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Wiesbadener Taglilalt.

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Morgen - Ausgabe. Nr. 176. . s«. Jahrgang.

Dienstag, 16. April 1912.

Oie parLamSRtarische Hochsaison.

Heute Dienstag beginnt in Berlin wieder die poli- ^Iche Arbeit. Sowohl im Reichstag wie int Landtag. Und wenn vor Ostern die parlamentarische Tätrgkeit ^ehx in kleinen Wässerchen verlief, so kommt es jetzt «ur Hochflut. Bisher wurde in beiden Häusern flicht ^wl mehr als ein Teil des Etats beraten. Jetzt aber Müssen Entscheidungen fallen. - ^

Im preußischen Landtag sind die Steuergesetze zu erledigen. Tie Regierung wird dabei aber ihren Willen wum durchsetzen und eine organische Steuerreform kaum erhalten. Das Haus scheint sich die Zuschläge, we seinerzeit für die Erhöhung der Beamtenbesoldung bewilligt worden waren, in den Steuertarif einzu­arbeiten und wird sie wahrscheinlich nur auf drei weitere <>ahre bewilligen. Einiges in der Regierungsvorlage Enthält ja auch direkt eine Verschlechterung wie die ^onderbesterung der Konsumvereine. Vielleicht wird ^an auch die Entscheidung bis zum Herbst vertagen, »a die Session wegen des Wassergesetzes nicht geschlossen, sondern vertagt werden soll.

Schärfer werden die Kämpfe jedenfalls im Reichs- kag werden. Tie Wehrvorlagen bekommen die Abge­ordneten bei ihrer Ankunft in Berlin auf ihren Tisch gelegt. Zugleich mit der Beseitigung der Branntwein- nebesgabe. Die erste Lesung wird vielleicht sehr bald orgenommen werden. Schon da werden die Wetter Zuchten. Man wird die Agitation des Flottenvereins und das Verhältnis zu England sowie den Gegensatz Nvrschen Reichsmarineamt und Auswärtigem Anlt ins ^ebet nehmen. Tie Hauptkämpfe aber wird es in der Kommission setzen. Besonders über den Kostenpunkt, wre Mehrheit des Reichstags wird hoffentlich hier oen Kanzler ihre Macht fühlen lassen und zeigen, daß Zentrum und Konservative nicht mehr Trumpf sind. Haben wir heuer reichlich Überschüsse, so müssen wir sa ln der Schuldentilgung fortfahren. Es wäre aber auch Zeit, daß die Herabsetzung des Beginns der Altersver­sicherung von 70 aus 65 Jahre, die immer wieder ver­schoben 'worden ist, endlich in Kraft treten könnte.

Sollte es Herrn v. Bethmann gelingen, hier etwas Gesundes zustandezubringen, so kann er sich vielleicht lloch einmal fest in den Sattel setzen. Sonst dürste es Um ihn recht einsam werden und der Hochsommer dürfte % vielleicht von der Bürde des Amtes erlösen.

Die Negierung möchte natürlich die Wehrvorlage oald unter Dach und Fach haben; dafür Plädiert denn uuch dieKölnische Zeitung". Aber der Reichstag wird hoffentlich nicht auf Kosten der Gründlichkeit eilen. Die 'Regierung ist schuld, daß infolge der so spät angeseh­en Wahlen die Session so kurz ist. Und dann sind doch uuch noch einige andere Tinge zu erledigen. So das rkeichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz. Eine Jesuiten- Interpellation steht bevor. Wichtige Wahlprüfungen Müssen vorgenommen werden. Vor allen aber hat die Kommission einige wichtige Abänderungen der Ge- Mäftsordnung des Hauses durchzuberaten. Diese wer­

den die Macht und Arbeitsfähigkeit des Reichstages entschieden stärken, wenn das Plenum sie gut heißt.

Wir können nur wünschen, daß die nächsten Wochen tüchtige Arbeit geleistet wird. Bis Pfingsten aber wird der Reichstagswagen, der auch noch mit wichtigen Etatsdebatten belastet ist, das Ziel nicht erreichen. Aber das Haus kann sich ja, einmal anstrengen und kroch einige Wochen im 'Juni sitzen. Vielleicht ist der Juni auch airnäherild so unfreundlich wie der April. Ta sitzt sich's zu Füßen des Präsidenten Kaempf schließ­lich noch angenehmer als in einer Alpenhütte, durch die der Wind Pfeift. ^

