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Scmrstag» -1. Juni 1912.
Morgen» Kusgabe.
Nr. 252. ♦ 60. Jahrgang.
Die evangelischen Arbeitervereine.
Fnftslge des Banifttrahls, den der Papst gegen, die christliche Gewerkschaftsbewegung gerichtet bat. alldieweil sie ihm nicht korrekt katholisch genug ist, ist die allgemeine Aufmerksamkeit wieder mehr auf die konfessionellen Arbeitervereine gerichtet. Neben der Christlichen Gewerkschaftsbewegung, die angeblich auf konfessioneller Neutralität aufgebaut, in Wirklichkeit aber überwiegend katholischen Interessen dienstbar ist, existieren zahlreiche katholische Arbeiterorganisationen und die evangelischen Arbeiter- und Gesellenvereine. Allen diesen Organisationen ist bekanntlich das Interesse der Reichsregierung zugewandt. die in ihrer Förderung ein Gegengewicht gegenüber der sozialdemokratischen Gewerkschaftsbewegung sah. Ter Hauvtförderer der christlichen Arbeftervereine, Graf Posadowsky, - ist freilich nicht mehr im Amt: aber auch der Reichskanzler und der Staatssekretär Delbrück haben zu wiederholten Malen der Bewegung ihre Sympathien zum Ausdruck gebracht.
Es nimmt daher nicht Wunder, daß bei der diesjährigen Tagung des Gesamtverbandes der evangelischen Arbeitervereine Deutschlands, die in Königsberg ftattfand, die hohen und höchsten Behörden zahlreich als Gäste vertreten -waren und durch Begrüßungsansprachen ihre lebhaften Sympathien bekundeten. Sogar der Oberpräsident, Herr v. Windheim, der frühere Berliner Polizeipräsident, hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich zu erscheinen und dem Kongreß seine Grüße zu entbieten. Sehr charakteristisch war dabei die Reihenfolge, in der er die Ziele der evangelischen Arbeiterbewegung lobend anerkannte: erst ein Lob dafür, daß die Vereine die arbeitenden Volksmassen bei der Kirche und bei ihrem teuren evairgelischen Glauben erhalten wollen: alsdann eine Anerkennurrg für die Stärkung der nationalen und monarchistischen Gefühle, und ganz hinterdrein die kühle Anerkennung des Pro- grammpunkts, „auch sich selbst wirtschaftlich fördern zu wollen". Für die vreußischen Behörden ist natür- lich das gewerkschaftliche Moment in der Bewegung, das Bestreben, auch die Arbeiterlage zu bessern, die unbequeme Zugabe bei diesen evangelischen Arbeitervereinen, die sich sonst so gut als Sturmbock gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung gebrauchen lassen.
Auch von seiten der kirchlichen Behörden wurde dem Kdngreß Lob und. Zustimmung gespendet. Der Gene- calfuperintendent brachte sogar Grüße „im Namen der gesamten ostpreußischen Geistlichkeit": Ostpreußen sei eine von Gott besonders begnadete Provinz, denn sie gehöre zu den allerkirchlichsten Provinzen im deutschen Vaterland! Aus diesen Begrüßungsreden geht Berber, in wie hohem Maße sich hie evangelische Arbefter- bereinsbewegung zu einer Stüde auch für den kirchlichen Orthodoxismus herausgebildei hat. So sehen
Nach-ruck verboten.'
Hrrmnelserscheinungen im Juni 1912.
