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Montag, 7. Oktober 1912.
Bbenö «HusQ&bc.
Nr. 469. ♦ 60. Jahrgang.
Die Kriegsgefahr.
Die Zortdauer des kritischen Zustandes.
O Berlin, 6. Oktober.
Cs ist noch keine Formel für ein gemeinsames Dorschen der Großmächte gesunden worden, und man tann im Zweifel sein, ob der in Paris aufgetauchte Ge- "aake, die von der Pforte zu verlangenden Reformen ^ttter die Kontrolle der Mächte zu stellen, dazu beitragen faag, die Einigkeit der Kabinette zu fördern. Vermut- Uch wird man sich an mehr als einer maßgebenden stelle in Europa fragen, ob der Türkei solche Kontrolle SUgemutet werden kann, und zum mindesten wird erst s^Mvarten sein, wie die Urheber dieses Vorschlages sich Ausführung vorstellen. In hiesigen politischen Kreisen hat man im übrigen und ganz selbstverständlich Zolles Verständnis für die Bedenken, mit denen in Wien der Vorschlag ausgenommen worden ist. gleichem nach studentischen Komment unter Ehrenwort völlige Uninteressiertheit in bezug auf die Fragen zu versichern, die gerade den Lebensnerv der Donau- Monarchie berühren. Wenn ein Einvernehmen zwischen dem Tonaureiche und Rußland in der Richtung, Mle sie Herrn Poincar6 vorschwebt, zustande kommen mll. so dürfte es voraussichtlich nötig fein, eine andere ^is die gestern aus Paris gemeldete Grundlage dafür Su schaffsen. Jedoch steht nichts im Wege, sich in den ferneren Verhandlungen über entsprechende Änderungen der französischen Vorschläge zu verständigen, ^deutscherseits wird wie bisher jeder Schritt Unterstützung finden, der eine wirkliche und wirksame Gemeinsamkeit der Großmächte unter voller Wahrung der Interessen des Pfortenreichs herbeisühren Konnte, und man ist hier be f r e m d e t über Versuche französischer Blätter, die deutsche Politik in der gegenwärtigen Balkankrise als Element der Hemmung hrnzustellen. Können solche unsinnige Behauptungen Melleicht eine unkundige öffentliche Meinung verwirren, w weiß man in den europäischen Kanzleien jedenfalls Senau, wie falsch eine Darstellung ist. die, da sie nicht mrf Unkenntnis beruhen kann, nur als Ausdruck von Gehässigkeit zu verstehen ist. Es steht tatsächlich so, gaß wir mit Frankreich im Augenblick bis zu einer ge- Wsen Linie zusammengehen können. Für die Ehrlichkeit der französischen Vermittlungstätigkeit wricht auch dies. Das russisch-französische Bündnis hat Me Republik nie gehindert, mit Bedenken, die aus der französischen Tradition gut zu begreifen sind, aus die Möglichkeit zu blicken, daß der Freund an der Newa emes Tages die freie Durchfahrt durch die Dardanellen erreichen könnte. Wenn in Paris der maritime Macht- ^frachs, der nach solchem Ereignis für den Zweibund wi Mlttelmeer zu erwarten wäre, naturgemäß nur er
wünscht sein kann, so müßte die vorangegangene Schwächung des Pfortenreich 2, ohne welche die Tardanellenfrage nicht zu lösen wäre, als ein etwas überreichliches Äquivalent angesehen werden. So darf man denn die Gewißheit haben, daß alle Bemühungen Frankreichs um die Verhinderung des Kriegsausbruchs aufrichtig gemeint sind, und man darf dies um so mehr, als anzunehmen ist, daß in Balmoral über die Tardanellenfrage nicht in einem Sinne gesprochen worden ist, der Beunruhigungen rechtfertigen würde. Was auch immer Ssasonow in England erreicht haben mag, die Zustimmung Großbritanniens zur Aufhebung der Meerengensperre für Kriegsschiffe hat er nicht erreicht, schon weil er sie (auch dessen kann man sicher sein) im gegenwärtigen Augenblick gar nicht erstrebt.
Die Schwierigkeiten des Eingreifens der Großmächte.
chj: Berlin, 6. Oktober.
