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„Tagblatt-Haus" Nr. L650 S3.
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Zonirtag, 23. Iunr 1912.
Morgen - Ausgabe.
Xtv. 288. ♦ 60. Jahrgang.
Parteienspaltung und Parteienvereinigung.
Auch Parteien stehen im Fluß der geschichtlichen Entwickelung. Neue Fragen trennen alte Freunde,^ bringen dafür zuweilen bisherige Gegner emander näher. Oder in einer Partei treten kühne Neuerer auf, die einen Teil der Parteigenossen mitreisten, den anderen gber in helle Empörung versetzen. Die' letzte Vergangenheit und die unmittelbare Gegenwart sind reich un Entwickelungen und Versuchen dieser Act.
Die Verschmelzung der drei links liberalen Truppen war der erste dieser Vorgänge. Die Fortschrittliche Volkspartei hat bei beu Reichstagswahlen die Feuerprobe bestanden. Sie hat eine Anzahl Mandate hinzugewonnen und würde deren erheblich mehr noch gewonnen haben, wenn nicht Konservative lind Zentrum eine Stichwahlpolitik ab irato getrieben hätten, die man eine krumme nennen must. Sie hat vor allem 25 Prozent an Stimmen zugenonim.m. Tie Einigung hat auch eine kräftigere Aktion berbeigeführr. Der Demokratischen Vereinigung ist damit der Boden entzogen. Sie ist als „Retterin" einer freiheitlichen, demokratischen Politik überflüssig geworden und hat dann auch bei den Wahlen so ungünstig abgeschnitten, daß sie für absehbare Zeit keine Aussicht auf eine parlamentarische Vertretung hat, und sei es auch nur die kleinste.
Tie nationalliberale Nachbarpartei befindet sich in einer anderen Lage. Ihre energische. Haltung, die durch das Marschieren der Reaktion eine Notwendigkeit wurde, machte die Halbkonservativen, die Industrie- konservativen stutzig. Männer wie Schisferer und Haarmann neigen sogar ^in ihren Grundanschauungen 8u den Konservativen. Sie würden bei diesen sitzen, tvenii ihre parteipolitische Stellung lediglich von ihrem persönlichen Empfinden bestimmt und nicht durch das Milieu, .in dem sie leben, mitbedingt würde. Ter neue altnationalliberale Reichsverband bedeutet zwar nicht eine Spaltung, aber die Gefahr einer Spaltung. Damit verlöre der Nationalliberalismus die ausschlaggebende Stellung, die er bei dem gegenwärtigen Stärkeverhältnis der Linken und Rechten sowohl im deutschen wie im Preußischei: Parlament besitzt^ Der Reichsverbaiid scheint jedoch bisher iiur bescheidene Fortschritte zu inachen. Siebt er sLrne zissern- wäßige Sch w ä ch e, so wird er vielleicht und hoffentlich auch in den parlamentarischen Fraktionen etivas zurückhaltender werden. Nach vielen z. T. van uns erwähnten Kundgebungen von hier und dort und insbesondere dem in der Samstag-Abendausgabe erwähn- Wähnten Warn-Appell aus der „Nationalzeitung", der bon „vielen H u n de r t e n n a t i o n a l l i b e- ralen Parteiführern aus alle n Teilen des Reichs" unterzeichnet ist, erweist sich diese Hoffnung, daß die Aktion des Herrn Fuhrmann sich i m Sande verläuft, in einer für alle Freunde einer starken liberalen Sache schlechthin erfreulichen Weise anscheinend schon setzt als nicht unbegründet.
Im Zentrum sind die Spaltpilze alter und
Nachdruck verboten.
Königin der Nacht.
Von Klara Bliithgen.
Die beiden kamen von ihrer Ausfahrt zurück und gaben ra§ Glockenzeichen, daß jemand kommen und ihnen die Räder abnehmeli möge.
Es dauerte ein Weilchen, bis der Portier, der in der kleinen Villa des Bildhauers zugleich als Atelierdiener fun- öierte, erschien. „Sie muß nämlich gleich aufgehen, da sind ^ir alle dabei gewesen", entschuldigte er sich, indem er sich anschickte, die Räder in Sicherheit zu bringen.
