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Mittwoch, 20. März 1912.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 134. ♦ 60. Jahrgang.

Deutschland und England.

Wr erhalten soWertde Zuschrift: „Schr geehrte

Zu emsm Artikel „Deutschilanid und Ewg>.'anu> d»n Loffd Avöbury, der im diesen Tageir durch erneu Teil der Presse ging, bitte ich felgender Erwiderung in Ihrem geschätzten Biatte Raum gelben zu wollen.

Lord dlvebury bespricht zunächst „das nngWckselbge zwischen Deutschland und EnOaNd herrschende Mißver­ständnis" — dies Missverständnis, das man „in England beklagt.nnid überhaupt nicht bogroisen kann". ,

Vielleicht begreift mau aber noch langsam in England, baß es nicht gelingt, deim deutschen Volke die Kriegsbereit- schaist der enAffchen Flotte im Jahre 1911 und die viel be­sprochene boäbstchtigte Landung von IM OM Mann auf dem Kontinent als „Missverständnis" hinznstellen, sondern daß wir diese Tatsachen als das ausfassen nNd gebucht haben, was sie in Wirtlichkeit waren — eine schwere, nrcht- drihMverstüheude Drohung gegen Deutschland uNd eine schwere Bedrohung des europäischen Friedens durch Eng­land — eine herrische und osseNsichMch gegen DeutjchlaNd Sevichtete, feindselige Gin Mischung Englands in An­gelegenheiten, die -lediglich zwischen Deutschland und Frankreich allein zu ordnen waren.

Der Ausbruch des so oft an die Wand gemalten euro­päischen Krieges ist nur dadurch verhindert worden, dass, wie der -eheMaliae Reichstagsprästdent Graf -Schwerm- Löwitz ausgesprochen hat, Deutschland „MMckgeWichen" ist infolge der drohenden Haltung Englands._

Dieses Anrückweichen hat das deutsche Volk als trefe T-Änrrtia'unig vor CnigAanid unid gianiz vescmvers vor ?>'va-nk-- reich und vor de: ganM Welt vmpftmden. Von „Missver­ständnissen" kann da gar nicht die Rede sein.

Sieht EnOaNd wirklich ein, daß seine Regierung im Jahre 1911 in ihrer feindsöligen und drohenden Haltung gegenüber Deutschland zu weit gegangen ist, so soll und mutz diese offen und ehrlich die Hand zur Versöhnung reichen.

„Die Vermehrung der deutschen Rüstungen" mag Eng­land wohl „bedauern", weil sie zu einem für Deutschland unbedingt notwendig gewordenen Gegengewicht gegen dre brutale, «$«8 überragende englische Welt- und Macht- Politik der letzten Jahre werden kann. Das WettrWen liegt nicht auf unserer, sondern Nur ans englischer Seite, weil England um jaden Preis seine doppelte über legenhÄt zur See aufrecht erhalten und seine bisherige un beschränkte VovmachtsteMng auf allen Weltmeeren und rn allen Weltteilen unbMngt wahren will.

EnAmiiv bestroilet uns d«as gute R^cht, fv zu Mn-deln, wie wir es im Juteresse des Reiches für notwerMg Mt-en, und macht uns dauernd Vorschriften über den Ausbau unserer Flotte, deren Vorhandensein und wertere Er­starkung durchaus keine „Bedrohung Englands" bedeuten sondern mrr zum Schutz des Reiches und seines Handels dienen soll und vielleicht als ein Gegengewicht gegen­über englischen Übergriffen.

Habe,: wir etwa Frankreich Vorschriften Uber die ®e waltigen Vermehrungen seines Heeres und- ferner Motte gemacht? Trotzdem wissen wir aber ganz genau, daß diese gewaltigen Mistungen einzig und allein gegen Denffch-

laNd, und zwar für den sogenannten „RevanchekMg" unter­nommen iverden, um Deutschland zu Lande und zu Wasser zu „vernichten"! Wir haben aber niemals gegenüber diesen Rüstungen eine derartige Sprache geführt, wie sie feit Jahr und Dag über den Kanal und über die Vogesen zu uns herübevschallt. .

Die „Ursachen", um mit Lord AveÄury zu sprechen, warum das deutsche Volk sich über die englische Regierung „beschwört" hat, nnd die man engeblich in London Nicht versteht, liegen in den Erfahrungen des Jahres 1911 und in den öffentlichen Reden der enMchen Minister, die jedes „Mißverständnis" über Englands feindselige Haltung während der MaroKo-DerhandluNgen cmsschliessen.

