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Samstag» 23. März 1912.
Morgen - Ausgabe.
Ar. 149. - 60. Jahrgang.
politische Übersicht.
Die Mittelpartei für Traub.
_ Dortmund wird uns geischrteben: Bemerkenswert und sehr erfreulich ist, daß mit den Kirchlich-Liberalen SchUlt« an Schulter die Mittelpartei bemüht ist, Tranb uns Dortmundern zu erhalten. So gehört bcr Kommission Es der ReinoLdigemeiNde, die in dichent Ksime wirken soll, auch der mittelpartettiche Pfarrer Wink- Hans an, ebenso der Lcmdtagsabgeordnete Schmieding. Roch bei den letzten RLpräsentantenwahleu in Reinoldi stellte die Mittelpartei eine eigene Kandidatenliste ans. Wenn ste jetzt HW, Tranb für seine Gemeinde zu erhalten, so spricht diese Haltung eine deutliche und beredte Sprache. Sachlich steht die Mittvi-partei ans anderem theologischen Und kirchlichen Standpunkt als Tranb, aber ste schätzt seine Person und seine Wirksamkeit so hoch ein, daß sie trotz der weitgehenderen Differenz der Standpunkte sür sein Verbleiben An Amt, und zwar in seinem hiesigen Amt, em- tritt. Der Oberkirchen rat wird diese Tatsache jeWerlich Wersehen können.
Die katholische Lehrerschaft.
Seit einigen Lagen bringt die »Germ." eine Artikelreihe: „Ter Vormarsch der Katholiken Deutschland» cmf wirtschaftlichem und kulturellem Gebret Wrr wollen dem Zentrumsblatt mit einer Statrftlk ber^ springen, von der es vielleicht noch kerne Kenntnis hat und die es mit begreiflichem Vergnügen wird verzerch- nen können. Um so weniger freundlich müssen unsere eigenen Gefühle bei den betreffenden Zahlen fern, vP seiner bedeutsamen Abhandlung „Antimodern lstenerd und höhere Schule" (erschienen im „Pädagogischen Archiv") erwähnt der Verfasser, Karl Koppin-Wres- baden, eine bemerkenswerte Betrachtung über „Konfessionelle Verhältnisse im höheren Lehrerstande Preußens", der folgendes entnommen sei: „Es zeigt sich,
daß die Zahl der im höheren Schuldienste fest ange- stellten Katholiken zwar unerheblich hinter der ent- sprechenden (konfessionellen) Verhältniszahl für dre GesamtbevLIkerung Preußens zurückbleibt. aber doch in den jüngeren Jahrgängen, d. h. bei den Oberlehrern, eine erhebliche Steigerung anfweist. Zöchst auffallend ist nun das gewaltige Ansteigen der Zahl der Katholiken bei den anstellungsfähigen Kandidaten. . . . Schon im vorigen Jahre kam in dieser Klasse die Zahl der Katholiken derjenigen der Evangelischen ganz nahe, denn sie betrug 48,1 Prozent gegenüber 49,7 Prozent: in diesem Jahre sind diese von jenen schon um fast 7 Prozent überholt, denn die Zahlen lauten 45,7 Prozent Evangelische und 52,2 Prozent Katholiken. Tiefe übersteigen also die Verhältniszahl ihres Bevölkerungsanteils um rund 16 Prozent, sene bleiben hin- ter ihm um 18 Prozent zurück. . . . Diese Erscheinung ist schon seit einigen Jahren zu beobachten, wie folgende Zahlen beweisen: 1905 : 28,1 Prozent: 1906:
' 38,1 Prozent; 1907 : 45,7 Prozent; 1908: 44,4 Prozent;
Wer das sür einen Zufall halten wollte, der würde sich in einem großen Irrtum befinden, vielmehr handelt es sich hier um die Folge eines ganz v lanmä ßi- gen Vorgehens von katholischer Seite her. Tort befördert man nämlich den Zustrom zum philologischen Studium nach Kräften. Besonders ist es der Albertu s ° M a g n u s °V er e i n, der es sich angelegen sein läßt, junge Männer, die siÄ dem höheren Lehrer- stände widmen wollen, mit beträchtlichen Summen in Form von zinsfreien Darlehen als Studienbeihilfen zu unterstützen. Das hat zur Folge gehabt, daß das Angebot katholischer Lehrkräfte mit der Zeit sehr viel größer geworden ist als die Nachfrage, und zwar um so mehr, als die katholischen Philologiestudierenden sich in unverhältnismäßig großer Zahl den sogenannten ethischen Fächern Deutsch und Geschichte zuwenden, um in diesen Unterrichtsgegenständen unserer deutschen Jugend die katholische Weltanschauung zu vermitteln..
