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Sonntag» 22. September 1912.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 444. - 60. Jahrgang.

Oie vierte Ouma.

Am Montag, den 23. September, finden die Wahlen zur vierten russischen Tuma statt, und im Zarenreich sieht man je nach dem politischen Standpunkt entweder mit Besorgnis und dies ist vor altem seitens der regierenden Kreise der Fall, teils aber mit mehr oder minder gedämpften Hoffnungen dem Ausfall der Wahlen entgegen. Die erste und zweite Duma, die überwiegend radikal und oppositionell waren, haben be­kanntlich vorzeitig ein schnelles Ende erreicht. Die dritte Duma aber konnte sich ausleben. Sie ist eines natürlichen Todes gestorben, obwohl die Regierung, die so große Hoffnungen auf sie gesetzt hatte, zum Schluß große Enttäuschungen an ihr erlebte. Bei der dritten Duma sind die leitenden Kreise im Zarenreich damit gestraft worden, womit sie gesündigt hatten. Durch den Staatsstreich vom 3. Juni 1907 war dem russischen Volk ein neues Wahlrecht aufoktroviert wor­den, welches unter Herabsetzung der Mandate von 520 auf 442 die städtische wie die bäuerliche Bevölkerung zugunsten des Großgrundbesitzes sehr benachteiligte, während gleichzeitig dem nichtrussischen Bevölkerungs­teil Polen Kaukasier, Asiaten nur 50 Wahlkreise zugesprochen wurden. Auf diese Weise wurden denn auch der dritten Tuma die demokratischen Ovvositioüs- gelüste gründlich ausgetrieben, aber die amtliche Be­günstigung der reaktionären, panslawisch gesinnten Be- völkerungsschichten hatte eine Rechtsschwenkung zur Folge, die nun wiederum der Regierung zu weit ging. Insbesondere hatte der Ministerpräsident Kokowzow, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger Stolypin keine Neigung zeigte, mit der jedem Fortschritt feindlichen Rechten durch dick und dünn zu gehen, zum Schluß manchen harten Strauß mit der Tuma zu bestehen, so- daß ihm deren seliges Ende jedenfalls nicht uner­wünscht war.

Ta der Ministerpräsident zwecks Erlangung einer gefügigeren Volksvertretung unmöglich wieder zu dem beliebten Aushilfsmittel des Staatsstreiches greifen konnte so bat er diesmal von einer abermaligen Ab­änderung des Wahlrechtes Abstand genommen und sich mit einer Interpretation des Wahlgesetzes durch den Senat, die oberste Gerichtsbehörde, begnügt. Zu­nächst wurde allen Wählern bäuerlichen Standes, die in den Städten wohnen, die Ausübung des Wahlrechts dadurch praktisch unmöglich gemacht, daß man sie der Wahlliste ihres Heimatdorfes überwies, und zweitens wurde den zahlreichen Inden, die mit provisorischer Erlaubnis außerhalb des Ansiedlungsrapons wohnen, durch allerlei polizeiliche Schikanen das Wahlrecht ent­zogen. Aber auch diese Maßnahmen zur Schwächung der Opposition schien den leitenden Kreisen noch nicht zu genügen, und man sagte ihnen den Plan nach, daß sie durch den allmächtigen amtlichen Wahlapparat mög­lichst viel Geistliche in die Duma bringen wollten, um sich auf diesem Wege eine gefügigere Volksvertretung zu sichern.

Es scheint aber, daß der Ministerpräsident starke Bedenken gegen eine solchePopenduma" hatte, denn

Nachdruck verboten:

Der Prospektor.

Südwestafrikanische Skizze von Hans Linck (Wiesbaden).

Der blanke Knauf des kleinen Zeltes, das im gelben Kleid sich kaum von dem Reviersand abhob, wetterleuchtete kveithin.

