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Donnerstag, 18. April 1912.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 186. ♦ 60. Jahrgang.
Die Deckrmgsfrage.
Der. Reichskanzler hat auf die Erbanfallsteuer bereichtet. und Herr Wermuth ist darüber zu Fall gekommen. Uber die Frage selbst kann damit noch nicht endgültig abgetan sein. Die liberalen Parteien werden sich der Aufgabe unterziehen müssen, die Reichsleitung don ihrem vorgespiegelten O p t i m i s m u s zu heilen, mit dem sie neuerdings glauben machen will, es bedürfe außer der Beseitigung der Branntwein- iiebesgabe keiner weiteren finanzpolitischen Bemühung, Um für die Wehrvorlagen die erforderliche Deckung zu beschaffen. Wir haben Grund zu der Annahme, daß iiberalerseits beantragt werden wird, die Mehrkosten für Heer und Flotte zum Teil durch die Einführung der Erbanfallsteuer (zweckmäßiger noch der Nachlaßsteuer) zu bestreiten. Ein solcher Antrag hätte die Wahrscheinlichkeit einer ausreichenden Mehrheit _ für sich, da vorauszusetzen ist, daß auch die Sozialdemokraten für ihn stimmen würden. Die Lage Märe ebenso neu wie eigentümlich, wenn. der Reichskanzler alsdann eine Steuer ablehnte, die ihm vom Reichstag angeboten wird, und deren Notwendigkeit er selbst bis zu dem Tage anerkannt hatte, an dem es dem Freiherrn v. Hertlina gelang, gestützt auf das Zentrum, Herrn v. Bethmann-Hollweg SU einem verhängnisvollen Verzicht zu zwingen. Jn- dessen noch sind wir nicht so weit, und zunächst hat man es mit den Vorlagen selber zu tun, also mit den Wehr- dorlagen und dem schwächlichen Versuch, die Reform der Branntweinsteuer als hinlängliches Mittel zur Deckung der Mehrkosten auszugeben.
Wie macht die Reichsleitung das? Selbstverständ- uch kann sie nicht behaupten wollen, daß die Mehrausgaben für Heer und Flotte, die von 1912 bis 1917 879,7 Millionen betragen werden, durch die Mehr- Einnahmen aus der reformierten Branntweinsteuer werden gedeckt werden. Höchstens ein V i e r t e l der Neuen Militärkosten wird auf diese Weise auszugleichen fein, und für den Rest gibt es keine Deckung. Mail darf darauf begierig sein, wie Herr v. Bethmann-Holl- weg und sein neuer Reichsschatzsekretär die verblüffende Abschwenkung von deni Grundsatz, daß keine Ausgabe ohne Deckung sein soll, rechtfertigen werden. Es ist wahr, diesen trefflich formulierten Begriff hatte uns nicht der Reichskanzler geschenkt, sondern Herr W e r- w u t h. Aber Reichskanzler und 'Schatzsekretär sind doch schließlich eines und dasselbe, da der Schatzsekretär keine eigene verfassungsmäßige Verantwortung zu tragen hat, sondern immer nur im Namen seines Vorgesetzten, eben des Kanzlers, Erklärungen abzugeben bermag. Jedenfalls also soll die Wermutbsche Formel nicht mehr gelten; vielmehr, sie gilt tatsächlich nicht, aber der Reichskanzler stellt sich so an, als sei sie.auch letzt noch nicht aufgegeben. Wie macht er es nun, um Uns, dem Reichstag und der Öffentlichkeit den Eindruck und die Überzeugung zu verschaffen, daß auch setzt noch
(Nachdruck verboten.)
Primula veris.
Von Franz Pflugk.
Liebliche Blume,
Bist du so früh schon Wiedergekommen?
Sei mir gegrüßt, Primula!
