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Kreitag, II. Mai 1912.

Morgen - Ausgabe.

Ar. 250. 60. Jahrgang.

(EinSptegel der Konservativen.

Tie jetzige Zeit der politischen Stille gibt Muße, über die letzten Ereignisse im Reichstag noch etwas nachzudenken. Auch Professor Hans Delbrück beleuch­tet sie im Juniheft derPreußischen Jahrbücher". Ec spricht sich über das Straßburger Kaiserwort aus und seine Behandlung im Reichstag, über das Auftreten des Abgeordneten Borchardt im preußischen Landtag und über das Parteigezäilk.

Dabei ist es zunächst interessant, wie Delbrück nicht nur den Sozialdemokraten, sondern auch den Konscr- vativen einseitige Fraktionstaktik nachsagt. Ec schreibt: Tie Konservativen und Freikonservativen haben immer wieder mit der größten Heftigkeit die Freisinnigen wegen ihres Wahlbündnisses mit den Sozialdemokraten angegriffen. Tie Berechtigung zu solchen Angriffen mag zweifelhaft scheinen. Schon Fürst Bismarck hat einmal einen Sozialdemokraten einem Partikularisten vorgezogen: das bayerische Zentrum hat seinerzeit ein ganz generelles Bündnis mit den Sozialdemokraten ge­schlossen; in Süddeutschland wissen nicht nur Frei­sinnige, sondern auch viele Nationalliberale keinen anderen Weg, sich vor dem Klerikalismus zu reiten, als ein Zusammengehen mit den Sozi, und schließlich haben bei eben diesen Reichstagswahlen die Konservativen selbst den Sozialdemokraten durch Stimmenthaltung zu nicht weniger als 11 Sitzen gegen 1 Nationallibe­rale und 7 Freisinnige verholfen, und die Parole des konservativen Parteiführers, Herrn v. Hehdebrand, die dieses bedauerliche Ergebnis herbeigeführt hat, ist öenl so stark getadelten Bündnis der Freisinnigen mit den Sozi nicht etwa nachgefolgt, sondern vorausgegangen. Dieses Bündnis geht ja nun freilich über dir direkte Unterstützung durch Stimmenthaltung noch erheblich hinaus, aber der Unterschied bleibt doch nur ein rela­tiver, und die ungeheure Entrüstung über das Verhal­ten der Freisinnigen wird daher auch weseutlich auf das Konto der Fraktionstaktik zu fchreiben sein."

Weiterhin gibt Delbrück der Sozialdemokratie im gewissen Sinne recht mit der Behauptung, daß es auf der rechten Seite an Angriffen auf die Person des Kaisers nicht gefehlt habe, und daß namentlich diePost" darin sehr weit gegangen sei.Nicht bloß im vorigen Herbst, sondern noch in den allerletzten Tagen hat die Post" die Regierung wie den Kaiser versönlich in einem Ton angegriffen, der über die Grenzen des er­laubten und gebotenen Freimuts . doch stark hinaus­geht. Mit einem langen Hohnartikel im^ Stil Maxi­milian Hardens geleitete diePost" die Reise des Reichskanzlers nach Karlsruhe. Am 11. Mai fürchtete sie, daß'dasDeutsche Reich noch niehr als bisher dem Gespött des ganzen Auslandes preisgegeben werden könne." Am Geburtstag des Kronprinzen führte sie aus, daß, wenn er einmal zur Regieruna komme, er

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Nachdruck Verbote«.'

Bai Fontaine-Sainte-Marie.

Pariser Plauderei von Karl Lahm.

Lu bois de Meudon,

Quil fait donc bon,

Cueillir la fraise . . . .!

Ja, wie schön ist's im Wäldchen von Meudon,Wenn im schattigem Grün Süße Erdbeeren glüh'n, Bücken und pflücken . . Die jungen Paare, die auf den verschlungenen Wegen des früheren Schloßparks wandeln, wie ehedem die hübsche Anne de Pisselcmx, Herzogin von Etampes, mit ihrem königlichen Anbeter, dem galanten Framgois I-, summen weit- verlo-rcm das alteLiedchen. . . Ernst überragt den grünen Berg das Palais, in . dem der verlotterte Hofstaat des Grand Dauphin gehaust, und das jetzt die feierlichen Kuppeln de» astronomischem Observatoriums trägt. Und von der hohen Terrasse, die Kardinal de Lorraine als NachsiÄger der Anne de Pisseleux gebaut, wo die Preußen 1870 ihre'Belagerungs­geschütze aufgefahren, schweift der Blick weit hin über da» im Rauch und Dunst liegende Paris.

