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Verlag Langgaff« 21

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„Tagdlatt-Haus" Nr. LS50-53.

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DonnerstQg, 21. März 1912.

Der 60-prozenL-btandarö.

Eine alte Anekdote berichtet von zwei Polnische,: Juden, die. obwohl heftige Konkurrenten, sich an ihrem Versöhnungsfeste beim Eintritt m den Tempel die Hand zum Friedensschlutz reichten. Als 1'rc abends den Tempel verließen, sagte der eine zun: anderen: -a») wünsch dir. was du wünschst mir! Worauf lener er­widerte: Fängst du schon wieder an! — Ter Verlau. der deutsch-englischen Versöhnungsverhandlungen er­innert einigermaßen au jene Anekdote. , Als durch den Besuch des Kriegsministers Haldane in Berlin Sie Aktion eingeleitet wurde, herrschte bei den wsf:z:osen diesseits wie jenseits des Kanals rosenroter OpiMiS- mus. als plötzlich in den Klang der Friedensichalmeien die Rede des ersten Lords der Admiralmt Churchill hineintönte, worin er die deutsche Flotte als einen Luxus bezeickmete. Schnell traten dann wieder^ die Offiziösen ans den Plan und bewiesen — was kann ein Offiziöser nicht beweisen! -—, daß jene .liebe erstens ganz anders zu verstehen sei. daß es sich zweitens um eine Entgleisung handele, und daß drittens das Kabinett Asquith'durchaus nicht Churchills Meinung sei.

Unterdessen nahmen die deutsch-englischen Ver­handlungen in aller Heimlichkeit ihren Fortgang, wo­bei die' zünftige Diplomatie von den Nichts-als- Staatsbürgern und Steuerzahlern rnckhaltsloies Ver­trauen verlangt, ein Verlangen, das bei der gegen­wärtigen politischen Kreditversteifung nicht so leicht zu erfüllen ist. Und in dies diplomatilche Techtel­mechtel ist jetzt abermals eine Rede bineingeplatzt und wiederuni ist es das enfant terrible des engfischen Kabinetts, ist es Churchill, der mit brutaler Offenheit die geheinien Zirkel der Tiplomatie stört.

Churchill ist anderer Meinung als Asguith. Meinte jener, man habe bei den Berliner Besprechungen die Sicherheit gewonnen, daß keine der beiden Nationen Angriffspläne gegen die andere hege, so :st^ für Churchill die deutsch-englische Flottenrivalität der Kern- und Angelpunkt der gesamten Politik. Mit bemerken--- werter Offenheit und anscheinend mit Behagen malt er sich den Prozeß des gegenseitigen Ausmerzens der Flotte „weiiii auch auf einem fürchterlichen Wege" aus, wobei für ihn die Vernichtung der deufickien Flotte etwas Selbstverständliches ist. Trotz dieser angeblichen Selbstverständlichkeit aber besteht er darauf, daß der frühere Zwei-Mächte-Staiidard der englischen Flotte durch einen 60-Prozent-Standard gegenüber der deut- schen Flotte ersetzt bleiben müsse, und ztvar nur für die Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer der Dreadnought- klasse. wäbrend für kleinere Schisse eilte noch höhere Standardziffer gelten soll. Ja, für den Fall des In­krafttretens des neuen deutschen Flottenplanes verlangt Herr Churchill eine noch höhere Verhältniszahl.

Dieser Zahlenfnror scheint uns einigermaßen t-m Gegensatz zn den Bemühmigen zu stehen, eine Verbesse­rung des Verhältnisses zwischen Teutschland und Eng­land anzubcchnen. Herr Churchill glaubt den Deut-

Morgen - Kusgsbe.

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Nr. 136. * 60. IahrgKUg.

scheu eine gewisse Liebenswürdigkeit zu erweisen, wenn er sie als ein Volk mit derbem Verstand bezeichnet, dessen starker männlicher Sinn und Mut vor einer offenen und ungeschminkten Feststellung vor: Tatsachen nicht zurückweicht und nicht verletzt Wird, wenn ne höf­lich und ehrlich ausgesprochen werden. Was die Höf­lichkeit und Ehrlichkeit betrifft, so niag nch der erste Lord der Admiralität hierüber mit seinem Landsmann Lord Beresford auseinandersetzen, der den Para­graphen 1 der dem Flottenetat beigegebenen Denk­schrift als eine indirekte Drohung und Herausforderung gegen Teutschland bezeichnet hat und Churanlls Rede nicht als Mittel ansieht, den Frieden zu wahren oder zu einer Einschränkung der Rüstungen zu gelangen Aber Offenheit gegen Offenheit. Wenn Herr Churchill uns flar zu machen fuefjt, unsere Flotten-