Deutsche Besiedelung im Süden Oesterreichs.
Der Verein Südmark in Graz (Steiermark) erläßt in der Presse einen Ausruf zu einer starken deutschen Besiedelung im Süden Österreichs, dem wir folgendes entnehmen: Das österreichische Deutschtum hat dank einer gut geleiteten Schutz- und Wwchraribeit in den letzten Jahren seinen Besitzstand immer erfolgreicher gewahrt, ja in den südlichen Alpen- und Karst-Ländern zumeist wieder vermehrt, wie vor allem die jüngste Volkszählung beweist. Bei aller Freude über diesen schönen Erfolg deutscher Schutzarbeit darf jedoch nicht vergessen werden, daß die slawischen und wäffchen Gegner mit dem Aufgebot aller Mistel, besonders mit reicher UnterMtzmU ihrer völkischen GeWanWlten, unermüdlich an der Aussaugung und Zerstörung der vielen deutschen Sprachinseln und Minderheiten arbeiten, die, einer losen Kette gleich, van der Donau bis an die Adria reichen. Ihre Bedeutung liegt darim daß sie dem Deutschtum den Zugang zum Me er und ein deutsches Hinterland für das ausbWheüde Triest sichern, das einst das Hamburg des Südens werden muß. Gehen die Träume unserer groWawischen Gegner nach der Errichtung eines großhroatischen beM. großillyrischen Reiches
— auch im Rahmen des österreichisch-ungarischen Staates
— in Erfüllung dann ist dem deutschen Volke der Weg nach dem Süden verschlossen und das auMühende Deutschtum Mischen Donau und Adria so gut wie vernichtet. Darum gilt es, durch eine großzügige deutsche Besiede- lungsarbeit dem deutschen Volk den verheißungsvollen Weg zur Adria p sichern. Für das Deutsche Reich eröffnen sich neue Bestedelungsgehiete, Länder, wo sich das deutsche Volk geschloffen niederlaffen kann und seine Eigen art bewahrt! Nicht mehr als Ku'lPrdünger Kr fremde VoNerschasten sollten sich deutsche Auswanderer über den Erdball zerstreuen, sondern sie sollten zur Stärkung der deutschen Volkskraft planmäßig in den Ostmarken und An Süden Österreichs angestedelt werden. Die da- Mischen wohnenden Slawen und Italiener würden dann wie die Erfahrung lehrt, bald in den neuen deutschen Be wohnern aufgehen. Der Süden Österreichs vereinigt mit
mannigfachen landschaftlichen Schönheiten große Fruchtbarkeit und ein reiches Md sür den deutschem wirtschaftlichen Unternehmungsgeist. Die herrlichen Ällpenlandschaften mit den erhabenen Gletschern, den rauschenden Hochwäldern uitd Wasserfällen, die Gestade der Bergseen und der Adria eignen sich schon wegen der gesunden Wetterheit Kr deutsche Ruheständler. Rentner und Ausgediente vorzüglich zur dauernden NiederlaffuM. Willkommen sind dort ferner deutsche Lartdwirte und Handwerker, die bei Weiß und Tüchtigkeit ein sehr gutes Fortkommen finden würden. Vor allem aber sollten deutsche Bauern, die zur Auswanderung entschlossen stnd und über entsprechende Mittel verfügen, ihr Auge einmal aus das ungemein fruchtbare steirische Unterland richten — den Vorzug haben Weiw und Obstbauern —, während sich Handwerker (vor allem Wagner, Schmiede und Tischler) p günstigen Bedingungen an vielen Orten niedervaffen können. An- sieideNmgMrstige Volksgenoffen aller Art, die zur Stärkung des Deutschtums nach den südlichen AlPenländeM kommen wollen, erhalten bei Angabe ihrer Wünsche und Se- dintzunjgen gerne die entsprechenden Auskünfte und Zuweisung von geeigneten AnstedelnngspMtzw vom deuHchev Schutzverein Süd-nark zu Graz (Steiernrark).