Dem. Kalender zufolge tritt die Sonne am 21. Juni, am 8 Uhr abends, aus dem Zeichen der „Zwillinge" in das des „Krebses". Den wahren Ort der Sonne am, Himmel geben diese veralteten „Zeichen" aber längst nicht rpehr an, denn seit den zwei Jahrtausenden, als sie »noch mit den ihre Namen tragenden Tierkreis-Sternbildern übereinstimmten, sind diese Bilder durch die Wirkung der allgemeinen Präzession, des Vorrückens der Nachtgleicheti, schon um etwa 30 Grade weitergeschritten, so daß die Sonne in unserer Zeit am 21. Juni noch nahe der Grenze des „Stiers" in den „Zwillingen" weilt, nämlich unweit westlich von den beiden Hellen Sternen Eta und My dieses. Sternbildes. An dem Zeitpunkt nimmt auf der nördlichen Halbkugel der S o m m e r fernen Anfang. Die Deklination der Sonne beträgt am 1. Juni, mittags 12 Uhr, 22» 2' 34."7, am 21. Inn, 23» 27 9."2 und am 30. Juni 23» 11' 43."5, sie nimmt daher bis zum 21. noch um 1» 24/6 zu, doch bis zum Monatsschluffe schon wieder um einen geringen Betrag, 16/5, ab. Berechnet man daraus die Mittagshöhen der Sonne, so^findet man für den Parallel von 64» (Norddeutschland) 68» o am 1. Juni, 69» 27/2 am 21. und 69» 11/7 am 30., für den Parallel von 51° (Mitteldeutschland) 61» 2/6 am U 62» 27. 2 am 21. und 62« 11/7 am 30., endlich für den Parallel von 48» (Süddeutschland und Österreich, ungefähr die Breite van Wien) 64» 2/5 am 1., 65» 27/2 am 21. und 65» 11/7 am 30. Juni. Die Tageslänge vergrößert sich noch im nord- lichen Gebiet von 16%- auf fast 17 Stunden, im mtmerew Gebiet von I 614 auf 16% Stunden und im südlichen Gebiet ■tm 1524 auf 16 Stunden; die geringfügige Abnahme der
wir, wie diese Arbeiterbewegung vom politischen wie vom kirchlichen Konservativismus und von den Regierungsbehörden als willfährige Schutztruppe für ihre Zwecke betrachtet wird. Im allgemeinen erweist sie sich sa auch für diese Ehre sehr dankbar und weiß ihr Verhalten danach einzurichten. Ganz schüchtern wird hier und da gebeten, den evairgelischen Arbeitern für ihr braves Verhalten nun auch entsprechend entgegenzukommen: so richtete der Vorsitzende, Pfarrer Weber (München-Glabbach), die „dringende Bitte" an die Kirche, den Arbeiterstand in den kirchlichen Vertretungen mehr zu berücksichtigen, es gäbe beispielsweise Arbeiter, die durchaus würdig und fähig seien, auch in der Generalsynode zu sitzen! Es wird also nicht etwa eine Reform bes ungerechten Kirchenvertretungsrechtes verlangt, so daß Arbeiter auch kraft eigenen Rechtes der kirchlichen Selbswerwaltungskörper in die Generalsynode kommen können; sondern man appelliert lediglich an das Wohlwollen der oberen Regionen und legt sich aufs Bitten. Bei diesem Mangel an Selbstbewußtsein ist es begreiflich, daß die Behörden aller Art den evangelischen Arbeitervereine,: so freundlich
gegenüberstehen.
Immerhin gab es einen Punkt, der in den Reihen der konservativen Herren und nun noch ausgerechnet in Ostpreußen! — einiges Unbehagen erweckte. Es wurde nämlich ein Vortrag darüber gehalten, wie inan die evangelische Arbeitervereinsbewegung immer mehr auch in ländliche Kreise hineintragen könne. Ter Referent wollte konfessionelle Landarbeitervereine begründet sehen, mit denen gegebenenfalls Tienstboten- vereine und Frauenvereine parallel gehen sollen. Das Programm für diese Organisationen ist ein recht zahmes: so wird beispielsweise nur eine „Reform der Gesindeordnung" verlangt, aber keineswegs gejagt, in welcher Richtung sich diese wichtige sozialpolitische Forderung bewegen soll. Ter Vorsitzende Pfarrer- Weber war als dann noch so frei, zu betonen, daß in erster Linie die Wohnungsverhältnisse auf dein Lande dringend verbesserungsbedürftig seien. Aber diese Behauptung in Verbindung mit der geplanten ländlichen Arbeiterorganisation rief schon den Widerspruch der konservativen Herren bervor. Ter Regierungspräsi- dent Graf v. Keyserling! meinte etwas spitz, daß im Osten doch schon recht viel geschehe für die Verbesserung der Arbeiterverhältnisse auf dem Lande, auch hinsichtlich der Wohnungsfrage. Organisationen der Landarbeiter will der kluge Herr nur dann zugesteheu, wem: darin — Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen- arbeiteten! Eine sehr leistungsfähige Organisation würde das geben, wenn der gnädige Herr Rittergutsbesitzer mit seinen Tagelöhnern zusammen über das Wohl und Wehe der Arbeiterschaft beschließt! Nicht minder bezeichnend war der Vorschlag des Generalsuperintendenten, wonach der Pfarrer in dem Miftel- puiftt aller evangelischen Arbeitervsreinsbestrebungen auf den: Lande zu stehen habe. Man siebt: Bureaukraiie und Kirche sind von vornherein bestrebt, der ländlichen Arbeiterorganisation das Rückgrat zu brechen, indem
Tageslängc vom längsten Tage, dem 21. Juni, bis zum Monatsende beträgt im Nordei: nur 5, in, Süden sogar nur
4 Minuten. Ilm die Zeit des Sommersanfangs wird die Tagcshelligkei! sehr bedeutend verlängert durch die l a n g e 11 Dämmerungen, die nördlich des ParallclS von 48» 32' selbst um Mitternacht keine dolle Dunkelheit eintreten lassen und um so Heller sind, je mehr man nach Norden gelangt, bis schließlich die Mittcrnachtsdämmerung nördlich deS Polarkreises in die Mitternachtssonne übergeht.
