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Dienstag, 21. Mai 1912.

Morgen- Ausgabe.

Nr. 234. - 6V. Jahrgang.

Gwmners Warnungen.

Die 'Börsen waren am letzten Tage der vorigen Woche heftig erregt durch ein Paar kurze Bemerkungen, die Herr v, Gwinner, der Direktor der Deutschen Bank, am Freitag im Herrerchause ü-ber die wirtschaftliche Konjunktur gemacht hatte. Nur wenige Worte imrat es, aber der Mann, der sie aussprach, bedeutet etwas in der Finanzwelt, und darum wirkten sie tief, v. Gwinner sagte nur dies:Die Hochkonjunktur

scheint nach Anzeichen am Ende zu sein, die Woae scheint sich zu überschlagen. An der Börse sind Symptome vorhanden, die eine Übertreibung erkennen lassen. Wiele Anzeichen müssen uns bedenklich machen. Ter Ausgleichsfonds muß in seiner vollen Höhe in bar gehalten werden. , Wenn nicht, wird man gezwungen sein, Konsols in der unangenehmsten und schwierigsten Zeit, während der Krisis, auszugeben. Es ist von eminentester Bedeutung, daß die Regieruna durch etne starke Kasse den Geldmarkt in der Hand behält." Ties war alles, aber, wie gesagt, es genügt, um die Börsen zu erschüttern, nicht bloß die Berliner, sondern auch die Wiener. Im Herrenhause selbst ging kein weiterer Redner auf die Mahnungen und Warnungen des Herrn v. Gwinner ein, was wohl so zu verstehen ist. daß die Mitglieder des Herrenhauses im Vertrauen aus die Sachkenntnis des Direktors der Deutschen Bank keine Veranlassung sahen, seine paar Sätze kritisch zu glossie­ren. Die Börsen aber bewiesen durch den Kurssturz, mit dem sie Gwinners Mahn- und Weckruf beantwor­teten, daß sie chm wohl nicht unrecht geben konnten. Gerade in einer Zeit hochgehender Spekulationen pflegen auch die sachkundigsten Beurteiler das Schick­sal der Kassandra zu- erleiden, also kaum gehört u>rd jedenfalls nicht beachtet zu werden. Diesmal jedoch war es anders. Herr v. Gwinner ist beachtet worden.

Die Sache gewinnt an Bedeutung dadurch, daß vor wenigen Tagen erst der Staotskommissar an der Ber­liner Börse die Notwendigkeit empfand, durch ein Schreiben an den Börsenvorstand ebenfalls eine War­nung zu erlassen. Tie Frage, ob der StaatskoMmisi.tr hierzu befugt ist, hat geringe Bedeutuna gegenüber der wichtigeren Frage, ob es von Nutzen ist, daß über­haupt eine Warnung ergeht. Diese Frage aber kann nach dem übereinstimmenden Urteil von uninteressier­ten Sachverständigen nur besaht werden. Wir wissen uns in dieser Beziehung in Einklang mit sehr beiner- kenswerten Ausführungen, die derBreslauer Zeitung" aus Berlin zugehen. Es ist richtig, wie es dorr aus­einandergesetzt wivd, daß es vorzuziehen gewesen wäre, wenn die vom Staatskommissar ausgehenden Warnun­gen von anderer Stelle gekommen wären, etwa vom Börsenvorstande selber oder von den Großbauten, dre indessen bisher nur wenig Anstalten getroffen haben, den Kaufeifer des spekulierenden Publikums tu ihren Wechselstuben zu dämpfen. Tann heißt es in der Breslauer Zeitung" weiter:Hatten doch die Banken erst in ihren letzten Wochenberichten wieder durch die

Gordons Tagebuch.

Bon Sve» Hebin.*)

Das einzige, was an zuverlässigen Nachrichten über dre Belagerung Chartums während der Zeit vom 10. September bis 14. Dezember 1881 vorliegt, wissen wir aus dem Tage­buch Gordons, das noch vorhanden und ergreifend zu lesen ist.

