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„Tagblatt-HauS". ÜDÖ(3?^ttlitWj vWJc 12 irIXISQCJvßTS» „Tagblatt-Hans" Nr. K650-53.
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§reitag» 19. Iuli 1912.
Morgen - ktusgabe.
Nr. Z32. -» SO» Iahrgang.
Drei Jahre Kanzlerschaft.
Wie Loch die Zeit vergeht! Der fünfte Reichskanzler ist nun feit drei Jahren im Amt. Als er es antrat, haben viele eine so lange Dauer feiner Kanzlerschaft nicht vermutet. Man hielt Herrn v. Bethmann- Hollweg für einen Übergangskanzler. Nun sind es drei Jahre, und er sitzt noch fest. Freilich kann ein Kanzlerwechsel bei uns über Nacht kommen. Wie lange ein Kanzler im Amt bleibt, hängt allein vom Willen des deutschen Kaisers ab. Das Deutsche Reich ist keine Monarchie. Und doch hat seine Verfassung betreffs einiger wichtiger Punkte Bestimmungen, die sogar ans absolute Regiment erinnern. Volk, Parteien, Mehrheiten haben noch nie bei der Entlassung eines Kanzlers irgendwie mitgewirkt. Wirkten sie mit, so wäre Herr v. Bethmann-Hollweg schon längst nicht mehr Kanzler. Tenn er hat glicht viel Freunde. Hat sich auch keine Mühe gegeben, sie bei der Presse und durch die Presse zu gewinnen, wie es sein unmittelbarer Vorgänger so ausgezeichnet verstand. Ter Ton, in dem die Zeitungen von ihm reden, ist oft so wenig respektvoll, so spöttisch, wie es von seinen Vorgängern nur noch Hohenlohe erfahren hat. Bei dem war die Presse übrigens im Unrecht, er war für seine Jahre noch frisch und energisch, letzteres mehr als sein Nachfolger, der sich vom Kaiser einseitig duzen ließ.
Herr v. Bethmann-Hollweg ist mit seinen anderen Feinden bisher fertig geworden, nur einer droht ihm gefährlich. Das. ist der preußische Ministerpräsident. Dieser Herr steht ihm persönlich sehr nahe, und es ist daher um so betrüblicher, Latz er seine Stellung so geflissentlich herabzieht. Die einflußreichste Partei im preußischen Abgeordnetenhause ist mit den Zuständen im Reich so unzufrieden, daß sie die Parole ausgegeben hat: Preußen muß gegen . das Reich ein
Gegengewicht bilden. Und der preußische Minister- Präsident hat es bisher nicht über sich gewonnen, diesem konservativen Anspruch entgegenzutreten. Unter den gottgewollten Autoritäten stellt er die wirtschaftlichen höher als die politischen, die älteren der Landwirtschaft und der Kirche höher als die jüngeren der Wissenschaft. Er ist konservativer als der Kaiser und konservativer als irgendein früherer Kanzler. Indem er den preußi- schon Partikularismus begünstigt oder mindestens durch eine passive Haltung fördert, bewirkt er, daß die Vertretung der nationalen Idee seinen Gegnern überlassen bleibt, und daß sogar die Sozialdemokratie sich mit der Gloriole einheitlich Dentscher Politik gegenüber einer rein preußisch orientierten
Nachdruck verböte,.
Nachklänge vom Rationalfest.
„Millerand cocardier!" — Sind die neuen Uniformen schön? — Preuhmhelme. ... — Wie die Bauern die Republik
feiern.
Paris. 1(5. Jul,.
„Millerand? Dfieu, est-il eorardier!" So rief mein Freund, ein begüterter Landwirt im Oise-Departement, der mich nach der Revue im Auto schnell dem Pariser Fcsttrubcl entführte, um mir zu zeigen, wie seine Bauern die Republik feiern. Millerand liebt vielen Franzosen zu sehr die „Cocarde". Sie wollen dam.st >agen, daß der ehemals so stramme Sozialist heute als Krwgsmuinter den militärischen Äußerlichkeiten, Uniformen und Paraden, zu große Bedeutung beimißt. Bereitet er nicht, gewiß in beiter Absicht, eine gefährliche Atmosphäre vor? Der espritvolle Alfred Cavus erinnerte in seiner gestrigen Montagschronik an Lamartines Wort: „Frankreich langweiü sich!und fügte
hinzu: Heute langweilt sich Frankreich nicht mehr. Es zeigt sich lebhaft, energisch, nervös. ReroöSZ als wolle es etwas Zerbrechen."
