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Verlag Langgafle 21

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„ragblLtt-H-us" Nr. 6S50-53.

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Sonntag» 9. Iuni 1912 .

Morgen-Ku§gabe.

Nr. 264. - 60. Jahrgang.

Lahusen unü das Apostolikum.

Von Pfarrer Siems (Charlottenburg).

Ter Wünsche und Bestrebungen des kirchlichen Liberalismus auf Licht, Lust und Freiheit in der Kirche sind ja viele, und trotz mancher Enttäuschungen, trotz vieler Anfeindungen, als suche er die Kirche zu ver­nichten oder doch zu schädigen, kann er bes guten Zu­trauens sein, daß die Wahrheit auf dem Marsche ist. Ein Bollwerk der Orthodoxie nach dem anderen fällt, und aus dem einst so festen und uneinnehmbar schei­nenden Gemäuer der orthodoxen Kirchenlebre bröckelt ein Stein nach dem anderen heraus. Der Turm wankt, wann wird er fallen?

Vor allem ist es zurzeit das Apostolikum, jenes alte, nach vielfachen Veränderungen erstarrte gallische, dann römische Bekenntnis der christlichen Kirche aus dem fünften Jahrhundert, das wegen seiner dielen Unmöglichkeiten und völlig veralteten und überwunde­nen Anschauungen und Glaubenssätze beute nur eine Last, schier unerträglich, aus dem freien Denken Tausen­der und aber Tausender von protestantischen Christen ruht. Auf dieses Bekenntnis wird der Geistliche ordi­niert, muß er jedes Kind taufen, jeden Heranwachsen­den Christen konfirmieren und in jedem Gottesdienst muß er bei dem liturgischen Gebrauch so tun, als ob es wirklich noch in allen seinen Aussagen den Glauben der Heutigen Christenheit bedeute. Wieviel Unwahr­haftigkeit schlummert in diesem Zwang, wieviel schwere Sorge und hartes Bedenken muß immer wieder den ehrlichen liberalen Geistlichen belasten, wie mancher junge, zu eigenem Denken und eigenen Bedenken er­wachte Christ bäumt sich auf unter dem harten: „Ich

glaube . . . niedergefahreu zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren zum Himmel i . . Auferstehung des Fleisches usw."

Wohl ahnend, daß mit diesem Bekenntnis in seiner auf den Buchstaben verpflichtenden Starrheit schließlich die Orthodoxie steht und fällt, hat diese für die Beibe­haltung des Apostolikums gekämpft mit dem Mute der Verzweiflung. Noch im vorigen Jahre hat sie auf den verschiedenen Berliner Kreissynoden die entsprechenden Anträge des kirchlichen Liberalismus niedergestimmt und, wo ihr das nicht möglich war, sie in dem Schoße der Kirchenbehörden begraben. Und es war doch gar nicht einmal die Abschaffung des Apostolikums bean­tragt, sondern nur die Einrichtung von Parallelformu­laren für die Konsirmationshandlung unter Weg­lassung des Apostolikums für solche, die aus innerer Wahrhaftigkeit sich an ihm stießen. Um so wertvoller erscheint daher die Verhandlung über das Avostolikuin auf der Kreissynode Berlin-Kölln-Stadt am 6. Juni.

Nachdem der erste Pfarrer der Melanchthon-Ge- meinde Steininger erklärt hatte, daß er bei seiner Ordination nicht auf das Apostolikum verpflichtet ivor- den sei, sagte (wie wir schon mitteilten. Red.) der Generalsuperintendent D. Lahusen u. a.: „EL kann

sich bei der Ordination niemals handeln um irgend­eine Bindung an den Wortlaut des Apostolikums, so daß man in einer ganz bestimmten Weise sagen kann, der zu Ordinierende hat sich zu jedem Punkt des Apostolikums, wie z. B. Jungfraueugeburt. Auf­erstehung des Fleisches, bekannt. Andernfalls würde ich meinerseits nicht mehr imstande sein, einen evange­lischen Theologen zu ordinieren."

