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60. Jahrgang.
Kanal, und Schiffahrtsfragen.
Wer spricht noch vom Schiffahrtsabgabengesetz? Wer er innert sich noch, daß der Reichstag diese Vorlage nun doch, entgeaen mannigfachem Erwarten, in der letzten Session der vorigen Legislaturperiode annahm? Zwar, das Gesetz ist da, und insofern will es nichts bedeuten, ob es uns heute un Bewußtsein lebt oder in den Hintergrund gedrängt lvorden fst. Eines Tages tonnte dies Gesetz immerhin seine Realität erweisen, nur daß dieser Tag erst da sein mutz. Gekommen ist er noch nicht, und deshalb kann man von dem Schiffahrtsabgabengesetz nicht wie von anderen fertiggestellten Gesetzen sprechen. Wie ein Schleier liegt es über der Sache, ^ste sil vorhanden und sie ist auch wieder nicht vorhanden, irgend etwas stimmt da nicht. ^ .
Was nicht stimmt, braucht man nicht erst zu sagen. Dies Gesetz ist eine lex imperfecta, es legt Abgaben ,auf w Strom- und natürlich auch Kanalschiffahrt im Deutscher Reiche, es trifft alle Vorkehrungen, um die Abgaben den einzelnen Stromverbänden zuzuführen lind ste für wasserbautechnische Meliorationen zu verwenden. Das Gesetz tut alles, was man von einem ehrlichen, braven, klaren Gesey nur iroend verlangen kann; aber das alles tut da» Gesetz nur auf dem Papier; es äußert Absichten, cs kann ste aber nicht ausführen. Auch, müssen Österreich und die Niederlande eingewilligt haben, daß Schiffahrtsabgaben auch auf der £.16. und dem Rhein eingeführt werden dürfen,^ vielmehr, dag österreichische und niederländische Schiffe solchen Abgaben ebenso wie die deutschen Schiffe unterworfen werden dürfen. Freilich könnte das Gesetz auch ohne Zustimmung der beiden Staaten sogleich in Kraft treten, wie cs denn für Stromverbände, die außerhalb des Flußgebietes von Elbe und Rhem liegen, voraussichtlich in absehbarer Zeit wirklicy m Kraft treten wird, so für. die Weichsel, die Oder und die Weser. Aber das wichtigste Ziel, das den Vätern des Schiffahrtsabgabengesetzes, den Agrariern und Herrn Peters aus dem Verkehrsministerium vorschwebte, nämlich gerade die Erschwerung der ausländischen Getreidezufuhr auf Rhen: und Elbe als den Häüpteinfallsstraßen des Reiches, diese» Zie. kann und wird nicht erreicht werden, wenn sich nicht die Regierung zuvor mit Wien und dem Haag verständigt hat. Wann das geschehen soll, wie es geschehen soll, ob es geschehen kann, niemand weiß es. Man weiß nicht einmal, ob Verhandlungen eingeleitet worden sind. Richtiger gesagt, sie sind noch nicht eingeleitct worden, aber es ist unbekannt, ob nicht doch irgend eine vertrauliche Fühlungnahme versucht worden ist. Einstweilen bleibt es für die Öffentlichkeit bestehen, daß die österreichische wie die niederländische Regierung mit gleicher Bestimmtheit und bei mehrfachen Anlässen erklärt haben, sie hätten nicht die geringste Neigung, sich auf die Anerkennung des deutschen Schiffahrtsabgabengesetzes durch konkludente Handlungen einzulassen.
Möglich ist es ja, daß die im Banne des Ostelbiertnms stehende Regierung doch noch Mittel und Wege findet, um die widerstrebenden Nachbarstaaten zu gewinnen. Was
namentlich Österreich betrifft, so könnte es ja sein, daß die in einigen Jahren erforderliche Erneuerung des Handelsvertrags die Handhabe bieten mag, zu einer Verständigung auch über die Schifsahrtsabgaben zu gelangen. Über die Aussichten eines solchen Unternehmens läßt sich nichts sagen, inan muß sie abwarten. Hinsichtlich der Niederlande ist daran zu erinnern, daß die neuerdings stärker in den Vordergrund getretenen Erwägungen, dem Rhein eine direkte deutsche Mündung zu geben, also den Dortmund-Ems-Kanal zum Niederrhein fortzusetzen und diese ganze künstliche Wasserstraße zu verbreitern und zu vertiefen, im Haag einiges Nachdenken erregen werden, daß also auch dort unter Umständen auf Nachgiebigkeit zu rechnen ist. Aber das sind Dinge, die so weit in . eine nebelhafte Zukunft hineinreichen, daß mindestens in den nächsten zehn Jahren von ihnen nicht anders als von akademischen Möglichkeiten gesprochen werden kann. Dafür ist die Frage dringend und unmittelbar, was denn jetzt aus dem Schiffahrtsabgabengesetz werden soll, da es doch ° nicht gemacht worden ist, um erst nach langen Jahren ausgeführt zu werden.