48 000 Pariser hatten Tribünenkarten für Longchamp erhalten — zehnmal so viele Karten waren, verlangt worden. Die unzählbaren Zaun- und M-ftngäske, die teils die Nacht im Boulogner Wäldchen zugebracht batten, um ja die Ersten zu sein, konnten nur mühsam secngehairen werden; sie waren in solcher Menge in die Bäume gekletrert, daß ihrer zwanzig mit zerbrochenen Armen und Beinen, ive'.l die Äste die ungewohnte Last nicht zu tragen vermochten. ins die "Ambulanzen gebracht werden mußten. Man bedenke auch, welches Schauspiel aller „cocardiers" harrte! Der Bei von Tunis, Hauptbasall der Republik, saß in goldstrotzender Märchcnuniform im offiziellen Pavillon, und wenn der andere afrikanische Vasall, der Sultan von Marokko, sich nicht an den Triumphwagen hatte schmieden lassen, war doch stin Äußcrnminisier El Mokri in schneeweißem- Wüstenburnus da. Auch die entthronte und pensionierte Ranavalo, dunkelfarbige Exkönigin von Madagaskar, zeigte ihren wenig geschmackvollen Fcder- hut. Auf einer anderen Tribüne wußte man inkognito den englischen Kvnigssahn, der seit einem halben Jahr in Paris so viel gelernt hat. Aber das Interesse blieb nicht auf die
schinücken kann. . Preußen macht Polengesetze, deren Vereinbarkeit mit dem Reichsrecht zweifelhaft ist, die aber im Endergebnis sicher nicht der Germanisierung dienen. Das R e ich schafft ein Vere i n s g es e tz, das bei bescheidenen liberalen Ansprüchen nicht gerade als völlig ungenügend bezeichnet werden kairn; in P r e utz e n aber reißen die Fülle gar nicht ab, in denen die unteren Behörden dieses Gesetz im bureaukrati- scheu Sinne auslegen, d. h. entstellen. Leider gehört die Tatsache Der Geschichte an, daß Herr v, Bethmann-Hollweg persönlich die Bürgschaft für eine loyale Anwendung des Reichsvereinsgesetzes übernommen hat, daß es ihm aber nicht gelungen ist, die Widerstände zu überwinden, die sich der Erfüllung seiner Zusage enl- gegengestellt haben. Im preußischen Landtag sind die Reaktionäre, daraus aus, die Sozialdemokraten zu Unbesonnenheiten anzureizen, in letzter Linie uni die Liberalen zu treffen und sie, nicht die Sozialdemokraten, im Reichstag mattzusetzen. Herr v. Bethmann- Hollweg traut sich anscheinend nicht die Kraft zu, auf die konservative Partei mäßigend einzuwirken. Er .ist konservativ, aber er führt nicht die Konservativen, sondern läßt sich von ihnen führen. Infolgedessen haben wir ein ausgeprägtes Parteiregiment. Und wenn Preußen partikularistische Politik treibt, wie könnte es Bayern hindern, das gleiche zu tun Der Jesuitenerlaß des Herrn v. Hertling steht mit dem Reichsgesetz im Widerspruch, aber wir haben keine Hoffnung, daß dem Reichsgesetze Achtung verschafft wird. Aus dem Ringen mit seinem bayerischen Kollegen — wenn eS überhaupt ein Ringen ist — wird Herr v. Bethmann- Hollweg wohl als zweiter Sieger hervorgehen. Die Erfahrungen mit Enzykliken, Modernisteneid, Motu- proprio lassen uns keinen entschiedenen Akt vom Reichskanzler mehr erwarten.
