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Sonntag, 28. April 1912.
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Morgen - Ausgabe.
Nr. 198. ♦ 60. Jahrgang.
Edelsinn.
Sonntagsbctrachtung.
Es ist merkwürdig, wie viel Pessimisten es gibt. Tie allermeisten Menschen folgen den Interessen der Eigenliebe und setzen auch bei jedem anderen Menschen Egoismus voraus. Daß es wirklich Idealisten gibt, glauben sie nicht recht. Treffen sie einmal einen sol- chen, so verstehen sie ihn nicht, sie halten ihn für einen Toren und .einen Schwärmer und schieben seinen wahren Beweggründen kleinliche Rücksichten unter. Sie stehen förmlich unter einem Zwang, Edles zu verkleinern, iveil sie, um sich nicht zu klein vorzukommen, sich nicht zu sehr vor anderen beugen wollen.
„Undank ist der Welt Lohn" ist ein altes und wahres Wort. Merkwürdig ist dabei nur, daß man immer nur bei anderen Undank entdeckt und niemals bei sich selber. Mit wem man auch spricht auZ seinem Bekanntenkreis, stets wissen die Leute unendlich viel zu erzählen, wie ihre guten Absichten oder guten Taten mit Undank gelohnt worden sind. Daß andere von • ihnen ein gleiches annehmen, bedenken sic viel weniger.
Fälle von wirklichem Edelsinn hört man recht selten erzählen. Und wenn man auch zugeben muß, daß eine besondere Gabe und ein seiner Blick dazu gehört, das Gute zu sehen, so läßt sich doch nicht leugnen, daß diejenigen, die das Öl bilden, das die Maschinerie der Menschheit vor Erstarrung im Egoismus bewahren soll, so selten sind wie das Gold aus der Erde.
Selbst bei vielen Menschen, die Großes leisten, ist es durchaus nicht immer und nicht in erster Linie die Hingabe an die Menschheit, die sie treibt, sondern es ist Ehrgeiz und Ruhmsucht. Wie mancher Schriftsteller, Dichter, Künstler, bei dem man lediglich hohe Ideale vermutet, hat einen ganzen Sack voll kleinlicher Zwecke, die er mit sich herumschleppt. Wie mancher glaubt jedes Jahr ein Theaterstück oder ein Bild herausbringen zu müssen, nur weil er die klingende Münze liebt. Mancher Politiker hält die schönsten Reden zugunsten des Staatsgedankens oder der sozialen Hilfsarbeit — er ist vielleicht nur ein Schönredner, oder er will Einfluß und Macht gewinnen, die er durchaus nicht immer zum Guten benutzt. Mancher steigt vielleicht herunter und wird sogar Sozialdemokrat, am Ende auch nur, um hier am leichtesten eine intereffante Führerrolle zu spielen.
Es macht sicher auch jeder für sich in der Welt recht unangenehme Erfahrungen, daß . plötzlich eine Trompete versagt, wo man glaubte, sie gäbe einen klarer Ton. Und doch, ein guter Mensch wird nie irre an der Menschheit, er müßte sich, sonst selbst aufgeben. Er kann gar nicht anders, als immer wieder an die Menschheit glauben. Er wird vorsichtiger und gewitzig. ter, er traut vielleicht nicht mehr so schnell. Häutig tritt ihm ein Lächeln auf die Lippen, wenn er sieht: wieder ein Mißton. Aber das Lächeln ist höchstens
Nachdruck verboten.
Ein Frühlingslied.
Von Gustav Klitfcher.
Wir waren Jugendgespiclen gewesen. Als ich sie jetzt nach Jahren zum ersten Male in der Heimat wiedertraf, in einer glänzenden Ballgesellschaft war's, da sagte man mir, sie wäre verlobt. Ihr Bräutigam aber war von außerhalb und deshalb nicht anwesend. Aus dem hübschen Kinde war ein schönes Mädchen geworden. Wie ich sie vor mir sah, so lieblich, so anmutig und zierlich, mit den lieben, neugierigen Dogelaugen, da war es mir, als müßte ich sie wieder mein Bachstelzchen nennen wie in früherer Zeit.