Pfingsten! Die eingeengten, gequälten Hauptstädter sind tust- und lustbedürftig in die Wälder der Umgebung ge­eilt, unter die Eichen von Montmorency, die bald die -00- Jahrfeier ihres großen Freundes Jean-Jacques festlich be­gehen werden, unter die Linden und Buchen von Saint- Cloud, Versailles, Saimt-Germain und unter die Tannen von Fontainebleau. Das junge Volk begnügt sich nicht mit dem Cvdbeerpflücken. Es drängt sich zu den Plätzen, wo getanzt wird, wie'S das Wiener junge Volk tut und das Berliner. . Es spielt der Trompeter trara, trara, trara, und die Klarinette spielt dadidida, dadidlda, didlda. . -I» Nogeni»

sur-Marne wird,getanzt, in Robinson und auch in den Wäld­chen von Meudon und Clamart. Ich kenne kein liebens­würdigeres, farbigeres Bild in der weiten Pariser Umgebung, als das des Bal de la Fontaine-Sainte-Marie, in der ForZt de Clamart hinter Meudon.

das Erbe Wilhelms I. von Grund aus neu zu erwer­ben" habe. TaS Verhalten des Reichskanzlers bei der Behandlung des Straßburger Zwischenfalls int Reichs­tag wurde in derPost" charakterisiert, noch nie habe ein Kanzler seinen Kaiser so verlassen.

DiePost" aber ist, wenn schon nicht direkt das Organ der freikonservativen Partei, so doch in nahen Beziehungen zu ihr. Diese Partei galt früher recht eigentlich als die Vertretung der klugen, überlegenen Politiker. Fürst Bismarck ließ feine beiden Söhne bei rhr eintreten, die beiden Reichskanzler Fürst Hohenlohe und v. Bethmann haben ihr angehört. Ta hat es doch ein ganz anderes Gewicht, wenn, in dem Organ einer solchen Partei insinuiert wird, die Regierung Wil­helms II. habe das große Erbe Wilhelms 1. so voll­ständig zerstört, daß es von, Grund aus einmal werde neu aufgebaut werden müssen, oder die Besorgnis ge­äußert wird, das Deutsche Reich werde noch mehr als bisher dem Gespött des Auslandes preisgegeben. Das ist eine Unterwüblung der Autorität, die, wenn rnan bedenkt, auf welche Kreise sie wirken. soll und wirkt, noch schädlicher ist als selbst die sozialdemokratischen Hetzereien._

Deutsches Reich.

S. & H. Deutscher Burschenschaftstag. Unter dem Präsidium der Burschenschaft Alemannia-Heidelberg traten in Eisenach die deutschen Burschenschafter zu ihrer diesjährigen Tagung zusammen. Sämtliche Burschenschaften hatten Ver­treter entsandt, auch viele alte Herren waren erschienen. Privatdozent Dr. Rieser (Heidelbergs hielt bei der Be­grüßungsfeier die Festrede. Am Nachmittag fand ein Fest- gug der Teilnehmer nach dem Burschenschaftsdenkmal statt. Hier fand eine Feier statt, die cingeleitet wurde mit dem Ge­sänge des LiedesDer Gott, der keine Knechte wollt, schlug unsere Feinde nieder". Professor Dr. Flcx (Eisenach) er. innerte an die vor 10 Jahren erfolgte Weihe des Denkmals und gab dann einen Rückblick auf die, deutsche Vergangenheit. Er erinnerte dann an das denkwürdige Wartburgfest im Jahre 1870, an welchem deutsche Burschenschafter begeistert für die Gründung eines einigen deutschen Vaterlandes ein­traten. Weiter erinnerte er daran, daß Eisenach auf Schritt und Tritt große Erinnerungen an den Werdegang des Deut­schen Reiches biete. Der Bismarckturm und das. Burschen- schaftsdenkrnal seien Marksteine, die uns mit Stolz erinnern an die Erfüllung des Traumes von der Einigung Deutsch­lands. Die Verhandlungen selbst sind meist interner Natuk. Am Grabe Reuters und am Bismarckdenkmal ließen die Burschenschaften durch eine Abordnung Lorbeerkränze mit schwarz-rot-goldenen Schleifen niederlegen.

sh. Der deutsche Verein für SchulgesimbheitSpflege hielt zu Pfingsten in Berlin feine 12. Versammlung ab, und zwar in Gemeinschaft mit der 4. Versammlung der Schulärzte Deutschlands. Wirkl. Geh. Obermedizinalrat Professor Dr. Kirchner, der Vorsitzende des Deutschen Vereins für Schut-