Die Lage ist sehr unbehaglich. Jeden Tag kann auf dem Balkan losgeschlagen werden und womöglich ein Weltbrand entfacht werden. Bei uns aber ist der Kanzler zur Jagd gefahren, der Kaiser weilt seit Wochen in Rominten, und wegen seiner Abwesenheit, heißt es, kann unser Londoner Botschafterposten nicht besetzt werden.
Von der Einigkeit der Großmächte hat man sich niemals viel versprechen können, und es scheint, daß man auf dem Balkan das weiß und deshalb ohne die Großmächte zu handeln gewillt ist. Tatsächlich gehen denn auch die Meinungen in Berlin, Wien, London und Paris noch - sehr auseinander. Die Eifersüchtelei ist noch groß. Man verfährt nach dem Worte: Hannemann, geh du voran, du hast die längste. Stiefeln an. Aber, so sagte mir ein gut unterrichteter Diplomat, die wirklichen Schwierigkeiten liegen nicht einmal in der Abfassung der gemeinsamen Note. Selbst, wenn eine solche in voller Harmonie bei den Balkanstaaten und in Konstantinopel überreicht ist, so entsteht erst die Hauptfrage, wer wird sich für die Ausführung der Ansichten der Großmächte eirisetzen? Irgend jemand muß doch den Exekutor spielen, um die Balkanstaaten zu zügeln, wenn sie sich gegen die Großmächte auflehnen. JnKonstantinopel ist man vielleicht noch am ehesten geneigt. die gewünschten Reformen in Mazedonien nicht nur zu versprechen, sondern auch durchzuführen. : Aber wer hält die Leute in Belgrad und in Sofia in Ruhe. Österreich-Ungarn müßte doch nötigenfalls bereit sein, den Sandschak Novibazar oder Belgrad zu besetzen und Rußland müßte ein paar Reginienter nach Bulgarien schicken. Nun scheint es ja zwar, als wäre Österreich bereit, den Exekutor gegen Serbien zu spielen, unter Umständen auch im weiteren Verlauf des Krieges, wenn etwa Serbien als siegreiche Macht die Valkankarte zu
seinen Gunsten verändern wollte. Aber allein wird Österreich nicht vorangehen und das ganze Odium auf sich wälzen wollen. Ist Rußland geneigt, nötigenfalls ein paar Regimenter nach Bulgarien zu schicken, um dort zu dämpfen? Vor, der Hand hat Rußland an der polnischen Grenze inobilisiert, aber nicht gegen Bulgarien. Sie sehen, das alles sind Schwierigkeiten, deren Bedeutung man bei den schwebenden Unterhandlungen nicht unterschätzen darf. Wer ein Machtwort spricht, muß auch bereit sein, die Flint e nötigenfalls losgehen zu lassen.
Ich konnte mich dem Gewicht der Darlegungen! meines Gewährmannes nicht entziehen und sah ein> daß der Friede auf dem Balkan an Zwirnsfäden hängt, wenn er von dem guten Willen der Großmächte abhängt.
»
Oie Vorgänge auf dem Balkan.
Die heute vorliegenden Meldungen vom Balkan besagen, daß die kriegerische Begeisterung aller Orten immer größer wird. Die Kundgebungen und Versicherungen. nicht nachgeben zu wollen, mehren sich, während gleich, zeitig die Mobilmachung mit fieberhafter Eile fortgesetzt wird. Natürlich zirkulieren auch die verschiedensten Gerüchte, ohne daß man sie nachprüfen kann. So wird berichtet, daß serbische Banden bereits in den Sandschak Novibazar eingedrungen seien und daß Vorpostengeplänkel an der bulgarischen Grenze ftatrgcsunden hätten, über diese sind jedoch bisher keinerlei Einzelheiten bekannt geworden. Eine Meldung aus Kossowo besagt, daß in der Gegend abermals ein Zusammenstoß stattgefunden hätte, wobei ein Türke und zwei Serben gefallen seien. Die Türken sollen die montenegrinischen Vorposten bei Gursing zurückgeschlagen haben, ein Zwischenfall, der nach weiteren Nachrichten als sehr ernst bezeichnet wird, und wie es weiter heißt gleichbedeutend sei mit der Eröffnung der Feindseligkeiten. Einzelheiten sind aber auch hierüber bisher noch nicht bekannt geworden. Inzwischen hat die Pforte ein Rundschreiben an die Mächte gesandt, in dem sie darauf hinweist, daß sie den Kabinetten keinerlei Anlaß zu irgend welchen Klagen über die Balkanstaaten gegeben habe. Die Türkei sei gezwungen worden, militärische Maßnahmen zu treffen angesichts der aus den Balkanstaaten kommen- den beunruhigenden Nachrichten. Die Manöver der türkischen Truppen hätten keinerlei anormalen Charakter getragen. Der einzige Grund für den jetzigen Stand der Dinge sei in dem Ehrgeiz jener Staaten zu suchen, die der Humanität nicht achteten und den allgemeinen Frieden zu stören suchten. Die Türkei will, indem sie auf diese Tatsache hinweist, die Großmächte benachrichtigen, daß sie sich gegenüber den Forderungen der Balkanstaaten volle Aktionsfreiheit Vorbehalte. Die türkische Regierung sei der Ansicht, daß die Mächte der Situation Rechnung tragen müßten und daß die Pforte nichts unterlassen dürfte, um ihre Rechte zu schützen. Die nachsol-
NaSbruck rerborrn,
Berliner Theater- und Kunstbriefe.
