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Samstag, 8. Juni 1912.
Morgen«Ausgabe.
Nr. 262. ♦ 60. Jahrgang.
Vevölkerungsfragen.
Ein heftiger Schreck hat die Franzosen befallen, als sie aus den Ergebnissen ihrer letzten Votkszäylung erfuhren. daß die Bevölkerungsziffer schon nicht mehr stillsteht, sondern bereits abnimmt. Unsere westlichen Nachbarn haben gewiß allen Grund, diese wichtige Erscheinung so ernst zu nehmeil, wie sie es verdient, und zumal vom militärischen Standpunkte aus kann es für die Franzosen schwerlich etwas Schlimmeres geben als den rapiden Verlauf der Kräfteverschiebung . zwischen ihnen und uns. Tiefe Seite des Problems ist so oft schon behandelt worden, daß wir es uns hier ersparen können, uns mit ihr erneut zu beschäftigen. Tie Sache bietet aber noch ändere bedeutsame Gesichtspunkte, bei deren Betrachtung wir uns sagen sollten, daß wohl heute und morgen und vielleicht noch für einen längeren Zeitraum Grund genug zur Befriedigung über das in Deutschland sich darbietende Bild besteht, daß aber nicht die geringste Bürgschaft für eine dauernde Verschiedenheit der Verhältnisse ftübeii und drüben zu unseren Gunsten vorhanden ist. Nämlich es liegt so, daß die allgemeine Tendenz zur Verlanai'amung der Bevölkerungszunahme bei uns gerade so gut wie in Frankreich wahrzunehmen ist, nur daß sie freilich zunächst nicht so schnell und mit so unheimlicher Wirkung erfolgt. Vorhanden aber ist sie, und zwar, was uns dann wieder zum Tröste gereichen kann, in allen Kulturländern gleichfalls.
In Europa gehören die hohen Geburtszahlen (etwa 40 pro Mille und darüber) jetzt nur noch den Balkrn- staaten und Rußland an. Im Zarenreiche beträgt der Satz pro Mille 48. Tie Grenze von 30 pro Mille wird, obwohl das Niveau sinkt, noch übertroffen von Spanien, Portugal, Italien, Österreich-Ungarn, Teutsch- land und den Niederlanden, sie wird aber nicht mehr erreicht von Belgien, der Schweiz, den skandinavischen Ländern und England. Im Jahre 1890 behauvtete sich England noch mit 30 pro Mille und darüber, int Jahre 1910 war jenseits des Kanals die Ziffer auf unter 25 gefunken.
Wir entnehmen diese Ziffern einem sehr lehrreichen und zum Nachdenken anregenden Aufsatz des früheren norwegischen Ministers Sigurd Ibsen, des Sohnes des großen Dichters, im Jünitzeft der „Neuen Rundschau" (Berlin, S. Fischer). Der Verfasser gibt auch sonst noch interessante Taten. Berlin konnte vor einigen dreißig Jahren noch auf je 1000 Ehefrauen 250 Geburten jährlich rechnen, heute nicht viel mehr als 100. Ein Drittel von den Familien der deutschen Hauptstadt hat nach der letzten Zählung nur ein einziges Kind, zwei Drittel begnügen sich mit zwei Kindern. Ferner: in den letzten Jahrzehnten hat in den bessergestellten Ärbeiterkreisen Englands eine offenbare Einschränkung der Kinderzahl stattgefunden. Ein Verein mit 272 000 Mitgliedern, der seinen Familien im Fall eines Wochenbetts Unterstützungen gewährt, hat mit feinen Leistungen von 22,58 Prozent in den Jahren 1866 bis 1870 auf 12,04 Prozent in der Periode von 1M1 bis 1904 zurückgehen können. Sigurd Ibsen wirst
Der Medardusmarkt zu Oldenburg.
Von Martin Proskauer.
Kennen Sie den heiligen Medardus?"
„Nein, ich habe das Vergnügen noch nicht —"
„Den Medardusmarkt also auch nicht? — Wollen wir nach Oldenburg fahren, da wird nämlich heute, am 8. Juni, der größte Pferd-markt Nordwestdeutschlands abgehalten.