Und was sagt dazu die Orthodoxie? ■— Aber freuen wir uns, daß die Wahrheit auf dem Marsche ist. Es muß doch einmal Tag werden, auch in der evangelischen Kirche!

Die Politik der wGche.

Die Tage vor und während der Kieler Woche gel­ten bekanntlich als kritische erster Ordnung für die Minister, und so kann es denn nicht wundernehmen, daß auch jetzt wieder allerlei Gerüchte umgehen, die von einem Wechsel in der Besetzung der obersten Ämter im Reiche und in Preußen wissen wollen. So hat man unter anderem dem Kriegsminister v. Heeringen, der im Reichstag den scharfen Zusammenstoß mit dem Zentrum wegen der Tuellfrage hatte, das Zügenglöck­lein geläutet, und wieder andere haben die Stellung des Landwirtschaftsministers v. Schorlemer. der im preußischen Abgeordnetenhaus bei der Beratung des Besitzbefestigungsgesetzes mit dem Zentrum so heftig aneinander geraten war, als gefährdet bezeichnet. Frei­lich ist diesen Gerüchten das Dementi auf dem Fuße gefolgt, aber die Gegensätze, die hierbei zwischen Re­gierung und Zentrum zutage getreten sind, können weder geleugnet, noch darf ihre Bedeutung für die Ge­staltung der inneren Politik gering bewertet werden.

Daß es übrigens an solchen Gegensätzen auch inner­halb des Zentrums trotz der nach außen hin zur Schau getragenen Geschlossenheit nicht fehlt, das ist angesichts des scharf zugespitzten Streites zwischen der Cölner und der Berliner Richtung mit aller Deutlichkeit zutage getreten. Dieser Streit, den man bei dem Mandats- Verzicht des Abgeordneten Roeren schon als halb be- graben ansah, ist durch . die Parteinahme des Papstes Pius X. für die katholischen Arbeitervereine und seine Mißbilligung der interkonfessionellen christlichen Ge­werkschaften aufs neue mit aller Heftigkeit entbrannt, und die Zentrumspresse hat sich zurzeit in zwei feind­liche Lager gespalten, wobei nicht nur zwischen Cola und Berlin, sondern, auch zwischen Cölu und Rom in einer Weise scharf geschossen wird, daß der angeblich uner­schütterte Zentrumsturm dadurch einigermaßen bedroht erscheint.

Um so freundlicher, ganz ungewöhnlich freundlich haben sich dagegen neuerdings die Beziehungen zwi­schen Sofia einerseits und Wien-Berlin andererseits gestaltet. Ter Draht zwischen der bulgarischen Haupt­stadt und den Metropolen der beiden Verbündeten Reiche, deren Balkanpolitik in scharfem Gegensatz zu

der des Zaren Ferdinand stand, war bekanntlich lange Jahre hindurch zerrissen, und erst allmählich hat sich hier eine Wandlung vollzogen. Jetzt ist dem „schönen Ferdinand" vom Kaiser Franz Joseph das Zeugnis ausgestellt worden, daß er eine „Politik der Weisheit und Mäßigung verfolgt" habe, und aus die ehrenvolle Aufnahme im Schlosse Schönbrunn ist der festliche Empfang am deutschen Kaiserhofs gefolgt, der durch die Anwesenheit des Ministerpräsidenten Geschow einen gewissen politischen Beigeschmack erhalten hat.

Hängt doch angesichts der durch den italienisch- türkischen Krieg hervorgerusenen Spannung aus dem Balkan die Ruhe Europas nicht zuletzt von dem Verhalten der kleineren „interessanten Völkerschaften" ab, von denen Bulgarien und Rumänien bisher eine anerkennenswert friedliche Haltung bekundeten, wäh­rend sich in Serbien und Montenegro gewisse Putsch­gelüste regen und es in Griechenland der starken Faust' des Ministerpräsidenten 'Veniselos bedarf, um eine ernstliche Aufrollung der Kretafrage zu verhindern, Aus dem Kriegsschauplatz selbst begnügen sich die Italiener jetzt, da sie in Tripolis nicht vom Fleck kom­men, mit der Politik der kleinen Heldentaten im Agäi- schen und im Roten Meere, wofür die Pforte sich durch die schubweise Ausweisung der italienischen Staats­angehörigen rächt.

