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Dienstag, 26. März 1912.
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„Tagblatt-Haus" Nr. 665V-53.
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Roosevelt Wieder auf der Bühne.
New I o r k e r Brief.
New Dort, 6. März.
Es ist also doch emgetroffen. was Tausende prophezeit, Tausende abgeleugnet hatten; Colonel Theodore Roosevelt ist wieder offen Kandidat für die Burgerkrone, Pardon, den Sitz mi „Weißen Lause" zu
Washington. t r .,. e
Als er 1909 abtrat von der Schaubuhne der Polrtrr, um sein Licht im dunkelsten Afrika und im Herzen Europas leuchten zu lassen, konnte man von seinem eigenen Hauptquartier wie von dem der republikanischen Partei, der er angehört, mit aller Bestimmtheit hören: Niemals wieder. — Niemals wieder wollte „Teddy" sich in den Strudel der Politik stürzen, me- mals wieder den Aührer im Kampfe der Parteien spielen. Und heute? Roosevelt steht mitten drin im Kampfe, der Heuer er- und verbitterter ausqefochten wird, denn se zuvor. Lange genug hat er zurückgehalten, und es muß ihm schwer gewesen sein, ihm, dem Trauf- gänger, dem zügellos Ehrgeizigen, der nur eines kennt, sein ,^zch" an der Spitze der Massen. Und wre prächtig wurde ihm in die Hände gearbeitet. Der ante Taft, den er selbst zu seinem Nachfolger erkoren hatte, der m seiner „Güte" nach rechts und links Verbeugungen macht, dabei aber mit seinem etwas zu groß geratenen Umfang überall anstößt, der zufrieden ist. wenn man chm sein Steckenpferd, die internationalen «Medsver- träge läßt. Wahrlich eine;: bequemeren Nachfolger am dem Thron hätte er sich kaum wünschen können, der breite Rücken bietet Halt genug, sich wieder in ben Sattel zu schwingen. Tann kanchdie Zerrissenheit in seiner eigenen Partei. Hier die Standpatter, dort die Progressisten. Hier womöglich noch Verschärfung der Zollgesetze dort Revision des Tarifs nach unren. Weiter die Uneinigkeit im demokratischen Lager. Soviel Sinne, soviel Kandidaten, und über allen Wm. I. Bryan, der es verstanden hat, vom aufgeklärten Politiker zum engherzigen Prohibitionisten herabzusinken. Überall brodelte es im politischen Hexenkessel, aber bas Feuer war noch nicht stark genug, größere Blasen zu treiben Roosevelt hütete sich, vorzeitig nachzuleqen. Nur ab und zu kam in der Zeitschrift „The Outlook", zu deren Stabe er gehört, eine kurze Erklärung „aus vielseitiges Verlangen", daß er nicht ivieder sich bewerbeii würde um die Nomination, daß seine politische Laufbahn ab geschlossen sei.
Viele, gar viele hatten ia schon von Anfang an ge zweifelt an dein Ernste dieser Versicherung. „The Return from Elba" war Wasser auf die Muhle der Zweifler. Der Mann, dem Tausende und aber Tausends zujubelten, als er bei seiner Rückkehr die Via
Morgen - Ausgabe.
ixajjagen, uu vi\i uuuj vo,
Stunde war noch nicht gekommen. Tief im innersten verschloß er jenen Triumph, und die Zweifler mußten verstummen. Roosevelt war still und weiter brodelte es im Kessel. Zwar wurde es lebhafter. Wilwn von New Jersey stand auf und verbreitete seine, Kathebsr- weisheit; Harmon von Ohio rief zum Kamps. Champ Clark genügte die Ehre nicht, Sprecher des Hauses zu sein, auch er zog vom Leder, aber von Teddy hörte man
nichts. ... .