Im August hatte die englische Regierung endlich be­schlossen, eine Hilfsexpedition zur Rettung Gordons zu ent­senden. Es handelte sich nicht mehr um die Garnisonen, son­dern nur noch um Gordon selbst; die ganze Welt war über sein Schicksal in Aufregung, und mit jedem Monat wurde die Spannung größer. Seit einem halben Jahr hatte man keine Nachricht von ihm, und jetzt überstürzte man die Hilfe­leistungen, um noch rechtzeitig zu ihm zu gelangen. ^ Große Truppenmassen aller Waffengattungen wurden südwärts ge­sandt, Flutzdampfer zu Hunderten geballt, die besten englischen Offiziere übernahmen das Kommando, und schon -t"tte September rückte das erste Jnfanteriebataillon in Dongola in der nördlichen Hälfte des großen Nils ein. Unterdes waren die Dampfer aber erst in Alexandria angekommen und mutzten noch den Nil hinauf über die gefährlichen und zeit­raubenden Katarakte hinüber, und die Wüstenkolonnen, dre zum Sturm auf Chartum bestimmt waren, hatten England noch gar nicht verlassen. ^ , .

Ohne Verbindung mit der Außenwelt, ohne Freund und Gefährten, vertraute Gordon sich nur seinem Tagebuch an,

*) Zu einer neuen Weltreise lädt Sven Hedm uns em. sch begeisterter Aufnahme sich das Buch des berühmten schersVon Pol zu. Pol" unlängst beim, deutschen Publttum erfreuen -hatte, dürfte der Mehrzahl unserer Leser bekannt Soeben erscheint von diesem Werk eine neue Folge1<om -dpol zum Äquator". Diese neue Folge ist noch prächtiger gestattet als .der erste , Teil, sie bringt außer -.zahlreichen larzen Abbildungen.' 5' Orientierungskorten und wer sarorgc

zahlreichen Hinweise auf die glänzende Lage der .In­dustriekonjunktur und des Reedereiverkehrs deni Speku­lationstaumel in gewissem Sinne noch Vorschub ge­leistet. Wenn der Staatskommissar nun das Wort zu dieser ernsten Angelegenheit ergreift und Vorschläge zur Bekämpfung der Übersperulation macht, so wird man daraus den Schluß zu ziehen haben, daß die bei­spiellos dastehenden Vorgänge an unserem Kassa-In- dustriemarkt von der Regierung mit kritischer Auf­merksamkeit verfolgt werden. Darin liegt die Be­deutung der ganzen Frage für die Börse. Es kann nach unseren Informationen als sicher gelten, daß der Schritt des Staatskommissars im Eiirverständnis mit dem Handelsminister und dem Reichsbankpräsidenten er­folgt ist, und daß die Ausschreitungen, die sich die Spekulation auf einzelnen Marktgebieten hat zu­schulden kommen lassen, auch bereits die Aufmerksam­keit maßgebender politischer Kreise erregt haben, die daraus gegen die Börse Kapital zu schlagen ver­suchen werden. Bereits taucht das Gerücht auf, daß eine Kotierungssteuer für industrielle Obligationen in .Parlamentarischen Kreisen, und zwar im Ausmaße von 1 Prozent, erwogen werde. Cs würde sich hierbei um Werte von zirka 3% Milliarden Mark handeln, also um eine Steuer, die den Handel außerordentlich belasten würde, und wer weiß, ob man dabei stehen bliebe, wenn sich für eine solche Steuer eine Mehrheit im Parlament fände. Man muß cs bei der börsenfeindlichen Stimmung, die in unseren Parla­menten immer noch in weitem Umfang vorhanden ist, daher tief beklagen, daß die Börse durch Ausschreitun­gen, wie sie zweifellos begangen sind, ihren Gegnern eine Handhabe zu besonderen Maßregeln gegen sie gibt. Schon aus diesem Gesichtspunkte heraus sollten die Banken, die nun einmal die sachverständigen und be­rufenen Vertreter der industriellen und Hande'ä- interessen sind, nichts unterlassen, um das Börsen­geschäft in gesunde Bahnen zu lenken. Vereinzelt tst das wohl auch geschehen. Zwei unserer Großbanken haben, wie wir wissen, schon seit Wochen die Order aus­gegeben, daß die Filialvorsteher der Wechselstuben brem­sen und die Kunden auf die wachsenden GeWren der Überspekulation Hinweisen möchten. Einige Banken haben auch schon Kreditkündigungen vorgenommen., aber der Andrang zu den Favoritpapieren der Speku- lationsmärkte zeigt, daß diesen Bestrebungen leider der Erfolg versagt war, und er wird auch solange aus- bleiben, als nicht alle Institute, auch die der P r o- vinz, die Bestrebungen der erwähnten zwei Banken unterstützen. Denn die Interessenten unserer Speku­lationsmärkte sitzen nur zum kleineren Teil in Berlin. Sie sind über das ganze Land verstreut, und nament­lich auch in agrarischen Kreisen steht man solchen Ner- gungen durchaus nicht fern, so daß itur eine gemein­same Aktion der Bankwelt, wie sie Präsident Haben» stein vor einigen Monaten unter Hinweis auf die von der Reichsbank geüsiinschten praktischen Maßnahmen angeregt hat, den Spekulationseifer dämpfen könnte.