Wieder einmal ist's Frühling geworden in Feld und Flur, in Hain und Garten. Jung und alt iubelt ihm entgegen, und festlich hat sich die alte Mutter Erde zu seinem Empfange geschmückt. Duftende Veilchen lugen aus dem jungen frischen Grün-hervor, farbenprächtige Tulpen und Hyazinthen erheben stolz ihr Haupt und freundlich schimmern die kleinen bunten Kerzen des Frühlings, die Krokusse, ir jedem Gärtchen. Aber auch draußen in Feld und Flur hat sich so manches Blümchen zum Empfange des Frühlings aufgemacht. Kaum ist der Schnee zerronnen, kaum haben die ersten warmen Sonnenstrahlen die Erde getroffen, jo blühen auch schon auf weitem Wiesenplan die schlichten Gänseblümchen und Tausendschönchen, die der Schlesier in gar bezeichnender Weise „Frueblümlein" nennt. Im Walde aber hat als erstes. Frühlingsblümchen das Leberblümchen . seine lieben blauen Äuglein geöffnet. Bald wiegen sich, auf ihren schlanken Stielen auch die rötlichen und weißen Anemonen oder Buschwindröschen im warmen Frühlingssonnenschein, und schließlich mischt sich in die himmelblauen, zartweißen und rötlichen Farben der im Walde und auf Wiesen sprossenden Blumen der kräftige, goldgelbe Ton der Primeln oder Schlüsselblumen.
Der Name Primel bedeutet so viel wie Erstling, ihren deutschen Namen aber hat sic von der Ähnlichkeit mit jenen hohlen Schlüsseln, die in früheren Zeiten üblich waren. Zieht man nämlich die gelbe Blumenkrone heraus, so bleibt die Kekchröhrc wie ein zierliches Schloß mit dem Schlüsselloch
alles in bester Ordnung sei, und daß die Reichsfinanzen durch die Erhöhung der militärischen Ausgaben um durchschnittlich über 100 Millionen jährlich nicht werden erschüttert werden? Das Mittel ist probat, der Etat wird „frisier t". Hatte Herr Wermuth seine Auffassung vom Etat, so hat sein Nachfolger ebenfalls seine Auffassung, aber sie ist anders. Zwar war er früher als llnterstaatssekretär im Reichsschahamt ganz im Einklang mit feinem Chef, aber inzwischen ist ihm eine neue Erleuchtung gekommen, und die dem Reichstag zugegangene Denkschrift gibt uns fesselnde Proben davon. Plötzlich nämlich stellt es sich heraus, daß die Einnahmen aus Zöllen, Verbrauchssteuern und Gebühren um 45 Millionen z u niedrig an gesetzt gewesen sind, dast die Post- und Telegraphenverwaltung 11,7 Millionen mehr erbringen wird, daß die Einnahmen aus den Reichseisenbahnen einen Mehrertrag von 3 Millionen ergeben werden, daß Herr Wermuth bei der Verzinsung der Anleihen 8 Millionen zuviel, bei der Verzinsung der Schatzanweisungskredite 2 Millionen zuviel gefordert harte, und daß für diesmal 10 Millionen von den Ausgaben für den Kaiser-Wilhelms-Kanal abgesetzt werden können. Im Handumdrehen hat man so den Etat für 1912 um rund 70 Millionen verbessert. Das Wort „verbessert" klingt zwar scherzhaft, aber nicht wir wünschen für diesen Scherz verantwortlich gemacht zu werden, sondern in der Denkschrift selber findet sich das verräterische Wort „Verbesserungen des Etats 1912!"
Die Rollen sind vertauscht. Sonst fordert die Regierung neue Steuern, jetzt wird es die Pflicht der Volksvertretung sein, der Regierung neue Steuern anzubieten. Die Erbanfallsteuer muß gefordert werden, bis sie durchgesetzt ist. Sie wird nicht von heute auf morgen durchzusetzen sein, aber wir werden darum nicht aushören,, sie zu verlangen.
Berlin-München.