Da kam eine Aufforderung an ihn, m Ohio eine Rede zu halten. Es war Mitte Februar. Ein ungewöhnlich kalter Winter lagerte seit Wochen über den Staaten Die Zeitungen brachten lange Frostbenchtc, erzählten von neuen Überfällen und Mordangriffen ut unserem ruhigen, sicheren New York und dabei auch von den Aussichten dieses oder jenes. Politikers m seinem Kampf um den Präsidentenstuhl. Da kam Roosevelts Rede in Ohio. „My hat is in the ring. ' Knapp und scharf kam cs heraus und zerstörte mit einem Tchlage ciIXc milbigen. Äotnfrinationen, 3)xtt dürren Worten, ohne Drehen und Wenden batte er es herausgesagt, mein Hut ist im Ringe! Jetzt lohte das Feuer mächtig auf, gewaltig begann es im Kessel zu brodeln. Von vielen Seiten hörte man fragen, tote, nach dem entschiedenen „Niemals" von gestern die Kandidatur von heute? Hellauf aber jauchzten ferne unentwegten Anhänger: wir haben ihn wieder, beit Führer, den einzigen, der imstande ist, der republikanischen Partei wieder zum Sieg zu verhelfen und damit das Vaterland zu retten. Fragte man „Ihn" aber, woher der Wechsel, wieso gestern nein und heute ja, dann kam die feierliche Erklärung, seine Rede sei stets einfach ja, ja — nein, nein .gewesen. Auf die Frage, ob er. Kandidat sein werde, sei das „Nein" die einzige wahre Antwort gewesen, und auf die Frage, ob er eine Nomination annehmen werde, das „Ja". Denn es sei ein Unterschied im Erstreben und Erdulden der höchsten Ehre des Landes.
„Erst in den letzten drei oder vier Monaten", um Roosevelt selbst sprechen zu lassen, „bin ich gezwungener- weise zu dem Schluß gekommen, daß tatsächlich unter dem Volk als Ganzen ein wirkliches Verlangen nach meiner 'Nomination besteht, das in keiner Weise von irgendwelchen meiner persönlichen Freunde kam. noch von ihnen inspiriert oder geleitet wurde." Und weiter: „Falls das Volk meine Dienste nicht wünscht, wünsche ich selbst sicherlich nicht, ihm von neuem zu dienen. Falls es indessen das Verlangen stellt, daß ich in seinem Interesse eine große Ausgabe unternehme, werde ich dem folgen und mit all dem Mut und der Fähigkeit, die ich etwa besitze, durchführen." N
Das ist derselbe Roosevelt, der in einem Schreiben vom 18. August v. I. an den Verleger des „Pittsburgh
Für di- Aufnahme v°n Anzeig-» au dorgeschri-b-n en Tagen und Plätzen wird Mne Gewahr übernommen.
Nr. 144. ♦ 60. Jahrgang.
Leader", A. P. Moore, unter anderem sagte: „Ich
fühle daß ich ein Recht habe, alle meine Freunde zu Litten, wenn notwendig aktiv einzugreifen. um iax solche Bewegung (zugunsten seiner Nonnnationl zu verhüten. Ich würde es als ein wirkliches Unglück betrachten, wenn eine solche Bewegung in Gang gebracht würde." Und ein Unglück wäre es, wenn Roosevelt wieder nominiert und gewählt würde, woran allerdings ernsthafte Männer aller Parteien stark zweifeln, so riesengroß mich seine Popularität unter den noch vor wenig Jahren war, so sicher er wohl nach Ao- lauf seines letzten Termins wiedergewählt ^worden wäre, so unsicher sind seine Chancen rept. Das Sprunghafte, Nervöse, Rastlose seines Wesens, das sich auch auf seine Politik übertrug, schufen eine Unsicherheit tnt Geschäftsleben» die jetzt noch nicht überwunden ist. Tie lähmenden Folgen der Panik vom Jahre 1907 stnd immer noch zu spüren. Wallstreet fürchtet, er möge bei einem neuen Termin nicht mehr imstande sein, dre Geldinteressen zu schützen, die Masse möge ihn zwingen, die Antitrust-Gesetze durchzuführen, der mittlere und kleine Geschäftsmann aber wollen Ruhe haben, um die Wunden zu heilen, die ihnen die letzten Jahre geschlagen haben.
Eins aber ist sicher. Wohl selten noch ist es weniger angebracht gewesen, voranszusagen, wer von all den Kandidaten die meisten Aussichten auf die höchste Ehre des Landes hat. L a u t h.
Deutsches Reich.
* Der deutsch- Gesandte in Portugal, Legationsrat Frhr. von und zu Bodman, hat, wie verlautet, aus Rücksicht auf seine Gesundheit seinen Abschied cingereicht. Er befindet sich eines ernsten Augenleidens wegen in ärztlicher Behandlung in Paris.