Wir teilen nicht die Ansicht, daß das Vorhandensein von 110 Sozialdemokraten im Reichstag hauptsächlich durch Fehler Bethmann-Hollwegs verschuldet sei. So wenig wie wir das Urteil unterschreiben, daß die sozialdemokratischen Mandatsverluste von 1907 als Erfolg Bülows gebucht werden durften. Unser Wahlsystem mit den Stichwahlen, in denen die einfache Mehrheit entscheidet, räumt dem Zufall eine bedenkende Macht ein; und die Sozialdemokratie zog das letzte Mal das große Los, während sie 1907 aufs äußerste vom Unglück verfolgt war. Die Mandatsziffer einer Partei ist nicht politisch gleichgültig, wie Bebel immer noch meint; aber die effektive Stärke einer Part,ei, ihren Fortschritt oder Rückgang zeigt doch nur die Gesamtstimmenziffer an; genauer: deren Verhältnis zur Gesamtzahl der Wahlberechtigten. Diese Ziffer ist
Tribünen beschränkt, wo das Publikum Herrn Fallitzres einen auffallend gleichgültigen Empfang bereitete: „Vive l’annee!", schrien die Hunderttausende, weil dank Millerand diesmal wirklich das ganze Heer vertreten war, außer der Pariser Garnison, den Offiziersschulen und der militärischen Feuerwehr auch die Alpenjäger, die Marine-Infanterie und die Fahrrad-Jäger, die von weither eigens herbeordert worden waren. Zum erstenmal fuhren auch die dickbäuchigen Flugzeug-Lastwagen mit, aus denen in einer Viertelstunde die Kriegsaeroplane slugbereit hervorgeholt werden können. Als während dem anerkennenswert verlaufenen Vorbeimarsch und der üblichen, theatralischen Endattacke der Kavallerie (die hinter den Zuschauertribünen keine Mitraillcuse vermuten ließ!) ein Monoplan, zwei Lenkballons und ein Schwarm von Brieftauben die Lüfte belebten, schlugen die Herzen wieder hoffnungsstolz der „fünften Waffe" zu. „Möge sie dereinst an die Taten der Waffe, der ich. sie anvertraue, gemahnen!", hatte der Präsident gesagt, als er.dem Fliegerkorps die neue Fahne aushändigte. Und Oberstleutnant Bayer, der die gol.d- befranste Tricolore namens des aeronautischen Korps cnt- gegennahm, küßte die dreifarbige Seide.
Der höchste Trumpf des Tages aber war die neue Uniform ! Schlachtenmaler Detaille, dessen durchaus nicht un- künstlerische Riesengemälde in Versailles vergessen lassen, daß die künstlerisch noch höher zu bewertenden * Bilder VernetS, auf kleinerem Format, die weiter zurückliegenden, glorreicheren Siege des Korsen darstellen — Edouard Detaille und Georges Scott hatten die Entwürfe geliefert. Wie es nicht anders gehen konnte, sahen auch sie sich zu merklichen Anleihen im brandcnburgischcn Uniformcn-Museum veranlaßt, was ihnen bitter borgeworfen, wird. Welche Aufgabe sollten sie erfüllen? Die Nothosen in eine modernere, weniger sichtbare, praktischere und zugleich kleidsame Tracht stecken. Ein erster Versuch des Kriegsministers Bertcaux war während der letzten Manöver gescheitert; trotzdem ließ man nochmals zwei Kompagnien vorüberziehen, die die grün-grau umgefärbten, früher resedafarbenen Reformröcke, mit Umschlagkragen, einer Knopfreihe und vier Taschen, dazu die überspannten, mit Bronzeschmuck versehenen Korkhelme und rote, von grün- grauen Wadenbinden umwickelte Hosen trugen. Zwei Kom- paguien marschierten in der Detailleschen Uniform, feldzugs- mähig, in bläulich-grauem Tuch, Rock wie bisher, nur mit
1907 gewachsen und 1912 wiederum. An ihrer Zunahme ist natürlich die Politik, die Bethmann-Hollioeg m i t der Mehrheit des Reichstags gemacht hat, nicht unschuldig. Jetzt besteht die konservativ-klerikale Mehrheit nicht mehr. Herr v. Bethmann-Hollweg 'versieht also sein Amt von setzt an unter anderen Bedingungen. Wird er Elastizität und Weitblick genug haben, um sich ihnen anzupassen? Das ist die Frage des Tages.
Deutsches Reich.
* Vom Kaiser. Die Jacht „Hohenzollern", die Molde gestern morgen um 6 Uhr bei kühlem Wetter verließ, traf um 9 Uhr abends hier ein. Der Kaiser arbeitete während der Fahrt und nahm den,Vortrag des Chefs des Marinekabinetts entgegen.
* Städtische Maßnahmen zur Fleischteuerung. Die von
der Stadtverwaltung Saarbrücken nachgesuchte Genehmigung zur Einführung ausländischen Fleisches in Saarbrücken nt von dem Landwirtschaftsminister erteilt worden. Die Sradt. hat für das vom Ausland einzuführende Fleisch einen besonderen Bau errichtet und hofft, eine wesentliche Verbillchung auf dem Fleischmarkte herbeizusühren.
* Die Verquickung von Religion und Politik hat in Pfarrkirchen, wo am 6. August die Reichstagsersatzwahl für den verstorbenen Bauernbündler Bachmeier stattfindet, zu einer seltsamen Gründung geführt. Es wird geschrieben: Im Rottale in Niederbahern haben sich etwa 38 katholische Geistliche zu einer Aktiengesellschaft zusammengetan, um den ultramontanen „Rottaler Boten" in Pfarrkirchen anzukaufen. Ob das geistliche .Zeitungsgeschäft zu einigem Gedeihen kommen wird, steht freilich noch dahin, da die Rottalcr Bauernbündler sich ein neues Blatt geschaffen haben.
