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Sonntag, 31. MärZ 1912.
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Morgen-Ausgabe.
Nr. 154. o 60. Jahrgang,
Unsere Verwaltungsbeamten.
Die Verwaltung in Preußen ist konservativ bis in ihren Lebensnerv hinein. Wer will, wer kann das bestreiten? Hier ist die letzte und ergiebigste Quelle der tiesen Unzufriedenheit zu suchen, mit der das liberale Bürgertum, die selbstbewußte, von der Tüchtigkeit ihrer Leistungen für die Gesamtheit durchdrungene deutsche Gesellschaft erfüllt ist. Von hier aus ergießt sich die ätzende Säure des Mißtrauens durch die ganze Nation, so weit sie nicht durch Versippung und durch wirtschaftliche wie politische Sonderinteressen an der Erhaltung des bestehenden Zustandes interessiert ist. Daß es nicht so sein muß, wie cs ist, daß es anders sein soll und kann, darüber braucht man kein Wort weiter zu verlieren. Mit Genugtuung wird daher jede Stimme gehört werden, die sich aus den Kreisen der höheren Bureaukratie selber dahin vernehmen läßt, daß gerade aus diesem Gebiet reformiert werden muß. Schade, daß der „höhere Verwaltungsbeamte", der ini Aprilheft der „Preußischen Jahrbücher" eine gründliche Studie über die Ausbildung der preußischen Verwaltungsbeamten und ihre Leistungen veröffentlicht, seinen Namen nicht genannt hat. Der anonym erschienene Artikel sagt Dinge, die man sonst im Bannkreis der Verwaltungsbureaukratie nicht zu äußern pflegt, wenn auch die Gesinnungen, die aus dem Aufsatz sprechen, vielleicht (wir wollen es wenigstens hoffen) in den betreffenden Kreisen nicht vereinzelt sein niögen. So ist es u. a. schon dankenswert, weil neu und nicht ohne anerkennenswerte Kühnbeit, daß der Verfasser der Ansicht entgegentritt, der künftige Verwaltungsbeamte müsse aus einer gesellschaftlich angesehenen Familie stammen. Er hält das zwar für erwünscht, für unerläßlich aber nur, „daß die Familie in jeder Hinsicht achtbar ist und daß der Bewerber selbst diejenigen Formen sicher beherrscht und diejenigen Anschauungen vertritt, die in der guten Gesellschaft üblich sind". Der Verfasser steht nicht an, zu erklären, daß Männern mit extremen Anschauungen die Übernahme in die Verwaltung versag! werden müßte. Nur wenn die Beamten vom Geiste der Mäßigung erfüllt seien, könnten sie auf politischem Gebiet versöhnend wirken. Ihre Aufnahme in die Verwaltung sollte ferner von dem ausdrücklichen Verzicht auf öffentliche politische Betätigung abhängig gemacht werden. So erwünscht es vom Standpunkt des Parlamentarismus ist", schreibt unser höherer Verwaltungsbeamter, „daß aktive Staatsbeamte in die Volksvertretung gewählt werden und deren Arbeit durch ihre Sachkenntnis und Erfahrung unterstützen, so wenig liegen solche Wahlen im Interesse der Verwaltung. Die vom Staat bezahlte Arbeitskraft geht dem Staatsdienst zum großen Teil verloren, was sich besonders bei alleinstehenden Beamten, wie den Landräten, zum Schaden ihres Dienstbegirks geltend macht, während bei der Regierung und anderen großen Behörden die übrigen ohnehin schon stark belasteten Beamten die Arbeit ihrer in das Abgeordnetenhaus oder den Reichstag gewählten Kollegen zu erledigen haben. Schließen sich die Gewählten einer politischen Partei an, so verlieren sie diejenige politische Unbefangenheit, die jeder Verwaltungsbeamte unbedingt besitzen sollte. Wie der Landesfürst, so müssen auch die Verwaltungsbeamten, seine Organe, über den Parteien stehen. Nur wenn das der Fall ist, kann das Volk volles Vertrauen zur Verwaltung hegen. Durch das öffentliche politische Hervortreten einzelner Beamten wird oft aber auch das gute Einvernehmen zwischen ihnen und
(Nachdruck verbot««.
Auf Akkord.
Bon Hanns Withalm (Graz).
Das war einmal in München, im „Amtlichen Verkehrsbureau der bayerischen Staatsbahnen", ich wollte gerade ein wenig Fahrpläne nach Dalmatien und Bosnien studieren, da sah ich das Wort „Akkordreisen".