und in den wenigen Blättern, die davon erhalten sind, spiegelt sich das Tiefste und Innerste seines Seelenlebens wider. Er ist ein Held, ein großer Heerführer und ein guter Christ. Er beklagt sich nie, und kein Vorwurf gegen diejenigen, die daheim die Verantwortung für sein Schicksal tragen, kommt über seine Lippen! Tag für Tag schildert er den Fortgang der Belagerung so kühl und ruhig, als ob es die einfachste Sache der Welt sei. Nirgendwo spricht er von seinem eigenen Heldenmut und den nächtlichen Stunden der .Einsamkeit, die er unter dem feindlichen Feuer in den Schanzen zubrachte; er sucht sogar seinen Heldenmut selbst herabzusetzen, indem er einmal schreibt:

Während der Belagerung haben wir oft die Frage her Furcht erörtert, jenes Gefühls, das ein echter Mann nach dem Urteil der Welt nicht soll empfinden dürfen. Ich aber bin stets von Furcht befangen, oft sogar sehr! Todesfurcht aber gt das nicht, die ist, Gott sei Dank, vorüber; aber Furcht vor einer Niederlage und ihren Folgen. Ich glaube nicht an den immer ruhigen, unerschütterlichen Mann. Pie Hauptsache rst nur, daß er nicht zeigt, was er empfindet. Deshalb soll kern Befehlshaber zu eng mit seinen Subalternen zusammen sem, denn sie beobachten ihn mit Luchsaugen, und es gibt lernen, gefährlicheren Ansteckungsstoff als die Furchtll Ich loun e wütend werden,- wenn ich vor Angst nicht zu essen vermach e und wenn ich dann sah, daß die Offiziere, an memem j die gleichen Anwandlungen hatten . . . Vielleicht fragt man mich/ weshalb ich mich nicht mit Steward uno den uvrrgen davonmachte? Nun, ganz einfach darum nicht, wen me Leu^ hier nicht so töricht gewesen wären, mich gehen zu lasten.

Unterdes lagerten die Derwische etwa zehn Kilometer von den Außenwerken entfernt und warteten ihre Zeit av. der Ferne wurden Schüsse gewechselt, aber noch betrcfen ue Tage einigermaßen ruhig. Am 21 : September erfuhr Go .- don durch einen gewandten Kundschafter, daß die Hilssexpun- tion unterwcas sei, und zehn Tage später schickte er jetne

Daß irgend etwas geschehen müsse, das fühlt jeder­mann. Tenn auf dem jetzigen Wege werden sich die auf Kreditentspannung gerichteten Wünsche des Bank- Präsidenten nie und nimmer erreichen lassen, und es bleibt nur zu wünschen, daß die Banken ihre Maß­nahmen nicht länger hinauszögerten und die Wünsche der Regierung unterstützten."

Und nun kommen die Warnungen des Herrn von Gwinner hinzu. Man muß hoffen, daß die berufenen Mahner wie der Staatskommissar und der Direktor der Deutschen Bank ihre Stimmen nicht umsonst erhoben haben werden. Es mag hier und da krachen, aber zu einem allgemeinen Erdbeben braucht es nicht zu kom- men, wenn Börse und spekulierendes Publikum recht­zeitig Einkehr halten und für Umkehr sorgett. Der heilende Arzt darf Wunden nicht scheuen. Bewirken die autoritativen Mahner Heilung, sio wollen wir es himrehmen, daß ihr nützliches Tun auch Opfer testen mag. _ _>

Deutsches Reich.

* Hof- und Personal-Nachrichten. Im Befinden des Frei- Herrn v. Rotenhan, der am Himmelsahrtstage. wre bei richtet, von einem schweren Automobilunfall betroffen, wurde, ist bis jetzt noch keine Besserung eingetreten. Der Patrent lag noch immer ohne Bewußtsein in der Privatklmrk des Professors Dr Israel, und die Lebensgefahr ist noch nicht behoben.

