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Sonntag, 19. Mai 1912.

Tagblatt-Haus" Nr. 6850-53,

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Morgen - Ausgabe.

Nr. 232. - 60. Jahrgang.

Die Politik der Woche.

Die Kais er tage in Elsaß-Lothringen, so glänzend ihr Verlauf äußerlich war. sind diesmal leider nicht so harmonisch verlaufen wie in den frühe­ren Jahren, obwohl man doch unter dem neuen Kurse in den zum deutschen Bundesstaat avancierten Reichs- landen einer besonders herzlichen Aufnahme des deut­schen Kaisers seitens der Bevölkerung hätte gewärtig sein sollen. Freilich waren die unliebsamen Vorspiele, deren Schauplatz die Zweite Kammer gewesen ist, die Ablehnung des kaiserlichen Gnadenfonds und der Vor­stoß gegen die Regierung im Falle Grafenstadeu, durch­aus geeignet, den Monarchen mit Betrübnis Utld mit einer Entrüstung zu erfüllen, die sich in den zu dem Bürgermeister Schwander geäußerten Worten in so außerordentlich scharfer Weise Luft gemacht bat. Daß es so gekommen ist, und daß sich an diese in der Auf­wallung des Augenblicks gesprochenen Worte so heftige Debatten knüpfen, deren Widerhall bis in den deut­schen Reichstag hineinreicht, ist allgemein bedauert worden.

Dem Reichstag wird übrigens allgemein das Zeugnis ausgestellt werden müssen, daß er schnelle und ganze Arbeit, vollbringt und so alle die pessimistischen Voraussagungen zunichte macht, mit denen er bei seinem Zusammentritt von manchen Seiten begrüßt wurde. Der glatten Annahme der Militärvorlage ist setzt die der Flottenvorlage gefolgt, wobei alle bürgerlichen Parteien auf das Wort verzichteten, was gewiß die eindrucksvollste Kundgebung darstellte. Tie Deckungs­frage freilich stellt ein schwierigeres Problem dar, und dessen Lösung wird wohl oder übel auf die Gerostsession vertagt werden müssen. Haben doch die Parteien an der Aufhebung der Branntweinliebesgabe soviel herum- gedoktort, daß sür die Reichskasse dabei nur noch ein bescheidener Rest bleibt, so daß von seiten des Zen­trums bereits die Hinausschiebung der Zuckersteuer­ermäßigung als Ersatz vorgeschlagen wird, während die Parteien der Linken an der Nachlaßsteuer sesthalten.

Das Verhalten der überwiegenden Mehrheit des deutschen Reichstags gegenüber den Wehrvorlage,k ist von ganz besonderer Bedeutung angesichts der erneuten Bemühungen, die ins Stocken geratenen deutsch-engli­schen Verständigungsverhandlungen wieder in Fluß zu bringen. Die Volksvertretung hat damit bekundet,, daß sie mit der Regierung- eiües Sinnes ist in dem Bestreben, das eigene Haus ohne Rücksicht auf Enten­ten und Detenten nach Kräften zu schützen, ebenso wie es von deutscher Seite den Engländern nicht verdacht wird, wenn sie ihre Rüstung nach den eigenen Be­dürfnissen ausbauen. Tie Flottenfrage wird also aus den Verhandlungen ausschriden, deren gedeihlicheren Fortgang man von der Ernennung des Freiherrn M a r s ch a I l v. B i e b -e r st e i n zum Botschafter in London erhofft. Wenn bei den Konferenzen zwischnr dem Kaiser, dem Reichskanzler und dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes nach so unverkennbar langen und reiflichen Erwägungen jener Beschluß gefaßt wurde, so geht daraus ohne weiteres hervor, welche

Bedeutung man der Mission des Freiherrn v. Marschall beilegt, und das außerordentlich freundliche Echo, welches diese Ernennung in England gefunden hat, scheint jener Auffassung in gewisser Weise schon jetzt recht zu geben.

