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Donnerstag. 4. Iuli 1912.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 366. ♦ 60. Jahrgang.
Die Hessen-nassauische Kriminalität.
Die Staatsgesetze haben das Ziel, den inneren Frieden der Gesellschaft zu sichern. Dieser wird durch Verbrechen und Vergehen ständig und fühlbar gefährdet. Während die .Justizstatistik im eigentlichen Sinne die Verbrecher nur als Objekt der richterlichen Tätigkeit betrachtet, ohne feine wirtschaftlichen und sozialen Beziehungen, bemüht sich die K r i m i n a l st a t i st i k, in die inneren ursächlichen Zusammenhänge Licht zu bringen. Sie sieht im Verbrecher neben dem Schuldbelasteten zugleich das soziale Individuum, das erkrankte Glied des Gesellschastskörpers (Lombroso). Tie Verhältnisse seiner Innenwelt und seiner Umwelt haben feine Straftat zur bestimmten Form beeinflußt. Durch dieses Tiefergraben im _ dunkelsten Acker der Menschheit werden wichtige soziologische Wurzeln bloßgelegt, und die Kriminalstatistik wird zu einem Stück der Sozialstatistik, weswegen nur zu bedauern rst, daß die praktische Staatskunst sie immer noch zu wenig auswertet.
Beziehen wir die Zahl der wegen Verbrechen und Vergehen - gegen die Reichsgesetze Verurteilten, der kriminellen Personen, auf die Bevölkerungszahl, oder richtiger auf die Strafmündigen (über 12 Jahre alt), so bekommen wir ein Bild von der Kriminal'tät in den verschiedenen Ländern. Bekanntlich wird diese durch Alter und Geschlecht, vor allem aber durch Rasse und Beruf beeinflußt. In den niederdeutschen Staaten und in Thüringen ist sie wesentlich niedriger wie im deutschen Osten, wo Slawentum und Alkoholismus eine verderbliche Roll? spielen, oder auch im Süden und Südwesten, wo übermäßiger. Bier- und Weingenuß. moralmindernd wirken. Die Provinz Hessen- Nassau, die schon früher eine mäßige Kriminalität hatte, zeichnet sich vor den anderen Provinzen dadurch aus, daß ihre Ziffern sich in den letzten zwanzig Jahren zwar ebenfalls wie allerorten verschlechterten, aber doch nur in einem bescheidenen Maße. In dem Jahrfünft 1883/87 stand die einheimische Kriminalitätsziffer (berechnet auf 100 000) auf 860, ähnlich wie z. B. in Braunschweig. Während die Braunschweigsr Ziffer 1903/07 aber auf 1195 angestiegen War, erreichte die hessen-nassauische nur 926. Dabei haben sich merkwürdigerweise die Ziffern der beiden Bezirke Cassel und Wiesbaden (1883/87 = 869 : 833) gerade umgekehrt, z. B. 1898/1902 — 773 :1016. Tie Steigerung im Wiesbadener Bezirk wird auf die anwachsenden Großstädte Frankfurt und Wiesbaden zurückgeführt. Von 1906 auf 1907 zeigt sich erfreulicherweise eine Verminderung in der Zahl der Verurteilten von 14 602 auf 14160: aber das hielt nicht lange an, denn 1909 wurde die Ziffer 15 000 weit überschritten.
Unter den einzelnen Hauptdelikten steht für 1907 der Diebstahl mit 2655 Verurteilten an erster Stelle. Das macht auf 100 000 des Jahrfünfts 1903'07 1
nur 168 gegen 328 in Posen, 257 in Schlesien, 220 in \ Braunschweig. Dieses günstige Ergebnis deutet darauf hin, daß eine so mißliche wirtschaftliche Notlage wie im deutschen Osten in Hessen-Nassau nicht vorhanden ist, denn Diebstähle gedeihen am meisten da, wo der ökonomische Standard der Bevölkerung viel zu wünschen übrig läßt. Daß sich diese Verhältnisse im Lande gegenüber der Mitte des vorigen Jahrhunderts außerordentlich gebessert haben, und daß die Industrie mit ihrer Befruchtung von Stadt und Land den Hauptanteil darin hat, ist bekannt.