L. Berlin, 16 . April.
In der Frage des bayerischen Erlasses, betreffend die Auslegung des Jesuitengesetzes, stimmt vieles nicht, aber die stärkste Dissonanz hat doch erst die (in der Morgenausgabe mitgeteilte) offiziöse Münchener Erklärung gebracht, nach der die Reichsleitung mit dein Begriff der „Ordenstätigkeit" und seiner Auslegung noch nicht befaßt worden ist, „so daß von einer Verschiedenheit der Rechtsauffassnng zwischen ihr und der bayerischen Regierung nicht die Rede sein kann". Diese Erklärung soll, so scheint es, beschwichtigend wirken; in Wahrheit ste i g e r t sie nur die bedenkliche Verwirrung. Nach der Darstellung, die das Ministerium Hertling durch seine Offiziösen hier geben läßt, soll es wohl gär im Belieben der bayerischen Regierung liegen, ob ste die Reichsleitung mit der Aufgabe befaßt, die Gültigkeit des bayerischen Erlasses zu prüfen. Ta die
bayerische Regierung solches Ansinnen an dre „Reichsleitung" bisher nicht gestellt hat und begreiflicherweise auch weiterhin nicht ohne Not stellen wird, so wäre als«! der Zustand einfach der, daß der Erlaß den Reichskanzler überhaupt n i ch ts a n z u g e h e n brauchte, falls Freiherr v. Herling und seine Kollegen, der Kultusminister und der Minister des Innern, den Wunsch nicht haben, die in Berlin herrschenden Ansichten zu erfahren. So einfach kann und darf die Sache jedoch nicht liegen, und mindestens nach der ersten ans den bayerischen Erlaß bezüglichen Kundgebung in der „N. A. Z." liegt sie auch nach der Meinung des Herrn b. Bethmann-Hollweg so einfach nicht. Das Berliner Regierungsorgan teilte kurz vor der Abreise des Reichskanzlers nach Korfu mit, es werde gemäß Artikel 17 der Reichsverfassung, wonach dem Kaiser die Aufsicht über die Handhabung der Reichsgesetze obliegt, zu prüfen sein, ob der bayerische Erlaß mit den betreffenden Bestimmungen über die Ausführung des Jejuitengesetzes im Einklang sei. Mit anderen Worten: es bedarf nicht erst einer Mitteilung aus
München, daß ein neuer Erlaß veröffentlicht worden ist, um in die Prüfung der Rechtsgültigkeit dieses Erlasses einzutreten, sondern ganz von selbst und ohne Anstoß von außen hat von der obersten Stelle aus die Prüfung zu erfolgen. Nun ist es fpeilich sehr die Frage/ ob das auch geschehen wird, ob also der Reichskanzler wirklich in die Lage kommen wird, sich als der Verantwortliche Ratgeber der Krone mit dem Erlaß zu beschäftigen. Wir sind es ja seit einiger Zeit gewohnt, daß anfängliche Absichten und Ankündigungen hinterher doch nicht verwirklicht werden. Wir hatten in glaubhaftester Weise aus dem Munde des Schatzsekretärs Wermuth vernommen, daß keine Ausgabe ohne Deckung erfolgen soll, daß also die Erbanfallsteuer wiederkehren soll, und nun ist sie doch nicht wiedergekehrt. Man darf also kritisch sein, wenn eine Prüfung des bayerischen Erlasses in Aussicht gestellt wird, inan muß die Tatsachen erst erleben, und bisher sind^die Aussichten gering, daß wir sie erleben werden. Soll es wirklich wahr sein, daß man Gras über diese mehr als merkwürdige Episode wachsen lassen möchte? Ter Kanzler wird sa im Reichstag befragt werden, wie es damit steht, und es wird nicht möglich sein, die erregte Öffentlichkeit auf die Tauer mit allerlei Versuchen der Beschönigung und der Vertuschung hinzuhalten. Es ist richtig, Herr v. Bethmann-Hollweg hat sich vor einer so schwierigen Aufgabe, wie ihm hier gestellt wird, noch niemals befunden. Denn was soll geschehen, wenn er zu der Überzeugung gelangt, daß der bayerische Erlaß unverträ glich mit dem Jesuitengesetz und den dazu gehörigen Ausführungsbestimmungen ist? Wie stellt man sich die Einwirkung auf die bayerische Regierung mit dem Endzweck vor, daß das bayerische Staatsministerium erklären soll, es habe sich m einem Irrtum befunden und nehme nunmehr seinen Erlaß zurück? Man sieht, um Kleinigkeiten handelt es sich da nicht.
nach altdeutscher Art zurück. Die spitz zulaufende Krone selber gleicht einem im Inneren hohlen Schlüssel, in welchen der Stift des Schlosses geschoben werden mußte. Über ihre Entstehung aber berichtet die Legende, daß einst dem braven Petrus, als er erfuhr, daß einige Unholde sich Nachschlüssel zur Himmelspforte angefertigt hätten, vor Schreck der ganze Schlüsselbund entfiel. Er schickte zwar schleunigst . einen Engel nach, aber die goldenen Schlüssel hatten bereits die Erde berührt und sich in dem Baden eingedrückt. Der Engel nahm nun zwar die Schlüssel wieder mit sich, aber sie hatten durch ihre Berührung des Erdbodens doch einem lieblichen Blümchen die Entstehung gegeben, das die Menschen Him- melsschlüssel oder (in Tirol) Petersschlüssel nannten.