Sofort begann ich zu schimpfen: „Verflixt", was ist denn das wieder für ein Gimpelfang! Akkordreisen, so ein Unsinn! Man akkordiert Schachteln pappen, Strümpfe wirken, man akkordiert Adressen schreiben, Ziegel tragen, sogar Schriftstellern, wie ich's erfuhr, aber Reisen akkordiert man doch nicht!"
„He, Sie", schrie ich einen Mann an, der mir hinter dem Schalter zuguckte, „was ist denn das für ein Zeug — Akkordreisen, wollen Sie mir nicht auf die Beine helfen?"-—
„Na also", bekehrte ich mich nach einer Viertelstunde, „dann reise ich einmal im Akkord. In Gott'snamen nach Bosnien, bitte schön, ich Hab' vier Wochen Zeit, hin will ich zu Schiff, zurück über Ungarn, morgen hol' ich mir den Krempel, adje!"
Am nächsten Morgen war ich mit Sack und Pack am Bahnhof, bekam ein stattliches Paket Heftchen, gab gutes Geld dafür und war ein bißchen überrascht, daß es nicht mehr war.
„Die erste Karte geht direkt nach Triest, Schnellzug. Bitte, schauen Sie unterwegs alles gut durch. Sie werden sich um gar nichts zu kümmern haben, empfehl' mich bestens, beehren Sie mich wieder", sagte mir der Mann und ließ mich mit meinen Heften allein. — So kletterte ich denn in meinen Zug, der bald schnaubend aus der Halle stampfte.
„Bin so frei", dachte ich mir, und fahre nun in die Welt. Wenn das wahr ist, daß ich mich um nichts zu kümmern habe, wird'Z ja recht schön sein" und liebäugelte mit
der übrigen Beamtenschaft getrübt, während das Bestreben dahingehen muß, , ein möglichst einträchtiges Verhältnis in ihr herzustellen."
Das sind Ausfaffungen, das sind Forderungen, mit denen man auch dann sympathisieren kann, wenn man ihnen nicht in jedem realen Punkte beistimmen möchte. Aber wann werden wir die Ideale des Verfassers in den „Preußischen Jahrbüchern" verwirklicht sehen? Wer glaubt wohl, daß Herr v. Dallwitz der Mann sein möchte, der diese schöne Aufgabe zu lösen wünscht? Und selbst, wenn er es wünscht, wer glaubt wohl, daß die herrschende konservative Partei cs ihm erlauben würde?
Die Politik der Woche.
„Kommt die liebe Osterzeit heran — strengen sich die Parlamente an!" So könnte man mit einer Variation des bekannten Kinderliebes sagen, ivenn man den ungeheuren Eifer betrachtet, mit dem sowohl der deutsche Reichstag wie der preußische Landtag im Schweiße ihres Angesichtes, preisend mit viel schönen Reden, bis zum Donnerstag tätig gewesen sind, um noch ein möglichst großes Pensum des reichen Arbeitsmaterials vor den Osterferien unter Dach und Fach zu bringen. Mit dem Etat freilich ist das abermals nicht gelungen, und so hat man denn im Reichstag wie im preußischen Landtag zu dem Erbübel des Etatsnotgesetzes seine Zuflucht nehmen müssen, so daß also Reichs- und Staatshaushalt wenigstens provisorisch gesichert sind.
Der Reichskanzler v. B eth m ann - Ho lIw cg benutzt seinen Osterurlaub diesmal zu einer Erholungsreise, bei der er das „Geschäft mit dem Vergnügen verbindet". Denn es liegt auf der Hand und ist schon durch die kritische Lage sowohl auf dem Gebiete der inneren wie auf dem der internationalen Politik bedingt, daß bet dem Besuch des Kanzlers in Korfu, wo der deutsche Kaiser atu Donnerstag eingetroffen ist, auch sehr eingehend von politischen Dingen gesprochen werden toird. Das Bedürfnis nach einer solchen Aussprache wird um so begreiflicher sein, da ja in der ungewöhnlich langen Unterredung, die der deutsche Kaiser in Venedig mit dem König Viktor Emanuel hatte, sicherlich nicht bloß von dem schönen Wetter und den Kunstschätzen in der Lagunenstadt gesprochen worden ist. Denn wenn auch immer wieder offiziös betont wird, daß der Besuch des Kaisers in Wien und Venedig sowie die Zusammenkunft mit dem Erzherzog Franz Ferdinand in Brioni rein privater Natur gewesen seien, so sind doch solche