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Verlag Langgaffe 21

„Tagblatt-Haus".

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Sonntag, 17. März 1912.

orgen-Ausgabe.

Hr. 130. ♦ 60. Jahrgang.

Die Politik der Woche.

Was bei dem Steuer-Rendezvous, zu dem sich etliche Ministerpräsidenten und Finanzminister der deutschen Bundesstaaten in Berlin zusammengefunden hatten, herausgekommen ist, wird man schwerlich so bald er- tahren, um so mehr, da es sich, wie versichert wird, hierbei um einen unverbindlichen Meinungs­austausch gehandelt haben soll, der nur die Wege für die Beschlußfassung im Bundesrat über die W e h r- d o r I a g e n und ihre Deckung ebnen soll. Jeden­falls weiß man, daß über diese -Frage noch mancherlei Unstimmigkeiten auch zwischen den Bundesregierun­gen bestehen, und das laßt einen Schluß daraus zu, ivelche Schwierigkeiten sich der Teckungssrage im Reichs­tag entgegenstellen werden. Bisher scheint das Problem jedenfalls nicht gelöst worden zu sein, wie die Regie­rung die Kosten der Wehr- und Flottenvorlagen durch eine B e s i tz st e u e r decken will, für die sie wenig­stens einen Teil der Parteien der Rechten gewinnen rann. Darüber aber kann kein Zweifel besteheir, daß die parlanientarischen Schwierigkeiten diesmal weit iveniger bei den We h r Vorlagen selbst, für die aller Voraussicht nach eine große Mehrheit vorhanden sein wird, als vielmehr bei der Frage der K osten - d e ck u n g liegen werden. Es ist auch eine durchaus falsche Auffassung, daß die Flottenforderungen, die sich nach allem, was man weiß, in maßvollen Gren­zen bewegen, ihreSpitze gegen England richten oder gar dazu dienen sollen, einen Truck auf die zurzeit schwe­benden deutsch-englischen Verständi­gung s v e r h a n d I u n g e n auszuüben. Mit Recht betont auch die „Mestminster Gazette", das Organ des Kabinetts Asquith, daß die Finanzprogramme beider Mächte wahrscheinlich schon vorher ausgestellt waren, Und daß ein unmittelbares Ergebnis in den diesjähri­gen Etats von dem kurzen Gedankenaustausch nicht zu erwarten war. Mag man also auch den Verhandlungen fonst pessimistisch oder optimistisch gegenübersiehen, so Wird man doch als Tatsache ansehen dürfen, daß die beiderseitigen Marineforderungen nicht auf das deutsch- englische Wettrüsten zugeschnitten sind.

Leider hat sich aber zwischen den ■ beiden Mächten eine andere, nämlich eine Streikrivalität be- werkbar gemacht. Auf den englischen Beraarbeiter- streik ist, obwohl die deutschen Bergleute den Gedanken kines Sympathieausstandes ausdrücklich von sich ge­wiesen haben, überraschend schnell der Aus­bruch des Streiks im Ruhrrevier gefolgt, an dem jetzt bereits die bei weitem größere Hälfte der Beleg- fchaften beteiligt ist. Tie Hoffnung, daß dieser Kampf uoch im letzten Augenblick durch, eine Vermittelungs- Aktion der Regierung verhindert werden könnte, hat sich beider als eitel erwiesen, und die Aussichten auf einen baldigen Fricdensschluß sind um so geringer, da sich die Gemüter unterdessen in bedenklicher Weise erhitzt haben.

(Nachdruck verboten.»

Erinnerung.

Von Wilh. Scharrclmann.

Ich erinnere mich ganz genau daran, trotzdem nun schon Jahre seitdem verflossen sind. Viele Fahre ...

Es war an einem Tage, so strahlend und hell, wie der schönste Sommertag, und doch muß es -wohl schon mehr zum Herbst gewesen sein, soweit ich -es nachrcchnsn kann. Jeden- !Es schien die Sonne blank und -goldig in die enge Gasse, wo unser Elternhaus stand mit seinem großen Schild, aus bem die vielsagenden Worte standen: Kolonial- und Fett- war-en.