Die Königin von Schweden ist, von München kommend, gestern abend 8.28 Uhr in Karlsruhe eingetroffen.

* Zum Kaiscrwort in Straßburg. In demNouvellift" gibt der Abg. Wetterls nähere Details zu dem Frühstück bei dem Staatssekretär Zorn v. Bulach. Zunächst wurde dem Kaiser der Präsident der Zweiten Kammer, Dr. Ricklin, vor­gestellt. Die Unterhaltung, die er mit dem Kaiser hatte, war sehr kurz. Der Kaiser sagte:Ihr Parlament hat die Be, züge des Statthalters und die meinigen kürzen wollen?" " Der Präsident:Majestät, es war das ein Beschluß der Mehrheit." Der Kaiser:Sie werden es im nächsten Fahv besser machen!" Der Präsident:Ich kann Ew. Majestät dafür keine Garantien geben." Mit dem Zentrumsabge- ordneten Müller, der dem Kaiser gleichfalls vorgestellk wurde, sprach der Monarch nur kurze Zeit in Angelegenheit des Straßburger Münsters. Die Unterhaltung mit Bürger­meister Dr. Schwander, in der das bekannte Wort fiel« war dann ebenfalls sehr kurz; ihr wohnten mehrere Per­sonen bei. Lange unterhielt sich der Kaiser mit dem früheren Reichstagsabgeordneten Vonderscheer. DerNouvellift" knüpft hieran die Bemerkung, daß dieser den Kaiser nicht so informiert habe, wie es im Interesse des elsaß-lothringischen Volkes lag.

* Die ältesten Monarchen Europas. Im Jahre 1912 ist mit Friedrich VIII. nun schon der zweite europäische Souverän gestorben. Der erste war der Großherzog von Luxemburg. Der Heimgegangene dänische König war der fünfälteste europäische Monarch, die deutschen bundesstaat­lichen mit-, die Regenten und den Papst nicht mitgerechnet. Älter als der verstorbene König Friedrich VIII., welcher 1913 das 70. Lebensjahr vollendet hätte, sind jetzt noch der Herzog von Meiningen (geb. 1826), der Kaiser von Österreich, (geb. 1830), der (nicht mehr selbst regierende) Fürst Reutz jüngerer Linie, der König von Rumänien (geh. 1839) und der

Dampfer eine Strecke nordwärts ihr entgegen, um das Her­anbringen der Truppen zu beschleunigen. Dadurch aber büßte er auch die Hälfte seiner eigenen Widerstandskraft ein.

Am 21. Oktober traf der Mahdi selbst im Lager vor Chartum ein, und am nächsten Tag schickte er Gordon di« Beweise, daß Stewards Dampfer untergegangen und alle Mitreisenden getötet worden seien; er legte sogar eine Lsite der Tagebücher und Aufzeichnungen bei, die sich an Bord ge­funden hatten. Aus diesen Papieren hatte der Mahdi fast bis auf den Tag genau ersehen, wie lange sich Chartum noch halten konnte, wie groß die Garnison und wie die Vertei­digung- organisiert war, wo die Batterien standen und wie lange die Munition noch reichte. Das war ein entsetzlicher Schlag für Gordon, aber er brach seinen Mut nicht. Am meisten schmerzte ihn der Tod Stewards und der übrigen, da er glaubte, ihn selbst verschuldet zu haben. Dem Mahdi aber ließ er sagen:Auch wenn Ihr mir 20 090 Boote wegschnappt ich stehe hier wie Eisen!"

Am 2. November zählte er in dem streng bewachten Speicher die Säcke mit Durrha. Auf sechs Wochen noch reichte der Proviant. Diese Frist ließ sich verlängern, wenn di« Leute auf halbe Rationen gesetzt wurden. Aber wozu die Be­satzung durch Beschränkung der täglichen Kost unnütz schwächen? Sie war ja ohnehin, auch mit vollem Magen, schon mutlos genug!

Unter den Truppen der englischen Hilfsexpedition befand sich ein Major Kitchener, ein Name, der später hochberühmt wurde, der jetzige Lord Kitchener of Chartum. Er versuchte, sich verkleidet an Chartum heranzuschleichen, und es gelang ihm, Gordon die briefliche Mitteilung zukommen zu lassen, daß das Entsatzkorps am 1. November aus Dongola au (brechen werde. Als der Brief anlangte, war das Korps schon zwei Tage unterwegs; aber der Weg. zwischen Dongola und Char» tum betrug 420 Kilometers