Es liegt nicht im Rahmen der Beantwortung, des Schreibens des Lord Aveburh durch einen Zeitungsartikel, diese angeblichen „MßverstäNdnisse" noch eingehender zu beleuchten. Ich verweise dieserhalb im übrigen aus meine Broschüre „Die Kriegsbereitschaft der englischen Flotte im Jahre 1911" (Verlag Eckstein nnd Engel, Berlin W. 62).

Die „Kompensationen". d. h. EuMBdigungen, die Frankreich wohl bereit gewesen wäre, Deutschland zuMge- stehen, sind durch dieses Eingreifen Englands fraglos herunter gedrückt worden und Spanien ist ganz ohne „Kompensationen" davongekommen. England ließ in Ntadrid erklären, dass es ein formales und absolutes Veto gegen jede Abtretung von Spanisch-Gmnea und den dazu­gehörigen, Deutsch-Kamerun vorgelagerten Inseln an irgend eine fremde Macht einlegen würde! Spanisch- Gninea kam deshalb in Frage als Kompensation, weil es heute von Reu- und Alt-Kamerun eingeschlossen wird.

Jedenfalls kann England nicht erwarten, dass das deutsche Volk die geheimnisvoll herübergereichie eine Hand des englischen Kriegsministers fteNdestrahlMd mit beiden Händen ergreift, denn wir können nicht wissen, Was die andere Hand Mr. Haldanes birgt.

Was nun die B-merlüng des Lord Av-Arry betrifft, daß England Ägypten und CYPern Nicht „einverleibt" habe, sondern dass das dortige „Vorgehen" England Millionen von Pfund gekostet hätte, ohne dass „England daraus besondere Vorteile für sich gezogen habe", so muss ich auch hierin widerspreche.

Ägypten steht zwar offiziell unter tückischem Tribut, tatsächlich ist es aber dcM britischen Weltreich „einverleibt", denn den tückischen Truppen wurde bekanntlich der Durch­marsch nach Tripolis verweigert. Mit Cypern stehen die Verhältnisse ganz ähnlich.

1904 ist zwischen England und Frankreich der berühmte Geheimvertmg abgeschlossen worden, der besagt: „Ägypten den Engländern, Marokko den. Franzosen!" Deutschland ist wohl infolge eines „Missverständnisses" ansgeschaltet worden? Die Millionen, die England nun in Ägypten geopfert haben soll, haben sich Nach „Whitakers Almanach 1912" recht gut bezahlt gemacht.' Die Staatsabrechnnng Mit' Ägypten" hat England 1911 einen Überschuß von 10 Millionen, 1910 sogar 30 Millionen Mack gebracht. Außerdem bezog England im letzten Jahre eine Suez- Kanal-Dividende von 22Ms Millionen Mack, die dauernd steigt, denn sie betrug 1910 21 Millionen Mart.

Im Jahre 1869 ist der Snezkanal, dessen Ban Eng , land bekanntlich die grössten Schwierigkeiten entgegen

gestellt hatte und den Frankreich mit MO Millionen Ma.k durchgesührt, eröffnet worden. 1875 übernahm England von diesen 500 Millionen Mark 80 Millionen Aktien von Frankreich. Der Wert dieser 80 Millionen hat sich in den 36 Jahren nahezu verzehnfacht und beträgt heute 752 Millionen Mark. (Der Wert des ganzen Unternehmens beträgt jetzt 4,7 Milliarden Mark.) Man muß schon Eng­länder sein, um in diesem Geschäft „keinen besonderen

Vorteil" zu sehen. , .

VieÄeicht bietet sich bei dem Austausch von Kolonren zwischen England und Deutschland, von dem jetzt in Eng­land so viel die Rede ist, unserem freundnachbarlichen Vetter die Gelegenheit, uns ein ähnlich gutes Geschäft an üit HAnid M ge'ben, wie ÄZhPten es für ihirr gseworlden rstf falls wir einen Teil von Ostasrika abtreten und dafür Portugiesisch-ANgoSa chntauschen sollten. EnKlanb braucht nämlich einen Teil von Deuffch-Ostasnka, um seine Eisenbahn Kairo-Kapstadt aus „nur enAischem Ge­biet" zu Ende zu Mhren.