Von Felix Poppenberg.
Blumrnlhals „Wgffengang".
Blumenthals neues Lustspiel „Ein Waffengang" , im Schauspielhaus recht freundlich ausgenommen. r‘ eu " ist nichts an ihm, so paßte es freilich gut in dies Haus, der Konservierung dramatischer Fossilien gewidmet ist. ^ber erschrecklich vornehin geht's zu, es spielt in Pariser «alons —. „ein bißchen Französisch' ift gar zu schön" —, in Hall einer Privatjacht (von deren Mahagoniton man frei. ^ch nicht behaupten kann: sie wäre nicht von Pappe), unter Grafen und Baronen. Das ist das Milieu unseres weltmänni- Ichen Dichters, und man denkt dabei an die reizende Anekdote doll unverbürgter Selbstrronie, nach der Oskar Blumenthal dor grauen Jahren bei der Probe zur „Ehre" dein Darsteller "es Grafen Traft gesagt haben soll: „Sie wollen aussehn wie a Graf; wissen Sie, wie sie auSsehn, Sie sehen aus wie ich!"
Unter den Aristokraten mit dem Wappenadler gibt's aber wich ein bürgerliches Federvieh, einen Schriftsteller, Herrn -uoger Dartois. Er ist ein Sänger und ein Held, er hat, wo- ^orr er mit liebenswürdiger Offenheit plaudert, schon zwölf Duelle gehabt. Und jetzt naht sein dreizehntes, das er gegen oinen böswilligen Kritiker ausfechten will.
. Dieser Wasfengcmg wird ein lebenslänglicher, bis zur Kanipsunfähigkeit, denn der Kritiker entpuppt sich als eine hübsche junge Komtesse, und Roger und sie kriegen sich nach dem ältesten Lustspielrezept. Man weiß das nach der ersten halben Stunde, so vergeht die übrige Zeit nicht gerade kurz- heilig oder spannend.
„ Sie wird mit ehrwürdigen Späßen ausgefüllt, Späßen Uber Ehe, Scheiden und Meiden, über alte Junggesellen mit trauringhaften Johannistrieben, die nun gleich mit der silbernen Hochzeit anfangen, aber dann die Kunst, unverheiratet Und doch glücklich zu sein, vorziehxn; Späßen über den 8emimsmus von ungewöhnlicher Abgestandenheit. Frau Butze wußte dazu als Karikatur einer Journalistin, Fechtlehrerin
und Kartellträgerin erscheinen mit Herrenhut, Lut av-v, Stock und Monocle, und man bedauerte sie.
Diese Drahtpuppen spreche;: nie aus sich oder aus der Situation heraus, sondern immer nur, was der Galerie ein Grinsen abnötigen könnte. Lichtblicke waren die Kostüme der Danien (von denen Käte Hännemann als Komtesse angenehm auffiel), fließende Seiden, gerafft und wallend ausgenommen. — Charmeusen, der Text dazu aber war von Leder.
Königlich? Schauspiele.
Sanlstag, den 6. Oktober, zum erstenmal: „Mein
Freund Teddy". Lustspiel in 3 Aksen von Andre Rivoire. und Süden; Besnard. deutsch von Bolten -B ä ck e r s.
