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Donnerstag, 28. März 1912.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 148. ♦ 60. Jahrgang.

Borkum - wangeroog - Helgoland - Lylt.

SCrn 1. Februar ist die Besatzung von Borkum von neuem verstärkt worden. Es hängt dies mit den Fort­schritten und dem Äusbau der dort angelegten Ver- teidigungswerke zusamnlen. Neuere Nachrichten be­sagen, daß auch auf Wangeroog und auf Sylt Besestr- gungen angelegt werden. Helgoland rst swon seit längerer Zeit als Panzerfestung ausgebaut und wird fortwährend verstärkt. Mari sieht daraus, daß dre nord. und ostfrresischen Inseln, die unserer Küste vor­gelagert sind, zu einem mehr oder minder zusammen­hängenden Verteidigungsgürtel ausgebaut werden. Es ist Wohl auch nur eine Frage der Zeit, daß auch Wangeroog und -Lylt dauernde Besatzungen er­halten in ähnlicher Weise, tme es jetzt schon bei Borkuni

der Fall ist. ^ , _ . ,

Diese befestigten Nordsee insein werden berufen sem, im Falle eines Krieges eine große Rolle zu spielen. Es muß damit gerechnet werden, daß die Engländer die deutschen Küsten blockiereri wollen, um unseren so hoch entwickelten Welthandel zu vernichten. Bei der ziffern­mäßigen Unterlegenheit unserer Flotte können wir nicht von Anfang an die Offensive ergreifen, die eng­lischen Seestreitkräfte aus hoher See aufsuchen, um ,re dort zu schlagen zu suchen. Wir werden wahrscheinlich zur strategischen A u s fa l l d e f e ns r v e ge­zwungen sein, d. h. unsere Flotts verbleibt zunächst unter dem Schutz der Befestigungen in den Krregshafen uird in den Küstengewässern und wartet die einleiten­den Bewegungen des Gegners ab, um eine günstige Gelegenheit zu erfassen urid, gestützt auf die bessere Kenntnis des Kriegsschauplatzes, aus dem Bereiche der Küstenbefestigungen hervorzubrechen und einen Test des Gegners mit überlegener Kraft anzufassen. Daß inzwischen durch die Blockade dem Handel, der sich in den großen Handelsstädten Bremen und Hamburg kon­zentriert, ein unermeßlicher Schaden zugefiigt, und un- zäblige Millionen des Nationalreichtums vernrchret sind liegt auf der Hand. Bei dem jetzigen Zahlenver­hältnis ' der beiderseitigen Flotte läßt sich dies aber

nicht vermeiden. . . ^

Tie längere Aufrechterhaltung einer streiig durch­geführten Blockade ist aber außerordentlich schwer. Sw besteht darin, daß entlang der ganzen feindlichen Küste eine zusammenhängende Kette von Blockadeschiffen, das sind Torpedoboote und kleine Kreuzer, aufgestellt werden. Dahinter müssen sich in der zweiteii Lime zur Unterstützung stärkere Schiffe aufhalten, die bereit sind, jedem Versuch, diese dünne Blockadelrnre zu durch­brechen entgegenzutreten. Hinter der Mitte der ganzen Aufstellung wird das Gros der feindlichen Schlachtflotte zusammengehalten, um schnell nach dem Punkt hinzu- dampfen, wo der Gegner mit stärkeren Kräften vorzu- stoßen versuchen würde. Es find also sehr starke und zahlreiche Streitkräfte des Gegners, die Tag mnd Nacht bei jedem Wind- und Wellengang in Dienst ge­halten werden müssen, da jederzeit mit dem Vorgehen

des Gegners gerechnet werden muß. Dieser Dienst rst

namentlich in der Nordsee mit ihren ungünstiaen Wmd und Wasserverhältnissen, den häufigen Nebeln sehr an strengend. Er stellt die größten Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Schiffe uiid ihrer Besatzung. Soll dieser Dienst in richtiger Weife längere Zeit an! rechterhalten werden, so müssen für die Sckiife und ihre Besatzungen von Zeit zu Zeit Ruhepausen einge­legt werden. Diese sind auch erforderlich._ um kleine Reparaturen vorzunehmeii, Kohlen, Proviant. Wasser und dergleichen wieder zu fassen, erkrankte Mann­schaften auszuwechselu usw. Ties alles kann nicht aus hoher See erfolgen. Tie Flotte bedarf dazu aut gelege ner und gesicherter Stützpunkte. Tie Entfernung vis zu ihnen darf aber nicht zu groß sei'.i. weil sonst zu viel Zeit mit der Hin- und Rückfahrt verloren geht. Ties würde wieder eine große Vermehrung der Blockade