Diese Frage zu beantworten, haben wir unsererseits natürlich keine Veranlassung. Sie geht die Urheber des höchst überflüssigen Gesetzes an, die sich denn nach Kräften den Kopf darüber zerbrechen mögen. Indessen kann cs nichts schaden, kann es. vielmehr nur nützen, gelegentlich immer wieder darauf hinzuweisen, welche Verlegenheiten der Starrsinn der preußischen Konservativen der Regierung bereitet, und wie der Verkehr, der keine Schiffahrtsabgaben will, zu leiden hat, wenn Ostelbien das Regiment führt,
Sozialdemokratie und Präsidentenwahl.
In der Sozialdemokratie werden vermutlich jetzt die Auseinandersetzungen über die. Präsidentenwahl erst.richtig beginnen. Der Reichstagsabaeordnete Heine bringt, gewissermaßen zur Einleitung, in den neuen „Sozialistischen Monatsheften" einen Artikel „Präsidentenwahl, Hofgang, Kaiserhoch", in dem er eingangs den Wert der Teilnahme der Sozialdemokratie am Präsidium klarlegt und alsdann offenherzig bekenn!:
„In dieser wichtigen Angelegenheit hat die Partei meines Erachtens noch nicht die richtige Stellung gefunden. Anstatt nach rationeller politischer Erwägung hat sic nach Überlieferungen und Gefühlen, also in der Vergangenheit wurzelnden, sozusagen konservativen Betveggründen gehandelt. Wir müssen uns vor allem abgew.obnen, alles, was Hergebracht ist, deshalb als „bewährt" und für alle Zeit gültig anzusehen; es kann etwas sich früher bewährt haben und doch für die Gegenwart ganz verkehrt sein. Mit einem Wort: Wir sollten etwas „revolutionärer" auch gegen uns selber werden."
Hier spricht Heine dasselbe aus, was aufmerksame Beobachter der sozialdemokratischen Entwicklung schon öfter ge-
saat haben: die Partei hat in ihrer Agitation und Anschauungsweise etwas Versteinertes, es fehlt ihr die. geistige Regsamkeit und Anpassungsfähigkeit;' trotz aller revolutionären Redensarten sind starke konservative Elemente tn ihr vorhanden. Heine betont dann mit Recht, das ganze Wort „Hofgang" sei irreführend; es ser als. ein gehässiges Schlagwort geschaffen, um diejenigen beim Volk zu verdächtigen, die in solchen Dingen nüchterner und nicht nacy dem Gefühl urteilen. Der Arbeiter sehe um sich herum in der Fabrik und im Leben der armen abhängigen Leute }o viele Versuche zynischer Korruption, daß man sich nicht wundern könne, wenn ihn bei dem Wort „Hofgang em Argwohn packe. Aufgabe der sozialdemokratischen Presse aber sei, solche im Grunde unfreien und u n w ah reu V e r - allg.emeinerungen nicht noch zu unterstützen, sondern die Wähler aufzuklären und ihnen zu zeigen, daß ihre parlamentarischen Vertreter das ' Vertrauen beanspruchen könnten, sie würden sich nicht durch Hofgunst bestechen lassen.
Heine erzählt, der Stein des Anstoßes sei wieder die persönliche Vorstellung beim Kaiser gewesen. Ten Ausweg, daß die Geschäftsordnung nur bestimmt, die Konstituierung des Reichstags werde durch den Präsidenten (also nicht durch das Gesamtpräsidium) dem Kaiser angezeigt, lehnt Heine cbarakteristischer Weise üb. Er schreibt freimütig:
„Man darf noch nicht vergessen, daß überall und in den Ländern mit der stärksten parlamentarischen Macht am meisten, neben dem geschriebenen Gesetz auch ein ungeschriebenes besteht, das ebenfalls ein Teil der Verfassung ist. Wenn es seit 40 Jahren üblich geworden ist, daß neben der schriftlichen Anzeige durch den ersten Präsidenten noch eine persönliche durch' alle drei Präsidenten vorgenommen wird, so ist nicht zu verstehen, weshalb ein sozialdemokratischer Präsident sich davon ausschlietzen mußte. Dieser Besuch fällt ganz in den Rahmen der staatsrechtlichen Stellung des Reichstags und des Kaisers."
