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gewöhnlich merkwürdig, wie man hier den Reichstag behandelt. Man treibt Raubbau mit der Arbeitskraft des Parlaments. Wir werden ohne jede taktische Parteispekulation die Vorlagen behandeln und alles bewilligen, was im Interesse der Machtstellung Deutschlands uns als absolut notwendig bewiesen wird. (Beifall.) Aber Pflichtvergessenheit sondergleichen wäre es, wenn das Parlament nicht die allergewissenhafteste Aufklärung über die ganze Voraussetzung der Vorlagen fordern würde. Das ist keine Vertrauenssache, Herr Graf Posa- dowSkh. Mit dem alten Zopf der Bindung des Etatsrechts, die die Regierung doch nicht einhalten kann, sollte man auf» räumen. Zeigen Sie doch hier einmal Ihr Vertrauen zum Parlament! Der chauvinistischen Agitation mit aller Schärte .entgegenzutreten, ist Pflicht des Parlaments und der Regierung. Es wäre im höchsten Grade bedauerlich, wenn die Verhandlungen mit England aus einem toten Punkt angelangt wären. Die unverantwortliche Hineinhetzung der Völker Europas in einen völkerpsychologischen autosuggestiven Zustand (Heiterkeit.) macht eine gewalttätige Lösung dieser Spannung ganz unvermeidlich.
Die fanatischen Minderheiten sitzen in der Nähe des Reichskanzlers, nicht bei uns.
(Heiterkeit.) Die allgemeine Nervosität scheint auch die Kreise der deutschen Reichsregierung ergriffen zu haben. Die Nachrichten von schweren Unstimmigkeiten zwischen einzelnen Ämtern sind nicht neu, und die Tätigkeit der Presseabteilung des Reichs marineamts ist unerträglich. Der Reichskanzler mutz endlich dafür sorgen, datz wir nicht vielleicht die Möglichkeit einer doppelten auswärtigen Politik haben. Den Forderungen technischer Art stehen wir nach unseren alten Grundsätzen durchaus sympathisch gegenüber. Wir haben stets den Standpurrkt vertreten: das Beste und Zeitgemäßeste an Ausrüstung ist für unsere Armee gerade gut genug. Die Forderungen für die Magazingewehrkompagnien, Pioniere, Berkchrstruppen, Unterseeboote, Luftschiffe für die Flotts, natürlich vorbehaltlich der Rechtfertigung im einzelnen, sind vollkommen gerechtfertigt. Wir sind uns der schweren Verantwortung, die das Parlament trägt, voll bewußt.
Auch wir legen den größten Wert auf die sofortige Kriegsbereitschaft im Frieden.
Wir wissen, daß ohne solche Kriegsbereitschaft das gewaltige Instrument der Flotte und Armee ein Messer ohne Klinge ist. Wir werden aber auch fragen müssen, ob die Mißstände tatsächlich dadurch gehoben werden. Die Verpflichtung zur gewissenhaften Prüfung im einzelnen ist um so größer, als wir uns klar darüber sind, datz es mit den 80 Millionen einschließlich der 880 von 1911 gar nicht sein Bewenden hat. Eine Menge von Dingen ist überhaupt nicht berücksichtigt. Die Reserveformationen, die Kosten für Ersatzpflichtige! Wir dürfen da nicht im .Hintergründe bleiben. (Sehr richtig! rechts.) Sie sehen, datz wir allen diesen Fragen vollkommen objektiv gegenüberstehen. Darm die wichtige Frage des Ersatzes der Offizierkadres; dann der Unteroffizierersatz, der wird von Jahr zu Jahr schwerer. In diesen technischen Fragen sind wir zur Bewilligung bereit, aber wir fordern dafür Sparsamkeit aus ander e m Gebiete. An dem guten Willen dazu hat es die Militär- perwallung bisher fehlen lassen.
Die Militärverwaltung will die Dekorationen und Sinekuren beibehalten.
Den Wechsel, den uns Fürsst Bülow 1908 mit seiner Ankündigung der Sparsamkeit gegeben hat, hat die Militärverwaltung nicht eingelöst. (Sehr richtig! links.) Wir stehen den Mehrforderungen, so weit sie technisch und organisatorisch Verbesserungen der Armee verlangen, im allgemeinen sympathisch gegenüber, werden sie aber im einzelnen prüfen und Ersparnisse aus anderem Gebiete verlangen. Viel größere Bedenken haben wir bezüglich der Deckungssrage. Wir wollen keine Steuern auf Vorrat bewilligen, nicht aus Steuerscheu, sondern weil wir nicht mit offenen Augen tn
tern. Wenige von ihnen beziehen weniger als 4000 Lstr. das Jahr, also 80 000 M.
