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Mittwoch, 2«. Kpril 1912.
Morgen - Ausgabe.
Ut. 190. ♦ 60. Jahrgang.
Die Rosegger -Sammlung des Deutschen Schulvereins.
Von Nr. Gustav Groß, Reichsratsabgeordneter und Obmann des Deutschen National.verLands im österreichischen Reichsrat.
Im öffentlichen Leben Österreichs nehmen heute die Schutzvereine einen breiten Raum ein. Der Gründung des Deutschen Schulvereins im Jahre 1880 folgte bald die Gründung nationaler Gegenvereine, so daß heute der Deutsche Schulderem den Kamps zu führen hat gegen den tschechischen, den polnischen, den slawischen und den italienischen Schulderem. Außerdem entstand auf deutscher wie aus gegnerischer Seite eine ganze Reihe wirtschaftlicher Schutzvereine, welche ihre Tätigkeit auf gewisse Gebiete einschränkten. So bestehen heute in fast jeder Gemeinde eine oder mehrere Ortsgruppen von Schutzvereinen, welche den Hauptvereinen die Mittel zuführen.
Der Deutsche Schulverein, der älteste Schutzverein, ist auch der größte geblieben, wenn er auch in einigen Jahren — traurig genug! — vom tschechischen Schul- Verein überflügelt wurde. Ter Deutsche Schulderem rechnet heute mit einer Jahreseinnahme von 1200 000 Kronen, eine gewiß beträchtliche Summe, aber lange nicht ausreichend, um die ungeheuren Anforderungen zu erfüllen, die an ihn gestellt werden. Gilt es doch, an allen Seiten die Sprachgrenzen zu sichern gegen slawischen und welschen Ansturm, die deutschen Minor:- täten zu sichern vor slawischer Vergewaltigung, und das infolge wirtschaftlicher Verhältnisse immer stärker werdende Eindringen slawischer Arbeitermassen in das geschlossene deutsche Sprachgebiet abzuwetzren. Dazu sind die an sich ja beträchtlichen Mittel gewiß nicht genügend.
■ Ta hat int Frühjahr 1909 der steirische Volksdichter Peter Rosegger bekanntlich den Vorschlag gemacht, zur Erbauung von „nationalen Festungsbauten" eine Sammlung in der Weise einzuleiten, daß sich der einzelne verpflichtet, 2600 K. zu zahlen, wenn bis Ende 3910 999 andere Personen die gleiche Verpflichtung ein- gegangen hätten. „2000 --- 2000000" war das Schlaawort unter welchem der Dichter firr dre Samm- lunq eintrat. Der Vorschlag wurde begeistert aufgegriffen und schneller, als der Anreger geglaubt, in weniger als einem Jahre, waren die ersten 1000 Bausteine erreicht. Damit war die Sammlung aber nicht abgeschlossen. und wenn auch die Zeichnungen später spar- sicher eingingen, so fehlt heute doch nur mehr ungefähr ein balbes hundert Bausteine, um die dritte Mrllron voll zu machen. Der Deutsche Schulverein war in die Loge versetzt, reichlicher als bisher die so dringend not- ivendigen „Festungsbauten" zu errichten. Aber ichon ist mehr als eine Million für Bauzwecke verwendet und noch ertönen aus allen Gauen Deutsch-Österreichs die Bitten um Hilfe, die der Schulderem nur dann wird erfüllen können, wenn die Rosegger-Lammlung weiter ergänzt und die dritte Million nicht nur erreicht, sondern wesentlich überschritten wird.__
KoLdruS Verbote«.
Am Brunnen vor dem Tore.
Ein Bild aus der deutschen Volkskunde.
Von Dr. Friedrich Spree«.
