Wiesbadner Tsgblstt.
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I
Samstag, 6. 3uli 1912.
Morgen- Kusgabe.
Nr. 310. » 60. Jahrgang.
Oie „Sünde" des Zreiherrn v. d. Goltz.
Tie italienische Regierung hat. wie es heißt, durch hre Berliner Gesandtschaft gegen den Generalobersten Freiherrn v. d. Goltz Schritte unternommen wegen eines Zeitungsartikels, in dein v. d. Goltz der Türkei vom Frieden mit Italien astrale. Also sözüsaaeu: diplo
matische Anklage wegen Aufreizung der Türkei zum Widerstandl Das Gerücht von einer solchen Aktion gegen den Generalobersten — es ist eigentlich schon mehr als ein Gerücht —■ das zurzeit in den politischen Kreisen umgeht, wurde offiziös bis jetzt nicht bestätigt, ja es dürfte, wie so oft in ähnlichen. Fällen, zunächst der Versuch eines Dementis gewagt werden, bis die Wahrheit schließlich doch durchbricht. Tatsache ist, daß die Hetze der italienischen Zeitungen gegen den verdienstvollen Organisator der türkischen Armee den Siedegrad erreicht hat und daß die offizielle Presse Italiens sich nicht immer zurückhalten konnte, wenn Pfeile über die Alpen geworfen werden, sondern hier und da auch mitschoß. Welcher Sünde bat sich nun Baron v. d. Goltz schuldig gemacht? Am 28. Juni brachte die Wiener „Neue Freie Presse" einen Artikel aus seiner Feder mit der Überschrift „Tie Türkei imd der Frieden". Man mag diesen Artikel, dessen wesentlichen Inhalt wir seinerzeit mitteilten, dreimal lesen, man wird keine Zeile darin finden, die als Beleidigung der italienischen Waffenehre aufgefaßt werden könnte, keine Zeile, in der der Verfasser die türkische Regierung zur Fortsetzung des Krieges aufreizt. Vielmehr befaßt sich v. d. Goltz in diesem Artikel in der denkbar objektivsten Weise als Stratege und Politiker lediglich mit der Frage, ob sich die Türkei in der gegenwärtigen Kriegslage den italienischen Bedingungen unterwerfen kann oder ob ihr das nicht etwa durch gewisse Umstände im eigenen Lager unmöglich gemacht wird. Ter Generaloberst weist insbesondere auf die Haltung der Araber in Tripolis hin. Das Aufgeben Trrpolitunens durch die Türkei könne einen Bruch des zwischen ihr und den Arabern jetzt hergestellten Gotteswiedens zur Folge haben. „Dann stände das türkische Reich vor der schwersten Existenzfrage, die eS bisher zu lösen hatte." Tie Araber könnten den griedens- schluß vermutlich gar nicht respektieren. Mau dürfe die arabische Bevölkerung Tripolitaniens heute nicht mehr ebenso beurteilen, wie etwa noch vor einem Jahre: sie habe durch den Kriea gewonnen und dürfe um so weniger im Stiche gelassen werden, als sie es viel bitterer empfinden würde wie ehedem. Das sei bei allen Vermittelungsversuchen wohl zu berücksichtigen, sollen sie nicht die Lage verschlimmern, statt sie zu verbessern. ...