Daß cs in einem französischen Drama durchaus ehrbar zugehen muß, wenn cs im Hoftheater der Ehre einer Aufführung gewürdigt wird, ist selbstverständlich. So wäre denn gegen Tugendhaftigkeit und Moral dieses Konversationsstücks nicht das, geringste einznwenden, es geht tadellos korrekt darin zu, auch in eroticis, von Paprika keine Spur. Aber man hätte doch als Würze wenigstens etwas attisches Salz gerne heraus- geschmeckt. Leider aber fehlt es an pikanten Zutaten fast gänzlich. Und be: der dürftigen, fast ärmlichen Handlung wären sie doch so. nötig gewesen. Man plaudert sich so allmählich durch die drei Akte hindurch, gelegentlich erfrischt ein gelungenes Bonmot, aber im ganzen bleibt cs bei gebildeter Langeweile.
Man versteht es, daß die junge Frau Didier-Morel in ihrer. Ehe sich nicht gerade wohl fühlt, ihr. Mann ist ein höchst apfgeblasener Herr, der nichts im Sinne hat als seine politische Karriere, und statt seinem anmutigen Frauchen sich , zu widmen, der 4Vjährigen Frau, Theodule Raucher, Präsidentin, nicht etwa, eines Gerichts oder Senats, nein, sogar Expräsidentin der frtkstzösischen Republik,, seine Huldigungen dar- bringt. Dafür läßt sich denn Frau.Madeleine von Jacques Berlin, einem geckenhaften Gesandtschastssolreiär, den Hof machen. In die nicht allzu interessante Gesellschaft schneit nun der Titelheld hinein, Teddy Kimberley, Kanadier oder wenigstens Amerikaner, der sich als Millionär den Luxus eines
etwas flegelhaften Naturburschentums leisten und Europens übertünchte Höflichkeit verachten darf. Er durchschaut trotz anscheinender Dümmlichkeit die Situation sofort, und beschließt, die junge Frau, für die er gleich in glühender Liebe entbrannt, für sich zu kapern. Der Herr Deputierte muß zunächst mit seiner Egeria vereinigt werden, damit dann nach der Scheidung Freund Teddy die Verlassene trösten kann. Natürlich geschieht das in legitimster Form. Aber da nun Madeleine zunächst Herrn Berlin, den verführerischen Attache, als ihren Beschützer erwählt, ist Stoff für einen dritten Akt vorhanden, in dem Teddy dem jungen Herrn die Türe weist. Ein bißchen lange hat eS ja gedauert, aber dafür ist denn auch alles in beste Ordnung gekommen, und Freund Teddy bildet den Mittelpunkt einer rührenden Familienszene.
Nur eine ganz flüssige Darstellung konnte die Langeweile bekämpfen, die uns oft genug aus dem Stück entgegengähnte. Zum Glück aber fehlte eS nicht an der nötigen Munterkeit und Frische. Herr Herr mann allein hätte schon mit seiner lässigen Natürlichkeit das Stück retten können, sein Teddy war eine Prachtfigur von ganz unwiderstehlicher humoristischer Kraft. Und Fr. B a y r h a m m e r wußte ebenfalls allerliebst zu plaudern und. erreichte gerade durch schlichte Einfachheit die schönste Wirkung. Wie hübsch kam der kleine Rückblick auf die Kinderzeit heraus^ so naiv und ohne Assektion,' daß man es eher verstehen konnte, wie die kleine Frau sich so sehr in ihren Gefühlen täuschen konnte. Stattlich kontrastierte dagegen Frl. E i ch e l s h e i m, die aber dabei ganz im Lust- spielstil blieb und mit kleinen Liebenswürdigkeiten versöhnte. Recht undankbar war die Aufgabe der Herren Radius und Albert (Didier-Morel und Bertin), hier waren auch einige. Unterstreichungen zu entschuldigen. Herrn Werts Tenor freilich schwebte oft in höchsten Regionen. Die Herren Kober und S ch w a b führten ihre Nebenrollen sehr gewandt durch, und in einem Quartett von jungen Mädchen, das den ersten Akt^eröffnete, zeichneten sich die Damen Doppelbauer, Schrötter und Botz durch muntere Laune aus.
Das Publikum war bei so trefflicher Darstellung weit beifallsluftiger, als es das Stück selbst eigentlich verdiente.
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