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Verlag Langgaffe 2t
„Tagblatt-Haus".
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A»zeig-».Ann-h«e: Für di- Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags- sür di- Morgen-AnSgabe bis S Uhr nachmittags.
eitag» 29. März 1912.
12 Ausgaben.
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„Tagblatt-Haus" Nr. 6850-53.
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Morgen - Ausgabe.
Nr. ISO. 60. Zahrgang.
Line falalebaqerischeStattsliK.
Man kann es verstehen, wenn in Bayern zuerst eine systematische Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Alkoholismus und Kriminalität unternommen wurde In keinem anderen deutschen Bundesstaate ist der innere Zwang, Klarheit über diese verhananrsvolle Verbindung zu gewinnen, so dringend wre zwischen dem Maintal und den Alpen; denn nirgends war es amh bisher schon so deutlich wie dort, welche aefayrliche Verknüpfung zwischen Alkoholismus und «traftat b^ steht. Nunmehr hat die bayerische Regierung Lurch Zählkarten Erhebungen darüber angestellt, oo die rm Jahre 1910 abgeurteilten Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze im Zustand der Trunkenheit gegangen oder etloa auf gewohnheitsmäßigen -lltohm- genust zurückzuführen waren. Tie Zählkarten wurden an der Hand der Urteile und ihrer Begründung mrw- aefüllt. Ta man die Auszahlung darauf heschrankte, um die Fälle zu berücksichtigen, in denen chre. Urteils- gründe ausdrücklich die Wirkung des Alkoholgenuss oder des Alkoholismus erwähnten, mußte man es m den Kauf nehmen, daß viele Verurteilungen nicht nnt- gezählt wurden, Lei denen der Alkoholgenuß von Be deutung war, aber entweder in der Hauptverhandlung nicht zur Sprache kam oder doch nicht genügend Mge- stollt werden konnte. Man wird hiernach die fesche- stellten Fälle nur als Mindestmaß dessen, was unter der Wirkung des Alkohols geschehen ist, ans eben müssen.
Mit der wertvollen -Statistik, die durch das dankenswerte Vorgehen des bayerischen JustUmiNisteriums ge Wonnen wurde, beschäftigte sich vor einigen Monaten bereits die „Zeitschrift für Rechtspflege m Bayern ; fetzt widmet dem Gegenstand auch der Landgerichte Präsident Lindenberg (Berlin) eine instruktive Be trachtung in der „Deutschen Juristenzeitung. . . Bi Sache ist es reichlich wert, näher ins Auge gefaßt zu
Jahre 1910 wurden in BayÄn 8864 Personen verurteilt, bei denen die begangene strafbare Handlung auf Alkoholgenuß zurückzuführen war, darunter 1a0 chronische Alkoholiker. Wie die Personen m Bayern im Jahre 1910 überhaupt verurteilt worden sind, weiß man noch nickt; die Statistik ist noch nicht abgeschlossen. Im Jahre 1909 ivaren es 63 600, und man kann für 1910 auf eine etwas niedrigere ä>ahl rechnen. Mithin machten die im Rausch oder unter dem Einfluß des Alkoholismus handelnden Personen ^um mindesten 11 Prozent aller Verurteilten aus. Ta Bayern eme erheblich höhere Kriminalität aufweist als das gesamte Reich und die anderen größeren Bundesstaaten, nämlich 924.0 Verurteilte auf 100 000 Personen , gegen 857.3 im Reick. 863.8 in Preußen 822 3 m Wurttem- berg un d 640.6 in Sachsen, so lo.rft sich voii selbst die
Wiener Vorfrühling.
Von Dr- Wantoch.
Wien, im März.
Die großen Weltereignisse machen einen Bogen um Österreich. Ein halbes Jahr lang fieberte Deut,chland m seiner marokkanischen Erwartung, und nun ist die politische, wirtschaftliche, allgemein menschliche Gespanntheit über uns binwea äu unfern südlichen Nachbarn gesprungen, die um ihre tripolitanischcn Krieger und mehr noch umchas Prestige ihres Staates besorgt sind. Selbst da^ kleine, skandinavische Königreich hat sich in diesen Tagen gemeldet und mit dem Trmmph Amundsens ein Blatt der Kulturgeschichte vollgeschrieben. Österreich aber und Wien sind crn ^dyll. u-oc; in diesen hold ermattenden Frühlingsragcn empfindet man solche Lauheit fast dankbar. Sie laßt uns Zeit, an iedem Morgen um die nächste Ecke zu biegen und m Buschwerk eines der vielen Gärten nachzusehen, ob wiederum ern langer Strauch grüne Spitzen angesctzt hat. Die Garten fangen zu blühen an. und dann dünkt uns alles gut und schon. Die Menschheit schält sich aus ihrer Pelzvermummung Auf Schritt und Tritt begegnet man emem Toursttenkostum. Der Bergrausch greift wiederum ins Leben unserer stadst und man glaubt 'cs zu spüren, wie die Rax mit dem leisen Blutdunst ihrer Hänge und Schrunde den Leuten dm Gedanken benebelt. Die Touristik ist immer mehr.eme Wiener Spezialität, nachdem es eine andere Spezialität erngebitßt hat, denn bis vor kurzem hätte in der rzasching^zeit ^ede. Tänzer in den Refrain des chauvinistischen Lobgesanges em- Rdümtnt: „Es gibt nur a Kaiserstadt, es gibt nur a Asten.
