, u. dergl. manch kräftiges Wörtlein gesprochen. Der „Verband" scheint Manns genug, solche Worte auch in Taten umzusetzen. Die „Neue Zeitschrift für Musik" in Leipzig ist das Organ be§ Verbandes, der bereits an 400 Mitglieder zählt!. O. D.