Der mächtigste Mann im ganzen Lande, der Premierminister, besaß bis vor kurzem — gar keinen offiziellen Rang! Das schreibt sich lediglich daher, datz zur Zeit, als die Rangordnung eingeführt wurde, dies Amt noch nicht bestand. Er bezieht als Premier auch kein Gehalt. Doch verleiht er sich gewöhnlich die Sinecure eines ersten Lords des Schatzamtes. Erst dadurch bekommt er ein Jahresgehalt von 5000 Lstr. und einen höheren Rang, wenn er auch da hinter den von ihm ernannten Erzbischöfen und seinem eigenen Lord-Grohkanzler noch weit zurücksteht.
Den niedrigen Adel, so weit er erblich ist, bilden nur die Baronets, die ein „Sir" vor ihrem Vornamen führen, zu dem der Titel aber untrennbar gehört. ES wäre durchaus unrichtig, wollte man z. B. von Sir Eduard Grey einfach als Sir Grey reden» wohl aber kann man, um die häufige Wiederholung des langen Namens zu vermeiden, einfach „Sir Eduard" sagen, ohne sich dadurch aus einen vertraulichen Futz mit ihm zu stellen oder der llsiürde des BaronctS irgendwie zu nahe zu treten. Die Frau eines Baronets heiht Lady. Der Titel vererbt sich auf den ältesten Sohn, doch so, datz aus dem Sir Eduard eines Hauses in einer Generation in der nächsten ein Sir Frank oder Sir William oder irgend ein anderer Name werden kann. Die jüngeren Söhne aber erhalten keinerlei Titel.
Nicht zu verwechseln mit dem Sir des Baronetstrtels ist bas Sir als Auszeichnung eines Ritters, das in derselben Weise vor dem Vornamen geführt wird und der Gattin auch den Titel Lady verleiht, das aber nicht erblich ist. Läßt der Rittertitel daher stets auf ein persönliches Verdienst^schlictzen, so ist er zugleich der älteste aller englischen Titel. Schon von Alfred dem Großen wird es uns überliefert, datz er seinen Neffen Athestann zum Ritter schlug. Noch heute besteht der Brauch, daß Männer, die zur Rittcrwürdc erhoben werden sollen, vor ihrem Souverän niederknien und tatsächlich den Ritterschlag mit dem Schwert erhalten.
Auch die Bezeichnung Esquire, oder abgekürzt Esqr. oder Ssg., die nur in der Schriftsprache gebräuchlich und von dem lateinischen soutarrus abstammt, kam ursprünglich nur bei den „Schildträgern" von Fürsten und Rittern zur Anwendung. Genau genommen gebührt sie heute nur den „ältesten Söhnen der jüngeren Söhne des höheren Adels", den Söhnen der Baronets und den ältesten Söhnen der Ritter, und außerdem Offizieren und allen, die einen Universitätsgrad besitzen. In Wirklichkeit aber wird dieser Titel, zumal auf dem Briefumschlag, jetzt in derselben verschwenderischen Weise ange-
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das alte Finanzelend hineinrennen wollen. (Sehr richtig! links.) Aber wie sich die Verhältnisse und die Menschen ändern können! (Große Heiterkeit.)
Das Reichsschatzamt sollte ein Reklameschild erhalten:
Hier wird unübertreffliche Schnellmalerei getrieben. (Große Heiterkeit.) Bald in Rot, bald in Schwarz, wie's beliebt. Noch 1911 verwahrten sich die Staatssekretär vr. Del- brück und Mermuth in beweglichster Weise gegen die Herabsetzung der Altersrente. (Sehr richtig! links.) Sie (nach rechts) haben damals das kulturelle Niveau der Wöchnerinnen herabsetzen wollen. (Unruhe rechts; Lärm; Heiterkeit links.) Ebenso erging es den Pw st unterbeamten. (Sehr richtig! links.) Jetzt hat sichln sechs Wochen die ganze Auffassung des Reichsschatzamts geändert.
Welchem Schatzsekretär soll man eigentlich glauben? Beiden? (Große anhaltende Heiterkeit.) Jetzt kommt Herr Dt. Spahn und findet keinenUnterschied zwischen ihnen. Warum ist Mermuth nicht mehr da, der beste Schatzsekretär des Herrn Gamp? (Lachen rechts; Zustimmung links.) Es ist doch ein gewaltiger Unterschied zwischen Kühn und Mermuth. Jener will keine erhöhte Einsetzung der Einnahmen aus Zöllen und Steuern wie Kühn; er will eine andere Verwendung der Überschüsse, er hält die Beseitigung der Branntweinliebes- gabe für ungenügend, er will die Erbschaftssteuer, und Kühn will sie — auch! (Große Heiterkeit.)