Ein uraver Frühlingsbrauch, der sich noch heute in manchen Gegenden, so am Mittelrhein und im badifchen Oberland, erhalten hat, war es, den Dorfbrunnen mr. Blumengewinden und. Mooskränzen zu schmücken und unter Gesang und Tanz das fröhliche Brunnenfest zu halten. -Benn das Volk sagt, dem Quell geschehe solche Ehre, damit das Wasser nicht ausbleibe, so ist dainii der Sinn des getmcmfiujctt Quellopfers noch deutlich ausgesprochen. Schon ein Gedicht des 11. Jahrhunderts singt von solcher Frühlmgsbrunnen- fahrt: wenn der Mai mit seiner Kraft es bringe, das; aus dürrer Erde grünes Gras und lichte Blüte springe, dann sammeln sich Ritter, Knechte und schöne Frauen beim Brunnen auf der Aue, prächtige Zelten sind aufgeschlagen. Singen und Sagen, Tanzen, Springen, alle Kurzweil werde da getrieben und die „Maienbuhlen" finden sich zusammen zu eitel Lust und Freud. . . . Im Hochgebirge, wenn der Priester zu Beginn des Weideganges im Frühjahr die Alp segnet, versieht er auch den Brunnen mit der Weihe, iveil er helfen muß zum Gedeihen der Herde; ein Brunnendankfest mit Weihegaben und gottesdienstähnlicher Zeremonie hat sich bis heute zur Erinnerung an die Wasserversorgung einer ganzen Stadt in Popperode bei Mühlhausen erhalten. Aus solchen Sitten und Festen leuchtet noch klar hervor, welche tiefe Bedeutung der Brunnen als Erquickung und Kraft spendendes Lebenszen- trum, als das Herz des Dorfes besaß; in einem inhaltsreichen und dichterisch geschriebenem Buche „Der Brunnen im Volksleben", das soeben im Verlag R. Piper in München erschienen ist, sammelt nun Berthold Rein die eigenartigen
Von den bisher gezeichneten rund 1460 Bausteinen wurden im Deutschen Reiche 123, nicht ganz ein Zehntel, gezeichnet. Unter den Zeichnern aus dem Reich finden wir die Städte Berlin, Charlottenburg. Bremen und Hannover, das Grobherzoglich hessische Ministerium des Innern, einige Landesverbände und Ortsgruppen des Vereins für das Deutschtum im Ausland (am zahlreichsten die aus Württemberg), die deutsche Studentenschaft, dann einzelne Industrielle, Private u. a. m. Bezeichnend ist es, daß unter den Zeichnern der deutsche Buchhandel eine hervorragende Stelle einnimmt.
_ Tie Deutschen Österreichs sind dankbar für die ihnen bei der Verwirklichung der Rosegger-Sammlung zuteil gewordene Unterstützung. Sie hoffen aber mit Sicherheit, daß sich auch weitere Förderer ihrer Sache finden werden, welche helfen, neue Mittel zu schaffen. Wie viele .großmächtige Gemeinden fehlen noch in der Liste der Zeichner, wie viele reiche Industrielle, nicht zu sprechen davon, daß die deutschen Geldinstitute gänzlich, die übrigen Aktiengesellschaften fast gänzlich ferngeblieben sind!
Tie Deutschen im Reich sollten eingedenk sein, daß die Not der Deutschen in Österreich die Not des ganzen d e u t s ch e n Volkes ist, daß ieder Fußbreit deutschen Bodens, der in Österreich verloren gebt, nicht nur für die Teutschösterreicher, sondern für unser großes Volk verloren geht.
Deutsches Reich»
* Der Hänbwerkeransschuß im Hansabunb. In Berlin fand unter zahlreicher Beteiligung aus allen Teilen Deutschlands und aus allen Zweigen des Handwerks die Gründung des Zentralausschuffcs für die Gesamtiytcresseu des deutschen Handwerks im Hansabund statt. Nach einer allgemeinen sachlichen Aussprache wurde die Frage der Förderung der Buchführungskunde und des Kreditwesens im Handwerk eingehend erörtert und dann die wichtige Angelegenheit der Beschaffung billiger motorischer Kraft für Handwerksbetriebe beraten. Das im einzelnen festgestellte Haudwerksprogramm wird dem Direktorium des Hanfabundcs übermittelt werden.
* Unsere Kinder und die fremde» Sprachen. Die Erlernung der fremden Sprachen, wie sie sich die Gesellschaft für internationalen Austausch von Kindern und jungen Leuten zur Aufgabe macht, hat schöne Erfolge zu verzeichnen. Der Austauschverkehr verteilte sich im Fahre 1911 wie folgt: Zwischen Deutschland und Frankreich 184 Ausgetauschte (97 im Jahre 1906); zwischen Deutschland und England 6 Ausgetauschte; zwischen Frankreich und England 83 Ausge- tauschte (14 im Jahre 1906). Zusammen waren es im vergangenen Jahre 280 Austausche, die 560 Kindern zugute kamen, 436 Knaben und 124 Mädchen. Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Paris, Boulevard Magenta 36.
fjeei* tmö §loits.