Ein Verzeichnis der unerledigten Vorlagen

ist im preußischen Abgeordnetenhause ausgegeben wor­den. Zur Plenarsitzung sind reif, und zwar für die erste Lesung das Eisenbahnanleihegesetz, der Entwurf über die Polizeiverwaltung im Regierungsbezirk Oppeln, der Entwurf über die Anlegung von Spar- kassenbeständen in Jnhaberpapieren, Entwürfe über Errichtung von neuen Amtsgerichten in Gladbeck und Schönsee, der, Entwurf über die Umlegung von Grund­stücken in Wiesbaden, ferner neun Verfügungen, Verordnungen, Berichte und Denkschriften der Staats­regierung, 36 Anträge, eine Wahlpriifung (Aba. Wohl- farth, Cassel 14), 38 Petitionsberichte. Vom Etat sind noch in zweiter Lesung zu beraten der Eisenbahn- etat, der Etat des Ministeriums des Innern, die Etats der Finanzberwaltung, der Ansiedlungsetat für die Ostmarken mit der Ansiedlungsdenkschrift, vorn Kultus­etat das KapitelHöhere Lehranstalten", vorn Bauetat der TitelNeubau des B er line r Op ernh o.v s e s". Es sind noch zu erledigen: der Etat, 14, Gesetzentwürfe, 12 andere Regierungsvorlagen,,47/Anträge, eine Wahl­prüfung, 38 Kommissionsberichte über Petitionen.

Die jüngste Duellzroanggvoteske.

Eine Duellgeschichte, die allerdings schon Zwei Jahre zurückliegt, die aber nichtsdestoweniger geeignet ist, das aller­größte Aussehen zu erregen, wird in derKöln. Volksztg." mitgeteilt. Die Affäre spielte zunächst in dem württembergi- scben Städtchen Mergentheim. Dort besteht eine frei­willige Sanitätskolonne unter ärztlicher Leitung. Die ärzt­liche Leitung war mehrere Jahre dem Oberamtswundarzt De. Schümm übertragen, der sich, aber wenig um die Kolonne bekümmerte und nur selten in ihren Versammlungen er­schien. Als am 22. April 1909 eine Neuwahl des Arztes für die Sanitätskolonne borgenommen wurde,, wurde nicht mehr Pr. Schümm, sondern Pr. Sambeth in Mergentheim ge­wählt. Pr. Schümm vermutete nun, daß Pr. Sambeth, der mit dem Führer der Sanitätskolonne, Kaufmann Schell, ver­schwägert war, durch eine Intrige ihn verdrängt habe. In der Aufregung über die Nichtwiederwahl schrieb, Pr. Schümm an Pr. Sambeth einen ganz grob beleidigenden Brief.

Auf dieses. Schreiben hin wandte sich Pr. Sambeth, der Oberarzt der Landwehr 1, während Pr. Schümm Stabsarzt der Reserve a.. D. ist, zuerst an den Oberamtsarzt und auf dessen Vorschlag an den Vorsitzenden des Ärztevereins, der mit anderen Herren zu vermitteln suchte. Eine Vermitt­lung kam jedoch nicht zustande, da Pr. Schümm nichts wider­rief. Nachdem der Vermittlungsversuch gescheitert war, wurde

die Sache dem Ehrenrat des Schiedsgerichts des Ärztevereins in Hall vorgelegt, und gleichzeitig erstattete Pr. Sambeth dem zuständigen königlichen B e z i r k s k o m m a n d o in Deutz die vorschriftsmäßige Anzeige, daß zwischen ihm und Pr. Schümm ein Ehrenhandel bestehe.

Der Ehrenrat des ärztlichen Schiedsgerichts in Schwäbisch- Hall untersuchte den Fall genau und erteilte Pr. Schümm, der sich trotz der Feststellung, daß sein Verdacht gegen Pr. Sambeth unbegründet tvar, weigerte, die gegen Pr. Sambeth ausgesprochenen Beleidigungen zurückzunehmen, wegen schwerer Ehrenkränkung eines Kollegen als höchste Strafe, die das Schiedsgericht verhängen, konnte, einen Verweis. Der Ehrenrat des Ärztevereins gab in seiner Ent­scheidung der Ansicht Ausdruck, daß Pr. Schümm den Pr. Sambeth, dessen religiöse Gesinnung er kannte, zum Duell zu drängen suchte; er drohte, er bringe es noch so weit, daß Pr. Sambeth als Offizier entlassen werde, wenn er sich nicht duelliere. Pr. Sambeth aber gab vor dem Ehrengericht die Erklärung ab, daß, er den Pr. Schümm nicht zum Zweikampf heransgefordert habe: mit Rücksicht auf die göttlichen Gebote, auf die mensch- lischen Gesetze, auf die logische Vernunft lehre, auf seine Familie. Als Schümm nicht widerrief, reichte Pr. Sambeth gegen Pr. Schümm P r i v a t k l a g e bei dem Amtsgericht Mergentheim ein, das im April 1910 Schümm wegen Beleidigung zu 100 M. Geldstrafe verurteilte. Schümm ließ eS dabei bewenden.