Ms man aber diesmal am Aschermittwoch Prmz Karneval begrub, da war der Zug der Leidtragenden erschvecküch dezimiert. Nicht einmal zur Erledigung dieser Pretak, hatten die Leute Zeit, denn sie mutzten dem plötzlich schwindenden Winter die letzten weißen Sportfreuden abzwingen Die freie Luft hat über das Ballparfüm endlich gesiegt, und man saust auf Skiern Winterberge abwärts, die man im Sommer keuchend erklimmt. Aus der Stadt der Walzer und Tänzer
Frage auf, ob etwa der hohe Anteil der TrmkerdeMte an der großen Verbrechensziffer schuld ser und ob man hierin eine volkswirtschaftlich, ungünstige Wirkung der bedeutenden bayerischen Biermdustrie zu erblicken habe. Mangels Vorliegens emer ähnlichen Statistik über die .Trinkerdelikte in anderen deutschen Bundesstaaten läßt sich die erstere Frage Nicht beantworte, und auch die letztere muß offen bleiben, da der starke Viererzeugung in Bayern eine vLrha tni^maßia gering- Branntweinerzeugung gegenubersteht. Als besonderes Trinkerdelikt ist die gefährliche Körperverletzung zu oe- zeichne. Unter den 10 042 strafbare Handlungen, welche die 8864 Verurteilten unter der Einwirkung geistiger Getränke begingen, waren 6006. also fast genau die Hälfte, gefährliche Körperverletzungen. Im ganzen erfolgten in Bayern im Jahre 1909 14 243 Verurteilun- gen wegen gefährlicher Körperverletzung, und dieses Delikt war init 19,1 Prozent an bet gesamten Kriminalität beteiligt. Es ist also sede dritte gefährliche Körperverletzung auf den Alkoholismus zuruckzufuhren. In zweiter Linie steht unter den .Trinkerdelikten die Beleidigung mit 1206 Fällen oder 12,1 Prozent aller; dann folgen Bedrohung. Nötigung u w nnt 7,7 und Sachbeschädigung mit 7,2 Prozent. Auf sittlichkeitv- delikte entfallen 176 Fälle oder 1.7 Prozent (in den Gesamtzahlen 2,4 Prozent), auf einfachen Drebstaht 1,9 Prozent.
Deutsches Reich.
* Hm- und Personal-Nachrichten. Der deutsche Botschafter in Konstantmopel, Freiherr v. M,ar schall. wird mü Rücksicht auf die politischen Verhällnipe zur Ferer seiner stloernen Hochzeit nicht nach Deutschland kommen, sondern auf semem Bosten verbleiben.
* Auch Hamburg für die Erbschaftssteuer. ^zm Laufe der vorgestrigen Budgetberatung der Hamburger Bürgerschaft beantragte der Senator Marburg, der Senat möge den Hamburger Bevollmächtigten beim Bundesrat dahin instruieren, daß er für die Einführung einer einzelstaatlichen Erbschaftssteuer in allen Bundesstaaten eintritt, von der dann ein bestimmter Prozentsatz an das Reich abzuführen sei.
X Keine neuen akademischen Titel. Wie unS mitgeteilt wird, find in letzter Zeit mehrfach Anträge auf Schaffung neuer Titel für akademische Grade gestellt worden. So gehen u. a. die Bestrebungen deS Verbandes Deutscher Architekten- ur>d Jnaenieur-Vereine darauf hinaus, einen akademischen Grad, „Diplom-Architekt", für die Architekten zu schaffen. Es besteht aber im Kultusministerium keine Neigung für neue Titel, da der Minister die Schaffung neuer akademischer Titel abgelehnt hat.
