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Donnerstag. 16. Mai 1912.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 228. * 60. Jahrgang.
fäy* Wegen des Himmelsahrtstages erscheint die wachste „Tagblatt"-Ausgabe am Freitagnachmittag.
Vas Straßburger Uaiserwort.
I.. Berlin, 14. Mai.
Der Wortlaut der scharfen Mahnung, die der^Kailer in Straßburg während des Frühstücks beim Staatssekretär an die Adresse des Bürgermeisters Dr. Schwan- der gerichtet hat, steht, bisher nicht fest, und es wird auch nicht möglich sein, ihn in gewissermaßen amtlich beglaubigter Form zu erfahren. Tenn es war ein Tischgespräch, das der Kaiser führte, und keine der anwesenden Personen wird sich bei der Wiedergabe des Gehörten auf jedes Wort festlegen wollen. Darüber jedoch besteht kein Zweifel mehr, daß der Kaiser sich wirklich mit äußerster Bestimmtheit und mit ungewöhnlichen Ankündigungen einer möglich eit Zukunft über die Zustände in den Reichslanden ausgesprochen hat. Es ist gleichgültig, ob die in Straßburger Blättern verbreitete oder die vom „Matin" wiedergegebene Fassung die größere Annäherung _ an die tatsächlich gesprochenen Worte aufweist oder diese Worte selbst zutreffend wiederholt. Auf den Wortlaut kann es, wie gesagt, nicht so sehr ankommen wie auf die Stimmung, von der sich der Kaiser hat leiten lassen, und vor allem auf die außerordentliche Unbefangenheit, Nlit der er seine Rügen und seine Warnungen zur Kenntnis der elsaß-lothringischen Bevölkerung bringt. Diese von jeder sonstigen Rücksicht sich freimachende Entschiedenheit des Tones und des Inhalts erinnert sehr lebhaft an die früher so häufig gewesenen Kundgebungen des Kaisers, von denen man geglaubt hatte, daß sie mit deir denkwürdigen Ereignissen vom November 1908 für immer ein Ende gefrömmen hätten. Es ist nicht so, wie sich jetzt wieder einmal ergibt, und die Folgen wird man erleben. Kein verständiger Beurteiler wird anders als mit besorgter Mißstimmung auf die Entwickelung blicken, die sich in Elsaß-Lothringen unter der neuen Verfassung angebahnt hat, aber es ist sehr die Frage, ob die vom Kaiser gewählte Form als zweckmäßig zur Hinüberleitung der dortigen Verhältnisse ' in normale Bahnen angesehen werden kann. Aus München kommt bereits lebhafter Widerspruch gegen den Gedanken, daß Elsaß- Lochringen kurzerhand zu einer preußischen Provinz gemacht werden könnte. Man braucht sich bei der Betrachtung der Lage nicht erst dabei aufzuhalten, daß die Ankündigung eines Staatsstreichs leichter gesagt als verwirklicht wird, und eine ernstliche Beunruhigung wird von dieser Seite her wohl auch kaum irgendwo Platz zu greifen brauchen: aber unabhängig von der verfassungsrechtlichen Sachlage bleibt es doch bestehen, daß allzu kräftige Worte Verstimmungen mit sich bringen müssen, dre auch, dann mehr
Das Gewissen.
Legende von Gräfin Gizella Kielmarrsegg.
Die ersten Menschen überschritten gebeugten Hauptes die »Schwelle des Paradieses. — Der Engel des Herrn senkte sein flammendes Schwert als letzten Gruß vor dem verstoßenen Menschenpanr, das traurig, schleppenden Ganges den dornigen Pfad ins unbekannte Leben betrat. Grauer Nebel ent- E ihnen den Ausblick ins Land ihrer Zukunft. Dunkel wurde es ringsum- und öde und leer. Ein kalter Wind faßte über bie wogenden Nebie-lma.ssen, hinter b ersten da-p Paradies verschwand. Der Engel spannte seine werpen Flügel weit aus und schwang sich mit dem flammenden Schwert empor.' Es blitzte und leuchtete und erhellte sekundenlang der trostlosen Wanderer mühseligen Abst«g. Wetterleuchten nennt nnrn dies fahle, zuckende Licht, da^ die dunkeln Malkenmassen jäh und still durchbricht.