Anders verlief das militärische Verfahren. Nach verschiedenen Erhebungen trat ,der Ehrenrat des Ehren­gerichts über Stabsärzte in Ulm am 14. Oktober 1909 zu­sammen und eiltschied, daß der Oberarzt der Landwehr 1 Pr. Sambeth, weil er für eine schwere Beleidigung, die ihm in einem Zwist mit einem Berufsgenossen widerfahren ist, ausreichende und standesgemäße Genugtuung herbei- zuführen unterlassen hat, der Verletzung der Standes- ehre für schuldig zu erachten sei, und beantragte Entlassung mit schlichte m Abschiede.

Da Pr. Sambeth als Sanitätsoffizier dem Landwehr- bozirk Deutz angehorte, wurde der Spruch des Ehrengerichts dem Kaiser vorgelegt, der folgenden Bescheid gab:

Da Oberarzt Pr. Sambeth niemals die Absicht gehabt hat, seinen Gegner persönlich zur Verantwortung zu ziehen, so lag ein Ehrenhandel im Sinn der Ziffer 9 Meiner Order vom 1. Januar 1897 überhaupt nicht vor, und war ein Ein­greifen des Ehrenrats behufs Herbeiführung eines Ausgleichs auch nicht erforderlich. Zu der Einleitung des ehrengericht­lichen Verfahrens und zu dem Antrag des Ehrengerichts be­merke ich, daß eine aus religiöser Überzeugung entsprungene grundsätzliche Verwerfung des Zweikampfes sich nicht zum Gegenstand ehrengerichtlicher Beurteilung machen laßt, wenn auch ein Sanitätsoffizier, der in dieser Hinsicht zu den Grundanschauungen seiner Standesgenossen in Widerspruch tritt, nicht länger in seiner Dienststellung belassen werden kann. Ich lehne cs daher ab, auf den horliegenden Einspruch Entscheidung zu treffen und bestimme, daß die Akten hier­über wegzulegen sind. Ich will indes in Rücksicht darauf, daß nach den stattgehabten Ermittlungen der Oberarzt der Landwehr Pr. Sambeth keinen begründeten Anlaß zu der ihm widerfahrenen Beleidigung gegeben hat, hierdurch aus Gnade genehmigen, daß er unverzüglich seine Ver­abschiedung n a ch f u ch t.

Homburg v. d. H., den 14. April 1910. WilWm R.

An den Generalstabsarzt der Armee."

Am 29. Mai 1910 hat sodann Pr. Sambeth seinen Ab- schied als Sanitätsoffizier bewilligt erhalten. Gegen den

(Nachdruck verboten.)

Heimisches Natnrleben.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

XXV.

Unsere Vogelnester.

Leidep beehren mich zwei Amselpärchen mit ihver An­hänglichkeit, wenn diese -Sympathie nicht mehr dem Dickicht seines Gartens und seinem Reichtum an .Früchten gilt.

bauen ihre Nester in meine Tannon hinein, natürlich wichtige DrosseÄicster, halbkugelige, gut geflochtene Näpfe, und wenn die auch nicht, wie das Nest der Singdrossel, mit Hv-lzmnlm und Erde ausgestrichen und gar mit eigenem Drüs-ens-ekrei gefestigt wurden, so zeigen doch auch sie Festi- llunMn aus Lehm und Schlamm. Im vorigen Jahre war uns irgend einenr Grunde eines der Nester vorzeitig ver­eisen. Zwei der grünblauen, braunge.fprenkelten Eier ^gen drin. Nun leistete ich mir einenkapitalen Witz", l^ch nahm das Nest, befestigte es sehr offensichtlich ans einer Stange an der Laube und freute mich kannibalisch, wenn Gesuche: kamen und ich sie Nestentdecken" ließ. Die ^crwnnderung über das Vertrauen, das Mir die Amseln schenken und die Freude an den beiden, offenbar faulen dein: In naturwissenschaftlichen Dingen kann man der Menschheit den größten Hokuspokus vermachen. Sie Klaubt alles, oder sie glaubt nichts, wie ein früheres Dienstmädchen von uns, das ich durch das Mikroflop einen ^asfertropsen ans der Regentonne betrachten ließ, und °as einfach behauptote, solche Tiere, wie sie darin wimmeln >ähe, gäbe es nicht, und die ganM Geschichte sei Mumpitz.