* Der Bund der Industriellen hat auf einstimmigen Beschluß seines Vorstandes eine Erklärung gegen das rheinischwestfälische Kohlensyndikat erlassen und diese Erklärung den Mitgliedern des preußischen Abgeordnetenhauses zugesandt. Darin wird der preußischen Regierung vorge
worfen, daß sie die Kohlengrubenbesitzer in ihrer Preispolitik
begünstigt, indem sie aus jeden Wettbewerb mü dem Kohlensyndikat verzichtet und dre Kohleuau^fuhr durch G. Währung billiger Ausfuhrtarife der Staatsbahn erheblich
unterstütz^ | ür Ulbert Traeger.. Für die durch den
Tod Albert Traegers notwendig gewordene Reichs-agsusatz-- Wahl im Kreise Varel-Jever dürften seitens der fortschrittlichen Volkspartei entweder der frühere RLichstagi-abgeord- nete Dr. Wremer oder Friedrich N a u m a n rr als Kandr». baten in Aussicht genommen werden.
- Ern engherziger Beschluß. Dew in Essen rn de- Pfrngstwoche zusammentretenden evangelisch-sozialen »o greß wurde von der evangelischen Gemeinde der Bßener A-- nabt in der die positive Richtung dre Übermacht hat, ore Überlassung der Erlöserkirche für den Festgottesdienst v e r *
10 Li ** Neue Hamburger Hafenbautcn. Die Hamburger Bürgerschaft bewilligte einstimmig die vom Senat dringend beantragen 5 Millionen zu den Hafenbauten am alten Hafen, um dem Bedürfnis von Schiffsliegeplatzen naherzu- kommem bis die großen neuen AnliegePlätze in Waltersdork vollendet sind, was in fünf Jahren der Fall sein durste.
parlamenLarisches.
Herr v. KrScher mandatsmüde. Herr v. Kracher 1
d-m .Altmä-I-I- Ms-,«-, m m *f klärt wird, für den Reichstag nicht mehr kandidieren
Bei Beratung des Etats für Kiautschou nt der Budgets kommission des Reichstags erklärte Unterstaatssekretar deA 'luswärtigeu Amtes Zimmermann uber^dw poli . tischen Umwälzungen in China: Der Brastdenl:
Sluarckchikai sei wohl ein Mann, der Vertrauen verdiene. Allerdings habe auch er sich der Schwierigkeiten bei en iünasten Truppenmeutereien, der Unruhen wich: ganz g wachsen gezeigt. ES fehle an Geld. Die Regierung werde der Lage Herr werden, falls sie schleunigsü G e.l d erhalte. Die von Iuanschikai erstrebte 00 Millionen-Anleche habe Zlweift erlangen können. Die deutsche Regierung versolge in vollstem Einvernehmen mit den übrigen Machten daS Prinzip der Nichteinmischung, und eventuell der Verstan^ diaung über gemeinsame Aktionen. Deutschland werde gegen'alle Versuche, China aufzuteilen, erntreten. Das Reich müsse als Ganzes erhalten und in wirtschaftlicher Beziehung die Politik der offenen Tur garantiert werden. Die Unruhen sind noch keineswegs beendet. Von vieren Seiten kommen Hilferufe. Deshalb ser eine Vermehrurig Schutztruppen um 500 Mann (auf 2500 Mann) dringend not^ wendig In Peking und im Norden haben setzt bereits stehen.
LN» 102 Cirai« -»-> 2128 R°»n, 46 O,..
ziere und 1348 Mann, Japan 69 Ossiziere und,1165 Mann, Rußland 10 Offiziere und 467 Mann, außerdem tn der Nord- Mandschurei große Truppenmassen, und Nordamerrla 32 Offiziere und 831 Mann. Dazu kommt eme entspreclfende Anzahl von Geschützen und Maschinengewehren, ferner haben die' Schutzmächte Chinas noch Truppenkonüngente m ihren Gebieten. - Die Erklärung wurde von der K°mmifsmn nitt Befriedigung ausgenommen. Die für die Ver^
ist eine Stadt der Eispickeln und Bergsteiger geworden. Ein neues Geschlecht härterer und strafferer Menschen wachst heran und wer ioeiß, wie sich das Stichwort des Faschings 1012- „Man tanzt nicht mehr", noch entfalten wird.