flotte bedeuten. . , . . .. ,

Ein Blick auf die Karte zeigt, daß die deutschen Nordsee-Inseln sich sehr zweckmäßig für derartige Stützpunkte ausnutzen ließen. Es mußte deshalb vcr mit gerechnet werden, daß der Gegner sich bei Ausbrucy dieses Krieges sofort in deren Besitz setzen würde. War dies aber einmal erfolgt, so war es sehr schwer, ihn wieder daraus zu vertreiben. Es kam hinzu, daß das Fahrwasser das zwischen den einzelnen Inseln vorbei führt, durch Minen leicht gesperrt werden kann. Das Aufräumen einer hier ausgelegten Minensperre ist schwer, da die Minen im Wirkungsbereich der Geschütze liegen, die auf den Inseln ausgestellt sind. Dem Gegner war es daher leicht möglich, auch 'das Auslaufen unse­rer Flotte zu erschweren. Wollte man vermeiden, daß diese wichtigen Punkte dem Gegner in die Hand fielen, so mußten sie schon tm Frieden befestigt und mit einer ständigen Besatzung versehest: werden. Das letztere war erforderlich, weil man nach den Erfahrungen der letzten Kriege in Zukunft mehr wie früher mit einem strategi­schen Überfall als Feldzugseinleitung rechnen muß Dagegen hilft nur eine auch schon im F r i e d e n voll kommen durchgesührte Kriegsbereitschaft. Die Besatzung von Borkum besteht nunmehr aus zwei Batterien Fußartillerie und aus einem Infanterie- Wachkommando, das etwa die Stärke einer Insanterre- Kompagnie besitzt. Die Geschütze stehen feuerbereit aus ihren Plätzen, die Munition liegt kriegsbereit in der nächsten Umgebung, alle Vorkehrungen für den Beob­achtungsdienst und die Befehlsübermittelung sind ge- troffen. Minen sind niedergelegt, die zu ihrem Aus­laden bestimmten Fahrzeuge befinden sich in der Nähe, so daß die Minensperren bei drohender Kriegsgefahr sofort gelegt werden können. Somit sind alle Vor­kehrungen getroffen, um uns den Besitz dieser wichtigen Punkte auch bei einem plötzlichen Überfall des Gegners

zu sichern. .

Tie Schwierigkeiten einer Blockade der deut­schen Küsten siiid nunmehr so gewachsen, daß in Eng­land vielfach die Meinung geäußert ist. unter diesen Umständen sei es besser, von der Durchführung einer „engen Blockade" abzusehen, und dafür die sogenannte "weite Blockade" anzuwenden. Diese würde darin be­

stehen, daß im Westen der Kanal zwischen England und Holland für jeden Verkehr gesperrt wurde. Im Norden würde in ähnlicher Weise die Nordsee zwischen den Orkney-Inseln und Norwegen geschlossen werden. ES ist zweifellos, daß England mit seinem reichen ^chstis- bestand in der Lage ist, eine derartige weste Blockade durchzuführen. Sie würde ihren Zweck: die Vernrch- tuiig des deutschen Welthandels auch vollkommen er­reichen. Sie hat aber den großen Nachteil, daß die neu­tralen Mächte dadurch in Mitleidenschaft gezogen iver- den. und daß es sehr fraglich ist, ob diese sich die Unter- bindung ihres Handels so ohne weiteres gefallen lassen würden. Sie würden dann von selbst auf die deutsche Seite getrieben werden. Ties würde aber in kerrrer Weise den englischen politischen Interessen entsprechen. Es ist deshalb wahrscheinlich, daß England trotz aller militärischen Schwierigkeiten doch bei der engen Blockade verbleiben wird.