Bald sitzen wir im Schnellzug, der über Bremen-Cöln direkt nach Paris fährt. An den Glasscheiben kleben kleine Zettel: „Mrs. les voyageuxs sont pries" — • • • • toas,>
— ach so, wir werden flehentlich gebeten, drei Kilometer vor Paris nicht den Kopf aus dem Fenster zu stecken, da dort ein Brückenpfeiler ausgebessert und mit Gerüsten versehen wird
— meinetwegen — wir steigen ja schon in Bremen um.
Statt der raschen sausenden O-Zugwagen schaukelt uns der behäbige Personenzug von Bremen ans ins Großherzogtum Oldenburg. Kernige friesische Stationsnamen tauchen auf: „Schierbrok, Grüppenbühren —", nun ist Oldenburg
erreicht. .
Schon beim Aussteigen umfängt uns liebliche Klcrn- städterei. Wir müssen alle über ein Bahngleis fort. — Tunnel ist noch nicht — und weil darauf gerade rangiert wird, geht ein Mann mit einer Klingel in der Hand den rollenden Waggons voran!
„Wo kommt man zum Medardusmarkt?"
„Ach, da geh'n Sie man ümmer hinner düsse Lüd' her, die geh'n da alle hin!"
Wir marschieren also in dem Haufen, der mit uns den Bahnhof verläßt, mit; anscheinend Bauern aus der Umgegend, mittelgroße, knochige Gestalten mit hängenden Schultern, der
Me sehr berechtigte Frage auf, ob das Kulturphäno- men eines allgemeinen Geburtenrückgangs nicht auch seine Vorzüge haben inag. In der Tat ist es doch wohl ein außerordentlich wichtiger Umstand, daß die Fruchtbarkeit regelmäßig in dem Maße abnimmt, in welchem sich die Lebenshaltung einer Nation und ihrer einzelnen sozialen Schichten zu heben pflegt. In den wohlhabenden Gegenden von Paris ist die Kinderzahl nur halb so groß'wie in den armen Stadtteilen. In den Vereinigten Staaten von Amerika läßt sich konstatieren, daß die neueingewanderten Frauen durchschnittlich fast doppelt soviel Kinder zur Welt bringen wie dis angesessenen, und daß der Kinderreichtum der Einwanderer in der nächsten bessersituierten Generation bereits abnimmt.
Sigurd Ibsen macht im Fortgange seiner Studie aus ein interessantes Moment aufmerksam: die tech
nischen Erfindungen haben zur Folge, daß die eigentliche Körperarbeit immer mehr durch mechanische Motore ersetzt wird. Das Streben der '.'.feisten Großindustrien geht dahin, daß die Anzahl von Pserdekraf- kräften in weit schnellerer Progressioii wächst als die Anzahl von Arbeitern. Auch in der Landwirtschaft werden in immer weiterem Umfange Maschinen eingeführt, die den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft verringern. Alles in allem kann man sagen, daß der Aufschwung des Erwerbslebens, der unsere moderne Zeit kennzeichnet, keineswegs eine Zunahme von arbeitenden Individuen fordert, die im Verhältnis zu der Vermehrung der ökonomischen Güter steht. Nicht immer zahlreichere, sondern besser ausgebildete und intelligentere Arbeiter sind erforderlich.
Und dann noch eins: Noch irn Mittelalter mitjemen verheerenden Epidemien würde eine gering^ Fruchtbarkeit zur Entvölkerung geführt haben. So ist es nicht mehr, seit die Entdeckungen der ärztlichen Wissenschaft und die Fortschritts der öffentlichen Gesundheitspflege die Sterblichkeit in einem frühen ungeahnten Grade verringert haben. Die jährliche Sterbeziffer betrug für ganz Europa in den Jahre», von .1801 bis 1820 ungefähr 32 auf 1000 Einwohner, war aber in den zehn Jahren von 1891 bis 1900 auf nicht ganz 26 zurückgegangen, und sie sinkt dauernd und ziemlich stark. Im vorinen Jahre betrug sie z. B» in Norwegen nur 13,75, in Schweden 14,03, in England 13,33 pro Mille, und solche Zahlen genüaen, um zu erklären, daß trotz der verringerten KinderWar noch ein Anwachsen der Bevölkerung erreicht wird.
politische Übersicht.
„Daniel §ryinann".
