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Wiesbadener Tsgblstt.

Serlag Langgaffe SL £?MSOß6£lt. ..T-M-tt-H-us" Nr.66üv-S3.

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Samstag, 16. März 1912.

Morgen»klusgabe.

Für die Ausnahme von Anzeigen an vorgejchriebenen T agen und Plätzen wird k'ine Gewähr^nbenionMeL^

Nr. 128. * 60. Jahrgang.

Rußland und Italien.

I-, Berlin, 14. März.

Zur Abberufung Tscharykow wird Ihrem Korre­spondenten von unterrichteter Seite Mitgeteilt. daß den letzen und entscheidenden Anstoß zu der überraschenden, für den Botschafter selber wenigstens dem Zeitpunkt nach überraschend gekommenen Maßregelung ein Ar­tikel in d?r „Nowose Wremja" gegeben hatte, der leb­hafte Angriffe auf Ssasonow enthielt. Tiefer Artikel schloß mit der Unterstellung, Ssasonows italienfreund­liche Politik sei von dem Wunsche eiugeaeben, von Petersburg wegzukommen und als Botschafter nach Rom geschickt zu werden. In der Umgebung Ssasonows wie des Ministerpräsidenten Kokowzews war man nicht tanger im Zweifel darüber, daß dieser Artikel minde­stens indirekt auf Tscharykow zurückzuführen sei, wenn er ihn nicht gar geschrieben hätte. Zwei Tage nach Erscheinen dieses Preßangrifss hatte Tscharykow seine Entlassung in Händen. Tie Petersburger Darstellung, wonach Ssasonow mit der Maßregel nicht unmittelbar zu tun hatte, sie vielmehr erst aus den Zeitungen er­fuhr, kann unter den mitgeteilten Umständen auf Glaubwürdigkeit Anspruch machen. Tenn da Ssasonow bersöulich angegriffen worden war, mußte es ihm weni­ger gut anstehen als Herrn Kokowzew, die auffallende Unbotmäßigkeit des Botschafters niit solcher Schärfe zu rügen. Indessen auch ohne den äußeren Anlaß, der Tscharykows Schicksal besiegelte, wäre er nicht lange auf seinem Posten gelassen worden. Vollkommen rich­tig ist gesagt worden, daß Tscharykow als Begünstiger der Jungtürken die Schwierigkeiten einer Verständi­gung zwischen Konstantinopel und Rom nur noch steigerte, während Ssasonows Politik aus die Beendi­gung des türkisch-italienischen Krieges,, bindrängt. Dieser Tatbestand kann wichtig für die Entwicklung der Lage in der nächsten Zeit werden. Zwischen Rom und Petersburg findet gegenwärtig offenbar eine Fühlungnahme statt, aus die auch manche Gerüchte hin­deuten, so z. B, die in Konstantinopel verbreitete Auf­fassung, daß ein italienisches Vorgehen gegen die Dar­danellen eine entsprechende Aktion Rußlands gegen den Bosporus zur Folge haben werde und daß dieser Parallelismus nichts weniger als eine Feindseligkeit der russischen gegen die italienische Politik bedeuten würde, daß er vielmehr der Ausdruck eines vorbereite­ten Zusammengehens sein werde. Was an diesen Ge­rüchten ist, die in wechselnden Formen, aber im wesent­lichen übereinstimmend, aus verschiedenen Hauptstädten gemeldet werden, mag dahingestellt bleiben. Jeden­falls jedoch spinnen sich zwischen Tiber und Newa Fäden an, die möglicherweise ein festes, für die Türke: gefährliches Gespinst liefern werden. In Petersburg kommt ein Gesichtspunkt in Betracht, der für Rußland ganz besondere Bedeutung hat, nämlich die Rücksicht­nahme auf den russischen Getreidehandel. Eine Sper­rung der Meerengen für die Getreideschiffe aus Odessa