Der Hauptunterschied ist, baß Mermuth seine Grundsätze tatsächlich durchführen wollte, baß Kühn aber keinen Gebrauch davon machen will.
(Heiterkeit.) Sr hat sich als Freund der Erbschaftssteuer be- kaniit und gefragt: Wie können Sie glauben, datz ich ein Feind der Erbschaftssteuer bin? (Zuruf rechts: Sie sind es ja auch gewesen!) Ja, wir sind wenigstens ge- schpiter geworden. (Großes Hallo; stürmische, sich minutenlang wiederholende Heiterkeit.). Er hat dann gefragt, warum man sich denn nicht auf die Stimme des Volkes berufen wolle, um eine Erbschaftssteuer einzubringen?
Die Volksabstimmung über die Erbschaftssteuer hat bereits im Januar stattgefunden.
(Sehr richtig! links; großer Lärm und Unruhe rechts.) Ja. Sie blieben in einer erdrückenden Minderheit mit ihrem 31/2 Millionen. (Zuruf rechts: Wo ist denn Ihre Mehrheit?) Sie brauchen nicht stolz zu sein auf Ihre Ergebnisse. (Lachen rechtS; Unruhe.) Doch wir rechnen spater noch darüber ab, eS bleibt Ihnen nicht erspart! Wir schwimmen also jetzt in Gold, trotz der Aufhebung der Zuckcrsteuer und des Grund- stücksstemvels, die da kommen sollen. Hat denn aber das Neichssckatzamt nicht das alles schon vor sechs Wochen geahnt? Nach den Ausführungen des Herrn Wermuth mutz man das allerdings annehmen. Und ist dieser Strom von Gold — wenn er vorhanden ist, wenn er Bestand hat — nicht eine glänzende Rechtfertigung unserer Haltung bei der Reichsfinanzreform? (Lachen rechts.) Namentlich mein Fraktionsgenosse v. Paper wies schon damals daraus hin, datz auf Grund der Depreffion von 1908 eine künstliche Schwarzmalerei getrieben würde, datz der Bedarf viel zu choch angenommen sei. Jetzt sagt Herr Wermuth dasselbe, wenn er meint, datz der Überschuß für 1911 über das normale Matz eines zulässigen Überschusses weit hinausginge.
Bei dieser überschußwirtschaft -st es die erste Forderung der Gerechtigkeir, die ungerechtesten Produkte Ihrer Steuerreform, die Zündholzsteuer und die Scheckstcuer, sobald als möglich zu beseitigen.
Wenn Sie das nicht tun, so werden w i r e§ wenigstens v e r- suchen. .(Sehr richtig! links.) Die Rechnungen, die in de: Denkschrift ausgestellt sind, tragen einen mephistophelische' Zug, der besagt: Haben wir euch wieder in der alten Finanzwirtschaft? So geht eS am allerbesten! Ich meine nicht, daß die Herren Kühn und v. B e t h m a n n - H 0 l l w e g diesen mephistophelischen Zug zeigen, sie sind ganz unschuld.a daran: In der Denkschrift zeigt sich die heilige Angst, datz
wandt, wie wir etwa mit dem lächerlichen „Wohlgeboren" m. 1 uns werfen. Die Bezeichnung Esqr. wird hinter den Namen geschrieben. Doch darf man dann, wie Ausländer das so vielfach tun, nicht auch noch ein „Mr." vor den Namen setzen.
London. W i l h. F. Br a n d.
Nus Knntt und Leben.
Theater und Literatur. In Berlin wurde gestern unter zahlreicher Beteiligung von Schauspielern und Schauspielerinnen das Grabdenkmal für den verstorbenen königlichen Schauspieler Professor Heinrich Oberländer enthüllt. — Hermann Nisse n, der Präsident der Bühnengenossenschaft, der sich bekanntlich in den letzten Jahren nur den Geschäften der Genossenschaft widmete, hat wieder ein Engagement als Schauspieler angenommen. Er ist vom 1. September an für das Deutsche Schauspielhaus verpflichtet worden. — Das Befinden Strindbergs hat sich derartig verschlimmert, daß die Ärzte jede Hoffnung aufgegeb-n haben. Die Schmerzen des Dichters haben Angenommen und die Morphiumeinspritzungen üben keine Wirkung mehr aus. Strindberg hat schon seit mehreren Tagen keine Nahrung mehr zu sich genommen und verbringt die Nächte schlaflos. — In Amalfi wurde am Gasthose „Zum Monde" eine Gedenktafel für Henrik Ibsen angebracht. Ibsen hat 1879 mit seiner Familie drei Monate in Amalfi zugebracht und schrieb in dem Gasthofe sein Schauspiel „Nora".