rüstungen doch durch die englischen Mehrrüstungen wettgemacht würden, so erwidern wir. daß sich Deutsch­land' trotz alledem und alledem zu einer Defensivrüstung gegen die englische Flotte stark genug fühlt. Und wir hoffen weiter, der „starke männliche Smn und Mut" der Engländer wird auch nicht vor der Feststellung der Tatsache zurückschrecken, daß ihre Friedensliebe der ver­änderten Haltung Rußlands und Frankreichs entspringt, die zurzeit so sehr durch ihre eigenen politischen Be­strebungen in Anspruch genommen sind, daß sie nicht mehr als Vorspann für die englische Politik in Be-

tracht kommen. , ,, .

Fm übrigen sollte die deutsche Diplomatie aus den Offenherzigkeiten Churchills die Lehre ziehen, daß mfi der Taktik der Liebenswürdigkeiten und der Liebes­erklärungen dem Britenvolk gegenüber nichts zu, er­reichen ist. und daß eben deshalb auch be: den jetzigen Verhandlungen eine kräftigere Sprache ü ln Churchill am Platz ist. Was im übrigen die Aussichten dieser Verhandlungen betrifft, so glauben wir, daß es not tut davon zunächst den 60-Prozent-Standard der engli­schen Flotte abzuziehen. Bleiben noch 40 Prozent Aber wir glauben, daß wir angesichts der neuesten Rede Churchills auch diesen 40-Prozent-Standard der deutsch- englischen Versöhnungsaktion iloch reichlich zu hoch be­messen haben, und daß weitere Abzüge nötig sein wer­den. Bei der krampfhaften Schweigsamkeit der Diplo­matie wird aber nichts übrig bleiben, als in Geduld, doch frei von jedem Optimismus, abzuwarten. ob etwas

und was dabei übrig bleibt.

*

Noch eine Ablehnung der Churchillschen Rede.

Die „Köln. Zig." weist an leitender Stelle mit aus fallender Schärfe die Äußerungen Churchills Wer die Ver­mehrung der deutschen FloRe zurück Und erklärt, der eng- Wsche Minister würde wohl nichts dayogeu haben, wenn wir das Urteil über die Notwendigkeit der Verstärkung unserer Marine uns vorbchMen. Wie England seine Interessen als maßgebend für seine Handlungen ansteht, so auch wir die nnsrigen. Und von diesem Gesichtspunkt aus wird man in Deutschland erwägen, in welchem Um­fang die Flottenvermehruno sich halten muß. Deutschland wird kaum jemals eine Flotte besitzen, die an Umfang der

enalischen gleichkömmt. Falls aber unpere Flotte zugruna. ainqe. müsse dieser Erfoltz dem Feinde derartige Ofofer Losten, d>aß Am>m noch b'tc MiLrel jwv

Vertretung seiner großen internationalen Bezrehnngc'. haben kann. Sich darüber Kar zu werden, ist Angelegen- Veit EnglaRds, ebenso wie wir uns die Entscheidung Wer unsere Interessen Vorbehalten. Geschadet hat tue osscue Sprache des Ministers nicht. Es ist immer besser, die Dinge beim richtigen Namen zu ne nne n, als mit schmiAmgenden Redensarten über die vettere Wahrheit hinwegkommen zu wollen. St kennen die eng­lischen Anschauungen und Ansichten jetzt und werden nun­mehr zu sehen haben, was unsere BMirsNche der drejer Sachlage an Forderungen an uns stellen. Die Erergnfist des letzten Sommers haben in unserem Volk die Über­zeugung bestärkt, daß wir den Frieden am besten sichern, wenn wir so stark sind, daß ein Krieg gegen Deutschland ein Wagnis aus Leben und Tod für jeden Femd wird.

Ein moderner Bönig.

Ein Charakterbild Viktor Emanuels III.

Von H. Schmitz (Rom).