O. Berlin, 5. Juni.
„Daniel Frymann" schrieb ein Buch „Wenn ich der Kaiser war'!" Er wollte gleichsam die Rolle des heimlichen Kaisers der Deutschen spielen. Es ist ihm aber nur gelungen, der heimliche Führer einer politischen Gruppe zu werden, derjenigen nämlich, die mit verteilten Rollen daran arbeitet, den rechten Flügel der Nationalliberalen in die schwarzblauen Gefilde zu locken. Wer ist Daniel Frymann? Über
diese geheimnisvolle Persönlichkeit sind in den letzten Tagen wieder einige neue Andeutungen gemacht worden. Die „Post" teilte (in ihrer Nr. 254) mit, daß Frymann „feit 40 Jahren im politischen Leben steht und seinen Führer Bassermann genau kennt". Die „Kreuzzeitung" sagt (in Nr. 254), daß er „Alldeutscher, wenn auch nicht streng im Sinne des Alldeutschen Verbandes" ist, und ebenso „radikaler Gegner des Judentums". Also eine recht vielseitige Per- sönlickikeit! Und wie man sieht, weiß man in den Lagern der beiden Rechtsparteien viel mehr über ihn, als den Nationalliberalen selbst bekannt ist. Ein westfälisches Zentrumsblatt deutete gestern an (oder vielleicht klopft es nur auf den Busch), daß die große norddeutsche Stadt, in der Herr Frymann wohnen soll, nur ein ganz klein wenig nördlich von Essen liege. Alles ganz interessant, aber immer noch zu wenig, um auf die Spuren des mysteriösen Herrn zu führen. Vielleicht erzählen nun seine konservativen Freunde, wenn - man sie reizt, noch ein bißchen mehr.
Zum Stande der Krauenrechtsbewegung
erhalten wir mit Bezug auf eine orientierende Übersicht in der Nr. 253 unseres Blattes aus den Kreisen der hiesigen Frauenrechtsorganisationen eine Zuschrift, die der Ansicht entgegentritt, die Sache des politischen Stimmrechts sei bei uns in den letzten Jahren nicht so recht vorwärts gekommen. Wir geben den Damen gern zur Vertretung ihrer Meinung Raum: „Warum", so heißt es also in der Zuschrift, „soll denn die Frauenstimmrechtsbewegung in den letzten Jahren an Bedeutung und Aussichten nicht gewonnen, sondern verloren haben? Warum? Etwa weil in Deutschland das Vorgehen der englischen Suffragettes nicht gutgeheißen wird? Wer sich ernsthaft mit der Frage des Frauenstimmrechts und ihrem derzeitigen Stande in Deutschland beschäftigt hat, weiß, daß eine Kampfesweise, wie sie in England geführt wird, bei uns nie und von keiner Seite zu befürchten ist. Die dortigen Ausschreitungen können für unsere Verhältnisse nicht maßgebend sein und werden diejenigen, die von der Berechtigung der Frauenforderungen überzeugt sind, auch keinen Schritt zurückführen. Daß die Kreise, die dem Fortschritt und speziell den Fraucnbestrebungen feindlich oder auch nur un- orientiert und gleichgültig gegenüberstehen, diese Vorgänge als Zielscheibe für Spott und Hohn betrachten, ist verständlich, ändert aber wohl kaum tatsächlich etwa'^bei ernsten Erwägungen der Frage. Überall dort, wo Anträge auf Zulassung der Frauen zur stimmberechtigten Mitarbeit auf sozialem oder politischem Gebiet Vorlagen — sei es für das kirchliche, das kommunale oder das politische Wahlrecht —, ist eine bedeutende Zunahme der Stimmen, die dafür ein- traten, zu verzeichnen, so daß cS zum Teil nur ganz geringer Verschiebungen bedurft hätte, um die Anträge zum Gesetz zu erheben. Wir erinnern an die Abstimmung im badischen Landtag, an die Beschlüsse in Oldenburg, im Elsaß usw.
Was" den Zwiespalt innerhalb der Frauenstimmrechtsbewegung betrifft, der sich speziell um den § 3 der Satzung des Deutschen Verbandes dreht, so möchten wir die Ausführungen des Verfassers des genannten Artikels dahin berichtigen, daß es sich weniger um einen „gemäßigten" oder „radikalen" Standpunkt in den Forderungen selbst handelt, sondern daß die Anhänger der deutschen Vereinigung nicht eine parteipolitische Forderung mit den allgemeinen Frauenforderungen verquicken wollen und daher den § 3, der das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht verlangt, in diesem Zusammenhang nicht ausgenommen wissen wollen. Ob Einzelheiten, wie Gewährung einer zweiten Stimme 'für Besitzer des Einjährigen-
grobgeflochtene Strohhut beschattet die hellgelben Haare und kalten grauen Augen, die durch die braune Gesichtsfarbe noch viel heller erscheinen.