Leider stehen an zweiter Stelle, wie das in den meisten Ländern der Fall ist, auch in Hessen-Nassau die gefährlichen Körperverletzungen, die der Kriminalist als die ausgesprochenen „alkohalischm Feiertagshandlungen der Willensdefekte" bezeichnet. Aus diesem Delikt heraus wurden in dem einen Jahr nicht weniger als 2159 161 von 100 000 verurteilt.
Wenn auch diese Rslativziffer gegen die schlesische (265), elsaß-lothringische (238) und bayerische (400) freundlich absticht, ist sie doch noch lange nicht eine der niedrigsten, denn Waldeck hat nur 67. In die gleiche Kategorie gehören die Gewalttaten und Drohungen gegen Beamte: 493 Verurteilte --- 34 pro 100 000 gegen nur 16 in Oldenburg und 18 in Braunschweig. Am meisten bedauert aber der Sozialethiker dre 772 Verurteilungen wegen B etru gs — 47 pro 100 000 gegen nur 34 in Posen und gar nur 28 in Schaumburq-Lippe und 22 in Waldeck. Hier stehen wir vor einer unnötig hohen Zahl, die mit der ethischen Gesamtqualität des Volkes eng zusammenhängt. Gewiß mag es ein Trost fein, daß es Gebiete gibt, die noch höhere Betrugsziffern haben: aber es ist mit allen anderen Ziffern nicht in Einklang zu bringen, daß sich hier Hessen- Nassau sogar von Posen überholen läßt. Das Bewußtsein, daß der Betrug etwas durchaus Niedriges und verabscheuenstvert Hinterhältiges ist, sollte in der Bevölkerung mit Macht geschärft werden.
Vergleichen wir die Entwicklung der beiden Jahrfünfts 1898/1902 und 1903/07, so kommen wir zu folgenden Relativziffern:
1898/1902 1903/07
gefährliche Körperverletzung .
169
161
einfacher Diebstahl ....
141
141
schwerer Diebstahl ....
27
47
Betrug ........
48
47
gegen Beamte .....
38
34.
Also stehen neben kleinen Verbesserungen auch Verschlechterungen. Es wäre ein Mangel miserer Darstellung, wollten wir eine Kategorie Verbrechen und Vergehen stillschweigend übergehen, die teils wegen ihrer Schwere, teils wegen ihres massenhaften Auftretens ins Auge fallen und eigentlich mit der steigenden Kultur allmählich aus den Strafregistern verschwinden müßten. Es sind zunächst die Eidesverletzungen, die 1909 36 Personen ins Unglück brachten. Bekanntlich kann die Statistik nur dre entdeckten und überführten Delikte fassen. Eine nicht geringe
Menge kommt gar nicht vor das Forum des Gerichts. Das rst namentlich bei den Meineiden, fahrlässigen Falscheiden und den Versuchen der Verleitung zum Meineid der Fall. Man kann demnach aus der Ziffer 86 schließen, daß im Volk das Bewußtsein von dem wahren Wesen des Eides noch lange nicht in .dem notwendigen Maße vorhanden ist: als des letzten, aber schwersten und gefährlichsten Mittels der Gesellschrfts- ordnung, die Wahrheit im Zweifelsfall zu ergründen.. Den Eidesverletzungen schließen sich die meist ganz leichtsinnigen Fälschungen öffentlicher Urkunden (241 Verurteilte) und die Unterschlagungen (918) an. Von einer mangelhaftes Ausbildung der Willenskräfte reden die 1840 wegen Beleidigung, 576 wegen Hausfriedensbruchs und 515 wegen Sachbeschädigung Verurteilten. Bei einiger Selbstzucht und Beherrschung könnte der größte Teil dieser Verfehlungen vermieden werden. Jeder kriminelle Prozeß bedeutet einen Verlust an Familien- und Volksvermögen, jede Verurreilnng ein Sinken des Barometers der ethischen Volkskrast.