„Wirklich? Jst's schon so weit? Na, hoffentlich kommen wir nicht zu spät. Denk' nur, Erna, wenn wir das versäumt batten!" sagte der Bildhauer, und immer zwei Stufen auf einmal nehmend, flog er die Treppe hinauf, während seine 8rau gemächlicher folgte. , .
Oben fand man alles versammelt, die Portiersfrau, das Kindermädchen, die Köchin. Sie standen am Fenster und ^trachteten mit gespannter Aufmerksamkeit das Wunderliche, was dort vor sich ging.
^ In dem Fcnsterbrette stand sie, die berühmte Königin der Kacht, ein verschlungenes Durcheinander von fahlgrünen, 'wchligen Strünken," über einem Holzleiterchen zu einem Mächtigen Eirund gewachsen, ein Knäuel von Schlangen, aber wblos, vertrocknet. In der Mitte ein kugeliges Gebilde, aus lauter schmalen Streifen zusammengesetzt. Und in dieser Kugel pulsiert ein verborgenes Leben, hin und wieder geht ^ wie ein Knistern hindurch und dann löst sich mit einem kleinen Knall einer der Streifen und schnellt zurück; m kinioen Minuten ist die äußerste Reihe der Kelchblätter aus
zäher. Sie waren in diesem Organismus vor seiner Geburt vorhanden und bedrohten ihn bald mehr, bald weniger heftig. Es hat in der Tat. den Anschein, daß das Zentrum auch diesmal des rein- und u l t r a- konfession eilen Elements noch einmal Herr werden sollte, wenn auch mit vieler Mühe. Die störrischen Kräfte sind zu schwach, um parteibildend wirken zu können: *u schwach vor allen: im Klerus. Hier ist also noch keine Aussicht auf eine neue Konstellation. Ter politische Katholizismus behauptet annoch dieselbe Macht wie seit nunmehr vier Jahrzehnten.
Die neben ihm bestgefügte Organisation der Gegenwart, die Sozialdemokratie, zeigt dagegen viel größere Meinung, auseinanderzufallen. Von einem Parteitag zum anderen vermehrt der Revistoinsmus seine Anhängerzahl. Ter Versuch, ihn zu unterdrücken, ist so wenig gelungen, daß er jetzt eine gleichberechtigte Richtung bildet. Ter Parlamentarismus ist sein Boden: die gewerkschaftliche Arbeit führt ihm fortwährend neue Nährstoffe zu. Der Gegensatz der Parte: ist wahrhaftig weit genug, um eine förmliche Spaltung der Partei als das eigentlich Natürliche erscheinen zu lassen. Es ist geradezu komisch, wie man sich in der Partei über die Spaltunasstzmptome entrüstet, vor den Entstehungsursachen aber den Blick verschließt. Bisher ist die äußere Trennung der beiden Flügel wohl hauptsächlich durch die beiderseitigen finanziellen Interessen verhindert worden. Die Trennung würde viele Parteinüternehmungen in ihrem Bestand bedrohen, manche Einzelexistenzen schwer treffen. Tenn die Agitatoren sind zur Hälfte Parteiangestellte. Aber die Partei hat sich seit Jahren finanziell sehr konsolidiert. Geht das so weiter, so wird man bald sage;: können: Jetzt kann die Partei sich eine Spaltung leisten; jeder Flüge! verfügt nun über die genügenden Existenz- mittel. Es hat kein Zweck, sich hierüber in werteren Zukunftsbetrachtunaen zu ergehen, aber man darf darauf Hinweisen, daß die Wahrscheinlichkeit der Spaltung wächst — sowohl durch die Verschärfung des Gegensatzes wie durch die Verminderung der Hindernisse.
Der Griecheu Stunde.
