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Zreitag, 10 . Mai 1912 .
Morgen - Ausgabe.
Nr. 218. - 60. Jahrgang.
Sozialpolitische Amschau.
— Anfang Mai. —
Es unterließt nach den letzten Verhandlungen des Reichstags wohl keinem Zweifel, daß die Wehrvorlagen im wesentlichen nach den Vorschlägen der Regierung an-genommen werden. Man wird mit dieser Tatsache rechnen müssen, so rückhaltlos man auch im übrigen das immer stärkere Anwachsen unserer Ausgaben für militärische Zwecke bedauern kann. Es wird sich gegenwärtig für eine gerechte Staatskunst besonders darum handeln, die bergeschweren Mehrlasten der Rüstung auf die tragfähigen Schultern zu legen. Was tragfähig ist, darüber gehen die Ansichten im Reich merkwürdig iveit auseinander. Tie euren glauben, die breite Masse des Volkes sei am tragfähigsten, und sie haben diese mit den drückendsten Konsumsteuern belastet, die von den untersten Schichteir bis hinauf in die bürgerlichen Kreise eine bedenkliche Verbitterung und Staatsver- drosfenheit schufen und die Gegensätze in der bedauerlichsten Weise zuspitzten. Tie anderen sind überzeugt, daß die Besitzer größerer Vermögen sowie die durch unsere Zollpolitik beschützten Großgrundbesitzer und Großindustriellen die tragfähigsten Schultern haben. Diese anderen wollen, daß alle Leute mit großem Besitz entweder durch eine Reichsvermögenssteuec oder durch eine Erweiterung der Erbschaftssteuer in der Hauptsache die neueri und künftigen Militärlasten auf sich nehmen sollten, nachdem die unbemittelten oder wenig bemittelten Klassen, trotz ihres geringen und oft kaum für die dürftigste Lebensfristung ausreichenden Einkommens schon so erhebliche Lasten auf sich genommen haben.
Darüber herrscht heute ein heftiger Streit. In der Tagespolitik nennt man das die Erörterung der Deckungsfrage. Die Refchsvermögenssteuer scheidet auf absehbare Zeit aus diesen Erörterungen aus. da diese Steuer als eine Art Nesxrvatrecht der Bundesstaaten betrachtet wird, auf das sie, zum Besten der Ordnung ihrer Finanzen, unter keinen Umständen verzichten wollen. Gegen die Erbschaftssteuer ist aber der mächtige preußische Großgrundbesitz und ihm beugt sich die Reichsregierung', und unter ihrem Einfluß und augenscheinlich auch'aus politischer Taktik haben auch dre Bundesstaaten vorläufig auf die Durchführung der Erbschaftssteuer nicht bestanden. So blerbt für dre Deckung der neuen Mehrlasten für das Milrtärwesen zunächst nur die kümmerliche Einnahme, die das Reich aus der Unrgestaltung der Branntwemliebesgabe hat, die nicht beseitigt, sondern, wie sich jetzt herausstellt, nur „reformiert" werden soll. Diese Einnahme mag im Höchstfälle 30 Millionen Mark betragen. Für die fehlenden Millionen verspricht sich die Reichsregierung Deckung aus Überschüssen der Reichsernnahmeu, über die sie der deutschen Volksvertretung eine Rechnung vorgelegt hat. die>ihrer Hoffmmgsfreudigkeit alle Ehre macht. Der weniger hoffnungsfreudige tüchtige Rerchs-
schatzsekretär Wermuth ist zurückgetreten, La er zu einer derartigen Finanzpolitik ins Blaue hinein nicht die Hand bieten wollte. Tie Mehrheit des Reichstags hat die Deckungsfrage, die cher Reichskanzler gern ohne viel Besehen erledigt wünschte, vor einigen Tagen einem besonderen Ausschuß überwiesen, der wohl die schweren Bedenken gegen diese Finanzkunst in das rechte Licht fetzen wird.