Es liegt auf der Hand, daß nur sehr ernste Er­wägungen den Entschluß zeitigen konnten, den als tüch­tigsten, deutschen Diplomaten anerkannten Freiherrn v. Marschall in einem Augenblick von dem Konstanti- nopcler Posten abzuberufen, wo dort für Deutschland ganz besondere Interessen aus dem Spiele stehen. Es geht daraus hervor, daß die leitenden Kreise in den bisherigen Gesandten in Achen Freiherrn ir. W a n ge n- h e i m ein starkes Vertrauen setzen. Vermehrt "doch die Verlegung der italienischen Kriegssührung in das Ägäische Meer die Gefahr internationaler Verwickelun­gen in bedenklicher Weise, und wenn auch die Darda­nellen jetzt wieder freigegeben sind, so kann doch jeder Tag neue unliebsame Überraschungen bringen, da die Italiener offenbar bestrebt sind, in Europa zu billigeren Preisen den Kriegsruhm zu erwerben, der ihnen in Afrika versagt ist.

Daß dieser in Afrika hoch im Preise steht, diese be- trübliche Erfahrung . machen ja auch die Franzosen in recht ausgiebiger Weise. Trotz aller Truppennachschübe ist die Lage in Marokko, wo von allen Seiten die Losung des heiligen Krieges ausgegeben wird, ernster denn je, und auch die des öfteren verkündete Freuden­botschaft von der angeblich erzielten Einiguna zwischen den beiden Rivalen Frankreich und Spanien hat sich bisher immer noch als verfrüht erwiesen.

Mit allgemeinem, aufrichtigem Mitgefühl ist die Trauerkunde von dem unter so tragischen Umständen erfolgten Ableben des Königs Friedrich von Dänemark ausgenommen worden, der auf der Rückkehr vom sonnigen Süden, wo er Genesung von seinem Leiden erhofft hatte, einsam und verlassen ge­storben ist. Und mit derselben Aufrichtigkeit, mit der man besonders in Deutschland den König Friedrich be­trauert, begrüßt man hier den König Christian X., der seinem Vater an deutschfreundlicher Gesinnung um so weniger nachsteht, da er ja als Schwager des deut­schen Kronprinzen in engen verwandtschaftlichen Be­ziehungen zum Hohenzollernhause steht.

Der Thronwechsel in Dänemark.

Der neue König.

Aus Kopenhagen schreibt dieKöln. Ztg.": Es ist sehr lange her, daß Dänemark einenjungen König" gehabt hat. Noch vor Jahren war der König (Christian IX.) ein Greis von 88 Jahren und der Kronprinz (der spätere König Friedrich VIII.) ein angehender Sechziger. Jetzt welche Änderung! ist der König (Christian X.) 41 und der Kronprinz (Friedrich) 13 Jahre alt! In Übereinstimmung mit den Überlieferungen des Hauses Glücksburg hat König Christian X. eine Erziehung bekommen, deren bürger­liche Formen ihn dem Volk, an dessen Spitze er zu stehen berufen war, so nahe wie möglich zu bringen suchten. König Christian X. wurde im Jahre 188g Student vom hiesigen Mctropolitangymnasium aus und sodann als akademischer

Bürger immatrikuliert. Einige Jahre später unterwarf er sich an der Universität einer philosophischen Prüfung. Christian X. hat sich im Kreise der Studentenschaft wie unter schlichten Bürgern stets wohl gefühlt, und auch sein großes Interesse für den Sport, das er mit seinem Schwager, dem deutschen Kronprinzen, gemeinsam hat, hat ihn dem Volke näher gebracht. Die Hauptinteressen des neuen Königs sind aber zweifellos militärischer Natur. König Christian X. hat in den großen Manövern mehrfach wirklich Hervorragendes geleistet und auch durch verschiedene Schriften über mili­tärische Fragen die Aufmerksamkeit der Sachkundigen erregt. Er ist ein warmer Anhänger der Kopenhagener Be­festigungspolitik. Diese Frage wird aber, nachdem die Lan­desverteidigungsordnung im Jahre 1909 angenommen wor­den ist, in absehbarer Zeit keine hervortretende Rolle spielen. Jedenfalls ist Christian X. ein warmer Patriot und dänisch in seiner ganzen Denkart. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß das neue dänische Königspaar nicht nur durch das Verwandtschaftsverhältnis (Königin Alexandrine ist die Schwester der deutschen Kronprinzessin), sondern auch durch eine aufrichtige Freundschaft mit dem deutschen Kronprinzen. paar verbunden ist.

Wie der König starb.