Bildende Kunst und Musik. Herr Georg Streitz, ein junger Heldentenor, welcher seine künstlerische Ausbildung bei Herrn Kammersänger Weiß hier erhielt, wurde nach erfolgreichem Probesingen an das Stadttheater in Esse n ab Herbst 1912 verpflichtet. — Engelbert Hump erd inck ist, wie die „Franks. Ztg." mitteilt, zu längerem Aufenthalte in der Villa Falconieri bei Frascati eingetroffen. Die von Paul tzeyse und Richard Votz in gleichnamigen Novellen gepriesene Villa ist, wie man weiß, seit 1905 Eigentum des deutschen Kaisers und zum Erholungs- und Studienheim für deutsche Künstler bestimmt ivorden. Humperdinck arbeitet an dem Abschlüsse eines neuen Werkes. — Aus Stuttgart wird uns telegraphiert: Gestern ist hier in einer Versammlung auf
dem Rathause die endgültige Gründung des Vereins Deutsches Sinfoniehaus formell vollzogen worden. Der Verein hat seinen Sitz in Stuttgart. Die Vorstandswahl hatte folgendes Ergebnis: Erster Vorsitzender Exzellenz In
tendant Baron v. Pudlitz, stellvertretender Vorsitzender Frhr. v. Gleichen-Ruhwurm (München), erster Schriftführer Hans Schickhardt (Stuttgart), zweiter Schriftführer Ratsassessor D>r. Albert (Stuttgart)/ Schatzmeister Generalkonsul Dörtenbach,
Mittwoch, 24. April 1S1L. _ Nr. 1S1.
die bösen Geister des armen Zauberer vielleicht hineingelegt haben könnten. Der Herr Reichskanzler weiß schon, welcher Zauberer das ist. Schon 1904 konnte ich einem Reichskanzler zurufen:
„Noch keinen sah ich glücklich enden.
Auf den mit immer vollen Händert
Die Herren ihre Gaben streuen!"
Welche Herren das sind, wissen Sie selbst. Der Schatzsekretär macht selbst drei große Fragezeichen hinter seine Rechnungen. Das einzige ist die weitere Fortsetzung der Sparsamkeitspolitik. Sorgen Sie doch im Reichsschatzamt dafür, datz wtr nicht in zwei bis drei Jahren bereits neue Forderungen von dieser Seite haben. Das zweite Fragezeichen ist: Keine fühlbare Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage. Hierzu kann ich nur auf die sehr bemerkenswerten Ausführungen des Herrn Wermuth in der „Deutschen Rundschau" verweisen. Da» dritte Fragezeichen ist: Es dürfen keine neuen Anforderungen an das Reich herantreten. Wer kann das aber glauben rta* all den Wünschen der letzten Jahre und Monate?
Nach drei bis vier Jahren geht die Sache wieder vvn neuem los.
Derselben Auffassung ist auch Herr Wermuth und auch die Herren der großen Parteien dieses Hauses. Da schreien die 18 Regimenter nach ihren dritten Bataillonen, da hat gestern der Staatssekretär des Reichsmarineamts angedeutet, datz auch die anderen Geschwader, wenn das eine Geschwader zwei große Kreuzer mehr hat, ebenfalls die zwei großen Kreuzer verlangen werden. Also überall sind Ergänzungen zu erwarten. Die Flotte und die Armee haben sich eben immer mehr in dre Meinung hineingelebt, datz sie auf alle M e h r e i n n a h m e n überhaupt auf Jahre hinaus geradezu einen gewissen Rechtsanspruch oder einen moralischen Anspruch besäßen. Jetzt haben wir zum erstenmal die Möglichkeit zu einer wesentlichen Schuldentilgung nach den Grundsätzen, die damals aufgestellt sind, und da versagen die Regierungen, und da versagt auch, wie ich fürchte, die Mehrheit des Reichstags und wirft die Grundsätze, die wir vor einem Jahre ausgestellt haben, wieder vollständig ülber den Haufen. Dadurch wird die Regierung zu immer neuen Ausgaben provoziert werden, und darin liegt eine große Gefahr. Es läßt sich gar nicht leugnen, datz heute schon die Deckungssrage zu . einem neuen Leidensweg für unsere Finanzwirtschaft geworden ist, wie das gestern der Herr Staatssekretär sagte.
Diese ganzen Operationen werden ausschließlich und allein auS taktisch-politischen Gründen gemacht.