Als einen besonderen FrenNdschastsibewcis kann ich zum'Schluß die Älbstcht Englands nicht anerkennen, das so berühmt gewordene „made in Germany" in IukNNst mtt den im britischen Weltreich einzusührenden de-utch-en Er­zeugnissen .verschwinden zu lassen und durch das ciub-e,!- Rch sür alle sreMdlän'dischen Erzeugurffe bexmtrag.e „not briti8Ü" zu ersetzen. Die angeMchc: "Dewum-erung Deutschlands" und der Wunsch des „B-uhens und Ge­deihens" sind kostenloses Wohlwollen und leere Medenv- arten. Möge EnBaud der bis znm Jahre 1911 augeb.rch „niemals ernsthaft gestöck gewesenen Frenndzchaft mit Deutschland neue Zeiten und MöglichlÄten eröffnen , ti« WnNdleAgönosse und Freund werden wir aber nur m - e- tracht kommen, wenn wir stack uNd mächtig sind — zu Wasser und zu Lande — uNd unsere Flotte nicht mehr: als Juxusslotte" vom englischen Martir-rminffter bezeichnet weiden wird nnid bezeichnet werden kann.

Alexander Gras v. G e r s d o rf f.

Deutsches Reich. ^

* Die Heidelberger Sammlung für ein Militärflugzeug geht Nicht, wie irrtümlich gemeldet wurde, von einem ein­zelnen Blatte aus, soNdem von einem großen Ansschug der gesamten Heidelberger BürgersckMst.

/V Arbeiten des Verbandes zur Klärung der Wünschcl- rutenftage. 'Wie uns mitgeteM wird, hat der Verband rnr Klärung der Wünschelrntensrage, von dessen Gründung wir jüngst berichteten, zwei für die WimschÄrntensrage be­deutsame Arbeiten abgeschlossen. Die erjte l>t eine Über­sicht über die bisherige Tätigkeit des bekannten Wunfchel- rntenfachmanns LaNdrat v. Uslar in SnÄwesta-srim. Be­merkenswert ist dabei der Umstand, dass, ivcnn m Snd- Westasrika nach Angaben Uslars Bohrungen lgemachi wor­den sind, in 83 Prozent aller Fälle Wasser gefundcn worden ist. Die Bedeutung der Wünschelrute für die Wasserver- sorgunlg in -den Kolonien geht aus diesem kkm>kand hervor. Ferner wurde -ein Bericht fertiggestellt über die gm 29. Sep­tember 1911 inr Kalibergweck Riedel bei Hannover vorgc- nömmenen Versuche. Rach den vorliegenden Versuchen

MschdruS »erd»teiia

Frühlingsanfang.

Jnfolae der Neigung der Erdbahn gegen die Ekliptik - die mittlere Schiefe der Ekliptik beträgt nach Ncwcomb für die Epocke 1910: 23» 27' 3."58 — befindet sich ein Teil der scheinbaren Jahresbahn der Sonne über, der andere Teil unter dem Äquator. Ihre südlichste Stellung yat die Sonne am 22. Dezember, dem Wintersanfang, ihre norv- lichste am 21. Juni, dem -Sommersanfang; einmal, am 23. September, dem Herbstanfang, kreuzt sie den Äquator von Nittch Sü'dbn unib •cittuwtl, üin 21. März, beut $xüi)' Urrgsansana, kreuzt sie den Äquator von Süden nach Nor­den. Heute inter-essiert uns besonders der Zeitpunkt des Frühlings- oder Frühjahrs anfangs der im Jahre 1912 auf Mitternacht vom 29. zum 21.^Marz ftaAt und im Kalender in althergebrachter Weise auf den Über­tritt der Sonne aus dem Zeichen der „Fisches in das des „Widders" verlegt wird, die vor etwa 2000 Jahren, näm­lich Mr Zeit des Hipparch, mit den Tieckreissternbildern übereinstivimt-en, gegenwärtig aber durch die Wirkung der Präzesston um 30» von diesen abwcichen. , ,

Die schon von Hipparch -entdeckte allgemeine >p r a - ression, d. h. das besonders durch die große türalbe- wegung des ungeheuren Erdkreisels bewirkte Vorrücken der Sterne (und Stermbild>er) parallel zur Ekliptik von West nach Ost beträgt nach Newcomb in Länge jährlich 50.2564 Bogmsekunderr, ist aber langsamen Veränderungen unter» worfen. 2lus diesem Grunde vollendet der ganze Sternen­himmel in 25800 Jahren einen vollen Umlauf; doch gibt es, astron-omisch gesprochen, eine solche Periode nicht, weil oie Veränderungen noch durch verschiedene andere, Bewegungs- Vorgänge beeinflußt werden. Das durch die Präzesston hervor gerufene Zurückgehen des Frühlings- (und Herbst-) Punktes hat natürlich.zur F-olge, daß der Frühlings-

