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Montag, 6. Mai 1412.
Abend -Ausgabe.
Kr. 211* * 60. Jahrgang.
polMsche Übersicht.
Au den deutsch-englischen Verhandlungen.
Nach einer, Mitteilung des Herrn v. Kiderlen- Wächter in der Budgetkommission des Reichslags werden die Verhandlungen mit England fortgesetzt. Liese Eröffnung macht den Vermutungen ein Ende, nach denen die Fühlungnahme zwischen beiden Kabinetten ergebnislos geblieben sein sollte. Tie Verhandlungen, über die natürlich auch jetzt, vielmehr jetzt erst recht, tiefstes Stillschweigen bewahrt wird, können sich, ebenso natürlich, nur auf bestimmte Einzelfragen richten. Vor Wochen und Mvrraten wurden als solche Einzelfragen bezeichnet: die Zukunft der portugiesischen Besitzungen in Ost- und Westafrika, sodann eine. Verständigung über die Bagdadbahnfrage. Niemand kann etwas Greifbares darüber wissen oder aussagen, ob diese beiden Fragen auch jetzt den Inhalt der Besprechungen oder Verhandlungen bilden. Das Geheimnis wird so sorgfältig gehütet, daß jeder Versuch, es zu Lurchdringen, vergeblich bleiben muß. Inzwischen aber ist es doch von Bedeutung, daß die häufig geäußerten Besorgnisse, als gehe England nur darauf aus, uns eine neue Täuschung und Enttäuschung zu bereiten, durch die Tatsache der fortdauernden Aussprache zum mindesten kerne Unterstützung finden. Mehrfach konnte man in der letzten Zeit beobachten, daß die „Kreuzzeitung", abweichend von den düsteren Urteilen d.er konservativen oder konservativ gerichteten Blätter, Briefe veröffentlichte, in denen mit bemerkenswerter Unbefangenheit und aus augenscheinlich guter Sachkenntnis heraus das Vertrauen auf die Möglichkeit einer Verständigung geäußert wird. Wir halten es für nützlich (denn der Varteigegensatz kann in diesem Falle nicht in Frage kommen), aus der von der „Kreuzzeitung" abgedruckten Korrespondenz ihres Londoner Mitarbeiters einiges herzusetzen. Der Verfasser schreibt u. et.: „Das Motiv der englischen Politik scheint doch ziemlich klar zu sein. Wir haben seit etwa zehn Jahren in beständigem Gegensatz gelebt. Die beiden Konflikte, in denen wir uns gegenüberstanden — die Balkankrise und die Marokkofrage —- gingen zwar nicht direkt aus dem deutsch-englischen Gegensätze hervor, aber wir haben dabei unsere Kräfte gemessen. England hatte vorher seinen Vorteil darin gesehen, seine alten Streitpunkte mit den Vereinigten Staaten, mit Frankreich und mit Rußland beizulegen. Wenn es dabei den Gedanken gehabt hat, dadurch freie Hand gegen uns zu bekommen, so hat es aus den beiden Krisen die Lehre gezogen, daß diese antideutsche Politik verfehlt war, und jetzt will England ebenso wie mit jenen drei anderen Mächten, so auch mit Deutschland wieder zu normalen Beziehungen gelangen. Ganz ebenso hat auch Rußland gehandelt, als es sich entschloß, die Jswolskische Politik fallen zu lassen, und zuerst mit Deutschland eine Verständigung einging, um sich darauf auch Österreich wieder zu Nähern. Wir Deutschen haben von unserem Standpunkt schwerlich etwas gegen eine ehrliche Entente mit England einzuwenden." Alles ganz richtig und jeden- falls des Nachdenkens wert. Wir brauchen also die Er-
„Die Engel in der Kunst."
Wohltätigkeits-Veranstaltung zum Besten des Wiesbadener Lereins für Speisung bedürftiger Schulkinder.)