Über die letzten Augenblicke des in Hamburg so plötzlich und unter so tragischen Umständen gestorbenen Königs Friedrich VIII. von Dänemark werden jetzt noch folgende Einzelheiten gemeldet: Ein Hamburger Kaufmann, der mit seiner Gattin gerade den Gänsemarkt passierte, als der König zusammenbrach, erzählt:Als ich vom Stadttheater über den Gänsemarkt ging, sah ich, wie einige Herren einen alten, sehr fein gekleideten Herrn, der plötzlich erkrankt war, in den Hausflur des Schlächters Buerck, Gänsemarkt 52, trugen. Als ich mir den Schwerleidenden näher ansah, sagte ich zu meiner Begleitung:Welche Ähnlichkeit mit dam dänischen König!" Ich konnte natürlich nicht ahnen, daß ich den dänischen Herrscher vor mir hatte. Jetzt kam von der Ecke Jungfernsticg der Schutzmann Nummer 469 hinzu, um dem Erkrankten seine Hilfe anzubieten. Als der Polizist den Unbekannten nach seinem Namen und nach seiner Woh­nung fragte, war nur ein Röcheln die Antwort. Allem Anschein nach war die Zunge bereits gelähmt. Wie ich von Umstehenden hörte, hatte der Kranke kurz borher als letzte WorteHamburger Hof" gestammelt. Der Schutzmann stützte nun den alten Herrn und ging etwa 2g Schritt mit ihm in der Richtung zum Hotel. Dann brach der . Kranke völlig zu­sammen, und es gelang dem Schutzmann nicht, ihn wieder in die Höhe zu bringen. Der Polizist holte nun das in der Nähe stehende Automobil Nr. 982 herbei, und der Beamte hob mit Hilfe einiger Passanten den völlig Bewußtlosen und leise röchelnden Kranken in das Automobil und bettete ihn sorg­sam in der rechten Ecke des Wagens. Inzwischen war der Polizeiwachtmeistcr Sabel erschienen, dem der Schutzmann die vorschriftsmäßige Meldung von dem Vorfall machte und hinzufügte, der Kranke wohne imHamburger Hof". Der schwerkranke Zustand des Unbekannten veranlaßte den Wacht­meister, den Transport nach dem Hafenkrankenhaus anzuördnen. Er sagte zu dem Chauffeur, falls er im Hafen- krankenhaus kein Geld erhalte, solle er sich auf der Wache wieder melden. Der Schutzmann nahm nun gegenüber dem in der Ecke sitzenden Kranken Platz, fühlte mit der linken Hand den rechten Puls des Herrn und mit der rechten den Herzschlag, wobei er gleichzeitig den Kranken stützte. Jetzt setzte sich der traurige Transport in Bewegung. Der Tod des Königs erfolgte ungefähr 3 Minuten später, noch während der Fahrt auf dem Ballentinskamm gegen 10% Uhr. Der

Nachdruck Verbote».

Die Geschichte einer Liebe.

Skizze von E. Petsch.

Durch das offene Fenster floß ein Strom von Sonne, und die roten Geranien auf dem Simse flimmerten im Licht. Bis auf die weißen Kissen sprangen die seinen Strahlen, daß ihre blassen Finger damit spielen konnten. Durchsichtig weiße, schmale Finger in diesem Sonnenspiegel arme

Finger-. Wenn er das wüßte, dachte sie dann, daß ich

so krank bin er würde vielleicht kommen und Blumen bringen- Rosen und Veilchen und weißen Flieder, und vor meinem Bette niederknieen, so dicht vor mir, daß ich meine Hände auf sein Haar legen könnte und dann würde er mich in seinen Arm nehmen, ganz fest, daß mein Herz auf dem seinen liegen würde, und so würden wir uns alles sagen Träume, Träume, sagte sie laut, und fuhr gequält über die Stirne. Ob er sie lieb hatte sie wußte es ja so gar nicht sie meinte nur, es müßte so sein, weil sie selbst keinen anderen Gedanken hatte, als ihn. Es war ja alles so wenig gewesen ein Grüßen von Fenster zu. Fenster, ein paar flüchtige Worte all die heißen Gedanken und die heimlichen Blicke durch die roten Geranien hindurch nach seinem Fenster hinüber, die konnte er ja nicht sehen. Aber wenn er das nun alles wüßte, wenn er wüßte, wie sie so lag und Tag und Nacht dasselbe dachte, dann oder ob er lachen

würde über ihre Liebe-ein hauchfeiner Blutstrahl der.