Dieser Tanzplatz liegt etwas versteckt unterhalb dem riesig ausgedehnten militärischen .Luftschifferpark von Meudon, wo Lenkballons und Flugzeuge in Menge aufge­stapelt sind. Eine alte, in Stein gefaßte Quelle, früher be­rufen, frommen Wallfahrern durch Vermittelung der Jung­frau Maria Gesundheit zu spenden, sprudelt lustig, wie zu Zeiten Fragonards, der diese bewaldete Talmulde gern als. Dekorum für feine, leichtsinnigen Szesten der Esrarpolett.es" wählte, man glaubt noch zwischen den alten Bäumen die Schaukeln und die Wädchon der frivolen Damen des 18, Jahrhunderts zu sehen. Heute steht hier eine große Zelt- Halle, innen und außen mit kleinen Flaggen,bewimpelt,'dicht am Fuße des Sankt-Marien-Hügels, den in drei Terrassen, übereinander die aus rohem Holz gezimmerten Tische und 855-*; sowie die grünen Lauben der Gartenwirtschaft Fontaine-Sainte-Marie erklimmen. Hier wimmelt cs an diesen Pfingfttagen vom fröhlicher Jugend. Die Laden- kommis und Bureauschreiber haben sich elegant gemacht, die Hosonfalte nachgebügelt und sich dazu eine Blume ins Knopf­loch gesteckt; die Ladendemo helles und Dactylographinncn haben noch nächtlicherweile ihre erste Helle FrühjahrStoilett: aus einem Nichts, pompös zusammengestichelt. Man sitzt paarweise und im Freundeskreise beieinander, und unten bläst der Trompeter trara, trara!

Ein kleines Orchester arbeitet unausgesetzt, außer dem Blechinstrument die Klarinette, zwei Geigen und ein aus' den Überresten der Arche Noahs gezimmertes Klavier, das von. einer mit der Slblatt-Taube hmübergeretteten, vor- sintflutigen Jungfrau bedient wird. Die Hitze ist groß, der Eise" der Tanzenden nicht minder. Man drängt sich muschelt mit Steinplatten belegten 80 Quadratmetern, als dürfe keine kostbare Minute des choreographischen Vergnügens verloren gehen. Der Herr Pastor hat mitunter gesagt, daß der Tanz die Sitten verdirbt. Der Herr Pastor hat sich den Tanzplatz zu selten angeschaut. Terpsickiore lehrt die Jugend Manieren; auch der Pariser Ballplatz'hat eine erzieherische Wirkung. Man will als Kavalier, man will als Dame betrachtet sein.

gesundheitspflege, sprach überTuberkulose und Schule". EL gab einen überblick über die drei verschiedenen Bestrebungen der Tuberkulosebekämpfung: wissenschaftlich-biologische For- schung und die Serumtberapie, deren Erfinder Robert Koch war, über gesetzgeberische Maßnahmen und die charitative Fürsorge. An Hand der Statistik wies er nach, daß im Jahr« 1875 von 10 000 Lebenden bei einer Gesamtsterblichkeit von 260 im ganzen 82 an Tuberkulose verstorben sind, während im Jahre 1010 bei einer Gesamtsterblichkeit von 160 auf 10 000 Lebende nur noch 15 an Tuberkulose starben. Die Gesamt­sterblichkeit ist also ungefähr um ein Drittel, die Zahl der Todesfälle infolge Tuberkulose um über die Hälfte vermin­dert worden ein Beweis für die Erfolge der Tuberkulose­bekämpfung. Die Sterblichkeit an Tuberkulose ist trotz aller Fortschritte noch viel zu groß, insbesondere beim weiblichen Geschlecht und bei der Jugend: Rund 60 000'Personen

sterben noch jährlich in Preußen an Tuberkulose. Stadt­schulrat W imen au er (Mannheims erörterte' die An­steckungsgefahr und empfahl u. a. die Institution der Schul­speisung und der Schulbäder sowie eine, intensive Zahnpflege. Das wirksamste Mittel wird immer, sein und, bleiben, das ganze Volk durch die Schule über die Tuberkulose immer mehr und mehr auszuklären.