Fassen wir unsere Betrachtung der hessen-nassaui- scheu Kriminalität zusammen, so kommen wir im allgemeinen zu einem nicht ungünstigen Urteil, stoßen aber auf eine Reihe von Delikten, die sich mit der Kulturentwicklung unserer gesegneten Provinz nicht vertragen. Tie Beobachter der Volksseele macken leider allgemein die Erfahrung, daß neben der steigenden Teuerung der Lebenshaltung nicht etwa weise Sparsamkeit und Maßhalten im Genuß einhergehen, sondern daß umgekehrt die Lebensart der modernen Familie in allen 'Schichten immer laxer wird. Tie „soziale Kapillarität", wie Tumont die ansteckende Neigung zum Hinausleben über den Stand genannt hat, verwirrt und erschüttert die häusliche Finanzwirt- schaft oft in der schwersten Form. Gesellt sich hierzu die geduldige Ertragung politischer und wirrichaftlicher Mißverhältnisse (Wohnungselend, Nahrvngsmittel- teuerung), so ist es nur erklärlich, daß dies alles seinen Ausdruck in einer Verschlechterung der Kriminalität finden muß: denn keine Ursache bleibt ohne :hre Wirkung.
politische Übersicht.
Die ttonfervaLiven in der Sackgasse.
L. Berlin. 2. Juli.
Es vergeht keine Woche, ohne daß die Konservativen durch irgend eines ihrer leitenden Blätter, am liebsten durch alle zugleich, zum soundsovielten Male erklären lassen, eine Erbanfallsteuer könne jetzt so wenig wie im Jahre 1909 bewilligt werden. Warum diese regelmäßigen Wiederholungen eines Widerspruchs, den man nun wirklich schon zur Genüge kennt? Warum muß beispielsweise die „Kreuzztg." heute abermals in einem mehrspaltigen Artikel laut und beharrlich ausrufen, jede Veranlagung, wonach ein Teil des Vermögens nach dem Lode des Erblassers dem Fiskus anheimfalle, widerspreche den Auffassungen eines guten deutschen Familienvaters? Es
Und die Leute in Stockholm? fragte ich neugierig. — Na,, die erst, erwiderte man mir. Die haben im Winter nur 5 Stunden Tageslicht. Die müssen sich natürlich im Sommer ganz besonders dran halten, um in ihren Körper die nötigen Sonnenstrahlen einzusäugen.
Wissen Sie, fragte ich meinen Kollegen Ahmann von der Gothenburger Handelstidning, der in liebenswürdigster Werfe mich mit dem Gothenünrger Leben bekannt machte, was mir bisher von Gothenburg am meisten gerühmt worden ist? — „Natürlich das sog. Gothenburger System." — Das zwar auch, aber man hat mir vor allem gesagt: Gothenburg ist die Stadt der Donatoren. Da herrscht eine Wohlfahrtspflege wie kauni in einer anderen Stadt der Welt. Bei . Ihnen sollen die Millionen dafür, förmlich auf der Straße liegen. — „Na, ganz so schlimm ist cs vielleicht nicht", erwiderte mein Kollege. „Aber allerdings, wenn wir.hier für . Wohltätigkeit etwas haben wollen, Geld dafür ist immer vorhanden." Und sofort zählte er mir eine ganze Anzahl Millionenstiftungen auf für Krankenhäuser, alte Leute und Invalide, für Ärbeiterwoh nungen, Parkanlagen, Stadtver- schönerung usw. Die Universität, die allerdings bis jetzt nur die philosophische Fakultät umfaßt, ift ganz aus privaten Mitteln geschaffen. Herr Ahmann zählte noch immer auf. aber ich will den Neid der verehrten Leser nicht erwecken. Nur noch eins „Als wir seinerzeit hier den Empfang der deutschen Journalisten vorbereiteten", berichtete der Kollege, „da setzte ich' mich einfach ans Telephon, und in einer Stunde hatte ich die nötigen tausend Kronen zusammen." — „Donnerwetter" sagte ich, „und woher stammt bte vortreffi che Erziehung Ihrer Bevölkerung?" — „Daran ist, so darf ich wohl ohne Ruhmsucht sagen, unsere Presse nicht ganz ohne Schuld. Wir haben in unserer Stadt immer auf Fortschritt und Glanz gedrängt und die Wohlhabenden systematisch daran gewöhnt, daß sie etwas für die Wohlfahrt ihrer Vaterstadt stiften. So
Nachdruck «erboten.