Vor dem Thron des Allmächtigen sich meder- werfond, meldete der Engel: »Dein Wille ,s geschehen, o Herr! — Ich habe die sündigen Menschenkinder verjagt. Suchend irren sie umher durch
Sturm und Regen, hungernd und ftwrend. Hab Erbarmen mft den Armen", fügte er leise flehend hwzu. - «Die Welt ist weit, und der Mann ist stark, nun soll er sich das verscherzte Glück Schritt für Schritt erkämpfen. Mein Paradre» ist versunken, aber es liegt in seiner Macht, sich ein neue zu gründen — mühselig und schwer, durch eigene Kraft so er stch's schaffen." „Erbarm dich des schwachen Weibes , kam es zaghaft und leise über die Lippen des Engels, der sein An - litz tief geneigt hatte. „Wohlan", sprach der Herr, „deine Bitte sei erhört'. Ich schenke ihr das Kind." — Langsam erhob sich der Engel, senkte huldigend das flammende Schwert und schritt an seinen gewohnten Platz.
Einmal sah der Herr herab von seinem schimmernden Thron auf das mühselig wandernde Mönsche-npaar. In seinem göttlichen Herzen regte sich das Mitleid mit den ver- jafsonKN, verstoßenen armen Sündern. Er winkte einer ernst
Schaden als Nutzen stiften können, wenn ihnen keine tatsächliche Verwirklichung folgen kann. In hiesigen politischen Kreisen fühlt man stch gegenüber den Straßburger Meldungen einstweilen begreiflicherweise etwas unsicher. An den mitgeteilten Wortlaut der Äußerungen des Kaisers will niemand recht glauben. Aber daß der Kaiser eine scharfe Sprache geführt hat. das wird man gleichwohl für zuverlässig halten diirfen. Man muß abwarten, ob die Offiziösen in dieser Sache werden bemüht werden. ^
Weitere pretzstimmen.
Tie Blätter alldeutscher Richtung, denen die elsaß- lothringische Verfassung ein Greuel war und die manche Vorgänge der letzten Zeit in Elsaß-Lothringen als Symptome von Landesverrat behandelt haben, sind mit dem angeblichen Kaiserwort ganz einverstanden, allen voran die „Post", die hofft, daß die Nachricht von diesem Kaiserwort keine Ableugnung zu erfahren braucht oder doch höchstens in der Form. „Wir würden es im Gegenteil (so fährt das Blatt fort) mit aufrichtiger Genugtuung begrüßen, wenir sich der Kaiser tatsächlich in diesen: Sinne geäußert und den widerspenstigen Geistern Elsaß-Lothringens einmal den vollen Ernst der Situation vor Augen geführt haben würde. Es würde das beweisen, daß der Schleier endlich gerissen ist, mit dem man so lange die wabre Natur der Tinge in den Reichslanden vor dem kaiserlichen Blicke bemäntelt, und daß man nun endlich auch an der obersten Reichsstelle eingesehen hat, wohin wir mit der bisherigen Politik der Versöhnung und des Nachgebens gesteuert sind."
Auch die „Tägliche Rundschau" meint, der Kaiser habe in Straßburg nur der a l l g e m e i n e n d e u t- schen Stimmung ungeschminkten Ausdruck verliehen und nur ausgesprochen, was man in weiten Kreisen Teutschlands über das Verhalten der Elsässer denke. Allerdings müsse betont werden, daß des Kaisers. Worte in mehr als einer Hinsicht anfechtbar seien, denn zur Aushebung der Verfassung und zu einer Einverleibung in Preußen gehörten auch Reichstag und Bundesrat. Aber wenn der kaiserliche F au st schlag die Elsaß-Lothringer aus. ihren Selbständigkeitsphantasien und ihrer Franzosenäfferei auftchrecke, so habe er seine Wirkung getan.