Deutsches Reich-
s Zur Abreise des Kaisers. .Im Gaf-Äge des Kaisers befinden sich: Oberhosmarschall Gras EUlenburg, Generaloberst v. Pl essen, die Generale L ln swts v. Eoniarid, v. Chelius, Kapitän z. S. v. Bülow, Oberstabsarzt lü-, Niedner, der Chef des ZivMabiuetts v. BaleMni, der Ches des MAitärkabinetts Frhr. v. Lhncker, der Chef des Marinekabinetts AAmira'l v. Müller, der Vertreter des AtiswärAgen Amts Frhr. v. Jerttsch, Hauptmann L Is suite Zeyß, der Führer der AutomMlabteiiuug. Als Gäste des Kaisers nehmen an der Reife teil: der Fürst v. Mrsten- berg (ab Venedig), MMGroberpfarrer Göns, GeueMl der Infanterie v. LöwenseSd (für die Osterfeiertage) ^ urtd Marinemaler Professor Bohvdt. Jin GefoTge des Pringen- paares AuMst Wilhelm befinden sich die HoMme Gräfin Klinkowström, Oberleutnant v. Behr, und im Gefolge der Prinzessin Viktoria Luise Frl. v. Saldern.
* Das englisch-deutsche Verhältnis, über die ®ip&- nisse der enMchen Spronsge im Deutschen Reich unterrichtet oGenher-zig die „MWary MaA" in London wi« folgt: Der Erfolg dsutscher Arbeit, was die BeKsÄgum- gen des Rordsee-KüsteUsttckfens angSht, ist uns rmch und nach durch die Tätigkeit unserer Agenten und' durch andere Personen bekannt geworden, die dem Schicksal der Herren BraUdon, Trench und Steioart entgangen stüd. Jedermann weiß jetzt, daß die Küste van der WöMunAmtg. vis nach Borkum hin mit Forts, Minen,sckkÄern, Schau-Werken und schwerer Artillerie gespickt ist. Viel Zeit und Geld ist daraus verwendet worden, PMtze, wie WangerMg^ BorArm, Euphsven, Gssstebiünide und Helgoland fortiiika- torisch so stark wie möglich zu machen. Es ist kein Zufall, daß die Arbeiten in Emden, wo ein großer Wottmstütz- puukt vorbereitet Wird, pr seDben Zeit rüstig vorwävts-- gshen, p der wir ^das gleiche in Rosvth tun. Me Ber-
Berliner Stimmungsbilder.
Von Paul Lindenllerg.
Gerückte über Gerüchte. — Alles kippelt. — Aus der politischen Hexenküche. — Der Kaiser in der französischen Botschaft. — Monsieur Jules Cambon. — Pariser Platz 5, — Der Sport und die Berlmer.
Wenn schon ... denn schon! Und dies alte Berliner Wort befolgten redlich die Berliner um die Mitte der Woche und ließen einen ganzen Schwarm vonEnten aussteigen, die sich im Höhenflug untereinander unlautersten Wettbewerb bereitetem. Es ist ja um die Phantasie ein recht schönes Ding, aber, wie andere Himmelsgabeu, man darf ste nicht mißbrauche! Das geschah jedoch gehörig während der letztm Tage, veranlaßt durch das mehr oder minder Mffällige Zusamntentreffen verschiedener Ereignisse, die an den Stammtischen das politische Barometer mit affenartiger Geschwindigkeit aus „Swrm" steigen ließen. Ein Sack nach dem anderen, gefüllt mit wichtigsten Neuigkeiten, wurde ausgekramt und der buntscheckige Inhalt auf das eingeh ndsie darrchgcnormnen: Der Kaiser reist nicht — schwere innere und äußere Gründe — Drohungsrede des englischen Marineminifters Churchill — Flottonrat unter Vorsitz des Kaisers bei Admiral Tirpitz — Bethmann-Hollweg und von Kiderlen-Wächter treten zurück — Einberufung -es Bundesratsansschuffes für auswärtige Angelegenheiten
Beschleunigte Einbringung der neuen Wehrvorlage — Falls der Reichstag sie nicht annimmt, sofortige Auflösung — Ernstes politisches Gespräch Mischen Kaiser und Botschafter Cambon — Sturmwolkcn — Bum?