* Dir Tosclli-Affäre und die sächsische Königsreisc. Die Wiener Meldung, daß die Reise des Königs von Sachsen nach Wien mit der Toselli-Afsäre im Zusammenhang stehe, wird an zuständiger Stelle in Dresden als Erfindung bezeichnet.
* Eemeindezuschläge zur Reichszuwachssteuer in Höhe von Hundert vom Hundert haben die städtischen Kollegien von Wilhelmshaven beschlossen. Dieser Beschluß hat die Zustimmung der Staatsregierung erhalten. Wenn übe» Haupt, so haben natürlich unsere Hafenstädte alle Veran-c lafsuna, den unverdienten Wertzuwachs des Bodens für Zwecke" der Allgemeinheit nutzbar zu machen. Jede Vermehrung unserer Flotte bedeutet eine Erhöhung ihrer Grundrente. Man darf gespannt sein, ob Kiel dem boden- reformerrschen Beispiel von Wilhelmshaven folgen wird. In Kiel werden ja jetzt, wenn wir recht unterrichtet sind, 250 vom Hundert Zuschläge zur Einkommensteuer erhoben.
* Der nächste Vertretertag des Verbandes der Windt- Horstbunde wird in Dortmund vom 31. Mai bis 2. Juni abgehalten werden.
Stummel.
(Nachdruck verboten.)
Eine Tiergeschichte von Hermann Löns (Hannover).
Der Märzenschnee war schuld daran.
Drei Jahre hintereinander hatte die alte Fuchsbetze ihr Gehecke in dem Bau unter dem zerfallenen Hünengrabe, das in der dumpfen Kieferndickung lag, glücklich aufgebracht. Als sie aber zum vierten Male dort geheckt hatte, verriet der Schnee dem Jagdaufseher, wo der Räuber steckte, der ihm die Fasanen und den Brinksitzern die Hühner und Katzen stahl. Am Tage darauf wurde der Bau gegraben und als die Betze von ihrem Raubzuge zurückkchrte, fand sie alle ihre Jungen tot und mit abgeschärften Lunten vor den großen Steinen liegen, bis auf einen, der sich so gut verkluftet hatte, daß ihn der Hund nicht aufspüren konnte. Seine Mutter saugte ihn und dann schleppte sie ihn eine Meile über Land zu einem verlassenen Dachsbau und zog ihn dort groß. ^
Sechs Junge hatte die Füchsin gehabt; eins war ihr geblieben. Das kam diesem zugute, denn alle die Nahrung, in die er sich früher mit seinen Geschwistern teilen mutzte, blieb fortan ihm allein und als er den letzten Milchzahn verlor, hatte er doppelt und dreifach so viel Fraß, als sonst ein Jungfuchs, und darum wurde er auch stärker, als es sonst xin Fuchs zu werden pflegt. '
Auch klüger wurde er, als cs sonst dre suchte gemeiniglich sind. Einmal deswegen, weil seine Mutter sich ihm ganz allein widmen konnte; dann aber auch, weil die ^agdpachter um das Bruch herum Fasanen ausgesetzt hatten und darum allem Raubzeuge scharf zuleibe gingen, sowohl mit Kraut und Lot, als auch mit Eisen und Gift. Der Fuchs war knapp dreiviertel Jahre alt, da hatte er schon so viel erlebt, daß er sich erst zu Felde traute, wenn Himmel und Erde eins waren und schön wieder zu Baue fuhr, lange ehe die Sonne aus ihrem Nebelbette kroch.
Als er den dritten Sommer hinter sich hatte, war er gefeit gegen alle menschliche List und Tücke. Treiben ließ er
sich nicht, denn er wußte es, daß es dort, wo sich der Trieb hinbewegte, Mord und Tod gab. So stahl er sich beizeiten durch die Treiber oder drückte sich, bis sie vorüber waren. Auch hetzen ließ er sich nicht, wenigstens nicht in die hellen Örter. Waren ihm die Hunde auf der Naht, so hielt er sich immer in Deckung und wußte stets einen Ausweg, um ihnen zu entwischen. Als es einmal gar nicht mehr anders ging, sprang er aus das Dach der Fasanenschüttung und verharrte dort so lange, bis die Bracken vorbeigestürmt waren.