Aber ob Nicht auch der genauere Kenner oft ange- schmiert wird ? Als ich heute früh an der Hecke, die ich täglich passiere, dahinwandelte, fand ich ein altes, ansgo- rissenes, ziemlich gut erhaltenes Amselnest am Boden liegen, und in seiner Höhlung ein zweites Nest, offenbar das einer Grasmücke. Daß kleine Vögel verlassene Nester öfter als Fundament für ihren eigenen Hausbau be­nutzen, kommt ja öfter vor, aber ich bin mir in diesem Falle doch nicht recht klar,, ob sich nicht auch ein irgend jemand einen naturwissenschaftlichen Witz geleistet hat.

Eben ist die Bantätigkeit unter den Vögeln im besten Zuge. Viele bezogen schon ihr neues Heim und sin» mit Eierlegen beschäftigt, andere haben das Brutge- grschäft bereits begonnen oder gar beendet, noch andere, Unsere empfindlichsten und aus eine reichere Jnsektewfauna angewiesene Sänger, sind noch im Anzuge. Aber es ist ein tolles Regen und Wegen in der Vogelwelt, und es hat seinen besonderen Reiz, ein wenig in die Architekturge- schichte der Vögel hineiuzuMcken. Sie ist überaus reich und mannigfaltig. Alan kann sagen, je größer der Vogel, je weniger ist er als Baukünstler begabt. Die Horste der großen Naubvögel sind oft nur ans Prügeln dürftig zu- sMnmengestöppM und schwach ausgepolstert; die Eulen be­helfen sich meist mit Baum- oder Steinhöhlungen, die Waldtaubennester sind auch nichtprima", und unter den Krähenvögeln zeichnet sich Nur die Elster durch größere Kunstfertigkeit aus, indem sie, wie ein Eichhörnchen, sich gar ein Dach über der NestMM wölbt und ein Schlupfloch an der Seite anbringt. Sie macht, durch. Ein­bringung von nassem, trocknendem Lehm eine förmliche Festung aus ihrem Nest, und ich erinnere mich aus, meiner Jugendzeit, daß ich solches einmal mit dem Flcibert ver­

geblich von unten beschoß, um die jungen Schädlinge um­zubringen. die Kügelchen drangen nicht durch. Dies Ein­bringen von Lehm ist aber nicht sonderlich kunstvoll, wohin­gegen einige Schwalben gelernte Maurermeister sind. Ich brauche da nur an unsere Hausschwalben zu -erinnern, die aus feuchtem Schlamm ihr- festes Nest regelrecht aus­zementieren. Schnäbelchen um Schnäbdlchen voll. Und so wohl wissen sie das richtige Material zu wählen, daß sie in sandigen Gegenden feuchtenDreck", der schlecht M- sammenhalten würde, voll Weisheit mit einem herrlichen Bindemittel, mit Kuhmist, vermengen.

Kuhmist ist überhaupt kein zu verachtendes Bau­material. Das denkt auch der schöne StärÄer, der Wiede­hopf, der fein Rest in Baumlöchern öfter Mit dem Erlrcmenj unserer braven Milchspenderin vermauert, nachdem er ihm mit feinem dünnen, zarten Schnabel vorher sorgllch die in ihm hausenden, freundlichen Kerfen entnahm. Er ist das Prototyp des unsauberen Hausherrn, denn seine Kinderstube ist gleichzeitig der nie gereinigte XL der kleinen Schar, die aber fidel in ihrem eigenen Kot heran- wächst, während fast alle Vogeleltern, zumal jene, die vor­dem mit Kunst und Liebe ihr Nest bereiteten, für Reinlich- haltung der Wohnung sorgen, und oft den 'Schmutz im Schnabel forttragen, schon deshalb, damit durch die An­häufung von Exkrementen der Nestort nicht verraten werde. Durch ausreichendeBekalkung" verraten sich aber, selbst fivenn man die Röster in den Bäumen nicht sehen würde, die Nistplätze der Reiher und Krähen. Die VerLäuungstatiMeit dieser Vögel ist eben eine ganz u-NM- heure. Auch Freund Adebar läßt sich in dieser Hinsicht den Rang nicht ablaufen, und es hätte was. Hübsches gegeben, wenn ihm vor einigen Jahren sein ebenso energischer als