Es ist zu wenig, wenn ich sagte, wir waren Jugendgespielen gewesen, nein, ich kann sie meine erste Liebe heißen. Die erste Liebe! Da denkt man an einen halbentwickelten Backfisch und einen hochaufgeschossenen Sekundaner, und die verständigen Leute reden von alberner Kinderei. Wer aber nicht nur verständig ist, sondern sich noch ein klein wenig goldener Dummheit bewahrt hat, der weiß, daß, es doch etwas Schönes sein kann'um die alberne, kindische, erste Liebe. O, ich besinne mich noch gar wohl darauf, wie, sie in uns fachte, keimte und wuchs von Tag zu Tag, bis wir schließlich fühlten, daß wir uns gut waren von ganzem Herzen. Ich entsinne mich noch gar wohl, wie ich sie ein einziges Mal geküßt habe in knabenhafter Schüchternheit. Es war Abend und wir gingen Arm in Arm durch die düsteren, verschwiegenen Gänge des- alten Ressourcegartens. Wir durften noch abends zusammen gehen, wir waren ja noch in dem glücklichen Alter, wo man erst zu ahnen beginnt, was gut und böse ist. Der Mond schien durch das junge Laub der Haselnuß, man nannte den Weg die Seufzcrallce. „ Der Yasmin duftete voll und süß und an den Fliederbüschen
wehmütig, nicht bitter. Im Alter ist man nicht mehr so stürmisch wie in der Jugend, aber ärmer soll man doch auf keine» Fall werden. Abgebrühte Pessimisten sind wie Baumstümpfe ohne Zweige und Laub.
Und wahrhaftig, es gibt noch Edelsinn genug. Man braucht da gar nicht mal auf die Höhen der Menschheit zu blicken. Man sche z. B. nur aus das Verhältnis von Eltern und KindernI Was wird da für Liebe ausgestreut, und zwar von beiden Seiten! Hier ist eben die Fläche gemeinsamen Zusammenwirkens so breit, daß Mißverständnisse, die sonst im Leben so häufig sind, sich sehr leicht beseitigen lassen. Diese Liebe hat sicher heute nicht abgenommen. Tie Eltern tun heute an den Kindern mehr als früher. Und umgekehrt ist es nicht weniger der Fall, trotz allein, was man über mangelnde Kindesliebe sagt. Die Gattenliebe hat sich bei dem Unglück der „Titanic" wieder einmal glänzend bewährt. Mehrere Frauen wollten nicht ohne ihre Gatten in die Rettungsboote hinein. Sic sind lieber mit ihnen zusammen gestorben.
Überhaupt dies Schifssunglück war ungeMein lehrreich. Zunächst war es die Folge moderner Prahlerei, der Sucht des Rekordschlagens. Tann aber, welcher Edelmut! Nicht nur, daß der Kapitän, wie es heißt, ein Kind in ein Rettungsboot bringt, selbst aber wieder auf das Schiss hinaufklettert und sagt. Hier will ich sterben! Daß man selbst einen Milliardär wie Astor nicht vor den Frauen und Kindern in die Rettungsboote gelassen hat! Überhaupt daß es im allgemeinen geglückt ist, die Frauen und Kinder Vor den Männern zu retten. Das stellt den Männern ein ehrendes Zeugnis aus. Das ist vielleicht in früheren Zeiten nicht immer so gewesen, wo mehr die rohe Gewalt triumphiert hat. Und mancher Mann hätte doch vielleicht ohne Überhebung von sich sagen dürfen, er nutzt der Welt vielleicht mehr als manche Frau.
Ja, der Edelsinn ist eben doch eine Macht geivor- den in der Welt. So sehr, daß man sogar zuweilen sagt, wir gehen in mancher Beziehung schon zu weit. Wir zögen Krüppel und Blödsinnige auf, die man in früheren Zeiten viel richtiger ausgesetzt oder, indem man sie sich felbft überlassen, durch einen frühzeitigen Tod ausgeschieden hatte. Ja, man muß einmal in einer Krüppelanstalt gewesen sein und gesehen haben, was manche Schwestern für eine aufopfernde Liebe beweisen, die ihr Leben der Pflege solcher Unglücklichen gewidmet haben!