Der Mond zeigt im Juni, folgenden Phasenwechsel: Letztes Viertel am 8., um 3 Uhr 36 Min. vormittags, Neumond am 15., um 7 Uhr 24 Min. vormittags. Erstes Viertel am 21., um 9 Uhr 39 Min. nachmittags, und Vollmond am 29., um 2 Uhr 34 Min. nachmittags. Der Mond befindet sich am 4. Juni, itm 2 Uhr nachmittags, in Erdferne, bei einem Abstande von 63.6 Erdhalbmessern und am 16. Juni, um
5 Uhr nachmittags, in Erdnahe bei einen: Abstande, von 36,5 Erdhalbmeffern ä 6378 Kilometer. Am 20, Juni bedeckt der Mond den Stern 4. Größe Sigma des „Löwen", und zwar erfolgt der Eintritt für Berlin um 11 Uhr 42.9 Min. Da der Mond um Mitternacht untergeht, kann der Austritt des Sternes nicht beobachtet werden. Am Morgen des 27. Juni, allerdings tzxst nach Sonnenaufgang, um 6 Uhr, kommt der Mond gleichzeitig mit dem Planeten Jupiter und mit dem Fixstern 1. Größe Antares im „Skorpion" m Konjunktion, über die weiter unten nähere Angabeir gemacht werden. ,
Mit der Beobachtung der großen Planeten ist es im 'Juni, wie überhaupt während des ganzen diesjährigen Sommers, recht schlecht bestellt, nur der Jupiter thront in voller Glorie am südlichen Himmel. Merkur, der am 17. Juni, um 1 Uhr nachmittags, in obere Sonnenkonjunktion gelangt, bleibt unsichtbar. Seine Konjunktionen mit Saturn am 3. Juni und mit Venns am 12. Juni können infolgedessen nicht wahrgenommen werden. Sein größter Erdabstand (um
sie ihr den Kern jeder gewerkschaftiichen Tätigkeit, dis Verwaltung durch die Arbeiter selbst, nehmen wollen. Tie Herren wissen sehr wohl, daß eine kraftvolle Landarbeiterorganisation für die konservativen Machtverhältnisse ans dem platten Lande höchst verhängnisvoll wevden könnte: deshalb unterbinden sie schon die schüchternen Anfänge, wie sie sich eventuell in der evangelischen Arbeitervereinsbewegung darstellen. In lichkeit muß natürlich die Landarbeiterorganisation aus sich herauswachsen, als selbständige, unabhängige Bewegung und ohne den verderblichen konfessionellen Anstrich, den ihr die Arbeitervereine ü la Weber und Mumm geben wollen. Tie vor: den Hirsch-Tunkerschen Gewerkvereinen ins Leben gerufene Organisation hat zweifellos am ehesten Aussicht, die bedeutungsvolle Frage der Organisierbarkeit der Landarbeiter zu fördern und dadurch dem Großgrundbesitzertum einer: wirksamen Tamm entgegenzuwerfen.
Deutsches Reich.