Das Attentat auf den italienischen König, das den Herrischer und seine Gemahlin in eine so schwere Lebensge­fahr brachte, hat doch auch ein Gutes in seinem Gefolge ge­habt denn es ließ die Liebe und Verehrung des italie­nischen Volkes für seinen Monarchen zu imposanten Kund­gebungen emporlodern. Es zeigt sich hier einmal in einem spontanen Ausdruck der Massenseele, wie populär Viktor Emamiel während seiner Regierung geworden ist Denn m Anfang war er durchaus nicht der gefeierte Liebling seines Volkes; er genügte nicht dem Verlangen nach Prunk­vollem Auftreten, nach poetischem Pathos, das den Romanen beherrscht. Durch seinen innerlichen Wert hat er sich die Begeisterung seiner llntcrtanen errungen, nicht durch äußerliche Elemente. Seiner Erscheinung fehlt durch­aus das Gardemaß, das die lateinische Rasse so gern an seinen Fürsten bewundert, und seine unscheinbare Person, die nur zu Pferde einen guten Eindruck machfi ist nicht da­zu angetan, das ästhetische Bedürfnis der für Schönheit sehr empfänglichen Menge zu befriedigen. Auch hat Vektor die Fehler nicht, die ihn der leichtlebigen Masse menschlich näher bringen, und beschäftigt nie durch pikante Anekooten die Ohroniquo scandaleuse; dann reizt er nicht durch üppige Baulust wie weiland König Leopold die Neugier semer Untertanen, kurz und gut, er spricht nie Zn der Phantasie der Massen, und warum? Weil er der demokra tischst- Monarch Europas ist, der nebenbei eine derartige Av- neiauna gegen alle Reklame und gegen jeden LageSlarm hat, daß das allein ihn schon in den Augen der Verstän­digen zu einem bedeutenden Manne stempelt. Überhaupt

scheint er den Grundsatz zu befolgen: „Handelt nicht nach meinen Worten, sondern nach meinen Taten."

Leider erfährt sein Volk oder das Ausland selten etwas von diesen Taten. Denn, und das dürste anderswo kaum glaublich klingen, es existiert in Italien nicht einmal ein Hofbericht. Es vergehen Tage und Wochen, ohne daß Fialien weiß, was sein König treibt. Höchstens läßt der Minister des Innern regelmäßig misteilen, wenn der König seine Minister empfangen hat, die dieser übrigens immer in cumulo empfängt, was dadurch erleichtert wird, daß er nie Rom verläßt, so lange das Parlament tagt, damit er stets' zur Hand ist, falls eine große Entscheidung gefällt kvcrden muß. Zwar liebt er nicht besonders den Aufent­halt in Rom, da dieser mit zu großen Anstrengungen für ihn verbunden ist, weil er fast den ganzen Tag Audienzen gibt um sich von Sachverständigen über Staatsprobleme oder neue Erfindungen usw. unterrichten zu lassen,, aber bret Tage vor dem Beginn der Kammcrtagung erscheint er von seinem. Landsitz und verläßt die Hauptstadt — abge­sehen von kleineren Ausflügen — nicht eher, als bis die parlamentarische Session zu Ende ist, selbst wenn diese sich vis tief in den Juli hineinzieht, wo die Hitze schon stark empfindlich wird. Der hervorragendste Ch.arakterz.ug ist bei ihn: außer der Freude an stiller und stetiger Arbeit die Einfachheit in Kleidung, Wohnung und Lobensfüyrung. Uniformwechsel kennt er nicht, er erscheint fast stets nr der schmucklosen kleinen Generalsuniform, bei den Audienzen in Foppe und auf Hofbällen im Frack. Er kennt weder Jagd- noch Marineuniform. Als man ihm bei emem der letzten Flottenmanöver nahelegte, doch die ■ Adrmrau-.um-- fonn anzulegen, antwortete er, daß er das nicht dürfe, da er nie auf der Marine gedient habe. Damals ereignete sich auch ein Fall, der ihn charakterisiert. Da er von dem Grundsatz ansgeht, daß selbst ein Monarch ein sterbkch.r

Die Branntwein-Liebesgabe.

Von Georg Gothein, M. d. R.