Kann eine militärische und Politische Lage vernünftiger und unparteiischer beurteilt werden wie
hier? Generaloberst v. d. Goltz, Inhaber des Schwarzen Adlerordens und Träger fast unzähliger Würden und Ehren, ist „trotzdem" ein überaus fruchtbarer Schriftsteller und vertritt feine Gedanken in Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln so offen und ehrlich wie jeder einfache Literat. Er schrieb feine „Reise- eindrücke aus Argentinien" und das Schriftchen „Juug- Teutschland" mit derselben Verve und -Sachkenntnis wie feine strategischen Werke über den 70er Krieg, den er als Generalstabsosfizier in zahlreichen Schlachten Mitkämpfte, und wie das „Handbuch für den türkischen Offizier im Felde". Dieser Mann ist wie kern anderer berufen und auserwählt, sich über den türkisch-italienischen Krieg zu äußern. Wie sachlich er es tut. geht nicht nur aus deni jetzt zur „Anklage" stehenden Artikel hervor, v. d. Goltz hat schon mehrmals den Trr- poliskrieg in längeren Artikeln der „Neuen Freien Presse" behandelt, so z. B. im Oktober und Dezember vorigen Jahres. Im Oktober wies er darauf hin, daß die Unternehmung gegen die Türkei zwar allen Rechtsbegriffen widerstreite, fügte aber hinzu, daß man mit den Begriffen von bürgerlicher Moral in der Politik nicht auskomme. Italien sei übervölkert und sein Ge- burtenüsterschuß werde durch wachsende Auswandsrang aufgehoben. Seit langer Zeit schon habe es seine Blicke auf Tripolis gerichtet gehabt. Wenn es gerade jetzt zum Handeln übergegangen sei, so finde das seine Erklärung darin, daß die Türkei jetzt im Begriffe stehe, sich von Grund auf zu erneuern, v. d. Goltz las im Verlauf feiner Ausführungen dann nicht etwa der italienischen, sondern gerade der ihm so nahe stehenden türkischen Regierung die Leviten. Das iungtürkische Kabinett, so schrieb er, habe sich nicht genügend, vorbereitet und gesichert, weil die europäischen Provinzen wichtiger als Tripolis gewesen seien: diese habe man m erster Linie halten wollen. Tie alten Mannschaften wurden entlassen, das Heer mit Rekruten aufgefüllt. „Zur stillen Verzweiflung der europäischen Reformer, die gern eine gründliche Ausbildung vorgenommen hätten, mußten diese eine K r ü m p e r ausbildung treiben." Und im Dezember hob v. d. Goltz warnend gen Konstantinopel den Finger: „Nur eines kann der jungen Türkei in der schweren Krise, die sie jetzt durchmacht, ernsthaft gefährlich werden — das ist sie selbst! Wenn durch fortgesetzten M i n i st e r w e ch fe l und Parteienhader die Aufmerksamkeit der Regierung gefesselt und ihre Kraft nach außen gelähmt wird, dann sind der Intrige und der fremden Intervention die Tore wieder geöffnet, wie ehedem." Spricht so ein parteiischer Hetzer? Wie wir von unterrichteter -Seite hören, sollen die Tripolisartikel des Generalobersten sobald wie möglich in einer abgerundeten Schrift verarbeitet werden. Die Öffentlichkeit des In- und Auslandes wird dann am besten urteilen können-
Vom Gestein des Völkerschlachtdenkmals.
Geologische Plauderei von A. Bohland.
Nicht lange ist's her. daß der letzte Stein eingefügt wurde in den Riesenbau vor Leipzigs Toren. Wenn nun bald die Gerüsthülle fallen wird, dann wird der Felsendom schön zutage kommen, daß er Fleiß und Kunst vergelte denen, die sich jahrelang um ihn mühten in hartem Ringen. Stolz wird sich dann der Riese recken über die fruchtbare Niederung des Leipziger Gaues,'vornehm wird er präsidieren unter all den Großen der neueren Zeit. Wollte ihm aber einer aus der hohen Adelssippe den Rang streitig machen, dann wird er sein Vorrecht zu wahren wissen. Er ist der einzige Eingesessene, der Sohn seines Vaterlandes, ein erwachter Riese, der aus seiner Väter Felsenschlosse im nahen Beucha herüberkam, um vor den Toren der Stadt treue Wacht zu halten über Vaterlandsliebe und Königstrcue ihrer Bürger.
Er mag's gern haben, wenn wir in diesen Sommertagen unseren Wanderschritt nach seinem Vaterhanse lenken. Über Stötteritz nach Zweinaundorf erreichen wir bald das liebliche Baalsdors mit seinen schmucken Teichen. Auf schmalem Fußpfad gehen wir mitten durch all den Duft und Zauber wogender Halme, an der Hirschfelder Windmühle vorüber entlang dem stillen, faulen Wasser, das vom Liebertwolkwitzer Kolm herabsteigt und trügen Laufes durch die Ebene schleicht. Wir kreuzen die temperamentlose Threna, den Blutgraben, dessen Grund rot heraufschimmeri von der Menge des Cisenschlam- mcs, in dem meterlange Algenfäden melancholisch pendeln. Das Dörfchen Wolfshain grüßt mit feinen sauber abgeputzten Häusern. Es ist ein schöner sorbischer Rundling mit dem Teich in der Mitte und fränkischen Sofcinlagen rundum und wohlklingendem deutschen Namen. Dröhnende Donnerschläge künden die Nähe der Beuchaer Steinbrüche. Wir überschreiten die wasserarme Parthe, gelangen ins Dorf
Beucha, gehen am Kirchlein vorüber und sind in wenigen Minuten an den großen Stcinbrüchen der Firma Günther und Fiedler, unserem Ziel. Wir sind sicher, daß wir in liebenswürdiger Weise van den Besitzern empfangen werden; wir erhalten sachkundige Führung und freundliche Auskunft über eine stolz aufblühende, heimatliche Industrie.