* Ter Fall des Grenzkommrssars Dressier erfährt in der „Hartungschen Ztg." die. notwendige politische Beleuchtung. Das Blatt schildert die Tätigkeit eines Grenzkommissars in Eydtkuhnen, der in steter Fühlung: in täglichem ständigen Geschäftsverkehr mir seinen russischen Kollegen steht und der oft genug den Brettersteg, der den schmalen Grenzfluß überbrückt, überschreiten muß. Wie ein solcher Mann, so schreibt das Königsberger Blatt, zumal bei der. Publizität, zu der der kleine Ort zwingt, es hätte anstellen folleu> Spionage zu treiben, wird wolls auf ewig das Geheimiris der russischen Gendarmerie bleiben. In Wahrheit scheint der Verdacht sa auch nie ernsthaft bestanden z:L haben; zum mindesten haben die maßgebenden russischen Organe nicht recht an ihn geglaubt. Nicht nur, was auch schon erheblich gegen die russischen Bräuche verstößt, daß man in den Gefängnissen ihn gut behandeltes es war auch mir wunderliches Hin urrd Her in den Unordnungen der unterschiedliche!: russischen Behörden.!
Von irgendwelchen auch nur einigermaßen substantiierten Anklagen, die, wen:: sie vorhanden gewesen wären, Blätter wie die „Nowose Wremja" und der „Swift") sich nimmer hätten entgehen lassen, hörte man nichts» Wohl aber, daß bald der eine, bald der andere Minister^ die Freilassung des Herr,: Treßler empsolsien hätte,) daran aber immer wieder vom russischen Kriegsministep gehindert worden sei. Es bleibt dabei, daß ein d e u t> scher Mann wider Recht und G e r e ch t i g- keit seinen: Amt, seiner Heimat, seiner Familie ent-) zogei: worden ist: daß wir hier wieder durch schier!
zwei Monate einen iener Übergriffe haben mit ansehen) dürfen, wie-sie den Grenzverkebr mit Rußlaich so über-' aus angenehm machen. Herr Kiderlei: hat neulich im Reichstag gemeint: mm: könne nicht um- jedes kleinen Zwischenfalles willen von Leder ziehen. Das ist, wenn es nichts Schlimmeres ist, eine Binsenwahrheit! Es müßte schlecht um eine Diplomatie stehen, die das Ansehen
den 17.) beträgt 1.32 Erdhälbmesscr ä 149.48 Millionen Kilometer, d. h. verhältnismäßig wenig, weil Merkur kurz vor» her, am 15. Juni, in Sonnennähe kommt: zu gewiffei: Zeiten kann der Erdabstand dieses Planeten bis auf 1.467 Erdbahn» radien ansteigen. — Venus, die Anfang Juli ihre ober« Sönnenkonjunktion erreicht, bleibt ebenfalls unsichtbar. Ihr Erdabstand vergrößert sich noch von 1.70 auf 1.74 Erdbahn» Halbmesser. — Mars bewegt sich aus dem Sternbildc des „Krebses" in daB des „Löwen", ist anfänglich abends noch länger als eine Stande am westlichen Abendhimmel zu beobachten, taucht aber allmählich in den Strahle:, der Hellen Dämmerung unter. Seine Entfernung von der Erde wächst von 2.09 auf 2.29 Einheiten, utid sein scheinbarer Durchmesser verkleinert sich von 4."6 auf 4."1, so daß man nur noch mit Hilfe eines besseren Instruments seine Scheibengestält- erkennen kann. Am 18. Juni, mittags 12 Uhr, hat der zu- nehniendc Mond mit Mars Konjunktion, lvobci der Mond- nördlich den Planeten passiert. -- Von den kleinen Planeten, deren Zahl heute schon auf rund 800 angewachsen ist, komm! der 1804 von Harding als dritter dieser Körper entdeckte Planet Juno am 8. Juni in Opposition, durchschreitet daun also um Mitternacht den südlichen Meridian, erscheint ober trotz seiner günstigen Stellung (Erdnähe) nur als Sternchen der Größe 9.8. Man findet ihil im Fernrohr bei AB) (Rektaszension) 17 st 11.8 in und D (Deklination) — 4» 16/0, mithin in: „Schlangenträger". — Jupiter kann im Bilde des „Skorpions" während der ganzen Nacht beobachtet werden. Er gelangt am 1. Juni, um 11 Ubr vormittags, in Opposition (Gegenschein), kulminiert dann also um Mitternacht, doch er» helft er sich wegen seiner stark südlichen Deklination, — 21« 16', auch um diese Zeit nicht hoch über den Horizont. An Glanz, überstrahlt er alle anderen Sterne bedeutend. Von nur: m: vergrößert sich der Abstand der Erde vom Jupiter wieder: im Juni von 4.31 auf 4.43 Erdbahnradftn, gleich»