Heine meint, der Eintritt der Sozialdemokratie m das Reichstagspräsidium und die sich daraus ergebenden Konse- ouenzen würden in erster Reihe die Ausübung eines Rechtes, den Anspruch auf gleiche Behandlung mü den anderen Parteien, das Ende der politischen Achtung bedeutet haben. Hinsichtlich des Hochs sagt er, daß man von einem sozialdemokratischen Präsidenten verlangen wurde, er solle selbst ein Hoch auf den Kaiser ausbringen, halte er für ausgeschlossen; er selbst aber würde nicht den geringsten Anstoß an der „Höflichkeitsform" nehmen, sich crn Hoch in üblicher Weise stehend mitanzuhören; es wäre eine Rücksicht schon ans den Reichstag, „diesen hergebrachten Akt nicht zu stören". Wenn sich die Sozialdemokraten, die gerade im Reichstagssaal anwesend sind, beim Kaiserhoch schweigend erheben, so tväre das unendlich freier und würdiger als das ängstliche, manchmal geradezu fluchtartige Hinaus- rennen, wenn der fürchterliche Moment naht. _ •
Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß Heine hier nach unserer Auffassung durchaus Recht hat, ohne seme eigene Parteianschauung irgendwie zu verleugnen. Aber wir fürchten, daß die konservativen Elemente seiner Parten die sich so gern die Radikalen nennen, mit seinen „Zugeständnissen" an den bürgerlichen Staat sehr wenig einverstanden sein werden.
(Nackdruck verboten.)
Die „Linie" in Nein Hork.
Gestern war ich down-town, wie der New Yorker den tödlichsten Teil der riesigen Stadt nennt, der sich von der 14 Straße Bis zur Endspitze der Insel Manhattan erstreckr. Ich schleuderte den Broadway entlang, die Hauptverkehrsader in diesem unentwirrbaren Getriebe, vorbei an Mil- lionenhäusern, Gebäuden, von denen aus Fäden die ganze Welt umspannen, in denen trotz aller Diplomatenkünste über Krieg und Frieden von Nationen entschieden wird. So kam ich zur Ecke von Fulton St. und Broadway, Rings um mich her himmelstürmende Wolkenkratzer, die Luft, durchschwängert von asifsteigendem Nebel der nahen Bah, scheinbar in stetem Kampfe mit dem Geto,e, das von hastenden Autos knarrenden Lastwagenrädern, schreienden Karren- ■ Händlern aussteigt. In halber Höhe der schier endlosen Steinmauern bricht sich der Lärm, wird zurnckgeworfen und mengt sich von neuem mit aufsteigenden Schwaden. Unten aber wälzen sich vier entgegengesetzte schwarze Strome aneinander vorbei. Sie bilden den Rahmen zum ewig wechselnden Bilde des Straßenlebens: Menschenstrome, zwei rechts,
-we! links. Jeder einzelne ein Tropfen, vorwartsstrebend, anschmicgend, abstoßend, aber verschwindend tnt großen,
rauschenden Getriebe. , , r .. . .
Unwillkürlich fällt mein Blick auf einen Hünen, der wie ein Kocher de bronze das Leben an sich vorbeiftuwn laßt. Fast gleichgültig steht er dort; den Hut leicht rm Nacken, eine zerkaute Zigarre im Munde, die Hände m den Taschen, nur das Auge lebt unter den schläfrigen Lidern.
Just will ich ihn ansprechen, ist er doch em alter Bekannter, da macht er eine scharfe Wendung, tritt dicht an einen elegant gekleideten Herren, wie sie die New Yorker Geschäftswelt zu Tausenden kennt, flüstert ihm ein Wort zu, ein gegenseitiges verständnisinniges Lächeln, und der elegante Geschäftsmann ist wieder ein Tropfen, der iin Strome weüerschwimmt, . aber — in entgegengefetzter Richtung, in der er gekommen ist. Er wandert wieder up-town (stadtauswärts), von wo cr gekommen.
Obwohl ich ahnte, was vor sich gegangen, trat ich doch ' mit einer Frage auf den Lippen auf meinen Freund zu und erhielt nach einem kräftigen Händedruck die gewünschte Auskunft: Wieder mal einer, der die „Linie" passieren wollte.