Dicht bei der Eingangstür saß der Prospektor Bleets unter, dem Kameldornbusch, von dessen, nach Schlangen und Pelz dünstenden Ästen die blutgierigen Sandpannen gleich­mäßig wie Regen zu Boden prasselten, und schaute aufmerk­sam in die alte Konservenbüchse. Er bedauerte tief, daß der kleine Kasfernköter, der, wenn er ihn an Schwanz und Kragen zugleich zog, so hübsch die Harmonika ersetzte, aus Berufs­müdigkeit eingegangen war, und daß er nun, um den gähnen­den Stumpfsinn zu verscheuchen, sich die Zeit mit. weit ge­fährlicherem Spielzeug vertreiben mutzte. Dabei hatte er schon so viel Steine umgedreht, daß ihn der Arm schmerzte, und doch nur zwei klägliche Exemplare des schwarzgrünen, krebsähnlichen Ungeziefers erbeutet.

Das eine, vermutlich ein Männchen, war mit resoksttem Entschluß sofort in die besseren Gefilde hinübergewechselt, das andere, das er später cingefangen hätte, schien sich noch eine Weile besinnen zu wollen. Aber wenn er etwas nachhalf, konnte es auch nicht mehr lange dauern!

Und wirklich, als der spitze Zweig _ in der raffelnden Blechbüchse herumstocherte, sah der Skorpion fassungslos die Platten Wände seines Kerkers an, dann krümmte er oen lanz-ütenförmigen Hinterleib und beförderte sich mit dem St^^el zu seinem vorausgegangenen Genossen hinüber.

Wie ein Kind, das seine glücklich zerbrochenen Spielsachen

keines Blickes mehr würdiat. rollte Bleets die Konserven­

wie verlautet, ist jener vom Heiligen Synod befürwor­tete Plan durch die Intervention Kokowzows noch in letzter Stunde vereitelt worden. Offenbar ist dieser klug genug, um zu erkennen, daß ihm mit einem Parlament, dessen Mehrheit der Konstitution feindlich gesinnt ist, durchaus nicht gedient wäre, denn gerade in Rußland hat die Volksvertretung sich: als eine Art Sicherheitsventil an der oft genug überheizten Staats- Maschine erwiesen. Freilich gibt es einflußreiche Stellen im Zarenreiche, die anders denken als der Ministerpräsident und denen eben deshalb ein Sieg der Opposition bei den Wahlen sehr erwünscht wäre, weil sie dann um so eher erwarten können, daß diese Duma sich als nicht lebensfähig erweisen und es so, je eher, desto besser, zur Auflösung des Parlaments und zu einem neuen Staatsstreich kommen würde. Es scheint leider, daß diese lebensgefährliche Taktik auch am Hofe warme Befürworter hat. Wie man aus der Geschichte weiß, hat sich Zar Alexander I. einst auf dem Wiener Kongreß an Wilhelm v. Humboldt mit dem wunder­lichen Ansinnen gewandt, er möge ihm doch einen Plan zur Bildung einer Opposition ausarbeiten. Zar Nikolaus ist anderer Meinung, er möchte eine Duma, die frei von jeglicher Oppositionslust lediglich als Geld­bewilligungsmaschine arbeitet.

Welchem dieser Wünsche die vierte Duma entsprechen wird, das läßt sich nicht Voraussagen. Nach den Be­richten, die die russische Regierung empfangen hat, sollen die linksstehenden Gruppen, insbesondere die neuge­bildete Partei der Progressisten, gute Aussichten auf Kosten der Rechten und des Zentrums haben, während es andererseits mit den entschieden oppositionellen Kadetten schlechter stehen soll. Jedenfalls wäre es im Interesse der ruhigen Entwicklung des Zarenreiches dringend wünschenswert, wenn die anscheinend maß­volle Gruppe der Proqressisten aus Kosten der Ex­tremen von rechts und links an Boden gewänne, denn zum Schluß kann nur durch ein gedeihliches Zusammen- arbeiten zwischen Regierung und Parlament eine Ab­kehr von dem.gegenwärtigen Zustande innerer Gärung und chronischer Wflren, welche die politische und die wirtschaftliche Entwicklung des Zarenreiches in gleicher Weise hemmen, erreicht werden.

Die Ausstellung der HerbsLneuformationen.