sh. Landesverein der Bilksschullehrerinnen. Mit der Eröffnung einer Ausstellung für Arbeitsunterricht begannen in Düsseldorf die Verhandlungen der 9. Generalversamm­lung des Landesvereins preußischer Volksschullehrerinnen, der etwa 6000 Lehrerinnen umfaßt. In der ersten Haupt­versammlung, die unter Vorsitz von Elisabeth Schneider (Berlins tagte, begrüßte Oberbürgermeister Dr. Oehler die Versammlung. Abgeordneter Dr. Bäumer erinnerte daran, daß das preußische Abgeordnetenhaus sich' in letzter Zeit viel mit der Frage der Volksschullehrerinncn beschäftigt habe. Zu wünschen sei, daß das Parlament volle Parität zwischen Mann und Frau auf dem Gebiete des Unterrichts hervei- ftihre. Nach weiteren Begrüßungsansprachen würde in die Tagesordnung eingetreten. An erster Stelle sprach Martha . Schumann (Halle a. d. S.) überWillensbildung und Schulerziehung", wobei sie die Schaffung eines Schulsystems mit möglichst großer Freiheit des Lehrers, mit Festlegung nur der Erziehungs- und Unterrichtsprinzipien, ohne Bin­dung an Einzelheiten anregte. In der Diskussion erstan­den der Arbeitsschule im Gegensatz zu dem gleichzeitig tagen­den Deutschen Lehrertage fast nur Anhängerinnen. Der Nachmittag brachte eine geschlossene Mitgliederversammlung.

* Demokratischer Parteitag. In der Schlußsitzung des Demokratischen Parteitages begründete Roß (Neukölln) den! von einer Kommission ausgearbeiteten Entwurf eines demo­kratischen Kommunalprogramms, das u. a. die Ausdehnung des Reichstagswahlrechts auf die Gemeinden fordert, in Wohnungsfragen einen bodenreformerischen Standpunkt ver­tritt und im übrigen in Schulfragen und Fragen der Sozial­politik die im demokratischen Parteiprogramm niedergelegten Forderungen spezialisiert. In der lebhaften Diskussion, an der sich Gemeindebevollmächtigter Scherzer (Nürnberg) und andere demokratische Stadtverordnete beteiligten, wurde dem Programmentwurf im wesentlichen zugestimmt. Es wurde beschlossen, die endgültige Abstimmung aus dem nächsten Par­teitage vorzunehmen, der in Magdeburg stattfinden soll.- Der zweite Vorsitzende Oberst a. D. Gädke schloß den Partei-

Es muß zwar nicht steif zugehen; tiefe Verbeugungen und Verdrehungen der Tanzschule würden unter den Bäumen lächerlich wirken. Aber man beobachtet sich, will gefallen. An guter Haltung und etwas Koketterie hat schließlich auch der Herr Pastor nichts auszusetzen. Er befürchtet die Annähe­rung? Nun, der steht auch ohne den Ball in großstädtischer Atmosphäre wenig im Wetze, allen, die annäherungsbedürftig sind. Was in der puritanischen Kleinstadt als gefährlich, als höchste Lizenz guter Sitten betrachtet werden mag, gilt hier als harmloses Vergnügen, beinahe als ein Zeichen anspruchs. losester Lebensfreude. Die Jugend, die tanzen geht, ist ge­wiß nicht die schlimmste. Der grünuniformierte Waldhüter von Clamart braucht nicht für Ordnung zu sorgen, er hat so viel Mutze und mutzt sie so richtig aus, daß an dem Schenktisch des Wirts seine Nase schon lange zinnoberrot ge­worden ist.

Infanteristen mit roten Hosen, dunkelblaue Artilleristen mit weißen Lederstulpen mögen sich mit ihrer aufgedonnerten Köchin in das- kleinbürge,r-liche Milieu; hineinmischen, wohl auch ein junges Arbeiterpaar, das Steinlens Feder verlockte, und selbst die verdächtige Hauptstadtspezies, die man schlecht­hin mitApachen" bezeichnet, die Ruhe wird selten gc- stört, rohe Worte werden selten vernommen, da niemand den Frieden zu brechen wagt, wo unter sonnigem Himmel dir Fiedel zum Tänzchen, ladet. An den Tischen wird nur wenig der appetiterregende ApAritif, der giftgrüne Absinth, ge­trunken: ein gutes Zeichen. Der Äpfelwein aus etwas Äpfeln und viel unschuldigem Kandiszucker regt nicht auf; auch das helle Bier nicht, das jeden Münchener, in die Flucht jagen würde. Die, Preise, sind, dazu so . hinaufgefchraubt (die FlascheCidre" 1 Frankens, daß die Herrschaften sich hier nicht betrinken würden.

Manche sehr hübsche Mädchen sind da, die vor hundert Jghren Aussicht gehabt hätten,MarKchale de France" zu werden.Die Soldaten haben immer die schönsten Tänze­rinnen", behauptet ein Jüngling, der gewiß zu den Stamm­gästen des Bal Fontaine-Sainte-Marie gehört. In der Tat,