Sollte man zur Deckung der neuen Lasten wirklich den von der Regierung vorgeschlagenen Weg beschreiten, so läßt sich ohne viel Mühe voraussehen, daß in einigen Jahren abermals neue Konsumsteuern nötig sein werden, die abermals die breite Masse belasten. Auch diese unsoziale Politik findet natürlich ihren Endpunkt: sie wird noch massenhafter als bisher die Bürger in die schärfste Opposition treiben und schließlich doch zur Einführung von Vermögens- und Erbschaftssteuern zur Deckung der Reichslasten führen, dabei aber gründlich mit einem System aufräümen, das schon heute die Mehrheit des deutschen Bürgertums und der Arbeiter gegen sich hat. Alle kluge Staatskunst ist eine Politik der Vorbeugung. Man sollte daher schon heute die wirklich leistungsfähigen Klassen stark zur Tragung der neuen Lasten heranziehen, und zwar derart, daß nicht nur so lästige Abgaben tote die Zündholzsteuer aufgehoben, sondern auch Forderungen wie Herabsetzung der Altersgrenze in der Invalidenversicherung von 70 auf 65 Jahre erfüllt werden können.
'Das ganze gegenwärtige finanzielle System hat mit unserer, die notwendigsten Lebensmittel verteuernden Handelspolitik eine Verbitterung großgezogen und gewaltige Lohn- und Arbeitskämpfe herbeigeführt, die unser wirtschaftliches. Leben fortgesetzt erschüttern. Diese Kämpfe führen zu immer strafferen und einheitlicheren Organisationen der. Unternehmer und Arbeiter, die sich nun wie die großen Kulturvölker bis an die Zähne waffengerüstet gegenüberstehen: bereit, bet der nächsten Gelegenheit unter Aufstachelung heftiger Leidenschaften aufeinander loszugehen. Kaum ist ein Streik oder eine Aussperrung leidlich beigelegr. so trifft man bereits Vorbereitungen zu neuen Kämpfen. Roch zittern die Leidenschaften der großen Bergarbeiterstreiks in der Öffentlichkeit nach, die Gerichte arbeiten noch mit Hochdruck, um sogenannte Streikvergehen gegen Arbeitswillige zu sühnen, und schon drohen neue und größere wirtschaftliche Kämpfe. Im nächsten Jahre soll es im deutschen Baugewerbe wieder losgeheu und der „Gesamtverband Deutscher Metallindustrieller" hat neue allgemeineSatzungen und Vorschriften für Behandlung der Arbeiter bei Lohnfragen herausgegeben, die bon den Arbeitern als das Wetterleuchten heranziehender» neuer, gewaltiger Kämpfe aufgefaßt werden. Sie schließen die Reihen dichter und der Deutsche Metallarbeiterverband, bekanntlich die machtvollste deutsche Arbeiterorganisation, will schleunigst einen Kampffonds von 20 Millionen Mark sammeln. Denn auch bei diesen großen wirtschaftlichen Auseinandersetzungen gilt wie bei den Kriegen der Völker das Wort Shakespeares: „Tue Geld in deinen Beutel!" Und zwar
Nachdruck verboten.
Die Hochzeits-Saison.
London, 5. Mai.
Der ..wunderschöne" Monat Mai, der seinem Ruf aller- ings nicht immer Ehre macht, wird von einem großen Teil er Londoner vielleicht mit noch größerem Entzücken begrüßt ls von anderen Sterblichen. Denn er bedeutet nicht nur as Frühjahr in seiner vollsten Herrlichkeit, in welcher sich ie von so zahlreichen großen Parks durchschnittene Metro- ole am schönsten präsentiert, sondern auch den Beginn der
Es ist schon manchmal von Ausländern spöttisch belächelt wrden, daß gerade, wenn die Natur sich am reizvollsten zeigt, jelder und Wälder am lieblichsten schmückt, die englgche Ge- -llschaft sich in der Metropole zusammenfindet, dm Hauptfach- ichsten Feste vor sich gehen, am meisten getanzt, geflirtet itrd, die hervorragendsten Theatervorstellungen statthaberi.
Aber London gleicht eben keiner anderen Stadt. Sein ilima gestaltet den Aufenthalt im Winter zu einem nichts weniger als angenehmen und man kann die nur beneiüen, ie ihm entfliehen können, während die erwähnten Paris, der öürtel von Commons (mit reichlichem Baumbestand versehene Viesen), die zahlreichen Squares, die häufig große, prächtige harten tragen, es im Lenz wunderschön machen. Ullerdings mr einen bestimmten. Teil davon, in die engen L-tratzen des dstends dringt, besten milder, belebender Hauch kaum ein, lber dahin kommt auch die Gesellschaft nie, für dre überhaupt die „Season" eine Bedeutung hat.