Beucha hat fünf große Steinbrüche; drei von ihnen werden von der Firma Günther und Fiedler ausgebeutct. Das meiste Gestein unseres Denkmals entstammt der „Sorge". Unter Sorgen ist unser Denkmal gewachsen und groß geworden, und die Sorge mag Festgast gewesen sein, bei der^ Gründung des großen Bruchunternehmens im Jahre 1876. Bis dahin hatten die Bauern des Dorfes ihren Bedarf an Wegebanmaterial aus einem 3 Dieter tiefen Schürfe gedeckt. Heute ist die Sorge ein gewaltiger Kessel von 40 Meter Tiefe. Der steigende Bedarf au Nflaster- und Werksteinen allein hat das Unternehmen zur Blüte gebracht.
Wir treten an eine vergitterte Brüstung am Rande des Kessels und schauen hinab in die Tiefe. Soeben ist ".ne „Wand" umgelegt worden. In stundenlanger Arbeit schlug man in eine durch Klüfte bezeichnete meterdicke Gesteinsbank enge Löcher. Der Sprengmeister entnahm aus der in die Erde eingebauten und sorgfältig bewachten Pulvcrhütte Dvrw- mit, Zündschnur, Zündhütchen und Sprengpulver. Damit füllte er die Löcher, verrammle sie mit Erde und entzündete die Schnur. Unter heftiger Detonation rissen die Sprcng- gase das Gestein auseinander und lockerten eine ganze Wand. Wir sehen, wie eben die Blöcke, die nicht abstürzten, mit Brecheisen und über Holzrollen in die Tiefe gewuchtet werden. Da liegen nun die Kolosse. Zahlreiche kleine Keile tPossen) werden ins Gestein eingeschlagen, durch wuchtige Hiebe die Riesenblöcke zerschroten. Von den Bruchstücken werden weiterhin durch Keile Stücke abgesprengt, mit schweren Hämmern abgeprellt, bis die gewünschte Form erreicht ist. Hierauf werden sie aus dem Bruche b-tördert. Auf acht radialen Schienensträngen werden die Blöcke nach einer zentral gelegenen Drehscheibe gefahren und von hier nach dem
Die ZWSikaiserzusammenLunft.
Zum Verlauf der Tafelfestlichkeit an Bord der „Standard".
hd. Baltischport, 5. Juli. Tie Galatafel an Bord der russischen Kaiserjacht „Standard", die den ersten Tag der Kaiser-Entrevue beschloß, verlief sehr animiert. Reden wurden, der vorher getroffenen Abmachungen gemäß, wie schon kurz erwähnt, nicht gehalten, wer Zar sprach Deutsch mit allen deutschen Herren. Kaiser Wilhelin sprach lange mit Kokowzow, dann mit dem Kriegsminister Suchomlinow und dem Macmemumter Admiral Grigorowitsch und dem Ritterschaftshauptm >nn Baron Tellingshausen. Nach der Besichtigung des Linienschiffes „Imperator Pawel I.". die sehr eingehend vorgenommen wurde, geleitete der Zar Kaiser Wilhelm wieder an Bord der „Hohenzollern . Am Abend war der kleine Hafenplatz illumrurert. Der eigens für den heutigen Tag hergestellte Weg zum Paradeplatz wurde während der Nacht prachtvoll ausgeschmückt. Das Wetter ist herrlich und alles ift_ von einer festlichen feierlichen Stimmung erfüllt, wausende von Schulkindern sind aus Reval . hier eingetroffen, ferner Großfürst Nikolai Nikolajewitsch.