Versicherungen nur cum grano salis zu verstehen und ganz besonders in den jetzigen bewegten Zeitläuften, die uns vor so viele und so bedeutende weltpolitische Probleme stellen. Freilich, von den ausschweifenden Hoffnungen, mit denen man in Italien den Besuch des deutschen Kaisers begrüßt hat, mußte wohl oder übel ein gut Teil begraben werden, und es ist dann auch bereits auf den Begeifterungsrausch eine starke Ernüchterung gefolgt. Hatte doch ein Teil der Presse allen Ernstes der Erwartung Ausdruck gegeben, daß der deutsche Kaiser ein Machtwort sprechen werde, um auf diese Weise den Türken gegenüber das zu erzwingen, was die Italiener durch den opferreichen Feldzug in Tripolis bisher nicht erreicht haben und auch nicht allzuviel Hoffnung haben, in absehbarer Zeit zu erreichen. Es ist aber ein noch mehr als naives Verlangen, daß Deutschland seinem Bundesgenossen, der während des Marokkokonflikts von der jetzt gepredigten Drei-
meinem Heftchen. In Rosenheim bereits war ich sehr glücklich. Das schien ja ganz famos und wenn alles klappte, war ich für vier Wochen allen Reiseärger los. Keine Kartenlöserei, keine Wagenzahlerei, keine Hotelrechnungen, gar nichts, alles war in diesen Heftchen; ich hatte nur ein Blatt zu reißen, und flugs beugt sich alles meinen Befehlen. Na, meinte ich, da kann man ja leichtsinnig sein und schmiß mein Kursbuch zum Fenster hinaus, denn in den Heften stand alles aus Stunde und Minute fein säuberlich verzeichnet.
Mein Gegenüber- ein alter Herr, sah meiner Freude belustigt zu: „Was machen Sie denn da. Sie werfen ja ihre Reise zum Fenster hinaus, oder haben Sie das ganze Buch im Kopf?"
„Nein", lachte ich, „aber in diesen Heften".
Wir sind hernach gute Freunde geworden und trennten uns in Villach, weil er nach Klagenfurt fuhr.
In Triest gab'L großen Rummel am Bahnhof. Eine Unzahl Fremde stürzte aus unserem Zug und auf die Hotelportiers los. Ich suchte mein Haus vorerst in dem Heft. Dann zu einem Wagen und losgefahren. Im Hotel zog der Portier die Schultern hoch: „Alles besetzt, bitte" und sah gleichgültig auf ein Dutzend armer Teufel, die gleich mir hinein wollten. — Ich aber schwang mein Heft und hielt es ihm unter die Nase: „Hier!"
„Ah", sagte er mit einer Reverenz, „für den Herrn ist ein Zimmer reserviert, Nummer 112." Und griff nach der Glocke, daß das Haus hallte. Triumphierend bestieg ich den Auszug — etsch.
Triest ist eine schöne Stadt und liegt an einem schönen Meer; wer da gleich weiterstolpert, ist ein Armer. — In Sifiiana war ich und in Grado, nach Opcina kletterte ich hinauf und sah weit über die Bläue der Adria. Nach Porto- rose und seiner stillen Bucht fuhr ich und sah von dem klassischen Garten das Hotel San Lorenzo über die bunte Welt. — Barcola und Servola grüßte ich und im weiten
bundtreue so gar keinen Gebrauch gemacht hat, die Kastanien aus dem Feuer holen soll, welches die Franzosen geschürt haben. Auch liegen die Verhältnisse zurzeit für eine erneute Friedensvermittlungsaktion so ungünstig, daß die Rolle des ehrlichen Maklers äußerste Vorsicht erheischt. Run haben ja die Italiener neuerdings die Taktik eingeschlagen, die Großmächte mit der Drohung einer Dardanellenblockade mürbe und zu einem Druck auf die Pforte geneigter zu machen, aber es könnte ihnen hierbei leicht gehen wie bei dem Zusammenstoß zwischen dem Kopf und der Wand, wobei die letztere sich als solider zu erweisen pflegt. Auch wird Italien bei seinen Absichten, den Krieg von Afrika nach Europa zu tragen, um so weniger auf die Gegenliebe der Mächte rechnen können, da diesen das durch den Tripolrs- krieg noch gefährlicher gewordene K r e t a p r o b l e m, zu dem sich jetzt als Seitenstück die Ermordung des Fürsten von Samos gesellt hat, ohnehin Kopfschmerzen genug verursacht.