Personal-Veränderungen. Prinz A u g u st Wilhelm von Preußen. Hauptm. im 1. Gardc-Regt. zu Fuß. ä I. s. dieses Regiments gestellt. Der Prinz verbleibt auch ferner a I. s. des Gren.-Regts. König Friedrich Wilhelm I. (2. Ost- preuß.) Nr. 3 und des 2. Garde-Gren.-Landw.-Regts. * Erbprinz von Hohenz oller n, Lt. ä 1. s, des 1. Garde- Regts. zu Fuß. in das Regt, eingereiht.
Schönheiten und Wunder der heute immer mehr verschwindenden altdeutschen Brurmenherrlichkeit und Brunnenpoesie.
„Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum!" Über dem Schöpfbrunnen im'Walde rauschte die Linde, noch ehe das Dorf stand, in der fernen Vorzeit, als die Könige des Nibelungenliedes auf der Jagd sich über die lauterhelle Flut beugten, um die trockenen Kehlen zu laben, und den lichten Siegfried der tückische Hagen traf. Hier im geheimnisvollen Laubdunkel saß Frau Märe am Brunnenrand und spiegelte ihr Antlitz in der sonnenüberspiegelten Wasserfläche. Darum sind deutsches Märchen und deutsche Sage am Brunnen so heimisch; die Königstochter spielt an ihm mit goldener Kugel; mit klagenden Augen taucht aus seiner Tiefe unterm Linden- schatten der Froschkönig; die Gänsehirtin schaut in seinem Spiegel ihr Goldhaar und ihre Schönheit, der Königssohn seine Tiergestalt; in seinem Dämmerlicht, sin dem Geheimnis des kleinen Brunnenhäuschens birgt sich der Eingang in den Zaubergarten der Frau Holle, der Liebes- und Frühlmgs- göttin, in dessen Blütenkelchen die Seelen der ungeborenen Kinder wohnen. Aber in seiner Tiefe sitzen auch die drei Schicksalsfrauen: die eine spinnt Seide, die andere klare Weide, die dritte macht das Fenster aus und läßt die Sonne hinein in das Brunnenhaus.
„Hab ein Brünnlein mal geseh'n.
Draus iät fliehen lauter Gold.
Täten dort drei Jungfern steh'n Gar so schön und gar so hold. . . ."
Und weiter und dichter streckte die Linde ihre Zweige über den Brunnen, da der Dorfanger rings um ihn wuchs und statt der verschwiegenen Waldesmärchenstille das bunte Leben und Treiben des tätigen Tages ihn umwogte. Eng ver- schwistert erscheinen Pflanze und Wasser; in geheimer Zwie- sprach raunen sie sich ihre Geschichten zu, die nur Dichtersohr zu erlauschen vermag. Stolz ist die Weide aus das
Ordens-Berleihungen. Den Verdienst-Orden der Hreußi- schen Krane erhielt der Gen. der Kav. z. D. v. Kl er st, a I. s, des 1Uan.-Regts. Kaiser Alexander II, von Rußland (3, Brandenburg.) Nr. 3, bisher Gem-Jnspekteur der Kav., den Stern zum Roten Adler-Orden zweiter Klasse mit Eichenlaub Gen.-Lt. Z. D Schubert,'bisheriger Kommandeur der 4. Außart.-Brig., den König!. Kronen-Orden erster Klasse Geu.-Lr. *. D. v. Wallcnberg zu Weimar.
Schifssbcwegnngcn. S. M. Torpedoboot „Tarn am 21. April in Weihaiwei erngetroffen. S. M. S. „Zielen ist am 19. AM in Begesak, S. M. S. „Grille" am 20. April wieder in See gegangen. , ,
$ Ein Kavallerie-Regiment mit. zwei Standarten. Die deutsche Kavallerie besitzt ein Regiment, das zwei Standarten führt, die gewöhnliche Standarte und eine besondere Ehrenstandarte. Es ist dies das Dragoner-Regiment König (2. Württemb.) Nr. 26, das in Cannstatt seinen Standort hat. Die Ehrenstandarte wurde dem Regiment am 1. Mai 1810 vom damaligen König von Württemberg, Friedrich I„ verliehen, und zwar anläßlich des Gefechtes Von Linz (17. Mai 1809), in dem sich das Regiment u. a. besonders durchs die Eroberung einer auf dem Pfingsberg aufgestellten österreichischen Batterie hervortat. Beide Standarten werden im Wilhelm-Palais in Stuttgart ausbewahrt. Zu Paraden werden beide Standarten geführt, die Ehrenstandarte bei der 2„ die andere Standarte bei der 3. Eskadron.