Was findet man in dem Asyl für Obdachlose für ein ausgeprägtes Solidaritätsgefühl, daß die Leute von dem Wenigen, das sie besitzen, geradezu alles miteinander teilen. Man muß die Augen nur auftun, dann findet man ganze Felder mit Keimen sprießenden Edelsinns. Nur nicht immer da, wo die Welt sie sucht.
Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut!
Pastor a. D. K ö t s ch k e (Berlin).
hingen die letzten Blütentrauben. Wir hatten uns wenig zu sagen, wir waren ja so glücklich. Da küßte ich die Ge. liebte auf die weiche Hand. Aber die anderen Mädchen und Knaben hatten den Kuß gehört und sie kamen herbei und lachten und neckten uns, und wir ärgerten unS über die Neckereien und freuten uns doch in kindischem Stolz, daß man uns necken konnte.
Schließlich brachte das Leben uns auseinander und nun nach Jahren traf ich meine kleine Bachstelze als Dame im Ballsaal wieder, als Braut. Ich sagte: „Mein gnädiges
Fräulein" und sie sagte „Herr Doktor" und wir waren sehr zeremoniell, wie es für Kulturmenschen des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts schicklich ist. Aber es wurde mir schwer. Als wir uns dann näher kamen und wärmer wur- den — die Frangaise, die wir zusammen tanzten, gab die erste Gelegenheit dazu — und als sich das Gespräch auf die alte glückliche Jugendzeit zurückwandte, da drängte sich auch das alte vertrauliche Kinder-Du mir wieder über die Lippen. Ich entschuldigte mich, sie jedoch schlug das Auge nieder und sagte, ihr gefiele das alte „Du" viel besser denn das neue „Sie", und so duzten wir uns wieder wie ehedem.
- Das waren wunderliche, wundersame Stunden, die nun kamen. So weit wir es vor den Lästerzungen der Gesellschaft durften, saßen wir beieinander. Und wir sprachen von vergangenen Tagen und von vergangenem Glück. Wir erinnerten uns an unsere erste Liebe und wir spöttelten über sie und dünkten uns sehr klug und nannten sie eine Kinderei, wie die verständigen Leute. Aber der Blick, mit dem sie mich dabei aus ihren lieben Vogelaugen ansah, strafte. den spöttischen Mund Lügen. Und wir spielten zusammen ein eigenes Spiel, das all die verständigen Leute um uns her nicht kannten, und die Mütter und' Tanten sahen unser Spielen nicht. Das Spiel hieß: „Es char. einmal" und wir spielten: „Fünfzehn Jahre sein".
vie Politik der Woche.
Preisend mit viel schönen Reden haben in dieser Woche die Vertreter der Regierung unter Vortritt des Reichskanzlers dem Reichstage die Wchrvorlagcn ans Herz gelegt, der sie zwar nicht ohne manches scharfe Wortgefecht, aber doch alles in allem mit einer gewissen versöhnlichen Stimmung in erster Lesung durchberaten hat. Diese Stimmung galt freilich mehr den Wehrvorlagen selbst, gegen die keine der bürgere lichen Parteien eine grundsätzlich oppositionelle Haltung einnahm, als der D e ck u n g s f r a g e, in der sich bisher keinerlei Einigungslinie zwischen rechts und links herausgestellt hat. Die Berechnungen des neuen Reichsschatzsekretärs über die Ergiebigkeit des Etats sind bei den Parteien der Linken auf starken Widerspruch gestoßen, wobei sie in der für Herrn v. Bethmann-Hollweg recht unbequemen Lage waren, den früheren Leiter der Reichsfinanzen Herrn Wermuth gegen den jetzigen auszuspielen.
Auch mit der furchtbaren „T i t a n i c" - K a t a st r o p h t hat der Reichstag sich beschäftigt, und zwar hat er sich nicht auf die vom Präsidenten angeregte Bcileidskundgebung beschränkt, sondern die Regierung um Auskunft ersucht, welche Maßnahmen geplant seien, um ähnlichen beklagenswerten Ereignissen in der deutschen Seeschiffahrt vorzubeugen. Aus der vom Staatssekretär Delbrück erteilten Antwort ging hervor, daß seitens der Regierung bereits in dieser Beziehung Schritte getan worden sind, und wie unterdessen bekannt geivordcn ist, wird schon in der kommenden Woche zu diesem Zweck eine Konferenz stattfinden, in der außer den beteiligten Behörden auch die Seeberufsgenossenschaft und die Reedereien vertreten sein werden. Wie aber weiter mitgeteilt wurde, sind oon verschiedenen Seiten, vor allem vom deutschen Kaiser,^Anregungen zur Berufung einer in ter nationalen Sec- schiffahrtskonserenz ergangen, auf welcher d:r Ver. such zu einer gemeinsamen Aktion zwecks Verhütung oder doch möglichster Einschränkung der Unfälle auf hoher See uud zwecks besserer Organisation des Rettungswesens gemacht werden soll.
