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21 £DödieittIid} - 12 Ausgaben.T°M-t!.H-us" Nr.6650.53.

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Sonntag» 4. Huguft 1912.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 369. 60. Jahrgang.

vie Politik der Woche.

Die Hundstage machen sich allmählich auch in der Politik bemerkbar, wenngleich in einigen Ländern die Parlamente immer noch fleißig an der Arbeit sind. Zn der Türkei, die augenblicklich im Vordergrund des politischen Interesses steht, haben die Verhältnisse in Albanien und die dadurch hervorgerufene Kabinetts­krise die Veranlassung gegeben, daß die Kammer noch einmal zusammengetreten ist. Es war nicht leicht, ein Ministerium zu finden, das sich der Mühe unterziehen will, die aufrührerischen Elemente zur Raison zu brin­gen. Allerdings stehen jetzt Männer an der Regierung, die in der Armee und auch in der Bevölkerung großes Ansehen genießen, denen es ferner nicht an Energie fehlt und die sich auch, was sich bereits gezeigt hat, durch Drohungen nicht zurückschrecken lassen,-sein erstes Tebut vor der Kammer hat das neue Ministerium glänzend bestanden, indem es mit großer Mehrheit sich ein Vertrauensvotum aussprechen ließ. Die Zung- türken wollten sich mit der Regierungserklärung nicht sofort zufrieden geben, das Ministerium aber ließ sich aus eine Verschleppung nicht ein und setzte auch seinen Willen durch. Ebenso erging es auch in der Versassungsangelegenheit, bei der es in der Douners- tagssitzung der Kammer zu einem Zwischenfall, bei dem bekanntlich wiederum die Jungtürken nachgeben muß- ten, kam. DieEnergie ist lobenswert und wird hoffentlich m anderen wichtigeren Fragen nicht erlahmen. Was man zwar von einem Vertrauensvotum zu halten hat, das die türkische Kammer einem Kabinett ausspricht, hat sich erst vor einigen Wochen gezeigt, als der Groß- wesir Said-Pascha die gewaltige Mehrheit des Hauses auf seiner Seite hatte und einen Tag später gestürzt war. Es ist zu wünschen, daß Ghasi Mukhtar-Pascha und seine Ministerkollegen das Vertrauensvotum von Dienstag viel länger überleben werden, als es ihren Vorgängern beschieden war. Ein unmittelbarer An­laß, das neue Kabinett schon wieder zu beseitigen, liegt auch schon deshalb nicht vor. weil das Programnr Ghasi Mukhtars durchaus den Wünschen der unzufriedenen Elemente entspricht und die Ausführung des Pro­gramms keineswegs allzu schnell vor sich gehen wird. Zu Friedensverhandlungen scheint der neue Großwesir weit eher geneigt zu sein als sein Vorgängers auf welcher Grundlage die Feindseligkeiten eingestellt werden können, geht allerdings auch aus seinen Er­klärungen nicht hervor. Ebenso unklar waren seine Worte über die auswärtige Politik, die man auf der Hohen Pforte einzuschlagen gedenkt. Alle Anzeichen sind allerdings dafür vorhanden, daß der Gerst K r a m i l- Paschas über dem neuen Kabrnett schwebt und daß man. wie es vorauszusehen war, sich wieder mehr England nähern will.

Sollte tatsächlich der Einfluß Deutschlands am Gol- denen Horn ins Wanken geraten, dann würden sich natürlich unsere Vettern senseits des Kanals darüber freuen können, selbst die Veranlassung gewesen zu sein daß Freiherr v. Marschall seinen Konstantinopeler