(Sehr richtig! links.) Sie entstammen nur der Angst der Konservativen und des Z e n t r u ms vor einer wirklichen allgemeinen Besitzsteuer, die die Reichen belasten und die Armen entlasten wird. Kommen Sie doch einmal mit einer Erbschaftssteuer auf die großen Vermögen, und wir sind gern bereit, dafür zu stimmen. Aber für das Zentrum waren nur taktische Grundsätze maßgebend bei der Ablehnung der Erbschaftssteuer, da galt es nur, den Fürsten Bülow wegzubringen. (Abg. Nehbel: Ganz neue Sachen!) Sie von der Rechten haben nur Gefolgschaft geleistet. Das ist gewiß nicht neu, aber eS ist Ihnen unangenehm, daß das hier immer wieder festgelcgt wird. Gewiß ist die Erbschaftssteuer ein Schibboleth einer steuerlichen sozialen Gerechtigkeit für uns geworden. Herr v. Hehdcbrand hat erklärt, datz auch die Konservativen bereit seien, Opfer zu bringen. (Sehr richtig! rechts.) Beweisen Sie doch endlich einmal Ihren Opfersinn. (Sehr gut! links.) Das große Opfer, das Sie bringen wollen, ist die teilweise Aufhebung der Liebesgaben, worauf sich
die Herren Hertling und Bethmann — so heißt ja jctr wohl die neue Reichsfirma
(Stürmisches Gelächter.) kolossal viel einbilden. Der Reichskanzler ermahnt uns, wir möchten doch unseren alten
Beisitzer Schilling und Professor Bonatz. In einer demnächst einzuberufenden Mitgliederversammlung soll ein größerer Ausschuß eingesetzt und auch der Ort bestimmt werden, der für die Erbauung des Sinsoniehauses in Betracht kommt. — In Venedig wurde gestern die internationale Kunstausstellung eröffnet. Zugegen wären u. a. der Herzog von Genua als Vertreter des Königs, der Unterrichts- minister, die Staatssekretäre des Auswärtigen und der Justiz» das diplomatische Korps, die Behörden und die Notabeln. Bürgermeister Graf Grimani und Minister Credaro hielten mit großem Beifall aufgenommene Reden. Die Ausstellung iit prächtig gelungen. Das Wetter war großartig und die Stadt sehr belebt; 70 000 Fremde sind zu den- Festlichkeiten eingetroffeir.
Wissenschaft nnb Technik. Der schweizerische Bundes- rat hat sich grundsätzlich für die Schaffung eines Naturparks im Unterengadin ausgesprochen und will dazu der Gemeinde Zernez zum Preise von 18 500 Franken das Cluoztal, das Tantermozzatal und Ofenberg verpachten. Auch wegen einer Erweiterung dieses Nationalparks, in dem die Tier- und Pflanzenwelt sich frei entwickeln soll, sind Unterhandlungen im Gange. — Nachdem im Juli vorigen Jahres dem Verein Naturschutzpark in Berlin die Ausspielung einer Geldlotterie mit einem Reinerträge von 460000 M. zur Anlegung eines Naturschutzparkes in der Lüneburger Heide bewilligt worden war, ist, wie wir hören, durch Erlaß vom 1. April d. I. dem Verein zu demselben Zwecke eine weitere Geldlotterie mit einem Reinertrag von 470 000 M. gestattet worden. Der Verein ist nunmehr in die Lage gesetzt, seinen Grundbesitz in den Kreisen Winsen und Soltau, der zurzeit 6300 Morgen beträgt, weiter zu vergrößern. Der Bestand an Mitgliedern hat sich inzwischen auf 13 000 erhöht. — Der Senior der juristischen Fakultät in Bonn, Geheimrat Professor Johann Friedrich v. Schul t e, feierte gestern seinen 86. Geburtstag. — Auf Korfu, ft berichtet der „Tag", sind noch weitere interessante Funde gemacht ivorden. Beim Nonnenkloster Kassopietra am Wege Korfu-Kanone wurden Teile eines altgriechischen Tempels entdeckt, der noch älter zu sein scheint als der vor Garitza. In einer Kapelle lag die steinerne Basis eines Weihgeschenkes, dessen Inschrift beweist, datz das Heiligtum mehreren Göttern, vielleicht den Dioskuren, geweiht war. Innerhalb des Nonnenklosters Kassopietra liegen große Blöcke, die zu einem römischen Altar gehörten, früher aber die Steinbalkcn über den Säulen eines altdorischen Baues gebildet haben. Ferner fanden sich Trümmer von Vasen und Stücke von Weihgahen aus Terrakotta.