Die Branntwein-Liebesgabe ist die Differenz. zwischen bicr BmuMvein-Werbmuchs-Albgabe, die der Trinker ve- zablen muß, un!d der, die der Bmuntweinbrenner ansl.e>gt Im Branutweiu-Stenevgefetz von 1887 kmirde bestlMMt, daß der DrinvbMNNtwciN eine Abgabe von 70 M. pro Hektoliter reinen Alkohols traMn solle, daß aber der Br-nner für das seiner Brennerei zugewiesene Quantum - das Kontingent - nur 50 M. an die Steuerkasse Äb- zNführen brauche. Da nun das GefiaMtkoutlNgent aller Brennereien stets etwas niedriger als der L.rrnEverbrauch bemessen wurde, so kounteu die Brennereien die Livbes- gabe in ihre Tasche stecken. Der kleine Obstbrenner, der ich HektMter im Jahr brannte, hatte nur 10 Jl davon, aber der große KartMölfPirituAbreuner der 1000^^0- liter Kontingent besaß, hatte damit eine tddsichere ^ah«s- einnähme von 20000 M., d. h. das Gut war ^nut um rund 400- bis 500 000 M. mchr wert. Das prsuhtzche Ab­geordnetenhaus hat das vor wenigen Jahren voll aner­kannt, als es einem Domänenpächter, dem das KontmgeUt von 135 HektoNter lgeßnrzt worden war. einen Pachtnach­laß von 2700 M. jährlich zubilligte.

Die Liebesigabe — der Name rührt von dem konser­vativen Abgeordneten v. Wedell-Malch«ow her kchtebe vor der letzten Steuerreform dem Reich 47 Millionen Mark jährlich, d. h. so viel, kam von der Steuer, die die Funker Lbrachten Nickst in die Kaffe des Reiches. Jetzt, wo d« Steuer von 50. resp. 70 M. aus 105, refp. 135 M. Pro Wer reinen AMdhols erhöht ist, hat brau mit dem durch die Verteuerung herbeigesührten Verbrauchsruckgang da, KonKngeut so einffchränken müssen, daß die Lrebesgabb heute nur noch 38 bis 40 Millionen Mark Verlust für das Reich ausmaM. Das ist die Summe, dre letzt dem Reich an Stelle der Erbschaftssteuer zugeführi werden soll.

Damit wird scheinbar eine alte forttchrrttliche Forde-

nmet" erfüllt: aber nur scheinbar. ,

Mi feiet Kontingentierung der Brennereien war die Grundlage zur KartellbMung gegeben. Die weriere ge­setzliche Erschweru ng der Neugründung von Brennereien

Mensch ist, dem infolgedessen die Gabe ^rr Allwissmhut kehlt so ist er ein unermüdlicher Frager, der _ zeltsame Weise sogar Widerspruch vertragen kann, wem: fE Gegen­über im Frage- und Antwortspiel abweichender Ansicht rfi Ein bequemer Frager ist er freilich nicht, denn er ist e sehr gründlicher Herr. Während eines SeemanWersstand er eines Tages auf der Kommandobrücke und. ließ sich von dem Kommandeur alles erklären, doch plötzlich versank der Offizier in tiefstes Schweigen, weil erne schwierige Opera­tion des Schiffes seine ganze Ausmerksanikert in Anspruch nahm. Als er stch nachher kreuzunglücklich lutt bittmdcin Blick an den König wandte, sagte dieser: „Die Schu^

besten kann man diese seltene Fürstenerscheinung würdigen, wenn man sie in ihrem täglichen Leben verpstgtz Viktor erhebt sich sehr frühe und arbeitet Ä Stunden in seinem Münzkabinett; denn er ist bekanntlich einer der ersten Numismatiker der Welt. Darauf erl.d.gt er die dringendste Korrespondenz, arbeitet mit fernem Ver- mögensverwaltrr. läßt sich Vortrag halten nber dre Ze - tungen, die er oft unzerfchnitten lrezt,, wenn ihn em^ Fall be­sonders interessiert, und hierauf liest er den D-slands- kurier. Dann beginnen die Audienzen, die er anch oft am Mackmittaa. fortsetzt. Gegen 3 oder 4 Uhr unternimmt er eine Autofahrt nach seiner En Ada, wo d^Komgmnnit den Kinde«! JÄK

^cktet^e/als^sein?Pi'!cht. dem Volke durch ein schönes 8am mleben ein gutes Beispiel zu geben. Abends ent- M m dann geme den Hofstaat sehr frühe und zreht sich der Gattin in sein Studierzimmer zurück, wobei , chm dirsr dairn oft selbst in einer kleinen Küche, die in emem Nsbenraume liegt, seine Lieblingsspeisen bereitet. Dieses zurückhaltende Leben nehmen rhu: die Römer sehr übel,