Botschafterposten mit dem in London vertauschen mutzte. In der recht ausgedehnten Flottendebatte scheint der englische Premierminister die Überzeugung gewonnen zu haben, daß die Ressortchefs Churchill und Grey in den Reden, die sie im Unterhause gehalten haben, doch gar zu offenherzig gewesen sind. Asquith hätte sonst nicht Veranlassung genommen, persönlich noch einmal die Friedensliebe Großbritanniens zu be­tonen, das mit der ganzen Welt in Eintracht leben wolle. Sichtlich wollte der Ministerpräsident den Ein­druck der Reden, speziell der des Marineministers, ab- schwächen, die nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich-Ungarn und Italien Befremden hervorge­rufen hatten. Zünden amtlichen deutschen Kreisen sind Asquiths Worte günstig ausgenommen worden, denn es wurde offiziös erklärt, man sei auch hier der Ansicht, daß in gegebenen Einzelfällen die beiden Regierungen eine Verständigung suchen und finden können, unbe­schadet des Rechtes, das sie sich wechselseitig nicht be­streiten, ihren Flottenbau nach den SicherheitS- und Schutzbedürfnissen des eigenen Landes zu regeln. Tie deutsche Regierung steht also nach wie vor auf dem Standpunkt, daß wir uns niemals von England dar­über Vorschriften machen lassen, ob und welche Schiffe wir bauen werden, daß daher auch Verhandlungen über diese Frage nach wie vor zwecklos sein werden. Da­von kann übrigens schon deshalb keine Rede sein, weil die Engländer stets den Standpunkt vertreten werden, daß an' ihrer Vorherrschaft zur See nicht gerüttelt wer­den darf.

Ter englische Einfluß, der in Konstantinopel neuer­dings in den Vordergrund tritt, scheint in Japan dem russischen immer mehr weichen zu müssen. Das geht aus den zahlreichen Meldungen hervor, die an den Aufenthalt des japanischen Staatsmannes K a t s u r a geknüpft werden. Trotz aller offiziöser Ab­leugnungen ist, wie wir bereits berichteten, nicht daran zu zweifeln, daß die Veröffentlichung eines neuen russisch-japanischen Bündnisses demnächst zu erwarten ist. Wenn eine Verzögerung darin eintreten sollte, dann ist sie nur durch den Thronwechsel in dein Znselreiche des fernen Ostens hervorgerusen, der auch den Fürsten Katsura veranlaßt hat, seine Besprechun­gen in Petersburg abzubrechen und nach Tokio zurück­zukehren, um an den Trauerfeierlichkeiten für den Mikado Mutsuhito teilzunehmen. Selten bat ein Herrscher solche Anerkennung nach seinem Tode ge­sunden, wie dieser Kaiser, für den nicht nur seine eigenen Untertanen trauern, sondern dessen hervorragende Charaktereigenschaften auch das gesamte Ausland ein­mütig hervorhebt. Neben inneren Reformen fällt in die Regierungszeit Mutsuhitos vor allem die Hebung der Stellung Japans dem Ausland g-eaenüber. Für den Sohn des dahingeschiedenen Monarchen, den nun­mehrigen Kaiser Zoschihito, wird es keine leichte Auf­gabe sein, das Land auf der Höhe zu erhalten, auf der er es bei seinem Regierungsantritt übernommen hat. Ter Thronwechsel hat sich in aller Ruhe vollzogen, wie es in einem so geordneten Staatswesen nicht anders zu erwarten war.

Nachdruck verbale«.'

Treue.

Skizze von Albert Peterscn.

Ein wolkenloser Augusthimmel wölbte sich dunkelblau über Ostsee, Strand und Buchenwald. Leuchtend hob sich das Goldgelb der wogenden Kornfelder von dem hollen Grün der Gehölze ab. Weiter landeinwärts erstreckte sich das werte Moor Rosigrot blühte die Erika, wertzrrndige schlanke Birken erhoben ihre lustig grünen Blätterköpfe, hier und da flammte das Rot der Vogelberen. Braune Torfhaufen rechten srch neben schmutzigen Tümpeln. Große Strecken waren mrt niedrigen Kiefern bestanden. Diese Anpflanzungen waren das Werk und der Stolz des vorigen Besitzers von Borgfeld gewesen, der vor etwa zehn Jahren starb und einer Nichte, der Witwe eines Bankdirektors, den stattlichen Herrensitz

^^Hoch auf dem grünen Hügel, an dessen Abhängen schwere ostholsteinische Rinder alle schwarz-weiß weideten, er­hoben sich die Gebäude von Borgfeld. Sie weißen Mauern hoben sich blendend vom tiefen Blau des Himmels ab. Das Schieferdach des Wohnhauses, nn Palaisstil gebaut, schirn- merte zwischen Kastanien und Linden, daneben wirkten die langgestreckten Ställe, und Scheunen unter ihren schweren Strohdächern ein wenig gedrückt. . , . .