Seitdem er in einem Tellereisen eine Vorderzehe lassen mußte, war ihm auch mit Fallen nicht beizukommen, und mit Gift erst recht nicht, denn er hatte einmal ein Stück Leberwurst ausgenommen, in dem altes, schon zersetztes Gift war. Kaum hatte, er es im Leibe, da wurde ihm so schlecht, daß er es schnell wieder herauswürgte, und seitdem machte er um alle Wurstbrocken und Heringsköpse einen großen Bogen, denn das Gift hatte ihm so zugesetzt, daß er drei Tage und drei Nächte krank war.
Außerdem hatte er es durchaus nicht nötig, derartigen minderwertigen Fraß auszunehmen, denn an Mäusen, Vögeln und Wild aller Art mangelte es ihm nicht. In der Feldmark gab es genug Hühner und Hosen; im Bruche steckten Fasanen und Enten; Birkwild lag genug im Moore, und hatte er mit all dem kein Glück, so waren im Notfälle immer die Brinksitzer an den Sandbergen vor dem Dcwfe da, deren Hühner es nicht lassen konnten, in der Dickung nach Ungeziefer zu scharren, und die Katzen trieben sich auch gern in den Büschen umher, solange wenigstens, bis der Fuchs sie übertölpelte ihnen das Genick brach und sic in die Dickung schleppte. Sogar der große schwarze Kater des Jagdaufsehers, der keinem Hunde wich, hatte daran glauben müssen.
So gedieh der Fuchs zu einem Hauptfuchse heran, wie cs weit und breit keinen gab. Er spürte sich so stark wie ein mittlerer Hund, und wenn die Jagdaufseher oder die Förster auf seine Svur stießen, so schüttelten sie die Köpfe, denn sie wußten nicht, ob das ein Fuchs oder ein Hund gewesen war, der die Spuren gemacht hatte. Zudem war er oberhalb fo
dunkel gefärbt, wie es selten ein Fuchs ist, fast schwarzbrann, und da ihm zudem im dritten Winter dreiviertel. der Standarte abgeschosscn war, so daß ihm nur noch ein Stum- mcl blieb, so dachte jeder Mensch, der ihn zufällig einmal sah, es sei des Pfarrers Hund, der sich weit und breit herum- trieb, aber nur, weil er stark verliebter Art war, denn wildern tat er nicht.
Seitdem der Fuchs drei Viertel seiner Lunte eingebüßt hatte, war er noch vorsichtiger, aber auch noch verwegener geworden. Das Unglück hatte ihn bei Mondschein im Felde de- trossen und seitdem vermied er cs in Hellen Nächten, sich im Felde und sonstwo in sichtigem Gelände umherzutreiben, und er zog um diese Zeit das Bruch, das Moor und den Forst vor, zumal er gefunden hatte, daß der, der sich dort aus- kennt, auch da Beute genug machen kann, sowohl kleine, wie Mäuse, Vogclbrut, Eichkatzen, und ab unb. zu ein Hase oder ein Fasan oder gar eine Schnepfe, das fernste, was es gibt, als auch solches Wild, das zur hohen Jagd gehört und das verhältnismäßig gar nicht schwer zu jagen war, verstand man sich auf die Kunst.
Von seiner Mutter hatte der Fuchs diese Art^Jagd freilich nicht gelernt. Sie war noch von der alten «chule, und nur ein einziges Mal hatte sie es fertig gebracht, ein Rehkitz zu würgen, und Stummel, ihr Sohn, mußte auch erst vier Jahre alt sein, ehe er den Kniff heraus hatte. ^ Es war rn einem Sommer gewesen, in dem es infolge des garten 1dm- ters so gut wie gar keine Mäuse gab und in dem es dazu noch soviel regnete, daß der Fuchs sich, weil alle Spuren sr^ fort kalt wurden, sehr viel Mühe geben putzte, um halbwegs satt zu werden, und manche Nacht begnügte er sich mitKafern, Schmetterlingen und Raupen, um nicht ganz leeren Le.bes zu
Bau zu fahren. , ,.. .
Als er so eines Vormorgens, ehe cs noch dämmerte, miümutia und verdrossen den Birschsterg am Holzrande entlang schlkch, um es zu versuchen ob er nicht einen Hasen beim Einlaufen erwischen könne, brach es dicht vor ihm, und als er sich hinter einen Wursboden drückte, zog ein Altreh an ihm