Bitte, nur auszuwählen, die Tafel ist reich gedeckt? Ob aber alle Gerichte Kr jeden recht schmackhaft stnd, ist eine andere Frage, denn — — viele Köche verderben den Brei! Ja, wer einmal so ganz in die geheimen Töpfe der großen Hexenküche Politik gucken könnte, was alles
da vorbereitet wird . . . aber vielleicht zieht er schnell wieder die Nase zurück! Auch da mag manch' Hokuspokus mit- mrterlaufen und gelegentlich ganz was anderes heraus- kommen, als beabsichtigt gewesen. Genau wie bei all den Gerüchten, die dieser Tage so wild aufjchwirrte» und meist als „unbedingt sicher" verbreitet wie geglaubt wurden. Die wenigm, die wirklich eMas wissen, ste halten naKr- lich zurück und werdeir ihre Kermtniffe nicht an die groß« Glocke hängen.
Wie ja auch Herr Jules Cambon den französischen wie dmtschen Ausfragern nichts von seinem politischen Gespräch mit seinem kaiserlichen Gast am Dienstagabend ver- raten. Es war schon viel, daß er überhaupt noch einige von ihnen p später Nachtstunde empfangen, aber dieser Botschafter der großen Republik weiß den Wert der Presse mrt einjzuschätzen und hat vom ersten Tage seines Amtsantritts an die besten Beziehungen mit den Herren von der Feder unterhalten. Auch darin der Gegensatz zu seinem Vorgänger, Herrn Bihoud, der am liebsten die Tore des Bot- schalstspalais am Pariser Platz 5 ängstlich geschloffen hielt und sich wenig aus Geselligkeit, noch weniger aus ihm empfohlenen Personen, anr wenigste,: aus der französischen Kolonie machte. Herr Jules Cambon dagegen, dem bereits der Rus eines sehr nmstchtigen, freilich DerckMand nicht allzu freundlich gesonnenen Diplomaten vorange- gangen, stbt an der Seite seiner Gattin gern liebenswürdig« Gastfreundschaft aus und hält engen geselligen Verkehr nicht nur mtt den Mitgliedern der Botschaft selbst, sondern auch mit seinen in Berlin lebenden, sozial gut gestellten Landsleuten.
übrigens ist es ganz falsch, wenn anWßlich des letzten Diners bei Herrn Cambon bemerkt wurde, daß der Kaiser zum zweiten Male jenes Palais, aus welchem bei besonderer Gelegenheit die blau-weiß-rote Fahne flattert, besucht habe. Als Der Marquis de NoaMs, Der
1896 Herrn Jules Herbette abgelöst, hier Frankreich vertrat Md sich schrell die Sympathien des Kaffets erworben, weilte letzterer häufiger in jenem Palais, des öfteren p früher Morgenstunde, so daß einmal sogar der Botschafter ans dem Bett hcrausgeholt werden mußte, und, um den Kaiser nicht warten p lasten, vor diesem im . . . (di« Feder sträubt sich!) . . - Schlafrock erschien. Das Heim der französischen Botschaft ist an sich ein „alter Kasten", der nach dem letzten Kriege hübsch auffristert und auch im Jmrern umgebaut ward. Bis zu dieser NmwMid- lung machte es mft seiner schmucklssen, einfarbig getünchtm Fassade und dem roten Ziegelmansardendach, ans dem als Wetterfahne ein preußischer Ulan mit gefällter Lange dar- gestellt war, ' einen gemüMch-sPießigen Eindruck. Graf Bonedetti, der vielgenannte, konnte im Jrrli 1M> vom Fenster seines Arbeitszimmers aus die Ulanen und anders Truppen nttt schmetternder Musik durch das Brandenburger Tor aus ziehen sehen; bald danach packte er selbst seine Koffer, nachdem er vorher unter der Hand im aller Eile, aber zu recht guten Preisen, die Schätze seines WeiukeAers
an einige Berliner Woiuhändler verkauft --er mutzte
wohl nicht so recht an den Sieg der französtscheu Waffen glauben! Unter dem Grasen Bensdetti hatte das schlicht« Haus in seinen Festräumen oft die Auslese der Berliner Hofgesellschaft vereint, den glänz-endsten Kreis aber hatte es in seinen Mauern gesehen, als dort Marschall Mac Mahon nach der Rückkehr von der Krönung Komg Wilhelms in Königsberg, der er als mcherordentticher Botschafter Napoleons beigcwohnt, «in großes Zauderftst gab, von dem Berlm noch lang« sprach.
Heute würde Derartiges schnell verrausaMi im Strom der vielen sich i-l'- 'iürzenden Ereignisse, von denen selbst die scheinbar wich-ttgsten, die tagelang die gesamte Einwohnerschaft- in Aufregung halten, schoir nach kurzem völlig vergessen sind. Rur ein Gebiet macht Da eine Aus-