Tie „Germania" erwartet, daß unverzüglich em amtliches Tementi dieser sensationellen Nachricht folgen werde.
Tie „Straßburger Neue Zeitung" schreibt: Was
die Äußerung selbst anlangt, so braucht man sie nicht tragischer zu nehmen als andere „temperamentvolle" Einfälle, durch die sich Wilhelm II. schon öfter ausgezeichnet hat. Wilhelm II. ist weder in der Lage, unsere Verfassung in 'Scherben zu schlagen, noch Elsaß-
neben seinem Thron stehenden Gestalt. Still trat sie vor, beugte das Knie und wartete stumm der Befehle des Gebieters. „Du sollst von nun an der treueste Begleiter der Menschen sein auf ihrer Pilgerfahrt durchs Leben. Dir sei die Macht gegeben als mahnende Stimme ewiglich ihre Herzen zu beherrschen", so sprach der Herr. „Nichts sollen sie beginnen, was falsch und unrecht ist, ohne daß sie durch dich gewarnt und dein Wort wie glühendes Eisen sein Brandmal in ihrer Brust zurückläht. Der Tod erst erlöst dich von deiner Pflicht, denn sterben muß jegliches Menschenkind, seitdem es das Paradies verlor. — Schwer ist deine Aufgabe — aber schön und groß ist der Zweck. Viel Unglück und Unheil kannst du verhüten. Frei gebe ich des Menschen Willen, dir zu gehorchen. „Gewissen" seist du genannt, und unbeschränkte Macht sei dir erteilt. Nimmer soll deine Stimme schweigen, sie soll die Welt bis ins innerste Mark erschüttern. Keiner kann dich unterjochen, oder sich dir entziehen. Du bist mein erster Vasall auf Erden. Gehe hin und walte deines Amtes."
Das „Gewissen" erhob sich, und seine Gestalt stand in kraftvoller Höhe vor dem Allgewaltigen. Unerschütterliche Entschlossenheit im Blick, klang's hell und klar von seinen Lippen: „Dein Wille geschehe, o Herr!" Dann neigte es tief das dunkle Haupt und schwebte wieder zur Erde. — Seitdem klopft es an jedes Herz, flüstert in jedes Ohr und begehrt Einlaß. Friede, Glück und Segen — allen, die es erhören, Fluch und Schande, Not und Jammer denen, die es verhöhnen. —
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Schwier war die Aufgabe, und es kam vor, daß trotz allen Eifers der eine oder andere von der Stimme nicht erreicht wurde. Da entstand viel Unglück, und das arme Gewissen litt Qualen unter den Selbstvorwürfen. — Es warf sich in den Staub und klagte dem Herrn seine Not.
„Wohlan, ich will dir eine Hilfe beigesellen", sprach der Herr mild, „die Pflicht stelle ich dir zur Seite. Vereint sollt ihr arbeiten zum Wohl der Menschheit."
Lothringen zu einer preußischen Provinz zu machen, da hätten noch andere mitzureden. Daß aber der Reichstag die Hand dazu böte, die Drohung des Kaierss wahr zu machen, das dürften selbst die wi.ld- gewordenen Alldeutschen diesseits und jenseits des Rheins für ausgeschlossen halten. Tie Wegnahme der Verfassung und die Einverleibung ließen sich nur durch einen Staatsstreich bewerkstelligen, und an den glaubt doch im Ernst nicht einmal die Berliner „Post".
politische Übersicht.
Erffa — Vorchardt — Leinert.