Wer durch die Haustür, die einen großen blanken Messinggriff hatte, in unser Hans trat, stand gleich vor venr langen Tresen, der gelb gestrichen war und die große Wage trug, ans der mein Vater die Tüten abzuwiegeu pflegte, wenn es in die Pfunde ging. Sonst tat es die Elcine Wage auch, die am Ende des Tresens neben den Zuckerhüten stand und aus der die Pfennigwar-en in den steinen Spitztüten abgewogen wurden. Die Lad-enwände wurden von großen Regalen eingenommen, in denen sich Schublade an Schublade reihte, eine wie die andere gelb gestrichen und -einander zum Verwechseln ähnlich.

Am vorderen Ende des Tr-esens, dicht hinter der Haus­tür, -sauber ausgestellt in Reih' und Glied, standen die Vonbottbehälter, die durch ihre gläsernen Wände jedem Besucher deutlich vor Angen führten, welch verlockenden Inhalt sie bargen. Runde Glasdeckel schützten den Inhalt bor Staub und näschgierigenHändcn und die ruttdbauchigen Gesäße ließen die Znckerrollen und Stangen noch dicker ^Nd farbenprächtiger erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren.

Wir Kinder bekamen niemals -etwas daraus. Schlecke­reien wurden nicht geduldet, trotzdem es gewiß nicht viel Ausgemacht hätte, wenn wir gelegentlich einmal -eine Kost-

Ist es doch bereits zu erheblichen Ausschreitungen und zu ernsten Zwischenfällen gekommen, welche die Be­hörden zu umfassenden polizeilichen und militärischen Maßnahmen veranlaßt haben. Tie bedauerlichen Vor­gänge im Ruhrrevier haben unterdessen ein Echo so­wohl im preußischen Herrenhause wie im deutschen Reichstag gefunden, aber der hier zum Ausdruck ge­brachte Wunsch nach einer baldigen Beendigung des Kampfes scheint bis auf weiteres nur ein frommer Wunsch zu sein.

Auch von der V e r m i t t e I n n g s a k t i o n der Mächte zur Herbeiführung eines schiedlich-sriedlichen Ausgleichs zwischen Jt a l i e n und der Türkei ist es wieder still geworden, und das. Kriegsspiel in Tripolis, das allgemach einen ernsteren Charakter gewinnt, nimmt seinen blutigen Fortgang. Tie jüngsten Kämpfe bei Benghasi und Tobrnk lassen erkennen, mit welcher Erbitterung aus beiden Seiten gekämpft wird, und es mehren sich zugleich die Gerüchte von einer erneuten Übertragung des 'Seekrieges in die europäi­schen Gewässer. Jedenfalls hat die Pforte bereits umfassende Maßnahmen zum Schutz der Dardanellen gegen einen Angriff der italienischen Flotte getroffen, womit leider erneute Belästigungen. und Erschwerungen für den Handel und die Schiffahrt der Neutralen ver­bunden sind.

Es wird schwerlich so leicht festzustellen sein, inwie­weit die übrigens nur von einem Teil der italienischen Sozialisten betriebene scharfe Agitation gegen den Tripoliskrieg auf die gegen den König Viktor Emanuel gerichtete verabscheuungswürdige - Verbrech er tat des Anarchisten Antonio D a I b a -eingewirkt hat, doch steht jedenfalls fest, daß es sich- hierbei nicht um irgend ein Komplott, sondern lediglich uni die Tat eines einzelnen verbrecherisch veranlagten Fanatikers gehandelt hak, dessen heimtückische Kugeln erfreulicher- weise ihr eigentliches Ziel verfehlten.

Auch sonst fehlte es in dieser Woche nicht an Al a r m n ach r i cht e n. In dem von dem Füanzosen „pazifizierten" Marokko scheint zurzeit Raub und Plünderung, Mord und Totschlag an der Tagesordnung zu sein, wobei in Marrakefch auch ein deutscher Staats­angehöriger in Mitleidenschaft gezogen wurde und in China ist es dem jetzt auf die Verfassung vereidigten provisorischen Präsidenten Auanschikai bisher auch nicht gelungen, die Geister, welche die Revolution wachge- rufen hat, wieder zu bannen.

