Wiesba-emr TsgW.
Verlag Langgaffr 21 12 HllSCSClbßlto „s«JLtt-$««8* «r. «650-53.
„T-gblatt-HauL . 4VVilJ'fr Iü*)•’gg-, ä ^ zzon 8 Uhr moroenS 6« 8 Uhr abends. außer Eemff-g«.
Schalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends.
Ac-.uos-VrciS für beide Ausgaben: 70 Pfg. monatlich, M. 2 .— vierteljährlich durch den Beklag ! Lanaaakie 2t, ohne Bringerlohn, M- 3,— vierteljährlich durch alle demjchen Pöftanstalten, auSjchließlich : Beltellaeld, — Bezugs - Bestellungen nehmen außerdem emgeaen: in Wiesbaden dis Zweigstelle Bis- ! marckrma 2S, sowie die Ausgabestellen in allen Teilen der stadt: in Biebrich: die dortigen Aus- > gabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rheingau die betreffenden Tagblatr-Träger, I
Anzcigen-Aunahmc: Für die Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags: für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr nachmittags.
Sonntag» 26. Mar 1912.
,,Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.
Von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer SormtagS.
Bnreiaen-Drcis für di- Zeile: 15 Psg, für total- Anzeigen im „Arveitsmarrl" uno „suemti «HBrtJ«* in einbeitlicher Sabiorm; LvPfg, in davon abweichender Satzaussührung, sowie für alle übrigen iotalen Anieiae? 30 Mg für alle auswärtigen Anzeigen: 1 Mk, für lokale Reklamen; s W, für auswärtige Reklamen Ganze halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach be,anderer Berechnung, — Bei wiederholter Ausnohme'unveränderter Anzeigen in kurzen Zwischenräumen entsprechender Pabatt.
Für die Ausnahme von Anzeigen an vorgefchriebcnen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Morgen - Kusgabe.
Nr. 244. - 60. Jahrgang.
SW" Wegen des Pfingstfestes erscheint die nächste „Lagblatt"--Ausgal>e am Dirnstagnachmittag.
pfingstgedanken.
Wilhelm v. Humboldt sagt einmal: Das Pfingstfest ist vor allen andern dem Gemüt erfreulich, erhebend, von allem Kleinlichen abwendend, zu größeren Hoffnungen anregend und in würdigen Entschlüssen befestigend. Tenn eine Befestigung in ernsthafter Tätigkeit und würdiger Beschäftigung geben die Feste immer in ihrem Ursprung und den Ereignissen, zu deren Andenken sie gefeiert werden. Dem Weihnachtstest kommt es allerdings an Bedeutung nicht gleich. Ja. es fragt sich, ob es das Osterfest an religiösem Gehalt erreicht. Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu, das zugleich an unsere eigene erinnern soll. Es ist, ferner zugleich das uralte Auferstehungsfest der Natur, das schon die Juden als Fest der ungesäuerten Brote feierten. Auch bei uns knüpften sich die Frühlingsgebräuche aus den ältesten Zeiten unseres Volkstums vor allem an das Osterfest. Pfingsten liegt zwischen Frühlings- und Sommersonnenwende mitten drin und hat infolgedessen oon beiden etwas Charakter angenommen. Insofern hat es auch seinen großen Reiz. Das erste Frühlings- wehen ist längst vorüber und der Sommer ist noch, nicht da. Tie Natur ist in ihrem schönsten Schmuck. Ostern trägt sie häufig noch ein winterliches Kleid, und Johanni stehen wir häufig schon auf dem Hohe- Punkt. Ta geht es. im Jähreslaust schon wieder bergab.
Jetzt ist der Frühling im vollen Sturm. Er schüttelt nur so mit seinen Locken, und überall regnet es Blumen und Blüten, duftet und ^berauscht efv Es ist ein gewaltiger, unaufhaltsamer Siegeszug, in denk jetzt der Lenz einherschreitet.
Und die Natur da draußen ist zugleich eine Predigt. Sehr viel Menschen haben das Gefühl, sie müssen Pfingsten hinaus ins Freie, in'die Felder und Wälder, da ihrem Gott danken und ihre Andacht verrichren. Das sei besser, als sich in die dumpfe Kirche begeben. Nun ja, auch Faust spricht ja von der Kirchen ehrwürdiger Nacht. Er geht hinaus, wo die Menge sich durch die Gärten und Felder zerschlägt.