Ebenso wie die Vermittlungsaktion im Tripoliskrieg wollen die französisch - spanischen Verhandlungen zur Beilegung des Marokkokonfliktes nicht vom Fleck kommen, und in den letzten Wochen pflegte so ungefähr an den geraden Tagen das bevorstehende Scheitern und an den ungeraden die nahende Einigung in Aussicht gestellt zu werden, wobei zwischen den Pariser und den Madrider Meldungen eine sehr starke Differenzierung sestzustellen ist. Unterdessen verschlechtern sich die Aussichten_ der Spanier einigermaßen dadurch, daß die Franzosen diese Zeit ^ benutzen, ihre Herrschaft in Marokko, wo Muley Hafid längst zum Zaunkönig degradiert ist, durch die Organisierung einer marokkanischen Schutztruppe zu sichern. Freilich fürs erste nicht mit allzu großem Erfolg, wie das aus den zahlreichen Meldungen über Raub und Mordtaten im Scherifenreiche hervorgeht, wo die Verhältnisse fast ebenso gefährlich zu sein scheinen wie in — Paris, wo die Apachen zurzeit im Auto- mobiltcmpo arbeiten.
Einigermaßen alarmierend klangen in dieser Woche auch die Meldungen vom englischen S t r e i k s ch a u p^a tz, wo jetzt ebenfalls immer stärker der Ruf nach dem Schuh der Arbeitswilligen erklingt. Unterdessen scheint aber der Ausstand, nachdem das Mindestlohngcsetz zuerst die Zustimmung des Unterhauses gefunden hatte und jetzt auch im Oberhaus nicht auf Widerstand gestoßen ist, allgemach seinem Ende entgegenzugehen, da sowohl auf seiten der Grubenbesitzer wie aus der der Bergarbeiter die Erkenntnis zu reifen scheint, daß auch in diesem Falle ein, wenn auch vielleicht etwas magerer Vergleich der Fortsetzung des fetten Prozesses bis zur höchsten Instanz vorzuziehen ist.
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Deutsches Reich.
— Dis Präsidialsitzung des HansabundeS. Am 27. März 1212 fand im Hansabund eine Sitzung des Präsidiums unter Vorsitz des Präsidenten des Hansabundes, Herrn Ehrenobermeister Nicht, statt. Als Vertreter der Finanzkommission nahm deren Vorsitzender, Reichstagsabgeordnetcr Roland- Lücke, teil. Die Beratung erstreckte sich zunächst auf interne Fragen, dann aber auch auf die schwebenden Angelegenheiten der Wirtschaftspolitik. IT. a. wurde die Frage erörtert, wie die gerwerblichen und kaufmännischen Elemente zu den sie betreffenden Arbeiten der öffentlichen Verwaltungen in größerem Umfange als bisher herangezogen werden können. Einer eingehenden Erörterung wurde die
Hasen hatte mein Weg kein Ende. — Triest ist eine schöne Stadt und seine Frauen tun ihr gleich.
Der Österreichische Lloyd hat aber auch gute Schiffe und so man eines besteigen kann, läßt man die schöne Stadt und die schönen Frauen und führt davon. Ich tat's auch so, und als in der Ferne nur mehr der Schleier Trtestens winkte, schickte ich einen Seufzer dahin. — Nicht mit dem Eilschiff fuhr ich, sondern mit dem Postschiff, die „Adelsberg", die mit der Grotte gleichen Namens nicht viel zu tun hat. Es ist besser so, denn alle die schönen Stätten alter Freude und alter Schönheit, an weichen der Eildampfer vorbeirauscht, werden gesehen und sind schöner denn alles andere. — Sebenico, Trau, Castelvecchio und bis hinunter nach Cattaro, alles, an dem der andere vorbeisieht, sieht dieses langsame und behagliche Schiff, auf dem mic's dank meines Zettels so gut ging. Es tvar übrigens sehr besetzt und in Triest schon mußten einige Kajütanfragen abgewiesen werden. Ich saß im weichen Rest, wenn man von einer Kajüte so sagen darf, und freute mich wie ein Kuckuck.
Und Istrien ist ein so seltenes Land und Dalmatien so schön! Wie wär's, wenn man da einmal in einem kleinen Boot die Küste abwärts führe, wie ich'S von manchem gesehen habe? Und in all die kleinen Schlupfwinkel kröche, die die Bora in den Stein geschlagen hat? In Ruccari ein wenig geweilt und in Veglia, dem süßen. Örtchen, und in Lussin einen Roten gezecht und in Zara ein wenig Likör genascht; und von den Frauen aller Städtchen. :
Ich bin doch ein rechter Einfalt, so oft ich der lieben Frauen denke; sie geben mir nichts und Niemandem. Sie sind nur zu scheu da unten und nicht mehr. ist aber das genug und wenn man außerdem auf Akkord reisen darf, gibt's kein Glück mehr.
Aber wundervolle Vergangenheiten gibt's in diesem Lande Dalmatia. Römische Kaiser haben hier gelebt, geliebt und — gebaut. Wie cS Fürsten immer tun, wenn sie lieben.