Die Parade über das W.borger Regiment, bä. Reval, 6. Juli. Aus Anlaß der^ Parade über das Wiborger Regiment sind heute die Stadt und der Hafen mit Fahnen beider Nationen geschmückt. ^Gegen 10 Uhr traf der Zar nebst Suite auf einer Dampf- Barkasse an der Landungsstelle ein und bald darmf auch Kaiser Wilhelm in der Uniform des-Wiborger Regiments mit dem Prinzen Adalbert und Gefolge. Ter Zar begrüßte den Kaiser, worauf der Regiments- Kommandeur Leontjeff den Rapport erstattete Kaiser Wilhelm schritt mit dem Zaren die Front der Ehren- wache ab und begrüßte sie in einer kurzen Anrede m russischer Sprache. Nunmehr begaben sich beide Monarchen zu Fuß nach dem Paradevlatz unter tau send stimmt gell Hurrarufen des Publikums und der S p a l i e r b i l d e n d e u Kinder. Auf dem Paradefeld angelangt, schritt Kaiser Wilhelm die Front jedes einzelnen Bataillons ab, vom jedem mit der Nationalhymne und brausendem Hurra begrüßt. Darauf defilierte das Regiment im Parademarsch. Ter Kaiser dankte jeder Kompagnie einzeln, ebenso dem. Kommandeur. Nach Beendigung der Parade begaben sich die Majestäten auf ihre Zach.eu zurück.
Der Eindruck in der Residenz, bä. Petersburg, 5. Juli. Tie Entrevuc. in Baltisch- port wird in Petersburg mit lebhaftem Interesse verfolgt. Tie Residenzchresse berichtet über das hervorragende Ereignis mit breiter Ausführlichkeit. Einige Blätter bringen interessante Züge aus dem Leben Kaiser Wilhelms. Besonders erzählen sie von seiner
Kran gebracht. Am Westrande des Bruches liegt eine breite Aufzugsbahn in schiefer Ebene. Eine Winde mit doppelter Trommel ermöglicht gleichzeitig den Aufzug leerer und Abgleiten der in halber Höhe des Bruches beladenen. Wagen bis zum Kranaufzug. Der Kran steht in 40 Meter Höhe über der Bruchsohle und vermag eine Last von 600 Zentnern zu. heben. Eine Rotationspumpe zieht das in vielen mit Knack ausaelegten Sammelgräben zufammengelaufene Wasser ebenfalls 40 Meter hoch in ein Senkloch, von dem es in die Parthe abfließt.
Ganz ähnlich wie in der Sorge ist der Bruch am Kwch« berg angelegt. Er ist nur 20 Meter tief. Ein Kran neuester Konstruktion hebt Lasten bis 300 Zentner.
Verlassen wir den Bruch, um die maschinellen Anlagen zu besichtigen. In geräumiger Halle lagert eine Dampfmaschine von 200 Pferdekräften. Aus tiefem Brunnen wird Wasser angesaugt und im Vcrkessel durch Kies und Soda gefiltert und so vom Eisen befreit. Eine starke Dynamomaschine erzeugt die elektrische Kraft, die ausschließlich zum Antrieb der Maschinen und zur Beleuchtung des Werkes oerwendet wird.
Neben dem Maschinenhause liegt die Schmiede. Hier hämmert es im Vieltakt auf zahlreichen Ambossen. Fleißig muß geschärft und gehärtet werden. Jährlich müssen allein 200 Zentner Spitzeisen gefertigt und unzählige Male neu g» schärft werden.
Wir betreten die Räume der Steinsägen. Die ältere wird durch Belastung, die neueste dagegen durch Spindeldruck gehoben und herabgelassen. Solch ein kreischendes Ungeheuer wiegt mit dem Eisenrahmen 200 Zentner. Drei Meter lange, handbreite Bänder aus allerbestem Uhrfederstahl bilden die Sägeblätter ohne Zähne. Ein gekapselter, durch angesaugte Luft gekühlter Motor treibt die Maschine. Auf dem Umer- bau des Rahmens ist ein 100 Zentner schwerer Gesteinso.ock eingekeilt. Der Motor wird angestellt, die Säge herabgedrückt, und nun beginnt ein ohrenbetäubendes, nervemius-
t peitschendes Geschrei und Gekreisch. An unermüdlicher Ar«