Am Samstagabend hatte sich eine unübersehbare Kette von Wagen und Autos gebildet, die in der Schwalbacher Straße vor dem Hause der Turngesellschaft nur langsam ihre Glieder löste. Und als die Insassen sich dann endlich herausgeschält hatten, mutzten sie auf der Treppe noch einen kleinen Sturm auf ihren Geldbeutel über sich ergehen lassen: Blu
men, Programms, Postkarten, das alles wurde mit verlockendem Lächeln von jungen Mädchen angeboten, die sich zu dem Fest besonders hübsch angezogen hatten. Doch sind aus dem Blütenslor wohl drei Gestalten ganz besonders ausgefallen durch Anmut, Grazie und geschmackvolle Kleidung: Eine
hochblonde Watteau-Schäferin, der das Kostüm zum Entzücken stand, eine gertenschlanke Blondine, die cs durch Schick und guten Geschmack verstanden hatte, etwas mehr aus ihrem Kostüm — das einer hellila Glockenblume — zu machen, wie die sonst bekannten Kostüme dieser Art, und eine dunkelhaarige junge Dame, die sich als rote Blume sehr vorteilhaft auSnahm und deren liebliches Gesichtchen unter einem Hut hervorschaute, der eine einzige große Blüte bildete. Diese drei Blumenmädchen machten augenscheinlich gute Geschäfte, denn fcht immer sah man sie die leeren Körbe an ihren „Zentralen" wieder füllen. Frau von Auer und Frau Beckers, die den Verkauf der Blumen leiteten, hatten für einen geschmackvollen Aufbau Sorge getragen. Auf dem breiten Treppenabsatz war ihr Reich. In der einen Hcke stand ein Schiff, das die duftige Ladung hergab, während die andere durch ein blütenbedecktes Luftschiff eingenommen wurde, das
Wartung, daß bei den deutsch-englischeI Verhandlungen etwas Annehmbares herauskommt, wirklich nicht vor der Zeit aufzugeben.
Die verlassenen ttonservativen.
Unter den bemerkenswerten Vorgängen in der Reichstagssitzung vom Freitag war es der vielleicht am meisten zu beachtende, daß sich zwischen dem Zentrum und den^Konservativen ein Riß auftat. In der Frage, wie die Geschäftsordnung des Reichstags zweckmäßig zu ändern sei, steht das Zentrum also auf der Seite der Parteien der Linken, und wenn diese Abwendung von den Konservativen schon an sich von Bedeutung erscheint, so wurde der Gegensatz noch verschärft durch die ä u ß er st unfreundlichen Worte, mit denen der Abgeordnete Groeber den Grafen Westarp abtat. Dergleichen hat man lange nicht zu hören bekommen., und die Sache darf auch nicht als eine zufällige Episode betrachtet und behandelt werden.. Vielmehr zeigt es sich, daß das Zentrum Wert darauf legt, als volkstümliche Partei zu gelten, die durchaus nicht gesonnen ist. ihre Tätigkeit in der Unterstützung konservativer Kerrschasts- ansprüche zu erschöpfen. Das Zentrurn „kann auch anders", und die Brüchigkeit der Parteiverhältnisse rechts von der Linken kann nicht besser verdeutlicht werden als eben durch den tiefgehenden Widerspruch zwischen Klerikalen und Konservativen in einer Frage, bei der es sich zwar nicht, wie die Konservativen fälschlich behaupten, um eine Beeinträchtigung der Rechte von Kaiser und Reichskanzler handelt, bei der aber doch die Volksvertretung die ihr zustehenden Befugnisse klar und rein herausgebildet sehen will. Wenn somit das Zentrum,, gleichgültig, ob aus innerem Drange oder zu taktischen. Zwecken, ein paar kräftige Schritte abseits von keinen konservativen Freunden tut, so wird es vollends deutlich, wie gefährdet die Stellung der Rechten in der Gesamtheit unserer parlamentarischen Zustände ist. Nur zusammen utit dem Zentrum bedeutet die Rechte etwas: trennt sich dagegen der große Bruder von dem kleinen, so ist der kleine hilflos. Die Konservativen als einziger Bestandteil einer Minderheit, das ist seit langer Zeit freilich nicht dagewesen, aber nun ist es da. und man sieht sofort, aus welche verhängnisvollen Abwege die Partei durch die sonst so laut gerühmte Führerschaft des Herrn von Heydebrand geraten ist oder in sehr ernsten Fällen geraten kann. Zu den Legenden, von denen die konservative Partei unberechtigten Nutzen zieht. gehört namentlich die von der Klugheit ihrer Leitung. Aber der Tag könnte schon kommen, wo es wie ini Märchen heißt: „Ter Kaiser hat doch gar nichts an", wo sich mit anderen Worten herausstellt, daß die Kluabeit des Herrn' v. Heydebrand mehr in dem merkwürdig weit verbreiteten Glauben an sie als in ihrer eigenen Wirklichkeit und Wirksamkeit beruht.