L. K. Konstantinopel, 19. Juni.
In den letzten Tagen ist ein jäher Umschwung in der offen zur Schau getragenen Gesinnung der griechischen Inselbevölkerung eingetreten. Tie Eroberung des südlichen Archipels durch die Italiener ist nun doch der Hebel geworden, der den Panhellenismus plötzlich in rasche Bewegung versetzte. Von Alexgndria und Rhodos sind, wie schon gemeldet, Sendboten in Athen und Rom eingetroffen, die dem Wunsch der Archipelgriechen nach Autonomie oder Vereinigung mit dem Königreiche Worte' verleihen. Tie Versammlung der Jnsel- deputationen beim General Ameglio bedeutete den nächsten Schritt zur Befreiung des Axchivels.
Herr Venizelos leitet zurzeit die verschiedenen wirren Strömungen in den ruhigen Kanal diplomatischer ^Verhandlungen. Er soll, wie wir voir zuverlässiger Seite hören, bei den Mächten mit Nachdruck darauf hin-
gcsprungen und steht nun als Kranz von steifen gelben Strahlen da.
Aber das verborgene Leben arbeitet weiter. Immer mehr der Blätter lösen sich, sie starren wie ein Wald von Lanzen, der das Geheimnisvolle, das drinnen verborgen ist, schützen soll. Das geht nun so rasch vor sich, daß die ganze Blüte in Bewegung zu sein scheint.
„Das ist geradezu unheimlich, zum Fürchten wie etwas wirklich Lebendiges", meint die junge. Frau zu den Dienstboten hin. Sie ist immer freundlich und mitteilsam und deshalb bei ihrem.Personal sehr beliebt. Natürlich hat nun jede von den dreien das eben gedacht und sagen wollen. Wirklich zum Fürchten — das mag man gar nicht lange mit an- schen.
„Komm her, Schatz, setz' dich hier neben mich", sagte der Bildhauer, als sie allein sind. „Das ist wirklich ein Wunder, das. wir in Ruhe genießen müssen. Sieh nur, wie das atmet, welche Kraft des Werdetriebes dahinter steckt, um diese Hülle zu sprengen. Ist das nicht wie ein Märchen? Man sieht diese Wunderblüte arbeiten, hört, wie sie dabei arbeitet ' — paß auf, noch eine halbe Stunde später, dann wird sich auch der wunderbare Vanilleduft entwickeln. Das verlohnt doch noch —"
„Ja — aber lange genug hat's auch gedauert. Du Georg, das ist sündhafter Egoismus, so etwas Seltenes allein zu genießen — wie wäre es, wenn wir zu Rechtsanwalts Hinüberschickien?"
Ihr Mann ist's zufrieden und sie atmet auf. Das ist doch eine Ablenkung. Dieser wunderliche Mann bringt es sonst wahrhaftig noch fertig, die ganze Nacht hindurch mit ihr allein vor der dummen Blume zu sitzen. Sie kennt ihn! Ja, diese phantastischen Künstler!
weisen, daß der Türkei nach allgemeinem Brauche noch niemals Gebiete zurückerstattet worden. die im Kriege verloren gingen, und daß die Gelegenheit zur notwendigen Vereinigung der Inselhellenen, die sonst nach demj Friedensschlüsse ihre Befreiuungsversuche bitter büßen müßten, nicht verpaßt werden dürfe.
Um bei dem stärkeren Nachbarn nicht anzustoßen, deckt sich das Athener Kabinett hinter den Großmächten, arbeitet aber auf diese Weise gleichzeitig gegen die Italiener, die sich auf Rhodos, auf Astypalia und Harki häuslich einrichten. Obwohl die noch unter türkischer Herrschaft stehenden Griechen auf den Inseln meistens in der^Überzahl sind, erheben sie von dort aus nur vereinzelte Rufe nach Befreiung. Eine offene solidarische Erklärung oder ein gemeinsames mutiges Vorgehen für ihr»- Sache scheint ihnen nicht opportun, we.rl zu gefährlich. Es kennzeichnet auch ihren Charakter, daß sie lieber die Autonomie gewinnen, als mit dem Königreiche vereinigt werden möchten.
Man behauptet hier in politischen Kreisen, daß Venizelos die Rücksendung der kretischen Abgeordneten und die Vertagung des Athener Parlaments bis zum Herbst beschloß, um in der Zwischenzeit die Frage des Archipels mit der Kretas gemeinsam erledigen zu können. Auch Samos soll in die Verhandlungen hin- eingezogen werden.