Sicher ist setzt Park unb Wald eure wundervolle Predigt der Allmacht Gottes. Besonders wenn man des Morgens früh aufsteht. wenn die Hahne krähen und der Wachtelruf erschallt, wenn der -rau noch voll aus den Blättern liegt und die Dämmerung mft lenen Fettigen flüchtet, dann gehet leise in seiner Weise der liebe Herrgott durch den Wald. .
Aber die Natur muß uns auch zu eurer wirklichen Predigt werden, zu einem großen, aufgeschlagenen Bucy Gottes. Ta muß jedes Blatt und^ jede Blume lebendig werden, jeder Baum und jeder «trauch ein sprechen
der Zeuge göttlichen Wohlwollens. Wir müssen förmlich die Sprache der Vögel verstehen lernen.
Aber nicht nur der Naturkenner und Sammler wird gute Pfingsten in der Natur halten. Ich erinnere Mich eines Waldgottesdiettstes, der schloß die Natur so recht aus. Da wurden die Bäche und Quellen lebendig, vom Bache Kison irnd Kidron, vom Brunnen, an denk Clieser für Isaak ein Weib freiie, bis zu der Quelle, an der Siegfried den Todesstoß erhielt, uird bis zu denr Brunnen, aus deni unsere Mütter das Tauswrsser geschöpft. Volk den Eichen Abrahams im Hain.Manire über die Tonarseiche bei Fritzlar hinweg, die Boni- fatius fällte, bis zu der Luthereiche an der Stelle, wo Luther die Bannbulle verbrannte.
" Aber wenir der Erzvater Jakob nur in Bethel, wo er die Himmelsleiter erblickte^ heiliges Land sah, und Moses nur an der Stelle des feurigen Busches, so empfinden wir überall Gottes Gegenwart. Selbst die ärmste Gegend, wenn es unsere Heimat ist. und wenn unsere Vorfahren mid Eltern da gelebt und wir unsere Jugend da zugebracht haben, ist heiliges Land, an deul wir mit zärtlichen Gefühlen hängen, und wo alles mit einem zarten Schleier endloser Erinnerungen umwoben ist. Natur und Geschichte ist da durch den Fleiß unzähliger Geschlechter zu einem zärtlichen Bund verschmolzen. ^
Pfingsten ist zugleich das riest des Geistes, das die Frühlingsnatur verklärt und ihr einen geistigen Charakter verleiht. Das uns Hinweisen 'will, daß in der Natur kein ewiges Aus und Ab, kein bloßes Sterben und Vergehen ist. Sondern es ist ein -stirb und Werde! Ein immer höher Sichentwickeln. Tie Natur soll sich vergeistigen, soll ein treues Abbild des menschlichen Geistes unb Charakters, soll Kultur werden.
In gewissem Sinne ist Pfingsten das Fest der Kultur/ insofern es die -Verklärung der Natur durch den menschlichen Geist ist. Der Geist soll ausgegossen werden über alles Fleisch, steht in oer Bibel. _ Alles soll vergeistigt werdeir. Die Bibel erzählt, ivie am Pfingstfest selbst die Sprache vergeistigt worden t|t. Ten ersten Psingstgästen boten die Sprachsormen keine Schwierigkeiten mehr. Sie fühlten durch jüe äußeren, fremden Worte gleich den Geist und den mim heraus und so verstanden sie sich. Das ist das Ideal dessen, was erreicht werden soll, daß der Mensch nicht immer durch seine beschränkte Individualität in seiner geistigen Betätigung behindert werden soll.
Auch- unsere Kultur ist in vielen Stücken oft sehr äußerlich, nur ein Zerrbild, sie bringt den Negern oft'Schnaps statt Kenntnisse, sie verfeinert du Genüße der Tafel statt der Unterhaltung. Lote ermöglicht es durch Kapitalaufspeicherung, andere von sich . abhängig, zu machen, statt immer .größere Selbständigkeit zu verleihen. Sie läßt die Völker in Waffen starren, statt sie durch
Ein Pfingstmärchen.
Von Malca-Vyne.
Es war am ersten Pfingsttage. Um das Himmelsgewölbe jann sich ein feiner, leuchtend-blauer Wolken, chleier aus oem n majestätischer Schönheit und Prachtentfaltung die Sonne rglänztc. Funkelnd blickten ihre Augen, die eine blendend-,
üchtflut verbreiteten. c.
In den goldglänzenden Haaren, die sich an das glwernd flittergewand der Göttin schmiegten, schliefen ihre sn..g> e kinder, die kleinen, zarten Lichtstrahlen. ; h
Sie hatte Millionen kleiner und größerer Kinder und lle liebte sie mit gleicher Hingabe und gewahrte ihnen Dm, mter ihren weiten, unendlichen Flügeln.