Wenn übrigens letztere für Fortunas begünstigte Kinder wch meist eine Unzahl von Vergnügungen bringt, mehr oft, US jemand, der nicht extra dafür gestählt und erzogen ist, «tragen kann, so beraubt sie sie doch, anfänglich wenigstens,
einer Festlichkeit, die für viele einen ganz besonderen Reiz besitzt. Heiraten finden hier im Mai fast niemals statt, der Marienmonat gilt nicht als ein glücklicher dafür in diesem Lande des Protestantismus. So drängen sich denn auch in die Zeit zwischen Ostern und Mai — denn während der stillen Fastenzeit werden Hochzeiten auch nicht gern abgehalten — eine Menge dieser Feierlichkeiten zusammen, besonders da Sonntage und Feiertage nicht dafür in Frage kommen.
In diesem Jahre haben in der kurzen Spanne, die nur 17 Tage umfaßte, nicht weniger als 200 „Zocüsty vsääinM" stattgehabt. Wie viele andere, danach fragt man natürlich nicht, die Zooisty weclding aber ist nicht nur ein wichtiges Ereignis für die zunächst Beteiligten und Eingeladenen, die ganze loyale Bürgerschaft interessiert sich im höchsten Maße dafür. Bekanntlich besitzt der „freigeborene" Brite für alle über ihm Stehende eine an Anbetung grenzende Ehrfurcht. Schon Thackerah hat sich häufig darüber lustig gemacht, in seinem Buch der Snobs diese nationale Eigentümlichkeit. gegeißelt, aber dies sowie häufiger anderer Spott darüber sind natürlich ohne jede Wirkung geblieben. Wenn bie SiodEiter irgenb eines bekannteren Aristokraten in den heiligen Ehestand treten soll, dann wird nicht nur schon Wochen berichtet,
wo die Trauung vor sich gehen, welcher Geistliche sie vornehmen wird, sondern es wird mitgeteilt, welchen Stoff die Braut sich zum Hochzeitsgewande erwählt, wer dre Brautjungfern sein und was sie tragen werden usw.
Findet dann das große Ereignis statt, dann erhalten wrr eine genaue Beschreibung des Vorganges, der Ausschmückung des Gotteshauses, des Kleides der jungen Tarne, alle vornehmen Anwesenden sind aufgezählt und die -fvrletten der besonders bekannten Frauen und Mädchen beschrrebcn, dre Hochzeitsgeschenke genannt, zugleich mit dem Namen der Spender, und es wird auch nicht verfehlt, uns mitzuter.cn,
in zweifacher Hinsicht. Den Arbeitern kostet ein Streik oder eine. Aussperrung bedeutende Unterstützungssummen und die Unternehmer erleiden schwere Verluste durch Stillstehen der Betriebe. Man sollte nun annehmen, daß sich beide Parteien auf einer verständigen Mittellinie einigen würden. Aber dazu sind augenscheinlich auf beiden Seiten die Leidenschaften und die Vorurteile noch zu stark. Es fehlt auch eine geeignete, mit dem nötigen Ansehen ausgestattete Schiedsftelle. Aber die Zeit muß kommen, wo ein Reichsschiedsgerichr, über den Parteien thronend, mit gerechter und fester Hand derartige Kämpfe zum Besten von Unternehmern und Arbeitern und unserer gesamten Volkswirtschaft entscheidet. Die Forderung nach einem derartigen Reichseinigungsamt ist auch in den letzten Wochen angesichts der Vorgänge bet dem Bergavbeiterstreik wieder aufgestellt. Auch hervorragende Männer der Wissenschaft verlangen eine Neuordnung des Arbeitsverhältnisses. Ter Münchener Volkswirt und Sozialpotitikek Lujo Brentano forderte: „Es muß für jedes Gewerbe eine offizielle Organisation der Arbeiter geschaffen werden, welche alle Arbeiter umfaßt und in deren Allsschuß alle unter den Arbeitern bestehenden Richtungen unter Anwendung des Proportionalwahlrechts Vertretung finden. Diese Vertretung muß mrt beit Vertretern der Arbeitgeber über die Bedingungen des Arbeitsvertrages verhandlen, und was von beiden unter Vorsitz eines Unparteiischen festgesetzt ist, muß für alle in deni betreffenden Gewerbe und Bezirke beschäftigten Arbeiter rechtsverbindlich sein."