Hinter dieser äußeren deutschen Verteidigungslinie auf den Inseln befindet sich noch eine zweite innere Ver- teidigungslinie auf dem Festlande selbst, «re wird durch die Befestiguiigen von Wilhelmshaven. Bremer- haveii und Kuxhaven-Brunsbüttel bezeichnet. Diese decken unmittelbar die Jade-, die Elbe- und Weser- mündung und sichern hier das Ein- und Auslaufen unserer Flotte. Durch alle diese Anlagen bat die Ver­teidigungsfähigkeit der deutschen Küsten euren hohen Grad voii Stärke erreicht. Berücksichtigt man nun noch, daß auch das Eisenbahn- und Telegraphensystem nach strategischen Grundsätzen und Gesichtspunkten ausgc- baut ist, so daß es möglich ist, die im Innern des. Landes zurückgehaltenen Reserven schnell nach jedem bedrohten Punkte der Küste zu schaffen und dort m kurzer Zest eine dem gelandeten Gegner überlegene! Truppenzahl zusammenzubringen, so dürfte es dem Gegner sehr schwer werden, wenn nicht ganz unmöglich. Truppen an der deutschen Küste zu landen, ohne sich gleichzeitig der Gefahr auszusetzen, in kurzer Zeit vernichtet zu werden. v - Sdir.

politische Übersicht.

Schlagworte für den fchwarzblauen Block.

Ter schwarzblaue Block sucht Schlagworte. denn daß diese ihm fehlen, ist der eigentliche Grund, warum er bei den letzten Reichstagswahlen in eme entschredeire Minderheit (der Wähler) geraten ist. Go äußert sich Matüta S P & J) n jun. tat „^otafottb * "X/te rottiet 3 vativ gesinnten Politiker unseres Vaterlandes muffen wieder bessere Fühlung mit dem Volke gewinnen! Da­zu gehört, daß sie Losungsworte ^di^kouftn

vative Politik des neu angebrochenen Menschenalt in die Massen werfen, durch die die Wähler wieder ge- packt und begeistert werden. Wie groß war Brsmaru darin, sowohl damals, als er sich der deutschen Emhests- idee bemächtigte, wie vielleicht mit noch blendenderer Wirkung, als er den Schutz der nationalen Arbeit und der schwächeren Klassen verkündete! Wie unentbehrlich ist dergleichen aber auch!" Also Schlagworte, blendende

Altes und Neues von Bvrfu.

Von Kr. H. Schröder.

Das versteinerte Schiff des Odvsseus. — Ein deutscher Achilles. — Schulenburg, Goethe und Varnhagen. — Von Korfus Ge­schichte und Natur. — Das Achiltewn.

Korfu ist die Perle des Mittelmeeres. Schon wenn das mit allen Reizen des Südens geschmückte Eiland fernher aus den Fluten des Ozeans taucht, gewahrt cs dem Auge das entzückendste Bild. Wie eine farbig leuchtende Schale ruht es auf dem Spiegel der kristallenen Flut. Und kommt man näher, dann vereinen sich der belebte Hafen, tue malerisch auf den Felsen thronende Zitadelle der ernst io berühmten Festung, die Meeresflut in ihrer so wunderbaren Blaue, wre sie die Phantasie nur ahnen kann, zu ernem unvergeßlichen Panorama. Diese liebliche Insel ist umwoben von den Träumen einer uralten Vergangenheit; ste rst tm Laufe der Geschichte das Ziel so mancher berühmten Seefahrer gewor- den, die damals nur mühsam, durch Wmd und Wetter zu manch zeitraubenden Kreuzungen gezwungen, auf yoch- bordigen Kriegsseglern und in kleinen Felucken dem Strande zustrebten. Und wieder richten sich in diesen ^agen die Augen der Welt nach diesem Eiland, aber diesmal rst es cm schnellerer Kiel, der die Adria durchfurcht und von Pola aus i n «aber Linie Korfu zueilt. Nicht kriegerischen Zwecken, wie sie dereinst die stolzen Dreidecker der Republik Veneoig verfolgten, gilt diesmal die Fahrt. Weithin kündet^ vom Großtopp die goldene Standarte, daß die „Hoheuzollern den deutschen Kaiser gen Süden trägt, der auf seinem Sommer­sitz Achilleion Erholung finden will. .. ^ , r . , „

Ein Land zum Träumen ist Korfu; ist dock hier .vohl einer der herrlichsten Dichterlräume geboren worden, die die