Stumm hauchte sie ihnen den Liebesatem ein and nährte ie mit ihren warmen Wunderquellen. „ . h in
Niemals war sie böse oder minder jrimung, und wenn sie ermattet ihre w am
lrme sinken ließ, dann schlüpfte sie rmt fMos emn Augen ind herabgesenkten Flügeln in die dunkelste und tnchteste Kolke des Himmels und schlief ein. Und alle K >.
^ Heute aber erstrahlte die Sonne in funkelnder Pracht.
tS5ÄU «°"b°«-«-»>-
Lippen, die sich leise zum Sprechen bewegten. . , (
Zum ersten Male zitierten die kwrnen Sonnenstrahl^ renn sie hatten noch niemals ein Wort am, i - Sonne vernommen. .. f .. tü f cn
Ein ganz kleines Lichtelfchcn Mich ftck' kio.cn
Lippen und blieb da hängen, damit c » nur alle»
mtX !.£nt IieB& Kinder", sprach die S°»pe- "heute ^ d« schönste Tag, den ich bisher erlebt habe. Des Hlwme - ll - Blau erglänzt, die Luft -st zephyrlind uno weich, u ^ Brust fühle ich eine wohlige Glut, als ob da drm zu ^ c Male etwas poche und schlüge, 'seit oer Welt,chopsung - fang-hat wein Herz nur. leise gebebll aber niemals oe mg geschlagen, wie ich eS heute fühle. Stürmisch und hech hebt
Werke der Barmherzigkeit zu verbinden. Man spricht geradezu von Kulturverfall und zweifelt, ob wir wirklich weiter gekommen sind. Doch eine solche Stimmung mag einmal' bei einem Alpdruck uns überkommen — am Pfingstfest brauchen wir Feuergeist, müssen wir mit feurigen Zungen reden vom hohen Lied der Verklärung der Welfi der Vervollkommnung der Menschheit. Da muß ein jeder zum Apostel werden und sich den nötigen Schwung geben, als wäre er Teilnehmer des ersten Pfiirgstfestes gewesen.
■ H. Kötschke, Pastor a. w:
und senkt eS sich und durchbricht mir fast die BrnsU Kommt alle näher an mich heran, damit ihr cs schlagen hört."
Dic Lichtstrahlen preßten sich fest an der Sonne Herz, nur das kleine Lichtelfchcn ruhte wohlig auf den Lippen der Göttin und preßte sic mit einem Kuß zusammen.
„Mutter", sagte es mit seiner-feirien Stimme, „ich fühle deine Lippen erzittern und mir wird so bang, so heiß, als ob ich verbrennen müßte." ,
Die Sonne lächelte mit ihrem feinsten Lächeln. „.,uu, meine lieben Kinder, fühlet die Glut und freuet euch mit mir, denn ivisset, wenn mein Herz schlägt und stürmt, dann ist für mich das höchste Glück gekommen- Mein. Jugcndge- nosse und bester Vertrauter vermählt sich heute mit mir, und mit ihm vereint wandere ich auf die Erde hinab.
Da huschte vor lauter Ungeduld das kleine Lich.elfchen von den Lippen weg, legte sich an das Ohr der Sonne uno fragte: „Wer ist denn dein Ehegemahl?" .
Die Sonne richtete sich aus in majestätischer Hoheit und rief cs laut, daß es alle Sonnenstrahlen hören konnten. „Lo ist der „fruchtbringende Tag"." . ,
Und wie sie es ausgesprochen hatte, flog mit jugendlicher Grazie eine weiße Jünglingsgestalt in ihre Arme und mß e sie so innig und liebend, daß die Strahleii erbebten.
Da erhob sich der lichte Jüngling mit den schneeweißen Flügelii, berührte mit einem feinen Elfenbemstabe hre Lichtstrahlen und begrüßte sie also: „Gehet hinab ttt ■ a.- ums iy
Tal, der Erde Dunkel wärmend zu erleuchten.^ rnagei meraer und der Sonne Kraft in die Gefilde der Mens ) ,^- s des Himmels Schönheit und Reinheit, spendet ihnen süße,
bic 80.-50, «.
Worten des Jünglings. Sie drangen hmab 'N die du.ltU, e Erdritzen, in Berge, Schluchten, Wiesen, $ i ' 1
sie kamen, wurde cs licht und Früchte wuam» die aan,
überall nisteten sich die Lichtstrahlen ein. bte
feinen, kaum sichtbaren Sonnenstrahlen schien fast kern Kaum
mehr auf Erden zu sein. ^ ....