Mit dem Radikalmittel der Ausweisung hat tauf) der ungarische Ministerpräsident Lukacs einen Sieg in der heißumstrittenen Frage der Wchrreform erfochten. Indem er der „faktiösen Obstruktion" der Justhpartei und ihrer Mitläufer gegenüber die Losuna des Roden- steiners: ,,Raus da aus dem Haus da!" befolgte, gelang es ihm mit Hilfe der zielbewußten nationalen Arbeits­partei und des Mannes mit den Kürassierstieseln, des Kammerpräsidenten Grafen Tisza, in überraschend kurzer Zeit, den Wehrvorlagen im Aügeordneteuyause zum Sieg zu verhelfen, so daß, da auf deren Annahme im ungarischen Magnatenhause ebenso wie im öster­reichischen Reichsrat mit Sicherheit zu rechnen ist. der Konflikt zwischen den beiden Reichshälften als beige­legt gelten kann. Tie politischen Leidenschaften sind' bei diesem Falle allerdings in Ungarn aus den., be­dauerlichsten Höhepunkt gelangt, wie sich das in dem Revolverattentat eines oppositionellen Abgeord­neten auf den Präsidenten Tisza kundaibt.

Auch der heftige Streit zwischen Frankreich und Spanien über die Aufteilung Marokkos soll, nachdem -die Verhandlungen wiederholt nahe am Scheitern waren jetzt beendet und die Grundlage zu einer schied- lich-friedlichen Einigung gefunden worden sein. Offen­bar haben beide Teile angesichts der zunehmenden Gärung im Scherifenreiche eine verstärkte Neigung zur' Nachgiebigkeit empfunden. Aber der „Tritte im Bunde" will eben nicht nachgiebig feilt, und so werden die Franzosen trotz ibres vor den Toren von Fez,,an­geblich errungenen glänzenden Sieges noch auf zähen

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In Sand nnti See.

Seenovelle von Hermann Dressier (Chemnitz).

Ich bin gestern erst von meiner Reise zurückgekehrt, die mich diesmal an die Nordsee führte. Ich hatte Quartier bei einer Fischerfamilie in dem kleinen, stillen Seebade Duhnen genommen.

In der kräftigen Seeluft war ich bald erholt und fing an, dem lieben Gott die Tage zu stehlen. In solchen Stunden der Langeweile hat man Interesse für alles und ist dem Zu­falle dankbar, wenn er einen zum Zeugen irgendeines Er­eignisses macht.

Mir war er günstig. Nach einigen sehr stürmischen Tagen trat mein Wirt ins Zimmer und sagte ,mir, daß in einer der vorvergangenen Nächte ein norwegischer Segler, „Halfdan" mit Namen, aus dem „Witten Sunde" oberhalb Neuwerks gestrandet sei.

Ich holte mein Glas hervor und begab mich zum Strande. Etwa drei bis vier Kilometer von Neuwerk ent­fernt sah ich schon mit bloßem Auge ein schwarzes Pünktchen, das wie ein Felsenriff aus den Wogen emporragte. Ich stellte das Glas ein und konnte nun deutlich erkennen, daß es ein ziemlich großer Dreimaster war. Ein Teil — ob der vordere oder hintere, das ließ sich nicht erkennen — war ins Wasser gesunken, wogegen der andere ziemlich steil, wie ein Ausrufezeichen, in die Höhe stand.

„Wie weit ist es wohl noch bis dahinaus?" fragte ich meinen Wirt.

„Haben Sie die Absicht, hinüberzugehen?" fragte er ent­gegen.

„Ja!"

„So würde ich Ihnen raten, vom Kurhotel aus mit einem Motorboot bis Neuwerk zu fahren und dann die Ebbe abzu-

L warten, so können Sie bequem hinüber und auch wieder her­über kommen."

„Sie wollen doch nicht sagen, daß das Wrack zur Zeit der Ebbe frei liegt? Dort drüben müssen doch mindestens fünfzehn Faden Wasser sein?"

„Oho!" lachte er. „Dann wäre das Schiss nicht ge­strandet."