Die „Linie", die den Finanz-, den Milliardendistrikt trennen
_ sollte pon der übrigen Stadt, die dem Verbrecher heilig
fetrt — sollte, an der sein Tätigkeitsdrang scheitern -- sollte. Die „Linie", die es auch tat, als der berühmte Detektiv-Chef Byrnes sie in den achtziger Jahren gezogen hatte. Auch da- iuals überschwemmte eine Cime-wavo, eine Welle des Verbrechens die Stadt, auch damals stemmte sich das ganze Polizei-Departement dagegen, vergebens. Endlich wurde Byrnes mit der schweren Aufgabe betraut, die Stadt und vor allem den Finanzdistrikt zu reinigen uns zu schützen. Er ging ans Werk und vollführte es. Er reorganisierte das Detektiv- ivesen der Stadt, räumte unter den Verbrechern auf, und flößte denen, die er nicht sofort fassen konnte, in einer Weise Achtung vor seiner Person und seinem Willen ein, daß sie sich ein anderes Feld ihrer Tätigkeit suchten. Er war es, der jene imaginäre „Linie" zog, die „Dead-line", die jedem Verbrecher wohl verhaßt war, die er aber respektierte, jahrelang, die heute aber ihre Kraft verloren zu haben scheint. Sie umschließt den Distrikt zwischen und einschließlich Broadway und Pearl St. unterhalb Fulton St. An jeder Straßenkreuzung wurde ein „Geheimer" postiert, der ein besonders gutes Physiognomiegedächtnis hatte, und für jeden, dessen Bild die langen Reihen der Galerie im Polizeihauptquartier schmückte, hieß es von nun ab: Bis hierher und
nicht weiter.
Nach wenigen Versuchen schon sahen cs jene Herren von der Zunft ein, es war nutzlos, auch nur zu wagen, jene „Linie" zu überschreiten; fester als der härteste Stahl, sicherer als die dickste Trutzmauer stand ihnen das enorme Personengedächtnis erfahrener Beamter entgegen. Und heute?
Es scheint, als ob die „Linie" ihre Kraft verloren hätte, als ob jene Masse von Detektivs auSgestorben wäre, die sie bildete. Mit geradezu unheimlicher Schnelligkeit folgt ein Verbrechen dem anderen. Mit der größten Verwegenheit werden sie ausgesührt. Die erste Serie jeder Tageszertung
bringt spaltenlange Beschreibungen eines neuen Rauba«, falles mit Diagramm und allen Einzelheiten, und zum proste des lesenden Publikums eine — Theorie der Behörden
Hier verläßt ein Geschäftsbotc eine Bank an der unteren Bowcry inmitten Tausender eilender Menschen. Er halt eine Handtasche in der Hand mit einigen hundert oder lausend Dollar zum wöchentlichen Lohnauszahlen hart arbeitender Menschen. Plötzlich tauchen zwei Gestalten neben ihm auf. Kaum hundert Schritt von der Bank mit ihren Wächtern und Spczialpolizisten. Ein sausender Hieb, cm kurze. Ringen, ein scharfes Warnungszeicheu eines wartenden Autos, und ani hellen, lichten Tage, inmitten regsten Ge. schäftslebens, liegt der Bote ohne seine Tasche aus der Straße, während das rasche Auto die Täter entfuhrt, —ic Lizenznummer war im letzten Augenblicke vom Gefährt en^ lernt und nach schnellster Kreuz- und Querfahrt durch Straßen, in denen sie kaum erwarten durften, Polizisten zu finden, befestigten die Verbrecher das Nummerschild wieder und waren verhältnismäßig sicher.
Ein weiteres Stück dieser Art ereignete sich schon am nächsten Tage. Seit Jabren überbringt der Sekretär einer bekannten Bank am Broadway zu einer gewissen Stunde Gelder für eine Filiale mit einem Auto. Chauffeur und Sekretär wohl ausgerüstet mit Schießeisen. Das^ Gesahrt nähert sich in verlangsamtem Tempo einer Straßenkreuzung. Da springt ein Mann neben dem Chauffeur auf den Sitz. Er zwingt ihn mit vorgehaltenem Revolver 30, 40 Block ohne Anhalten weiter zu fahren. Der Wagen kommt zum Stehen vor zwei Männern, . die ihn augenscheinlich erwarten Chauffeur und Sekretär toerden hüfl'chst und °^e Aufsehen zu verursachen, ersucht, mit Zurücklassung der Geldtasche abzusteigen. Immer mit halb hervorgeholtem Revolven Und die Polizei hat wieder Gelegenheit, erne neue Theorie aufzu stellen. So geht cs in letzter Zeit täglich^ ..
Am tiefsten wilden Westen kann das Gelichter nicht arger hauswu unser geduldiges New Yorker Publikum aber fragt sich wenn Ls die Abendzeitung mrt dem Berichte noer einen neuen Überfall sortgelegt hat un Hinblick aus d,c nächste WorgenausLabe: Wliat nexU