Sckou wollten sie unverrichteter Dinge zur Sonne zurua
- STuSL & b,° UM» »-b» io, b„ tmm
Die PoNttk der Woche.
Ende gut, alles gut! Dieses Wort darf n>an wohl auch auf ben am Mittwoch erfolgten S ch l u ß der Verhandlungen des deutschen Reichstags aiuven-
dcn, die ja dank der sozialdemokratischen Radantaktit
zeitweise recht peinlich und stürmisch verliefen, deren Endergebnis aber doch ein so erfreuliches war, daß der Reichskanzler dem Hause den ganz besonderen Tank des Kaisers übermitteln konnte. In der Tat rst die mit solcher Schnelligkeit erfolgte Annahme der Wehrvorlagen, bei der eine auch für bie Zukunft manches versprechende Einmütigkeit aller bürgerlichen Parteien zutage trat, als eine imponierende Kund- gebung einzuschätzen, die nicht ohire nachhaltigen Eindruck auf das Ausland geblieben ist. Was die Deckungs- frage betrifft, so hat freilich der Reichstag hier einen erst im nächsten Jahre einzulösendcn Wechsel ausgestellt, denii die endgültige Lösung des Kostenpunktes bleibt der Einigung über die von der Regierung ein- zubringende Besitzsteuer Vorbehalten. Erbschastssteucr 'oder Vermögenssteuer, das ist hier die. Frage, deren Entscheidung noch zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen den -bürgerlichen Parteien führen wird, hoffentlich aber auch zu einer Einigung zwischen ihnen, dre um so dringender wünschenswert ist, da nur unverbesserliche Optimisten den Steuerbewilligungseifer der Sozialdemokraten als Faktor in ihre Rechnung ein- stellen können.
Diese Partei hat im Reichstag wie im p r e u ß i - scheu Abgeordnetenhaus gezeigt, daß sie die parlamentarische Arbeit nicht fördern, sondern hemmen, daß sie die Partei der Opposition nicht nur. sondern der Obstruktion bleiben will. Die Skandalszenen, rvelche im Reichstag von den Scheideinann und Genossen und im Abgeordnetenhaus von den Borchardt und Genossen provoziert wurden, sind durchaus geeignet, de» Parlamentarismus, den diese Partei angeblich besonders hochhält, aufs ernstliche zu gefährden.
Es ist bekanntlich ein Trost, wenn auch nur ein elender, Genossen im Unglück zu haben. Und so kann
und sie drangen in sie ein mit ihrer ganzen überströmendcn, siegreichen Wärme.-
Dg wurde cs laut auf Erden, ein Jubeln, ein Jauchzen, eine Freude brach hervor, wie man cs sonst nur im Himmel oben hörte.
In den Seelen der- Menschen reifte es zur Liebe!
Als die Däinmernng zu nahen begann, fiel der Tag er- mattet in die Arme der Sonne und flüsterte ihr ins Ohr: „An unserem Hochzeitstage ist fruchtbringende Freude auf Erden! Liebe! Liebe! Segen! Früchte!"
Die Strahlen kamen vor dem Abend behende in der Sonne Schoß und erzählten, wievil Schönes und Segensreiches sic unten erlebt hätten.
Der kleine Lichtelf aber kehrte nicht mehr zur Sonne zurück. Er fand kein so feines liebendes Herz, in das er sich einnisten konnte, und starb in der Finsternis der Menschcn- nähe.
Und ein kleiner Schatten lag seitdem auf der Sonne Augen.
Rus Kunst und Letten.
Ein lustiger Irrtum Strindbergs. Strindberg ^ beschäftigte sich in seinen letzten Lebensjahren, wie uns geschrieben wird, viel mit Mystizismus, darunter auch mit Chiromantie. Er glaubte aus den Linien der Hand das Schicksal eines Men'chxn Voraussagen zu können. Zum mindesten glaubte er daran, daß es für Kundige möglich sei, den Charakter eines Menschen und den Beruf, dem er sich voraussichtlich zuivenden würde, daraus zu entnehmen. Dabei hatte er vor nicht langer Zeit einen lustigen Irrtum erlebt. Strindberg kam in das Haus eines befreundeten deutschen Schriftstellers, der ihm mit Stolz sein wenige Monate altes Kind zeigte. Der Dichter nahm das Händchen des Kindes und versuchte daraus zu entziffern, was aus ihm werden würde. Der Vater und die Mutter lauschten beide mit neugieriger Spannung, als > üblich Strindberg nach langem überlegen erklärte: „Dieser
Junge wird einst ein großer Theologe werden." „Tanz um