--Sofort machte ich mich auf den Weg zum Kur-

hotcl, um eines der kleinen, schnellen Motorboote zu chartern.

„Halten Sie sich nicht allzu lange drüben auf!" rief mir mein Wirt nach. „Der Wind steht landwärts, da tritt die Flut oft zeitiger ein!"

Bald saß ich in einem der Motorboote. Die Maschine fing an, ihr monotones Lied zu summen, an der Schraube quirlten die wcigen Schaumblasen immer schneller auf und bald schaukelte ich auf der erregten Wasserwüste.

In Neuwerk stieg ich an Land und ließ das Boot ohne mich zurückfahren.

Der Nachmittag war schön geworden, der Himmel hatte sich prächtig aufgehellt.

Ich setzte mich, meinem Ziel nunmehr bedeutend näher, am Strande nieder und wartete auf den Eintritt der Ebbe.

Es mochte gegen vier Uhr sein, als das Wasser zu sinken, richtiger: zu fliehen begann. Bald war ein breiter Streifen Meeresboden sichtbar. Ich zog kurz entschlossen meine Schuhe aus, streifte die Strümpfe herab und lief ins Watt hinaus, denn barfuß läßt cs sich in dem feinen Sande viel besser und angenehmer gehen.

Vor mir dehnte und reckte sich bald eine unermeffene, endlos schimmernde, grauweiße Fläche, über deren feinkör­nigen Grund hier und da schwerfällig die runden Taschen­krebse stolperten und schnellfüßige Krabben in stehengeblie­benen WassertiegAn verschwanden.

Nun lag das Land schon weit hinter mir, und vor mir — in weiter Ferne — sah ich die langgestreckten weißen Schaumkämme der enteilenden Wasser. Ich kam mir plötzlich schrecklich einsam vor und wäre sicher umgekehrt, wenn ich nicht meinem Ziele schon so nahe gewesen wäre

Nach einer Viertelstunde stand ich an dem gesunkenen Segler, von dessen unterem Teile der gierige Sand schon be­trächtlich Besitz ergriffen hatte. Ununterbrochen ließ dieser Totengräber seine Körner rieseln, unaufhaltsam, heimtückisch und gleichmäßig.

Ein feines Flüstern wie von tausend Geisterstimmen traf mein Ohr. Es kam mir vor wie das leise Rieseln in einer großen Sanduhr, die uns die Vergänglichkeit der Zeit und ihrer Erscheinungen zu Gemüte führt und die Gegenwart im nächsten Augenblick zur Vergangenheit werden läßt.

Ich machte, um das allmähliche Einsinken konstatieren zu können, an einer bestimmten Stelle der Schifsswand, etwa fünf Zentimeter oberhalb des Sandes, einen Bleistiftstrich. Dann begann ich, nach einer Stelle zu suchen, die mir das Eindringen in den Schisfsüauch gestattete.

Düster und leblos, wie ein verendetes Seeungchcuer, lag der Riese vor mir auf seinem grauweißen Grabe.

Ich erfaßte ein herabhängcndes Tau, prüfte, ob es noch genug Festigkeit besäße, und begann dann, an der Schiffs- Wand emporzuklettern.

Ich schwang mich über die Reeling und stand nun oben. Die Mästen waren noch unversehrt, aber die in Fetzen herab- hängendcn Brahmsegel zeugten von dem Kampfe, der hier zwischen berechnender Menschenkunst und blindwütender Naturkraft ausgefochten worden war.

Ich hob einen der schweren Lukendeckel beiseite und sah in den finsteren Rumpf des Ozeanriesen hinab. Alles tot und still, daß mir ein Schauer den Leib schüttelte.

Aber die Neugierde trieb mich, den Raum Wetter zu durchforschen. Ich entzündete ein Wachshölzchen und stieg die Treppe hinab, die wohl vor wenigen Tagen noch unter den schweren Tritten von gesunden, kräftigen Matrosen geknarrt haben mochte.

Mein Schritt harrte so schauerlich von den Holzwänden zurück, als stiege ich in die Krypta ober, in dir Katakomben einer alten Kirche.