Herr Venizelos spielt eine gefährliche Karte, abev er spielt sie geschickt. Er hat die Türkei durch freundschaftliche Erklärungen und durch sein Auftreten in dep Kretafrage in Sicherheit gewiegt, den Bau der ariechisch- türkischen Bahn angeregt und den Osmanen die griechische Gesandtschaft wiedergegeben: Er hat sich in Kon- stanjinopel Vertrauen erworben, während er unter Friedensbeteuerungen die Frühjahrsübungen der von Franzosen ausgebildeten hellenischen Armee abhalten ließ. Ties Manöver, an dem sich 40 000 Mann oller Waffen beteiligten und das nach dem Urteile der fremden Militärattaches die Verwendbarkeit der herangezogenen Truppen klarlegte, wurde schon im Frühling angesetzt, um den Türken vor der Lötung der Jnselfragen zu beweisen, daß das kleine Königreich nach seiner Niederlage im Jahre 1895 in sich erstarkt und im Bedarfsfälle zun: Kampf bereit ist.
In den hiesigen Kreisen der internationalen Diplomatie glaubt man, daß die Türkei den Archipel be- stimnrt verlieren wird. Auch die Politiker Konstanti- nopebs neigen dieser Meinung endlich zu.
Tie türkischen Blätter, die bis zu den letzten Tagen zur Eintracht mahnten, die osmanischen Griechen beruhigen und die Mohammedaner vo>: Gewalttaten zurückhalten wollten, indem sie behaupteten die Propaganda zur Archipelloslösung würde nur von einigen Brauseköpfen der im allgemeinen sultanstreuen griechischen Bevölkerung in Szene gesetzt, haben plötzlich einen heftigen Ton angeschlagen. Sie ineinen, die Türkei verfüge, wenn auch die Verräterei der Inlelgriechest glücke, in vielen Gebieten des Reichs über, Geiseln genug, die an Stelle der Abtrünnigen zur Rechenschaft gezogen werden könnten.
Tie Ungewißheit über den Ausgang des Krieges und der rasch um sich greifende Geldmangel tun ihr
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Man hält in dieser Villenvorstadt gute Nachbarschaft; Rechtsanwalts verheißen ihr Kommen für , die nächsten Minuten. Das freut Erna, bringt sie aber auch ein bißchen in Aufregung. Sic steckt noch im Radfahrkostüm, muß sich umkleiden — welches Kleid wohl? Und was gibt man? Die Kotelettes werden nicht reichen — ob kalter Aufschnitt hinterher genügt? Obgleich es nicht an Bedienung fehlt,, hört man sie selbst mit Tellern und Gläsern klappern und gleich darauf ähre Stimme aus dem Kindcrzimmer — Baby muß gerade jetzt sein Abendsüppchen kriegen.
„Was wollt ihr trinken, Georg?"
„Nun, das Ereignis verdient wohl eine Flasche Sekt —"
„Ach — dafür sehe ich eigentlich keinen Grund. Ich dachte an Mosel —?"
Er zuckte die Achseln und nahm vorsichtig den Kaktus in die Höhe.
„Wohin willst du damit?" fragte sie erstaunt.
„In den Salon. Ein so seltener Gast muß geehrt wer^ den. Hier vor dem roten chinesischen Wandschirm, auf der alten Brokatdecke soll sie stehen. Und dazu nür ein Schimmer von Licht." Dabei entzündete er nur zwei der rotverschleierten Gasglühlichtlampen an der Krone. Das ganze Zimmer lag in einer magischen roten Dämmerung: Einzelne Kanten der roten Seidenmöbel blitzten darin auf, und aus dem dicken, roten Smhrnateppich wogte der Schein wie Blutlachen. Und: auf dem Hintergrund des' seidenen goldgestickten Schirmes das! phantastische Gewächs, die Blüte - jetzt schon mit' einem verheißenden weißen Schimmer durch die, goldenen Strahlen leuchtend.
Es war die höchste Zeit für dies Arrangement, schon traten Rechtsanwalts ein. Eine wortreiche Freude, eine , ekstatische Bewunderung. „Wie liebenswürdig, daß Sie an