An der Sinterfront des Gestndehauses. in einer stillen Kammer deren Ruhe nur durch das Zwitschern der Vögel dranben'nnd durch das Wimmern des süngsten Erdenbürgers gestört wurde, lag eme junge Mutter mit fieberheißen Wannen Die Augen, die seit Wochen so tranennaß gewesen waren geschlossen, das Antlitz, baS so lange emen gequälte» Ausdruck gehabt, überstrahlte letzt ein Zug kindlicher Reine.

zufriedenen Dankes. Das Leid, die Herzensnot, der Schmerz hatten das sunge Ding hier erschöpft, matt lag das Mgdchen in den Kissen, aber über allem war ein Hauch feierlicher Rührung,, ein Motiv für den Pinsel eines Künstlers, für ein Gemälde:Es ist vollbracht."

Die arme Esther Sönksen. Siebzehn Jahre erst alt, und dann betrogen, verlassen. Sie war ja doch seine Braut ge­wesen, der Hochzeitstag war schon festgesetzt. Da hatte ihr Bräutigam, der schmucke, aber windige Jütländer, der als Knecht auf demselben Hofe diente, sich ihre Ersparnisse geben lassen,um Einkäufe für die Hochzeit zu machen", und war nicht zurückgekommen.

Draußen auf der Weide, vor den Ställen arbeitete ein junger Knecht, der zwanzigjährige Peder Thomsen, er war leichenblaß, der arme Junge, und als er die graue Mamsell aus dem Gesindehause kommen sah, eilte er ihr entgegen und stieß, ein Schluchzen herunterwürgend, mühsam hervomWie geht eS Esther,"

»Ah, gut, gut, beruhigte ihn die gutmütige Alte, und fuhr, den ,Knecht forschend ansehend, fort:Junge, Junge,

hast du die Deern so lieb?" Ex nickte nur hastig und lief, um die hervorquellenden Tränen zu verbergen, davon.

Ja, ja, er hatte sie längst so lieb gehabt. Wie hatte er darunter gelitten, daß sie des andern 'Braut wurde! Aber er hatte es sa eingeschen, daß sie den lustigen Jütländer, deüen Scherze durch den dänischen Akzent noch spaßiger wirkten, ihm, dem rothaarigen, sommersprossigen Jungen, vorzog. Arm- Esther, es hat ja so kommen müssen! Aber lieb hatte er sie trotzdem noch.

He, Peder , riß ihn eine herrische Stimme aus seinem finsteren Brüten,nimm mir den Gaul ab."

Ein junger Mann sprengte auf hohem Fuchs daher, der Sobn der Besitzerin.

Manches andere Land wird die Japaner beneide',!, die in verhältnismäßig kurzer Zeit durch ihre In­telligenz und Tüchtigkeit zu ihrer jetzigen Bedeutung berangewachsen sind. Den umgekehrten Weg haben Spanien und Portugal genommen, von denen speziell das letztere kaum imstande ist, der an sich unbe­deutenden Monarchistenbewegung Herr zu werden. Ter spanischen Regierung macht die portugiesische den sicherlich unberechtigten Vorwurf, daß, sie diese Be­wegung begünstige. Offenbar hält man in Lissabon nicht allzu viel von der Zuverlässigkeit der Truppen, denn sonst müßte der Aufstand an der spanischen Grenze längst unterdrückt sein.

Die Kruppsche Jahrhundertfeier.

Die Beziehungen des Uaifers zu Krupp.

-er. Berlin, 3. August.