Um die Ersetzung eines Provisoriums durch ein anderes scheint es sich endlich auch bei der Kabinetts­krisis in U n g a r n zu handeln, wo man sich bisher vergeblich bemüht, für den gehenden Ministerpräsiden­ten einen kommenden Mann . zu finden. Auch rechnet man noch mit der Möglichkeit, daß der amtsmüde Khnen-Hedervary zum Schluß doch als Verlegenheits- minister bleibt: was aber sicher bleiben dürfte, das ist die chronische Krisis.

probe bekommen hätten. So blieben die Bonbongläser ein Gegenstand scheuer und ungestillter Sehnsucht, der nicht einmal in Worten Ausdruck gegbben werden durfte. Es hieß eben mit spartanischer Selbstzucht darüber hin.rus- kommen.

Also an dem Tage, von dem ich erzählen will, schien die Sonne. Das ist wesentlich für meine Geschichte. Viel­leicht würde ich sie gar nicht im Gedächtnis behalten haben, wenn die Sonne nicht so strahlend in die enge Straße ge­schienen hätte!

Wie mich heute dünken will, war die Sonne auch das einzig Friedliche und Freudige an diesem Tage. Alles andere war weniger -erfreulich.

Ich weiß noch ganz deutlich, daß an- dom Tage, den ich im Auge habe, der Tresen ans dem Laden meines Vaters, hinter dem so manches Pfund Butter und Schmalz abgewogen worden war, so manche Tüte mit Kaffeebohnen und so manches Pfund Sauerkreut, plötzlich nicht mehr im Laden stand hinter der Haustür mit d-em blanken Mcssing- griff, sondern draußen auf der Straße im hellen Sonnen­schein, vor dem kleinen Schaufenster unseres Ladens mit seinen vielen kleinen Scheiben; denn damals chatten die Schaufenster noch nicht die riesigen dicken' Glasscheiben wie heute. Selbst die Schaufenster, waren noch bescheid-ener damals. Viele kleine Scheiben machten zusammen eben auch eine -große.

Also der Tresen stand draußen -auf der Straße und ich saß oben darauf und baumelte mit den Beinen, und das schien mir ein ebenso wunderliches wie lustiges Ding.

Ich habe erst Jahve später begriffen, wie wenig lustig das -alles eigentlich gewesen ist, was ich erzählen will, aber damals hatte ich noch kein Verständnis und kein Gefühl dafür.

Ich wußte damals auch nicht, warum an denr Morgen -eigentlich so viele Leute da waren, warum im Laden die großen Regale von der Wand gerückt wurden und warum draußev vor der Tür eine ganze Reihe von Wagen hielt,

Deutsches Reich.

* Der neue Direktor des Hansabundes. Zum künftigen Direktor des Hansabunldes ist der bekannte nationalWbeMle Parlam-Mtar'ier Iw. Str-esemanN ausersehen. Dem „B. T." wird- aus Dresden berichtet: „Die Leitung des Hansa'buudes hat Herrn Dr. StrHemann ersucht, die Nach­folge des Oberbürgermeisters Knbüloch anziutretckn. Eine Entscheidung hat Herr Dr. Stresemann bisher noch nicht getroffen." — Dem „Hann. Eonrier" zufolge wird er sie wohl in bejahendem Sinne treffen.

* Rechtswidrige Verwaltungseingrisfe. Wie die „Preutz. Lchrerztg." berichtet, ist einem Lehrer im Wahlkreise Kallan-Luckan folgendes, aus dem Landratsamt stammende Schreiben zngegangon, das auch noch an eine Reihe anderer Lehrer gerichtet worden sein soll: „Durch RuUdvcr-füMug vom 22. Dezember v. I. — 2 A 5025 — an die Kreis- und Ortsschulinspektoren hat die Königliche R-etzierung sämt­liche Lehrer daraus hingswiesen, und zwar ausdrücklich, daß es patriotische Pflicht aller staatstreuen Bürger, ins­besondere aber aller wahlberechtigten Beamten uNd Lehrer sei, von ihrem Wahlrecht bei den Neuwahlen Mn Reichs­tag Gebrauch zu machen. Zugleich hatte die Külttgitiche Regierung ange-ordnet» daß den Beamten die nötige dienst­freie Zeit an den Tagen der Haupt-, Stich- uNd Nach­wahlen gewährt und ihnen Ate Kontrolle der Wählerlisten erleichtert werde. Trotzdem haben Sie bei der Stichwahl Ihre Stimme nicht abgegeben. Fm Namen der Königlichen Regierung, Abteilung für Kirchen- uNd Schulwesen, veran­lasse ich Sie, sich darüber binnen fünf Tagen zu äußlern, warum Sie der ausd-rücklichen Weisung der Königlichen Regierung nicht nachgekommen sind. I. V.: Heinz-e, Kreis- sekretär." — Wenn eün solches Schreiben wirklich ergangen ist, so ist damit ein durch keine Gesetzesivo-rschrift begrün­deter Eingriff versucht worden. Niemand hat das Recht, einem Wähler das Wählen vorzuschve-iben, so lange eine Wahlpflicht nicht besteht. Wir halten es daher auch für -einen Mißbrauch, wenn hier von einer Weisnng gesprochen wird, welcher der Lehrer nicht ua-chge'kamm-en ist. Niemand hat ein Recht zu einer solchen „Weisung-", keine Amtsge­walt berechtigt dazu. Ebenso ungehörig ist deshalb auch die „Veranlassung zur Äußerung", die gleichfalls ein unzu­lässiger Eingriff ist. Die zuständigen Minister haben nach einem solchen Vorkommnis die Verpflichtung, die ihnen unterstekhonden Behörden auf die Grenzen ihrer Befugnisse hinzuweisen.