In- der deutschen Volkssage spielt die Blume als Zauberschlüssel zu verborgenen Schätzen eine wichtige Rolle. Wer vor allem das Glück hatte, in der Weihnachts- oder Fastenzeit eine Schlüsselblume zu finden, der war aller Not enthoben. Ihm erschien eine Schlüsseljungfrau und führte ihn zu goldenen Schätzen. Viele solche Glückskinder sind der Sage bekannt. So fand der Hirt auf dem Klingenhof bei Altdorf in Mittelfranken an geschützter Stelle im Winter eine Schlüsselblume und steckte sie sich, verwundert über das frühe Blühen, an den Hut. Bald fühlte er den Hut schwerer werden, und wie er ihn abnahm, fand er statt der Blume einen großen silbernen Schlüssel. Da stand auch schon eine Jungfrau vor ihm und deutete auf eine sonst nicht sichtbar gewesene Tür eines alten Gemäuers. Er schloß die Pforte ans und sah vor sich unzählbare Kostbarkeiten. Sofort legte er den Schlüssel hin, raffte so viel Schätze, als er tragen konnte, zusammen und wandte sich dem Ausgange zu. Da rief eine Stimme: „Vergiß das Beste nicht!" Doch der Hirte achtete
in seiner Freude nicht darauf und eilte hinaus. Kaum war er im Freien, so fiel die Tür mit heftigem Geräusch zu und wurde wieder unsichtbar; denn der Hirte hatte das Beste, den Schlüssel, im Berge liegen lassen.
In manchen Gegenden heißt die Primel auch Heiratsschlüssel und man behauptet, daß ein Mädchen bestimmt Braut wird, wenn es um Ostern herum eine blühende Staude findet. In der Schweiz aber heißt sie Madaun und gilt als die Blume verschmähter Liebe.
Im Altertume stand die Schlüsselblume als Heilpflanze in höchstem Ansehen, glaubte man doch in ihr ein Universal- mittel gegen alle Krankheiten, ja selbst gegen den Tod gefunden zu haben. Wie nämlich das Mittelalter den Stein der Weisen suchte, um Gold zu machen, und sich mit dem Wahne trug, daß es einen Urstoff aller Materie geben müsse, der die Macht batte, alles in seine einzelnen Teile aufzulösen und dies allgemeine Auflösunasmittel Usiistrrnun universale nannte, das auch die Kraft haben müsse, allen Krankheitsstoff aus dem Körper zu entfernen und das Leben zu erneuern, so hoffte das Altertum, diese wunderbare Kraft in irgend einer Pflanze zu finden. Dodecatheon oder Zwölfgötterkraut hieß die Pflanze, von welcher die alten Griechen solche Wunderdinge erwarteten. Reben einigen.anderen Blumen galt — nach Plinius — auch die von den Bergen herabgestiegene Primula veris als das gesuchte Zwolfgötterkraut.
Großer Wertschätzung erfreute sich die Schüsselblume auch bei den alten Galliern, sie brauten aus ihr einen Wundcr- trank, der Linderung in vielen Leiden bringen sollte. Zu diesem Zwecke durfte sie aber uur von dem Priester, dem Druiden, gepflückt werden, der sich mit entblößten Füßen, nüchtern und unter Gebet und allerlei Beschwörungsformeln in den Wald begab. Um die volle Heilkraft der Pflanze zu gewinnen, durfte die zu pflückende nicht angesehen werden, deshalb mußte die Hand beim Brechen links unter den Kleidern durchgefteckt und die Pflanze sofort in dem Gewände geborgen werden. Der Saft der Schlüsselblumen wurde von den Druiden auch dem Begeisterungstranke beigemischt, den sie um Mitternacht aus Jsenkraut, Heidelbeeren, Moos, Weizen, Klee und Honig brauten und der von jungen,