Rach einigen Minuten Weges durch saubere Gassen, zwischen appetitlichen, weißen Häuschen, kommen wir auf einen Promenadenweg; dicke Stämme steigen rechts und links auf und vereinigen ihre grünen Äste zu einem dichten Gewebe über uns, durch das die Sonne nur ein paar goldige Tupfen auf den braunen Erdweg senden kann.
„Also, wer war eigentlich Medardus?"
Der war angeblich im 16. Jahrhundert Bischof von Flandern. Als junger Mensch hütete er die Pferde seines Vaters, da kam einmal ein armer Mann vorbei, der sein einziges Pferd verloren hatte; dem schenkte Medardus eins aus seiner Herde; und wie er sie abends heimtrieb, da war sie doch voll- zählig."
„Ach so, deswegen ist der 8. Juni der Medardustag, der Pferdetag!"
Der Waldweg ist zu Ende, die Bäume vor uns biegen links ab in die breite Straße, durch die eine Menge Menschen wandern, alle sonnenverbrannt, blond und alle nach einer Richtung.
Nun sehen wir eine blaurot gestrichene Bahnschranke, und darüber her weht der Wind ein Gemisch von Pferde- und Stalldunst, vermengt mit dem dumpfen Brüllen von Kühen und — ach Schreck — „Kind, du kannst tanzen!" aus einem Leierkasten.
Hinter der Schranke breitet sich ein weites Feld, der Pferdemarkt, im Hintergrunds eine langgestreckte rote Kaserne. — Vorn stehen eip paar Buden, wie wir sie auf jedem Jahrmarkt in Mengen sehen, und zwischen Buden und Kaserne drängt sich ein Durcheinander von Menschen und Pferden — Himmel, wieviel Pferde!
Sie stehen da wie in Bündeln zusammengerasft, die Köpfe mit kurzen Halfterstricken an niedrigen Ackerwagen befestigt, so daß es aussieht, als blickten sie alle höchst interessiert in den Wagen hinein. Daneben die Bauern, die sie gezüchtet haben und nun auf den Markt bringen.
Leib an Leib stehen die Pferde, in Gruppen, einzeln, in Paaren, wedeln mit den Schwänzen und schlagen nach den Insekten, die in der heißen Sonnenluft aufgeregt hin- und herschwirren. — An den Gäulen vorbei drängen sich Käufer und Verkäufer durcheinander, ostfriesische Flachsköpfe neben dunkelhaarWen Russen und lockigen Zigeunern.
Von weither, aus ganz Deutschland und auch von jenseits der Grenzen kommen die Aufkäufer heute nach Oldenburg.
Die Pferde sind meist mittelgroß, sehnig und schlank, mit kräftigen Beinen, sehr viele Füchse und hellbraune, wenig Schimmel und nur hier und da ein Rappen.
Ab und zu hört man ein Schnaufen, die Männer treten zurück und ein Knecht rennt vorbei, das aufgeregte Pferd kurz am Zügel haltend, auf und nieder wird es geführt, Schritt, Trab, Galopp, damit die Käufer jede Bewegung sehen können.
An einem Wagen allein steht ein hellbraunes, hübsches Pferd, ein Hengst, der unruhig hin und her tritt, seitwärts sieht, daß das Weiße in seinen Augen bedrohlich herausülickt, und ab und zu wiehert er kurz und scharf aus. Dann beißt er in das Holz des Wagens, daß die Splitter krachen.
Eben tritt der Besitzer, ein kleiner, alter Bauer mit nraucm Seemannsbart, auf ihn zu, um den fesselnden Strick zu lösen, ein Pferdehändler in langem grauen Regenmantel will das Tier sehen.
Ein paarmal hat der Hengst nach den knotenden Fingern gebissen, endlich ist er los und trabt neben seinem schwitzen, den Führer in wiegendem Gange vorbei.