Die Offizierstellenbesetzung für die Neusormationen, die auf Grund der Annahme der Heeresvorlage am 1. Oktober d. I. errichtet werden, ist,, wie mitgeteilt, durch kaiserliche Kabinettsorder vom 13. September aus dem Manöverlager bei Oschatz verfügt worden. Über die Aufstellung selbst hat das Kri e g s m im i st e- rium bestimmt: Tie neuen Truppenteile werden in voller Stärke aufgestellt. Ihre Bildung beginnt am 1. Oktober. Die Regiments-, Bataillons- und- teilungskommandeure, die Adjutanten und Zahlmeister treflen bereits am 2 8. September in den Auf­stellungsorten ein. Die Mannschaftstransporte treten

büchse mit dem Fuß beiseite und kroch unter die Segeltuch­decken zurück. Behutsam, als fürchte er, mit einem der heim­tückisch aus dem Versteck auftauchenden Nägel Bekanntschaft zu machen, nahm er au^ dem aus Kistendeckeln zurechtge­zimmerten Feldstuhl Platz und svie verachtungsvoll nasse Tabakskrümelchen auf die zerstreut umherliegenden Requi­siten seines Berufs. Der grobe, massive Hammer und der zierliche Meißel erhielten je einen, die gerippte Zinnschüssel dagegen zwei nachdrückliche Grütze. Aber die hatte ihn auch am meisten betrogen! Wie oft hatte er schon an der Pfütze den Kies ausgewaschen, manchmal auch das Gesicht in die Schüllel getaucht, aber das Resultat war stets das gleiche geblieben. Trüb, manchmal sehr trüb hatte sich das Waller gefärbt, auf dem dunklen Grund jedoch war niemals das so sehr ersehnte Flimmern der goldgelben Pünktchen zu sehen gewesen.

Und in Lüderitzbucht fanden sie Diamanten, bei Cunhas Kupfer, jetzt sogar südlich von Berseba Braunkohlen. Es war für ihn die höchste Zeit, daß er auch mal etwas anderes als Zecken und Tausendfüßler fand!

Auf der Holzpritsche ausgestreckt, schabte er mit dem Messer eine Platte Tabak nach der anderen klein und über­legte die Entwicklungsmöglichkeiten seiner Existenz. Als die Klippdachse sich aus den Felsspalten herauswagten und die Knorrhähne den Abend ausriefen, war ihm eine erlösende Idee gekommen, und er machte sich sofort an die Ausführung seines glänzenden Gedankens. Die Vorbereitungen nahmen allerdings noch viel Zeit in Anspruch, er mutzte lange herum­suchen, bis er durch die zerrissene Tasche das letzte Pfundstück aus dem mulmilgen Futter herausgeangelt hatte, dann aber ging er mit dem doppelten Eifer ans Werk.

Die Pillendreher, die ihre in den Kügelbäusern schlum­mernden Jungen mit den Sandkissen zugedeckt hatten, wollten

den Marsch oder die Eisenbahnfahrt in die neue Garni­son am 1. Oktober an. Alst 6. Oktober muß die Auf­stellung beendet sein, von der dem Kaiser Mel­dung zu erstatten ist. Bei der Abgabe geschlosse­ner Kompagnien usw. an die neuen Truppen­teile sind auszuschließen die' Fähnriche und Fahnen­junker, die Einjährig-Freiwilligen, die Lazarettkranken, diejenigen Mannschaften, die eine längere Freiheits­strafe verbüßen oder die sich in gerichtlicher Unter­suchung befinden, erlich geborene Elsaß-Lothringer, die in Truppenteilen außerhalb der Reichslande einge­stellt sind, sofern es sich um eine Abgabe an neue Truppenteile handelt, die in den Reichslanden ihren Standort haben. Tie abzugebenden Kompagnien uff. lassen Waffen, Feldgerät, Munition, Schanz­zeug zurück: nur die Unteroffiziere behalten die Seiten­gewehre bis zur Neubewaffnung, die durch die Artillerie- depot-Direktionen, die Feldzeugmeisterei und das Kriegsministerium, für die Fahrräder, erfolgt. Dre Verleihung von Feldzeichen an die neuen Truppen­teile wird am N e u j a h r s t a g oder an Kaisers­geburtstag 1913 in Berlin erfolgen. Über die Gebühr­nisse der vorläufig auf Schieß- und Truppenübungs­plätzen untergebrachten neuen Truppenteile ist bestimmt, daß die zum Beziehen barackenmäßiger Unterkunft ver­pflichteten unverheirateten 'Offiziere keinen Anspruch auf Wohnungsgeldzuschuß haben. Die Umzugskosten strich für unverheiratete und verheiratete Offiziere, die nicht zum Beziehen von Kasernenwohnungen (Baracken) verpflichtet sind, wahlweise so geregelt, daß u. a. Familienväter ihre Frauen und Kinder vorläufig in dem alten Standort lassen können und erst nach end­gültiger Neu-GarnisonieruUg ihren Umzug aus^ Staats­kosten bewerkstelligen können. Ähnl'ch sind über die Servisbezüge und die Mietsentschädigungen ange- messene Bestimmungen ergangen.