Die Landwehr-Inspektionen.
Über die Verhandlungen der Budgetkommission hinsichtlich der Forderungen für neue Landwehr-Inspektionen wird in der „Liberalen Korrespondenz" mitgeteilt:
Im Jahre 1907 beantragte die Heeresverwaltung
den hübschen Namen „Caritas", aus Veilchen gebildet, führte. Und selbst die Buchstaben aus Veilchen wurden schließlich verkauft. So verwandelte sich der Saal nach der großen Pause fn ein Meer von Blüten, denn Wohl niemand saß ungeschmücki da. Alle, alle hatten sie ein duftiges Sträußchen in Händen, im Knopfloch oder im Gürtel. Trotz guter Einrichtung, obgleich junge Mädchen dienstbereit am Eingang standen und allen Suchenden mit großer Sicherheit die Plätze anwiesen, füllte sich der Saal nur langsam, und so war die festgesetzte Zeit schon weit über das akademische Viertel hinaus überschritten, ehe begonnen werden kannte.
Fräulein Hildegard Wi s k o t t hatte die nicht leichte Aufgabe, den Prolog zu sprechen, der aus der Feder Anna .Hägens, einer Frankfurter Dame, stammte. Die Vortragende "sprach sehr deutlich und blieb selbst bis in die äußersten Winkel des Saales hinein verständlich. Bei Wohl- tätigkeitsvorstellungen bringt man dem Dargebotenen immer viel Wohlwollen entgegen und die Kritik verstummt. Was aber am Samstag gezeigt wurde, war so künstlerisch vollendet, so rührend schön, — daß die Kritik abermals verstummte.
Welch eine Unsumme von Arbeit und Fleiß. wie ine! feines künstlerisches Verständnis bekundeten alle Bilder. Gewiß war es nicht immer leicht für die Leiterinnen der Bilder. die Damen Spielberg und Re ineck aus Weimar, mit ihren Ideen durchzudringen. Um so mehr muß daher das Verständnis anerkannt werden, mit welchem die hiesigen jungen Damen sicki unterordneten, in dem richtigen Gefühl, nicht Hauptperson, sondern nur ein Teil des Bildes zu sein. Einen sehr starken Eindruck hirsterließ das Bild „Verkündigung" nach einem Relief von Donatello, das Bild grau in grau gestimmt, der starre Faltenwurf der Gewänder wie gemeißelt, die Figuren selbst io ruhig sitzend, als wäre alles
eine Änderung des Militärgesetzes, wonach die im übrigen von den Bezirkskommandeuren wahrzunehmew den Geschäfte für den Beurlaubtenstand auch durch aktive Offiziere wahrgenommen werden könnten. Die Armeeverwaltung wies zur Begründung darauf hin, daß in besonders dicht bevölkerten Bezirken diese Ge- schäfte so umfassend seien, daß notwendigerweise dasiir besondere, einem General zn unterstellende ^Landwehr- Inspektionen geschaffen werden müßten. Die Forde- rung wurde damals auf zwei Inspektionen in Rhein- land-Westsalen und eine in Berlin beschränkt, $efet sind 22 neue derartige Landwehr-Inspektionen geplant, auch in allen den Gegenden, in denen von einer ganz besonders starken Anhäufung von Beurlaubten nicht im entferntesten die Rede sein kann, ebenso wenig wie von einet Überlastung der Bezirkskommandeure und der Bezirksofsiziere. Im Gegenteil, es ist eine bekannte Tatsache, daß diese Herren vielfach ein höchst begnemes Dasein führen, und daß sich ihr Dienst, von den Wochen der Aushebungstätigkeit und der Kontroll- versammlungen abgesehen, auf eine sehr kurze Tätigkeit beschränkt. Hier neue Landwehr-Inspektionen mit aktiven Generalen an der Spitze zu schaffen, heißt iteue Stellen kreieren, in denen aktwe Offiziere völlig ungenügend beschäftigt sind: und solche Generale, die dem Dienst im Felde vollständig entzogen werden, eignen sich schließlich im Mobilmachungsfalle um kein Haar besser zur Führertätigkeit als die zur Dispostttcm stehenden Generale.