Schwedische Neisebriefe.
i.
Gothenburg.
Womit kann ich die Gegend wohl vergleichen? Das Schiff ^reicht ruhig und sanft durch die Wellen. Zu beiden Seiten des Flusses ziehen sich sanft geschwungene Hügelketten hin, von kleinen Wiesentälern unterbrochen. Burgen fehlen als Kronen der Berge, wie sie viele Flnßtäler Deutschlands schmücken. Nur mit Buchen oder Tannen sind die Berge verziert. Schnepfen und Bachstelzen wiegen sich am Ufer. Hie und da kommt eins Viehherde die Höhen herunter. Es könnte die Weser sein, wenn nicht manche Hügelreihen nur ganz spärlichen Pflanzenwuchs zeigten. Aber statt auf der Weser, auf der ich so manches liebe Mal, von meiner Laute begleitet, gefahren bin, schaukelt mich diesmal ein freundliches Schiff den Götaelf hinauf dem Trollhätta zu. Freilich ist es nicht immer ganz leicht, mir die Weserufer vorzu- zaubevn. Denn um mich herum fast nur frcnrde Laute: schwedische, englische, russische, auch amerikanischen Tonfall bemerke ich bei Schweden, die von jenseits des großen Wassers nach der Heimat zurnckkehren.
Gothenburg liegt hinter mir, Schwedens .Hamburg. Die Stadt, die Var kaum 3 Jahrhunderten Gustav Adolf gegründet hat, und die heute mit ihren 160 090 Einwohnern fast die Hälfte des ganzen schwedischen Handels umfaßt, zeigt den Scharfblick des gekrönten Städtegründers. In der breiten Mündung des Götaelf besitzt der Platz einen vorzüglichen Hafen, der sich fast eine Stunde weit ausdehnt und noch beliebig vergrößert werden kann. Eine Stadt, die das mit Stockholm gemein hat, daß mitten in der Stadt plötzlich ein Felsvorsvrung die Häuserreihe unterbricht.
Die Stadt kann sich zwischen den Felsen nur schwer aus- dehnen, und man könnte denken, die vielen sechsgeschossigen hohen Häuser wären ein Zwang der ungünstigen Lage. Aber es scheint, daß die Schweden leider den Hochbau der neuen Zeit von den Deutschen gelernt haben. . Denn ich sah auch in Malmö, das ganz in der Ebene liegt und nur 80 000 Bewohner umfaßt, fünfgeschossige Häuser, sogar in Harland, ' einem Nest von kaum IS 000 Seelen.
, Gerade im hohen Norden aber sind die hohen Mietskasernen ganz besonders unpraktisch. Denn die Leute schneiden sich damit natürlich in den nicht übermäßig breiten Straßen für die unteren Stockwerke nur die Sonne ab —, die Sonne, die man gerade hier so ungemein nötig hat. Denn, was sie für den Menschen bedeutet, merkt man gerade hier in diesen Breiten. Jetzt zwar meint cs die Sonne recht gut. Sie entzieht sich in diesen Wochen kaum ein paar Stunden in der Nacht dem menschlichen Anblick, und auch da nur unvollkommen. Aber dafür ist sie auch im Winter um so sparsamer mit ihrem Licht. In manchen Tagen dringt da die Sonne durch den Gothenburger Nobel überhaupt nicht durch und mit künstlichem Licht müssen sich die Leute den Tag erhellen.
Es ist kein Wunder, wenn dann die Gothenburger in: Sommer geradezu lichthungrig sind und die Sonne und das frische Naturgrün um so eifriger genießen wollen. Ich wunderte mich über das so wenig lebhafte Treiben in der Stadt, über die fast unnatürlich stillen Straßen. Ja, hieß es, im Sommer ist ganz Gothenburg ans dem Lande. Die Schulen schließen da gegen 3 Monate. (Glückliche Jugend,' zumal sie auch Weihnachten 4 Wochen — auf dem Lande des vielen Schnees wegen sogar noch länger — Ferien hat!). Frau und Kinder leben jetzt völlig auf dem Lande. Nur die Männer haben das angenehme Vergnügen, täglich ein paar Stunden lang auf der Bahn oder dem Schiff hin und her zu pendeln.
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