Deutsches Reich.

* Der Reichstag vollzählig, Nachdem im Schlettstadt am 18. September die Reichstagsersatzwcchl getätigt wurde, ist jetzt der seltene Fall zu verzeichnen, daß sämtliche 397 Reichs- tagsmandate besetzt sind. Ausschließlich der infolge Doppel­wahl notwendig gewordenen Nachwahl in Pletz-Rhbnik am 8. Februar fanden bisher nicht weniger als sieben Er­satzwahlen statt. Das Zentrum behauptete drei Sitze, Siegkreis - Waldbröl, Saarburg - Merzig - S-aarlouis und Münster-Koesfeld, das elsaß-lothringische Zentrum den WaM- kreis Schlettstadt. Die Fortschrittliche Volkspartei verteidigte erfolgreich Varel-Jever und der Bayerische BauernbunB Pfarrkirchen. Nur der Wahlkreis Hagenow-Gre-vesmüh'Ion ging in anderen Besitz über. Er wurde vom Freisinn den Konservativen abgenommen. Je drei Mandate waren durch den Tod des bisherigen Inhabers und Mandatsniederlegung erledigt. Das Mandat für Hagenow war für ungültig er­klärt worden.

* Maßnahmen gegen die Fleischteuerung. In der Sitzung

des Stadtrates zu Karlsruhe berichtete der Oberbürger­meister über die bereits gemeldeten Beschlüsse der Oberbürger­meisterkonferenz der Stäldteordnumgsstädte vom 18. September in Freiburg bezüglich der Fleischnot. Der Stadtrat erklärte

sich von der Arbeit erholen und prallten in summendem Flug gegen die straff gespannten Segeltuchlaken. Aber teils von dem Aufschlag, teils von dem quietschenden, kreischenden Lärm, der aus dem Zeltinnern drang, halb betäubt zu Boden geworfen, schlugen ihre Flügel bald eine andere Richtung ein.

Mit schweißüberströmter Stirn hockte der Prospektor auf dem Schemel und feilte und hämmerte an dem Goldstück herum, bis es sich immer mehr in ein Häufchen funkelnder Atome zerkrümelte. Endlich legte er die Feile beiseite und atmete, erleichtert auf. Wohlgefällig betrachtete er den Er­folg seiner Arbeit und rückte das schwelende Lichtstümpfchen näher heran, um den glitzernden Glanz zu verstärken. Als seine Augen sich endlich satt gesehen, entnahm er dem Magazin seiner Donnerbüchse Modell 71 eine Patrone, biß die Kugel ab und schüttelte etwas von dem schwarzen Pulver aus, dann ließ er den gleißenden Staub in der Messingbüchse ver­schwinden.

Etwas wehmütig war ihm doch zu Mute, als er die sonder­bare Kassette, die sein letztes, aufgelöstes Piund barg, mit dem Papierpfropfen fest verschloß und die kostbare Patrone in die Tasche schob. Doch er beruhigte sich bald. Sein Opfermut brachte ihm sicherlich noch ZiNstn ein. Ein Schuß mußte in der menschenleeren Gegend ungebört verhallen, und wenn die goldenthaltende Klippe etwas geschwärzt aussah, so war halt der liebe Sonnabend daran schuld. Schließlich kamen auch noch genug Leute ins Land, die die Augen zu und die Taschen offen hielten, einen würde er schon zu ködern willen!

Nach einer Viertelstunde genügte ihm ein Gimpel nicht mehr. Es mußte eine ganze Menge, eine G. m. B. J?. seim das zog mehr und deckte ihm besser den Rückzug über^ die Grenze. Im Anfang des Diamantenfiebers waren auch öfters zwei, drei Gesellschaften auf eiu und demselben Sandhaufen gegründet worden, und im Lande der Fata Morgan«, wo