* Zentralverein für Binnenschiffahrt. Unter zahl­reicher Beteiligung hielt vorgestern der Zentralverein für deutsche Binnenschiffahrt in der Berliner Handelskammer feine diesjährige ordentliche Hauptversammlung unter dem Vorsitz des Geh. Regievungsrats Prof. Dr. Flamm ab. Vom Oberbürgermeister Gcheiimrat Fürbringer lag ein Antrag vor, den Plan der GvoßfchWhrtswsge vom Rhein zur Nordsee a-nf sie nächste Sitzung des großen Ausschusses zu setzen. Zur Beg-rüNduNg des- Antrages wurde a-usgeführt, daß auch der Minister für öffentliche Arbeiten kürzlich sich dahin ausgesprochen habe, daß die Frage des Schisfahrtswöges vom Rhein nach EMden große

drei, vier, hintereinander, -aus die langsam, Stück für Stück, aus unserem Laden hinausw-anderte, -eins nach dem anderen: Die Regale, bis -große und -die kleine Wage, ein paar Säcke -voll Mehl und- einige voll Kaffeebohnen und andere voll weißer Bohnen und Erbsen und Reis, der große Schweizer­käse und zuletzt auch die Bonbongläser und die Cakes» irommeln....

Wie gesagt, ich begriff damals nicht, was das alles zu bedeuten hatte. Die Augen meiner Mutter hätten es mir vielleicht sagen können. Aber deren stumme Sprache ver­stand ich noch nicht. Mir schien alles über alle Maßen lustig zu sein.

Ich hatte mir von Zucker-Hutschnüren, die ich in einem der leeren Auszüge des Tresens gefunden hatte, ein Pferdeleit gemacht, den L-adenschemel, der neben dem Tresen friedlich auf dem Pflaster stand, als Pferd anac- fchirrt, war auf den Tresen geklettert und rief nun luftig Hü! und Hott!, und jedesmal, wenn jemand vollbepackt aus dem Laden trat, wo die Leute dichtgedrängt standen, fragte ich ihn, ob ich ihn schnell nach seinem Hause fahren solle, ich hätte gerade angespannt. Damit trieb ich dann wieder den alten Schemel an, der, von meiner Schnur ge­zogen, dann einen wirklichen Hopser machte auf dem alten holprigen Pflaster, das damals noch in unserer Gasse den Bürgersteig bedeckte.

Sicher, wenn die Sonne nicht -geschienen hätte, wüßte ich das -alles heute nicht mehr. Die Zeit löscht so manches aus. Aber sie stand mir gerade gegenüber am Himmel und schien mir voll iirs Gesicht, und ich saß und blinzelte in das helle Licht, das sie mir -cntgegenschickte, so hell und freundlich, als sei -es ein wirklicher rechter Sonnen- und Freudentag heute!

Konnte es ein schöneres Pferd geben als meines Vaters alten L-adenschemel? Wenn er auch nur drei Beine hatte. Er lief auf den dreien besser als manch lebendiger mit seinen vieren. Und wie die Peitsche auf dem leder- überzogenen Sitze niederknallte, auf dessen bl-ankgescheuerter