Erregung färbt^ ihr Gesicht oder nein, nicht lachen, aber mitleidig ihre Hände nehmen und leise den Kopf schütteln, nein, nein Ihre Finger krochen unruhig auf der Decke hin und her der Gedanke quälte sie namenlos ein

würgender Knäuel saß ihr plötzlich wieder im Hals, wie Angst oder und ihr Schrei erstickte jäh in einem Husten» geröchel, das ihren Körper hin- und herwarf wie ein welkes Blatt. Als sie wieder ruhig denken konnte, lag sie hilflos matt in ihren Kissen, Eisbeutel auf der Brust, und ihre Finger in den warmen Händen ihrer Mutter statt der Sonnenstrahlen aber hatten sich einige Blutspritzer auf der weißen Decke gefangen.

Und so lag sie nun. Tag für Tag und sah die Sonne kommen und die Geranien auf dem Simse in ihrem Lichte aufblitzen und sah es Nacht werden sie nahm die Grüße entgegen, die man ihr brachte, ließ die Blumen, welche kamen, durch ihre Finger gleiten und küßte sie manchmal, wenn sie einen Augenblick denken konnte, sie seien von ihm und dann dachte sie wieder daran, daß sie sterben könnte, sterben, ohne das Glück gesehen zu haben, und meinte, sie müßte es ihm vorher sagen, wie lieb sie ihn hätte aber dann sah sie wieder sein mitleidiges Kopfschütteln, und ihr armes Herz zog sich zusammen in Scham und Schmerzen nur manchmal, wenn sie sich wohler fühlte und wenn die Sonne so lebens­froh das Zimmer erfüllte, dann dachte sie an eine schöne Zukunft in ihrem Weißen, fließenden Morgenkleide würde sie am Fenster stehen, hinter den roten Geranien, er würde ihr freudige Grüße senden, und so würden sie sich finden und ihre Gedanken spielten weiter und woben farbenprächtige Bilder.

Es war schon Herbst, und der Wind ging um die nackten dürren Stämmchen der Geranien da trug man einen Sarg aus diesem Hause, schmal und blütenüberdeckt und am Fenster gegenüber stand einer und preßte die Lippen

zusammen, daß es ihn schmerzte, und seine Hand umkrampfte in der Tasche ein geballtes Knäuel kleiner Briefchen ,und strich dann über die vertrockneten Blumen, die in den Gläsern umherstanden das hatte sie alles haben sollen, heute morgen aber sie hätte ja wohl gelacht darüber oder mit. leidig die Achsel gezuckt und oben in dem leeren Zimmer blies der Wind, der durch das offene Fenster kam, und jagte vergessene Papierfetzen unter dem Bette hervor darauf standen schüchtern gestammelte Liebesworte, von schwachen Händen geschrieben.

Jrnn 150. Geburtstag Fichtes.*)

Von Professor I>r. Fritz Medicus in Zürich.

Am 19. Mai 1762 wurde Johann Gottlieb Fichte geboren. Die Geschichte der Philosophie kennt ihn, den Bandwirkers­sohn von Rammenau in der Oberlausitz, als einen ihrer Größten. Sein System, die Wissenschaftslehre, hat wie alle wahrhaft bedeutenden Leistungen aus diesem Gebiete nach vielen Seiten hm gewirkt, kritisch umgestaltend uni» schöpferisch neugestaltend. Mehr als nur eine Wiffenschast hat Grund, den Gedenktag nicht unbemerkt vorübergehen zu lassen. Fichte hat Bedeutung in der Geschichte der Pädagogik Er war unter den ersten, die die Größe des ihm geistesver­wandten Pestalozzi zu verstehen wußten, und er hat nicht ohne Erfolg dafür gewirkt, daß die preußische Regierung sich tätig

*) Zum Fichte-Jubiläum haben wir Professor MedicuL, den Herausgeber der neuen grundlegenden, bei Felix Meiner in Leipzig erscheinenden Fichte-Ausgabe, gebeten, die Be­

deutung des großen Philosophen in einem Gedenkariikel zu würdigen. Die Red.

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