* Der deutsche Warenhandel mit Marokko hat auch im Jahre 1911 wiederum eine nicht unwesentliche Steigerung erfahren. Die nach Deutschland bestimmte Ausfuhr aus Marokko bewertet sich mit 12,5 Millionen Mark gegen 9,1 Millionen Mark im Jahre zuvor, unsere Einfuhr aus Marokko war 5,5 Millionen Mark gegen 4,9 Millionen Mack im Jahre 1910.
* Grundsteinlegung für den Neubau des Handwerker- Erbolmrgsheims bei Traben-Trarbach a. d. Mosel. Die
Arbeiten am Ban des Handwerker-Erholungsheims nehmen einen rüstigen Fortgang. Von dieser Tatsache, kannten sich die Vertreter der Behörden und der westdeutschen Handwerkskammern überzeugen, als sie vor kurzem an der Baustelle erschienen, um der Grundsteinlegung beizuwohnen. Der Vorsitzende des Vereins Handwerker-Erholungsheim, Herr Müller, hielt eine kurze Ansprache, in der er auf die vorbildliche Bedeutung des Werkes hinwies und der Hoffnung Ausdruck gab, daß es bei den Handwerkern, für die es bestimmt ist, Anerkennung und fleißige Benutzung finden inöge. Bei gleicher Gelegenheit mußte der Vorsitzende aber darauf hin-
Umschlagkragen und vier Taschen, Mütze (kepi) rot und blau, oben aus Wachsleder, rote Hosen in bläulich-grauen Wadenbinden. Eine fünfte Kompagnie glänzte in Paradeuniform: rote Hosen mit blau-grauen Wadenbinden, Rock im Schnitt wie bisher, roter Kragen, rote Aufschläge, rote Borten vorst und am Gurt, kleine, dünne Epauletten; Stahlhelm 800 Gramm; Pfeifer und Trommler die ganze Brust benäht mit Litzen; die Offiziere etwas weniger mit Rot benäht, aber dafür blaue Säbelschärpe (ölen de roi) mit Goldquasten.
Sind die neuen Uniformen schön? Ein Plebiszit hat sich noch nicht darüber ausgesprochen; aber wenn man die Pressestimmen, die heute ein Witzbold im „Matin" zusammen- stellt, miteinander vergleicht, weiß man nic^ . genau zu sagen, wie es auSfallen würde. Der „Petit Parision", schreibt: „Die .Pariser bereiteten den Uniformen .Detailles den wärmsten Empfang." — Das „Petit Journal": „Die Menge erkannre
ihre flinken Fußsoldaten nicht wieder. Man hielt sie für Fremde.. Und die Helme! Wir wollen sie nicht mehr.sehen!"
— „Le Gaulois": „Der Ersatz der schrecklichen lcepi durch
den Helm ist eine Wohltat." — „Le Figaro": „Das so schneidige, auf der Welt einzigartige, so bequeme französische kepi . ..." —. „Excelsior": „Die neue Tracht gefüllt allgemein." — „La Lanterne": „Der erste Eindruck enttäuschte."
— „L'Action": „Die neue Uniform steht den Leuten sehr."
•— „L'Eclair": „Der als Kopfbedeckung außerordentlich prak
tische Helm gibt einen viel martialischeren Eindruck wie das kepi." — „Le Temps": - „Das Publikum bereitete den^ verschiedenen Uniformen keine begeisterte Aufnahme; es schien sie eher zu verurteilen und hatte nicht unrecht. Der Helm, selbst ohne Spitze, rief in ihm die grausamste Erinnerung an die deutsche Invasion wach. Die französische Infanterie iil noch nicht reif, eine Kopfbedeckung zu tragen, die, wenn arm; nur von weitem, an die ihres Besiegörs gemahnt."-, .
-In der Tat hörte man in Longchamp sehr abfällige Meinungsäußerungen in der Menge. „Casques <fe ^eussisus. , „Preußenhelme", riefen die zurzeit wieder großgepappeln.n Nationalisten. Und als die deutschen Militärattaches m>. -echten „Preußenhelmen" varüberkamen, wurden sie, wic.nn> versichert wird, von halbwüchsigen Burschen ausgepsstseii. ohne daß sie, vernünftigerweise, von dieser Flegc.er -to«.) nahmen und sie zum „internationalen Zwischenfall- erhoben. Daß die neue bonapartiftische oder „plebiszitare Mehrheit
(