Nach den letzten endgültigen Anordnungen reist der Kaiser am 6. August von Swinemünde nach, Villa Hügel, um an der Jahrhundertfeier der, Firma Friedrich Krupp in Essen teilzunehmen. Wie wir von erner sehr gut unterrichteten Persönlichkeit erfahren, solleir in dem kaiserlichen Toast anläßlich der Festlichkeiten aus Villa Hügel die Beziehungen des Kaisers zur Firma Krupp in so ausführlicher und gründlicher Weise er­örtert werden, daß im Hinblick auf die verschiedent- lichen politischen Erörterungen auch der allerletzten Zeit kein Zweifel mehr an den wahren und geschichtlichen Tatsachen mehr obwalten kann.

Der Kaiser wird voraussichtlich in der Einleitung seiner Ansprache an das Jahr 1878 erinnern, als er, noch Prinz Wilhelm von Preußen, demStudium aus der Universität Bonn oblag. Mitten in der Wahlvewegung jenes Jahres, am 20. Juni, besuchte er mit zwei Be­gleitern zum ersten Male die Kruppsche Fabrik, ließ sich von Friedrich Alfred Krupp d.ie Werke in allen, auch den kleinsten Einzelheiten zeigen und übernachtete auf demHügel". Fast gleichzeitig traf eine große An­zahl von Artillerieoffizieren aus aller Herren Ländern, darunter namentlich Vertreter der preußischen Regie- rung, zu epochemachenden Schießversuchen mit der vielfach verbesserten Panzerkanone ein. Das Ergebnis jener Versuche stand in der Geschichte der gesamten Artillerie einzig da und bedeutete den grundlegenden Sieg für die außerordentliche Entwicklung der Krupp­schen Werke. In jenem Jahre stieg die Arbeiterzahl der Kruppschen Gußstahlsabrik aus 9722 Köpfe.

Der zweite historische Besuch Wilhelms II. erfolgte genau 12 Jahre später, am 20. Juni 1890. Ter Kaiser empfing in den Fabrikanlagen eine Deputation von 700 Arbeitern und richtete an sie eine Ansprache, in der die ganze hoffnungsvolle Stimmung dersozialen Botschaft" mitklang:Ich spreche euch Meinen

herzlichen Dank aus, deutsche Arbeiter! Ihr wißt, daß unser Herrscherhaus von jeher für die cr- beitenden Klassen gesorgt hat. Ich habe der Welt er­klärt, welchen Weg Ich gehen will, und Ich sage heute wieder, daß Ich denselben Weg, den Ich bisher gegangen

Leicht schwang sich der elegante Jüngling aus dem Sattel, klopfte, sich mit der einen Hand über die schwitzige Stirn fahrend, mit der anderen dem warmen Tier auf den Hals.

Na, ist Monsieur der Storch hier gewesen?" fragte er leichthin, und als der Knecht stumm nickte,Jung, und du s läufst noch hinter der hm hinter ihr her?"

Ich heirate Esther, wenn sie mich will, Herr."

Schön dumm", schnarrte der andere und schritt sporen­klirrend dem Herrenhause zu.

Er warf die Mütze ab und begab sich mit seinen staubigen Stiefeln ins Wohnzimmer, ging ein paarmal aus und ab und setzte sich ans geöffnete Klavier.

..Ich durchbohr den Hut und schwöre:

Halten will ich stets aus Ehre,

Stets ein braver Bursche sein"

»Bitte, Konrad", sagte da eine Frauenstimme,laß, bitte, du weißt, drüben im Gesindehause"

Frau Rawe war eine hohe schlanke Frau in den vier­ziger Jahren. Ihre feinen Züge, bleich und faltig, sprachen von ertragenem Leid. Die Stimme war mild, aber doch scsi, sie verriet, daß sie es gewohnt war, geworden war, zu be­stimmen. S

Verzeihung, Mama", erwiderte der Sohn, sofort das Spiel und Singen unterbrechend,Verzeihung, ich glaubte aber wirklich nicht, daß obendrein noch diese Rücksicht nar- wendig wäre."

Obendrein?"

Nun", entgegenete er mit halbem Lächeln,es ist ein etwas heikles Thema, aber ich halte es sür geradezu ^falsch, daß du in deiner Güte die Dirne überhaupt so lange ans dem Hofe behalten hast. Wird dadurch die andere Sippe nicht direkt ermutigt"