Weltliteratur kennt! Ja, das ist der gastliche Strand,^ an dem der müde Wanderer Odysseus nach unendlichen ^Irr­fahrten und Mühsalen als armer Schiffbrüchiger freundliche Aufnahme fand; hier ist das Schlaraffenland der Phäaken, die in heiterem Glück und Wohlleben ihre Tage so anmutig und glänzend verbrachten, wie cs nur auf einem solch para­diesischen Fleck Erde möglich ist. Unwillkürlich rufen Meer und Landschaft die Bilder der Dichtung in uns wach. Wir sehen im Geiste, wie die Wogen sich auftürmen in wildem Grimm, erregt durch des^ unversöhnlichen Neptun strafenden Zorn. Wir verfolgen mit ängstlicher Spannung daS.Los^des Jrrfahrers, mit dem die Wellenkämme ihr gefährliches Spiel treiben; wir danken der hilfreichen Leukothea, die ihn er­rettet, und sehen ihn endlich halbtot, nackt und bloß an die bergende Küste getrieben, noch einmal dem Todesschicksal ent­ronnen, das ihn umlauert. Und wenn wir vom Meere hin zum Markte schreiten, dann iuerden all die Szenen der wun­dervollen Idylle lebendig. Uns umschwebt die jungfräulich zarte Stimmung der Nausikaa-Gestalt, das wimmelnde Leben des gastlichen Hofes entfaltet sich vor uns, und aus dem fer­nen Wogengemurmel ersteht die ahnungsreiche Begleitung, die einst zu des Odysseus großer Erzählung ihre einförmige Ntclodie sang. Das Andenken des großen Dulders lebt noch heute in der Sage der Kvrfioten fort; sie zeigen uns von einem Punkte nahe der Stadt aus ein Felseninselchen m einer Meeresbucht und nennen dies winzige Eiland das ver­steinerte Schiff des Ulysses. Heute trägt das Jnselchen ein ganz mit Grün bewachsenes, von Zypressen umgebenes kleines Kloster Homer erzählt ja im 13. Gesang der Odyssee, daß phäakische Männer den Odysseus nach Jthaka heimbrachten, daß aber ihr Schiff auf der Rückkehr von dem meerbe- herrschenden Poseidon zur Strafe in eine Insel verwandelt wurde, bevor eS Korfus Strand wieder berührte. So lebt

des Odysseus Andenken in seinem versteinerten Schiff fort. Doch wer steht dort auf dem Marktplatz, wo wir ferner Ge- statt soeben noch im Traum zu begegnen- glaubten?

Es ist ein anderer, ein historischer Held, der neben dem Saaenkönige die höchste Geltung im Andenken der Korfioten besitzt; es ist ein deutscher Landsmann, dessen Ruhm hier rm steinernen Standbild sestgehalten ist und zwei Jahrhunder­ten wie allen Unbilden des Wetters in diesem Werk getrotzt hat. Die Inschrift am Sockel meldet uns, wes Namen und Stand er gewesen: iMatthiae comiti Schulembnrgio,

summo terrestrium copiarum praefecta _ christiana-o reipublicae in Corcyrac obsi dioiiö laborantis fortissimo assertori, adhu« viventi, Senatus. Anno 1716, die 12 sept. Dem Reichsgrafen Matthias von der Schulenburg, dem höchsten Befehlshaber seiner Landtruppen, widmete also der Senat von Venedig dies Denkmal als dem höchsttapfern Er-, retter der christlichen Republik bei der Belagerung des be­drängten Korfu. Schuleuburg war es gewesen, der 171ki die furchtbarste Wut der Türkenmacht zerbrach, die sich sendem nie wieder so drohend und gefahrvoll gegen die chrifttichen Staaten erhoben hat. Ihm allein gebührte Ehre uiib Ver­dienst dieser außerordentlichen Verteidigung, d,e er bei dem schlechten Zustand der Festungswerke und der schwachen Be­satzung nur mit der Aufbietung aller Kräfte und der größten persönlichen Tapferkeit durchgeführt hat. Bewundernd nannte man ihn damals den „zweiten Achilles und fern Buhm er- irfmrr slmfi nmz Europa. Dre Kaiser und Könige des chrrst- ichen Europa sprachen ihm ihren Dank aus und Venedig ehrte seinen General in einer so unvergleichlichen Werse, wie seine Heldentat beispiellos gewesen war. Die Stadt, dre den nahen Fall ihrer Vormauer Korfu mit Ziitern erwartet hatte und der Flut des türkischen Einbruchs nicht hätte Widerstand