Die Neueinrichtung wurde vor allem motiviert mit der Überlastung der Brigadekommandeure, die ihrer sonstigen Tätigkeit während des Aushebungsgeschaftes ja nach den einzelnen Gegenden um 0 bis 11 Wochen entzogen würden. Einer objektiven Erwägung ist eS unverständlich, warum ausgerechnet der Brigadc- kommandeur bei diesem Aushebnngsgeschäft ständig mit dabei sein muß, da hierbei der Schwerpunkt der Tätigkeit doch zweifellos beim Arzt liegt und die formalen Angelegenheiten vom Bezirkskomman- deur ebenso gut wahrgenommen werden können. Will man aber wirklich für diese Tätigkeit sowie für die Beurlaubtenfrage eine zweite Instanz schaffen, so kann man die Funktionen des Landwehr-Inspekteurs doch ebenso gut einem zur T i s p o s i t i o n stehenden Gene- ral übertragen. Diese Herren beziehen ja ohnehin ihr volles Gehalt statt der Pension.
Bei der Abstimmung in der Budgetkommisswn wurde diesen von fortschrittlicher Seite geltend gemachten Erwägungen Rechnung getragen. Der Plan, 22 neue Landwehr-Inspektionen zu schaffen, wurde dem- entsprechend ab aelehnt, und es wurden nur sur den bevorstehenden Etat solche Inspektionen für vier Armeekorps bewilligt, in denen ähnliche Verhältnisse vorliegen wie in Rheinland-Westfalen und in Berlin. Die Kommission ging dabei von dem Gedänkei^ aus, daß etwaige Neuformationen von Landwehr-Inspektionen in dem jeweiligen Etat angesordert und eventuell bewilligt werden sollten,» aber nicht auf einmal für längere Zeit. _
Leben aus ihnen, geschwunden und dabei doch nicht leblos. Aber schon das erste Bild ergriff und packte. Gleich einem mächtigen Anstalt berührte dieser „Engel der Verkündigung in der Art des Simon- Martini und ließ das Kommend« ahnen. Ein voller Akkord dem andere folgten, klangschön und harmonisch. Und der Eindruck verstärkte sich noch beim Anblick der musizierenden Engel nach Melozzo da Forli. Schier andächtig wurde allen zu Mute, als der Schutzengel nach Murillo sichtbar wurde, das bekannte Bild, aus welchem em Engel mit erhobenem Finger nach oben deutet und ein kleines zartes Mädchen an der Hand führt. Eine Gruppe lobsingen» dcr Engel schloß die Reihe der 16 Bilder, bic an Schönheit und Feinheit der Farben miteinander wetteiferten. Zum Schluß sei noch das herrliche Bild „Singende Engel nach Perugino erwähnt, auf dem drei liebliche Gestalten auf Wolken stehend, ihre Lobeshymnen zur Ehre Gottes zu singen
^ Jedes Bild wurde von kirchlicher Musik begleitet, und Künstler sowie begabte Dilettanten, die schon fast jenseits de, Dilettantismus stehen, hatten sich zu schönem Wirken zu. ammeugetan. Die musikalische Leitung hatten die Damen Z ch l a r - B r o d m a n n irnd Maria W r l h e l m y und derr Dr Fritz Bickel übernommen und konnten >oll berechtigten Stolzes auf die Früchte ihrer Tätigkeit llicken Ganz besonders schon gelangen: das „Hubilate von »e-nh Scholz für Frauenchor, das Duett „Die Engel" von zuhinstein. von Frl. D ä b n e und Frl. Haas vollendet ge, ungen. das „Ave Maria" von Dorn, ein Terzett von den s)amen Wolfs, Neuendorff und Haas ausgeführt, 'as „Engel-Terzett" aus Mendelssohns „Elias", in welchem ,tc. Damen Bacharach, Dähne und Haas erfolgreich oirkten, und schließlich das geiWchk Wiegenlied „Susam,