Da flattert nun in die Melancholie verschwindender Walzer eine seltsam atavistische Kunde herein: im „Sommer 1912 ~ gibt es eine Wiener Musikwoche. Dies dünkt die Stadtväter eine glückliche Lösung der Fremdenverkehrssorge zu fein, die, wie man weiß, seit Jahr und Tag die einzige öffentliche Sorge ist, trotz Lebensmittelteuerung und Wohnungsnot. Diese Fremdenverkehrssorge ist , der beste Witz der £ofcutf)tonif: eine Stadt von 2^ Millionen Menschen, die nur noch um der Fremden willen lebt, die nicht kommen. Was man auch immer in den letzten Jahren, gebessert und beim alten gelassen, neu eingeführt und verhindert hat: es geschah zur höheren Ehre der Fremden,'die von all diesem Entgegenkommen nichts wissen wollten. Hat man uns Wiener gefragt, ob uns die Einführung der Autos „statt der Fiaker angenehm sei? Wollte man nicht jüngst, erst wieder den Karlplatz zur Förderung der Fremdenindustrie üurch ein Hotel verschandeln? In der theaterlosen Sommerszeit sollen Schauspielhäuser in Betrieb sein, nicht, damit„IV 2 Millionen zurückgebliebene Wiener ein Abendergötzen hätten,, sondern damit ein paar Tausend Fremde zuströmten.. Bei, der An- ^aae einer Untergrundbahn und beim Bau einer jeden Bedürfnisanstalt, immer ist es allein der Gesichtspunkt: wird es den Fremdenverkehr heben? So also hatte man auch den Plan einer großen sportlichen Veranstaltung ausgeheckt. Aviatik und Pferderennen sollten die Anziehungskraft aus- üben- aber der Aufwand dünkte zu groß für den Gewinn, und man entschied sich, statt für die Spezialität, von heute, für die Spezialität von gestern: die Philharmoniker werden musizieren, Bruno Walter und Nikisch sie leiten, die Oper wird spielen und . . . Burrian singen. Mit ihm tritt wiederum eine faszinierende Gestalt in unser Kunstleben. Dreier erlauchte Sänger wird von sich reden machen, weil er ein erlauchter Don Juan ist. Und es kann schon sein, daß seine faszinierende Persönlichkeit unser erlahmtes Interesse wieder an die Kunst bannt; denn die Wiener sind seit leher
nur über den Umweg deS Schauspielers zum Schauspiel und zur Oper gelangt. Wie Heinrich Laube kern Direktor deS Schauspiels war, sondern nur ein Direktor der Schaustieler, so ist auch Wien nie eine Schauspiel-, sondern immer nur eine Schauspielerstadt gewesen. Nicht Grillparzer, ^nzcn« gruber und Schnitzler, nicht Mozart und Wagner stnd unsere großen Theatererinnerungen, sondern Anschütz, Sonnentqa,., die Wolter, Winkelmann iind Mahler. Und weil in den allerletzten Jahren kein so gewaltiger Befeucrer da war, ist das Interesse des Wieners an Schauspiel und Oper ganz in sich zusammengebrochen. Freilich, mau hört jetzt wiederum von neuen Theaterprojekten. Der sehr gewandte Leiter der Volksoper, Rainer Simons, ließ vor einigen Tagen die Geschichte von einem Theater der 5000 zu ganz kleinen Preisen in die Zeitung setzen; aber spaßhafterweise zugleich mit dem Dementi: es maiigele an Kapital. Dennoch dürfte die nächste Wiener Spielzeit um eine Schaubühne reicher sein. Der Plan ruht in den guten Händen Stephan Großmanns, der im Herbst 1912 ein Wiener Schauspielhaus eröffnen, will. Und man muß sagen, daß sich da wirklich einmal der richtige Mann aii den richtigen Platz gestellt hat. Ein sprühendes Temperament und eine zielklare Energie, einer, der von dichterischen Erfahrungen kommt und doch kein Literat ist, der sich durch Jahrzehnte die Kulissen als Kritiker von vorn besehen und sie als Leiter der Freien Volksbühne auch einine Zeit lang von der Kehrseite kennen gclernl: ,hat; mn* traut mit dem guten Alten und dennoch ur>bandig lüstern nach Neuem. Aus solchen widerspruchsvollen Mrschungm entstehen die Beherrscher der Bühne. Großmann hcck daS Zeug dazu, uns die Wiener Schaubühne au^ deyi Sumpf der Berliner Nachtreterei zu reißen. Auf dem wunderschonen gsamerlinnvlatz soll sein Wiener Schauspielhaus entstehen. Lch sicht man kein Stückchen Erde aus dem Boden gchoben, aber die Wissenden flüstern das Zauberwort: Bewn.
Aus dieser geschmeidigen Masse bauen sich letzt an allen Ecken und Enden der Stadt über Nacht stockhohe Hauser auf. Ein Grundstück, ein Haus, ist in Wien augenblicklich der beste Anlagewert. In jeder Straße ragen Gerüste. Aber das eilige Angebot kommt dennoch der drängenden Anfrage nichf