Punkt nach und nach in andere Sternbilder kommt. Um 32M v. Ehr. befand er sich im „Stier", um 1600 v. Ehr. im „Walfisch", um 3M v. Ehr. im „Widder" (damals also -gleich dem noch heute beibehaltenen Kalenderzeichen), und jetzt liegt er im südwestlichen Teile der „Fische". Ge­radeso verändert sich auch die Lage der anderen Jahres­punkte. ^

Mit dem festen astronomischen Frühzahrsbegiun fallt der eigentliche Frühlingseinzug nur in bestimmten Gegen­den zusammen, doch schwankt er wegen der wechselnden meteorologischen und klimatischen Verhältnisse auch in diesen hin und her. In anderen Zonen sprechen außerdem noch die örtlichen Verhältnisse stack mit, und so kommt cs, daß die Völker des Altertums den Frühlingsan­fang in recht verschiedene Zeiten verlegten. Sie waren zu­dem noch viel mehr Naturvölker als die heutigen Gene- rationen, nahmen sich daher bei ihrer Jahreszeitbestim- mnug auch mehr die NaturerschejMNgm zum Vor bilde. Die Röwer vor der grossen Kalenderreform durch.den von Cäsar damit beauftragten Ägypter Sostgenes teilten ihr Jahr wohl g-anz so -ein wie die Griechen, doch fin­den üch bei ihnen schon vom 2. vorchristlichen Jahrhundert an die Grundlagen, die auch Cäsar verwandt hat (Tag- und Nachtgleichen, Souneuwenden). Vorher nahmen sie mit dem griechischen Dichter Hesiod nach F. K. Ginzel vor­wiegend den Frühjahrsanfaug mit dem Spätaufgange des Arktur 60 Tage nach der Winterwende, d. h. am 26. Feb­ruar, an, doch war der volkstümliche Frühjahrsanfang (FrühlingseinMg) mehr der Tag- und Nachtgleiche ange­paßt Ähnliche Datierungen finden wir bei den Griechen ^emokritos und Eudoxos, von denen der letzte den "2. Februar als Spätanfgang des Arktur und den 23. März nls Äquinoktium festsetztc. Nach Hesiod erwacht die Natur im Frühling, wenn sich di- Schwalben einstcllen, der Ruf des Kuckucks erschallt nnd der Feigenbaum sein erstes Grün zu zeigen beginnt. Von den Babyloniern der früheren

Zeit ist in dieser Beziehung nur »u sagen, daß ste dm rrch tigen Frühjahrsanfang ohne Zwerzel schon sehr 8" -.

kannt haben müssen, daß sie aber das ^ahr E dem Monat 'lisritn, d. h. im Herbste, ansingen; ^ die Babylonier der späteren Zeit begingen mit dem Frühjahrsausang gleich­zeitig den Jahresanfang, denn der Frühlmgsmonat m Jvnu war auch der erste Monat, entsprechend unserem Marz. Als Anfangs Zeitpunkt selbst galt das erste „Neu- licht" des Mondes (die erste feine nach Neumond tzchtbare Mondsichel) nach der Frühjahrs-Tag- und Nachtglerwe ko alt ist also schon der Gedanke der Osterrechnuug. Ebenso werden die den Babyloniern verwandten Assyrcr und anders Nachbarvölker ihren Kalender eingerichtet Haben. Auch bei den Juden der alten Zeit befaß der Fruh;ahrs- ansang noch nicht die Bedeutung des Jahresanfangs, den sie wie heute auf den Tisri (September) verlegtens^aver etwa von 60» v. Ehr. an drang die Amiahme des H-ruh- jahi'Sbeginns im Monat !5li8an (März) als Jahresbeginn durcb, um darauf jahrhundertelang herrschend zu bleiben. Noch weiter im Süden gestalten sich die Klimate wesentuch anders, wir finden daher bei den alten Ägyptern eine Dreiteilung des Jahres in überschwemmungszeck, Saa-zert (Winter) und Erntezeit (Sommer). Tie Perser packen zwar nach dem Bundehcsch ihr Jahr year, unser deutsches Jahr) in vier Gabandar (Festz.lreny das Avesta gibt aber ausdrücklich sechs Ya1 ^“ teile) an, die -auch allgemein gebräuchlich lwarem Vmr wes

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mtib Reisezeit, und noch später vasanta. ^ruhlrng, hm»u. -r-ie Teilung in drei ritu, Jahreszeiten (eigentlich Ankunft, von ri, gehen), scheint sich lange erhalten zu haben; als