L. Berlin, 14. Mai.
Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Geschäftsordnungskommission des Abgeordnetenhauses die Genehmigung der nachgesuchten Strafverfolgung der Abgeordneten Borchardt und Leinert wegen Hausfriedensbruchs erteilen wird. Wenn diesmal von der ständigen Praxis der Volksertretungv a b a e w i ch e n werden sollte, so würde es aus zwei beachtenswerten Gründen geschehen: Man muß berücksichtigen. daß der Antrag aus Strafverfolgung von dem Präsiden- tenv. Erffa an die Staatsanwaltschaft gerichtet worden ist, und man kann demgemäß nicht gut an - nehmen, daß die Konservativen den aus^ihren Reihen hervorgegangen Präsidenten im st ich lassen möchten. Tie Konservativen, dre ia für sich allein beinahe die Mehrheit bilden. . Vierden sich aber auch daraus berufen, daß sie durch die Zulassung der Strafverfolgung deir Sozialdemokraten doch eigentlich einen Wunsch erfüllen. Und in der Tat sind die Sozialdemokraten, wie ihre Strafanzeige gegen den Polizeileuftrant Kolb beweist, förmlich ervrcht dar- aus, die Angelegenheit zur gerichtlichen Entscheidung zu bringen. Wie heilte im Abaeordneten- Hause verlautet, wollen ste überdies gegen den Freiherrn v. Erffa den Spieß umkehren und nun auch ihrerseits Strafanzeige gegen den Präsidenten auf Grund des § 105 des Reichsstrafgesetzbuchs stellen.
Deutsches Reich.
* Eine Konferenz der Regierungspräsidenten. Unter dem Vorsitz des Ministers des Innern v. Dallwitz fand in Berlin eine Konferenz der Regierungspräsidenten der preußischen Monarchie statt, an welcher auch Polizeipräsident v. Jagow teilnahm.
* Das Agrement für Frhrn. v. Wangenheim. Rach Meldungen aus KonstaNtinopel erteilte die Pforte das Agrement für den Botschafter Frhrn. v. Wangenheim.
* Die Regierung der Reichslande gegen die Jesuiten. Missionen. Die amtliche „Straßburger Korrespondenz" meldet: Anfragen aus parlamentarischen Kreisen haben der Regierung Veranlassung gegeben, Ermittelungen darüber an-
llnzertrennlich wirkten nun die beiden, unermüdlich schaffend. Aber die armen, verschüchterten Menschenkinder schlichen traurig und freudlos einher — blaß und müde. Die Hand der Pflicht lastete schwer auf ihren Schultern, und die Stimme des Gewissens erfüllte ganz und gar ihre Herzen,
Da schwangen die Bundesgenossen sich empor und warfen sich dem Allmächtigen zu Füßen. „Deine Menschen, kinder, o Herr, wandern tief gebeugt durch die WM, glanzlos ist ihr Auge, und kein Lächeln erhellt chr Antlitz. Hftf, Allgütiger!" „Wohlan, es sei", sprach abermals mild der Herr. „Die Liebe sei der drille in eurem Bunde. Nun aber ziehet van hinnen —, ich habe mehr getan, als das Menschen-' Volk verdient, nachdem es durch eigene Schuld sich die Pforten meines Paradieses verschloß, das ich ans väterlicher Sorgfalt für sie schuf, weiter nichts als Gehorsam heischend, um sie vor Sünde und Tod zu bewahren."
Die Liebe trat hervor aus der Engel jubelnden Schar. Strahlend, glückverheißend erglänzte ihr Antlitz im himmlischen Licht. — Pflicht und Gewissen zur Rechten und Linken schwebte sie nieder zur Erde.
*
Und es wurde hell und sonnig da unten. Es begann ein Singen und Blühen. — Ein freudiger Ton durchzog die Well. Die schwerste Bürde, die die Pflicht der arbeitenden Menschheit auf die Schullcrn lud, wurde leicht. Frohen Mutes arbeiteten sie. — Sie hallen der Liebe ins Auge geschaut, den reinen Hauch ihres Adundes aus den gefurchten Stirnen gefühlt. Stolz und erhobenen Hauptes schritten sie einher, ein sieAaftes Lächeln auf den Lippen.
*
Der Herr sah nieder ans seine Well und sc!gnete das Werk der Liebe: „Nun helft euch selber weiter und sucht nach eurem Paradies. Ich schenkte euch bas Kostbarste. Waich besaß — die Liebe — sie führt die Hoffnung und den Glauben mit sich; wer durch sie golellet, mit Pflicht und gutem Gewissen durchs irdische Leben schreitet, der hat sein Paradies gefunden. ...