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ausländ.
G?tsrreich-Nng«rn.
Der Stand der LoS-vvn-Rom-Vcwegung in Österreich Die übertrittszahlen des Jahres 1911, die der evangelische Oberkirchenrat in Wien veröffentlicht, treten gegen die. des Jahres 1910 etwas zurück, wohl weil im letzten Jahre die Borramäus-Enzyklika stark einwirkte. Übertritte im J,hre 1911 erfolgten 4891 gegen 5100 im Jahre 1910. Davon sind 4348 Austritte aus der römisch-katholischen Kirche. 4302 Personen schlossen sich der evangelischen Kirche Augsburger, 589 des helvetischen Bekenntnisses an. In Deutsch-Böhmen erreichte die Zahl der Übertritte die Ziffer 1337 Augsburger und 319 helvetischen Bekenntnisses.
Frankreich,
Mule» HasibS Besuch in Paris einstweilen unerwünscht: „Echo de Paris" glaubt niitteileu zu können, daß der Plan, den Sultan Muley Hafid im Juni kurz nach dem Besuche der Königin von Holland nach Paris kommen zu lassen, aufgc- gebcn worden sei, da die Regierung zu der Überzeugung ge- kommen ist, daß angesichts der letzten Ereignisse eine solche Reise nicht angängig ist. Der französische Gesandte Regnault wird daher beauftragt werden, den Sultan zu informieren, er möge bis auf weiteres seinen Besuch aufschieben.
Schweden.
Die nationale Sammlung. Der schwedische Panzer bootverein hat innerhalb drei Monaten 14 Millionen Kronen gesammelt. Das macht bei einer Einwohnerzahl von 5^ Millionen 3 Kronen auf den .Kopf der Bevölkerung, was eine große Kraftprobe bedeutet.
Serbien.
Belgrader Konakgeheimnisse. Anläßlich der Kanalisationsarbeiten in Belgrad hat man einen geheimen Gang entdeckt, der aus dem königlichen Palais in die Belgrader Festung führt. Der Tunnel ist sehr stark und solid gebaut. Der geheime Gang hat auch bei dem Belgrader Königsmord eine Rolle gespielt. AlS die Verschwörer das Königspaar
Brünnlein, „daraus zwei Hcrzlieb trinken", das sie beschützt. Der Holunderbusch bestreut mit seinen weißen duftenden Blüten, die sich Frau Holda aus dem Haar schüttelt, das Wasser, und im Moos nisten kleine Zwerge, die wunderwirkende Kräfte dem Quell mitteilen. Ein bezwingender Zauber geht von diesem Verein des Wassers und der Pflanzen aus, der alles Menschenwesen in seinen Bann zieht. Der Brunnen ist der Mittelpunkt alles Verkehrs, an ihm strömt alles zusammen; und er ist zugleich die große Fermate in der Sinfonie des Dorflebens, denn an ihm ruht alles aus, erholt sich bei einem kühlen Schluck. Am Brunnen haben sich jene idyllischen Bilder abgespielt, von denen die Hirtenpoesie des Alten Testamentes durchwoben ist, und ein Abglanz jenes friedevoll seligen Frühlichies, der Morgenröte der Geschichte, glänzt immerdar darüber, wie es der jung- Werther fühlte: „Da kommen dann die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das nötigste, das ehemals die Töchter des Königs selbst verrichteten. Wenn ich dasitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie alle, die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Quellen und Brunnen wohltätige Geister schweben. O, der muß nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht Mitempfinden kann."
Liebeslust und Liebesleid hat stets den Brunnen umklungen, denn an ihm trifft das fleißige Mädchen schon früh am Morgen den Burschen, wenn sie schöpfen geht und er vor der Arbeit die Glieder am labenden Naß stärkt, und am Abend kommen sie dort plaudernd zusammen. Am Brunnen macht auch der Wandersmann gern und lange Rast und befolgt den Rat des alten Liedes:
„Die Brünnlein, die da fließen,
Die soll man trinken,
Und der ein' lieben Buhlen ha:.
Der soll ihm winken. . .