Hoffentlich ist diesem gemeinsamen Vorgehen ein besserer Erfolg beschieden als dem Versuch der Mächte, die Grundlage für eine Verständigung zwischen Italien und der Türkei zu finden. Die höfsichc Anfrage an die Pforte nach den Fricdensbedingungeu, die der an die italienische Regierung gerichteten Erkundigung gefolgt war, hat eine ebenso höfliche wie ablehnende Antwort gefunden. Die Türken sind unfreundlich genug! von den Italienern zu verlangen, daß sie sich Tripolis selber erobern sollen, während man auf der Consulta der Meinung ist. daß das von der Kammer vollzogene Annexionsdekret vollkommen genüge. Unterdessen haben die Italiener auch mit ihrem Versuch, durch die Bedrohung der Dardanellen einen Druck weniger auf die Pforte als vielmehr auf die neutralen Mächte auszuüben, einen unzweideutigen Mißerfolg erzielt, da e» allseits abgelehnt worden ist, aus diesem Anlaß bei der Pforte zu intervenieren. Und so müssen denn die Italiener den cr- folglosen Guerillakrieg in der heißen Sonne Afrikas fort- setzea, wobei ihnen nicht einmal ihr gefürchtetster Gegner Enver Bei den Gefallen getan hat, auf das Geheiß der römischen Telegraphenagenturen sich tot zu melden.
Ein Schulbeispiel dafür, mit welchen Schwierigkeiten und' Fährnissen ein solcher Krieg im schwarzen Erdteil verbunden ist, liefern ihnen gerade jetzt die Franzosen. Je genauere
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Zu dem Feste war sie von einer bekannten Familie mitgenommen worden. Sie wohnte draußen in der Vorstadt, und als es ans Aufbrechen ging, war man am Ende froh, daß ich mich erbot, die junge Dame nach Hause zu begleiten. Man bedankte sich bei mir für diese Liebenswürdigkeit, und ich alter junger Sünder nahm den Dank hin, als verdiente ich ihn.
Wir gingen die einsame Straße entlang, es war dunkel, nur hin und wieder trafen wir eine Laterne mit mattem Schein. Der Frühlingssturm brauste um uns her und schüttelte uns, in den Erdfurchen schmolz der letzte Schnee und das letzte Eis zerging uns unter den Füßen. Das war kein Wetter für zierliche Bachstelzen. Der Weg war weich und schlüpfrig. Ich bot ihr meine Führung an und sie nahm sie. Ihr voller weicher Arm lag fest in dem meinen. Und der Frühlingssturm brauste um uns her, und mir war's, als tonte durch das Brausen das alte herrliche Lied von der großen einzigen Liebe und kein Mißklang mischte sich darein von Menschensatzung und Menschenrecht. Und ich nahm ihre linke Hand und küßte sie auf das schmutzige braune Leder des Handschuhs. Sie sah mich groß an, als dächte sie an eiug frühere Zeit und sie sagte:
„Du weißt, ich bin verlobt."
Aber sie ließ mir die Hand. Und dann gingen wir weiter und der Frühlingssturm brauste um uns her und schüttelte uns. Und ich sagte:
„Kann ich dafür, daß du schön bist und ich jung?!"
Da biieb sie stehen und nahm ihre Hand auS der meiner? und ihren Arm aus dem meinen — und sie legte ihre Arme um meinen Hals und so hing sie vor mir in all ihrer Pracht. Und ich nahm ihren blonden Kopf zwischen beide Hände und küßte sie auf die graublauen Augen und den bleichroten Mund. So standen wir im Frühlingssturm und um uns her tönte das alte gewaltige herrliche Lied von der hohen, der