Eine gleich wichtige Frage ist dieVersicherung gegen Arbeitslosigkeit. In Stuttgart plant man eine derartige Versicheruna nach dem Genier System mit Spareinrichtung, wie es ähnlich in anderen deutschen Städten durchgeführt ist. In Frankreich hat eine dem Arbeitsministerium beigeordnete Kommission eine Reihe von staatlichen Maßregeln gegen die Arbeitslosigkeit voroeschlagen. Das Problem der beste» Ar- beitslosenversicherung ist noch immer ungelöst. Jedenfalls wird die Selbsthilfe bei_ der Lösung ^dieses Problems eine wichtigere Rolle spielen als die 'Lstaats- hilfe. Ähnlich auch bei manchen anderen Fragen, die seit Jahren die Öffentlichkeit beschäftigen. So haben jetzt die Berliner Bauhandwerker die Anwendung dev Selbsthilfe gegen den Bauschwindel beschlossen. Es soll von der Handwerkskammer ein Baubuch eingerichtet werden, in das sämtliche bei der Baupolizei eingehende Baugesuche eingetragen werden. Bei un- günstiger Auskunft über den Bauenden wird gegen Erteilung der Bauerlaubnis Einspruch erhoben. Wird dem nicht stattgogeben, so stellen die Mitglieder der Kammer, die mit den Personen und Schlichen des Banschwindels bekannt sind, nach Einsichtnahme des Grundbuchs die Hypothekenverhältnisse fest. Alles Materral steht dann jedem Bauhandwerker zur Verfügung. Wird diese Einrichtung allgemein benutzt, so führt sie oiel- leicht besser zum Ziel als so manche behördliche Der- ordnung.
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was die junge Frau rrug, als sie sich auf die Hochzeitsreise begab und wo das neugebackene Ehepaar die Flitterwochen zu», bringen will.
Jetzt nun liegt die schöne Zeit, da die Zeitungen besonders für den weiblichen Teil der Londoner Bevölkerung ein« so reizvolle Lektüre bieten, für längere Wochen hinter un8. Die Kehrseite der Medaille gibt daher mehr Stoff zu Betrachtungen, Pessimisten denken daran, daß von all diesen eleganten jungen Leuten, die da mit vollen Segeln in den glücklichen Hafen der Ehe einzulaufen, meinen, ein Teil und manchmal sehr bald das Band wieder zu zerreißen sucht, baH sie aneinander fesselt.
Unter diesen Weiterdenkenden ist einer nun auf die Jde« gekommen, daß es eigentlich sehr unrecht sei, wenn die, welche vor Gott und den Menschen gelobt haben, nicht auseinander zu gehen, zusammenzubleiben, bis der Tod sie scheidet, diese«! letztere Versprechen so achtlos beiseite schieben. Als moderner- Mensch denkt er aber nicht daran, zu fordern, daß Scheidungen nicht mehr durch Gesetz vorgenommen werden solleit« sondern wünscht, daß man sich mit dem Herrgott in anderer Weise abfinde. So soll es von nun an nicht mehr hertzen« „bis der Tod uns trennt", sondern „solange er, bezw. sie, treu bleibt", und die Worte „Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden", will dieser Neuerer ganz ausge- mcrzt haben. . .
Es ist aber nicht wahrscheinlich, daß er mrt fernen kühnen Vorschlägen durchdringt, hat doch selbst die streitbare Suffra- gette nichts ansrichten tonnen, die da tvünschte, dcch das Worl „obey" (gehorche) bei der Trauungszeremonre sortbleibe. Was aber den Frauenrechtlerinnen nicht gelingt, die da gezeigt haben, wie sie für ihre Prinzipien zn„ leiden und zu! kämpfen wissen, wird doch der „mere man" (bloß Mann) nrcht durchsetzen können. H. Land.