würde sich Rußland nicht gefallen lassen wollen, so wird in den Kreisen versichert, aus denen Ihr Korre­spondent diese Mitteilungen erhalten hat. Einstweilen kann man es noch mitansehen, aber die Zeit tritt näher, zu der die russische Regierung darauf wird dringen wollen, daß die Schiffahrt durch Bosporus und Darda­nellen ohne irgendwelche Störung erfolgen kann. Hier also ist der Boden gegeben, auf dem sich eine italienisch- russische Verständigung vielleicht eher, als es unter anderen Umständen geschehen würde, erzielen lassen mag. Es kommt hinzu, daß an der Newa ernste Be­sorgnisse herrschen, die lange Dauer des Krieges könnte im Frühjahr die Neigung zu Aufständen auf dem Bal­kan entfachen. Diese Zeilen waren bereits geschrieben, als die „Vossische Zeitung" folgendes Telearamm aus Rom brachte: „Aussehen erregt heute ein Artikel der offiziösen „Tribuna", worin unter Hinweis auf den Berliner Kongreß von 1878, der Rußland um den Siegespreis gebracht habe, ein Zusammenhalten Ruß­lands und Italiens gegen die Taktik der anderen Mächte befürwortet wird, die auch diesmal der besieg­ten Türkei zur Seite stehen möchten, um dafür bezahlt zu werden." Sonderlich liebenswürdig gegen uns und Österreich-Ungarn ist dieser „Tribuna"-Artikel ia nicht, und von Dankbarkeit für die guten Dienste, die beide Mächte in jüngster Zeit dem Tritten im Bunde er­wiesen haben, ist nichts darin zu verspüren: aber das mag hingehen, da es im Augenblick wichtiger ist, Klar­heit über die russisch-italienische Annäherung selber zu gewinnen. Daß sie im Gange ist. kann man eigentlich nicht mehr bezweifeln. Was sie bringen wird, kann nicht lange verborgen bleiben. Vom russischen Stand­punkt aus mag es nicht einmal so wichtig sein, ob ein Angriff der italienischen Flotte auf die Dardanellen erfolgreich fein wird. Auch ein mißlungener Vorstoß würde die Dinge wohl nach den russischen Wünschen ins Rollen bringen. Tscharykow war ein Hindernis für die gesuchte Annäherung, und so mußte er über Bord ge­schafft werden. Was die Nachfolge Tscharykows be­trifft, so ist keine der bisherigen Namensnennungen besser als die anderen begründet: es ist noch keine Be­stimmung darüber getroffen worden.

„Die Ausrottung des Modernismus".

Unter bttefotn Titel macht ein nicht genannter Autor (er nennt sich „Spectator alter") An demnächst erscheinen­den zweiten Märzheist von „Nord und Süd" Mitteilungen, die aus bssondere Beachtung Anspruch erheben. Der Ver­fasser Zeigt mit jeder Zeile, daß er mitten %t den geschil­derten Dingen unid Verhältnissen. steckt, daß er uugewSHMch gut Bescheid weiß. Der Aufsatz ist uns durch Me Freund­lichkeit von Professor Ludwig Stein, dem Herausgeber dieser treMchrn Halbmonatsschrift, schon vor Erscheinen zwgsAaNgen, unid wir wollen das Wesentlichste daraus wieidergeben. Kommentierende AusMmnge» erübrigen

(Nachdruck verboten.)

Pariser Kunstbrief.

Paris, ly. März.

Bevor der Pariser Kuustfrützling mit seinen großen „Salons" und „Jndspendauts" anbricht, verdienen einige interessante künstlerische Erscheinungen des Jahresbeginns eine Vorschau. Wir gedenken uns nicht bei den Winteraus- stellungen der „Cercles,, Epatant und Volney aufzuhalreu, die niit stets den gleichen mondainen Portraitiste« und Sknlptoren stets die gleiche vornehm-blasierte Menge An­ziehen. Wir werden unseren Rnndgang bei der Exposition de Peintres et de S'culpteirrs ansaugeu, die das Gereifteste Von reifer fvanz-östscher Kunst zu bergen pflegt, ihn in Simonts Sonder- sowie Vierges posthumer Ausstellung, Mit dem Japaner Utamaro und dem Belgier Brangwyn, in Manuels neuer Galerie und bei den itali ein schm Futuristen fortsetz'en und als Beschluß dem Atelier Meister BartholomSs und seinem für das Pantheon bestimmten Rousseau-Denkmal einen Besuch abstatten.

Tie Exposition de Peintres et de Sculpteurs vereinigt in vornehmster Auslese, was Puvis de Chavannes in den Neunziger Jahren an damals als Revolutionäre ver­schrienen, in Wahrheit nur ihrer Individualität treuen Jüngeren um sich geschart hatte. Besnard reist jetzt viel oder^ vollendet sein Plasondgemälde für die ComZdie Frangaisc; Carriere ist tot. Und so sieht man von den Meistgenannten Flügelmännern des gepriesenen Puvis diesmal nur Rodin vertreten, der auch, bei allem Genie, nicht mehr der Jugend Vollkraft bekundet. Sein neuester, in Bronze gegossener Torso enthält Muskelstudien seltener Art, eine kühn gewählte Körperausspannung, die nur be­dauern läßt, daß der Schöpfer der „Bürger von Calais" Nichts mehr vollendet; auch eine „Hand", die Rodius eigene .Gipsgabel" zu sein scheint, ist interessant, ohne die Be-

dmtung seiner unvergessenen „Schöpferhand" zu haben. Charles Cottet mit wuchtigen Bretagne-KüstenbUdern> ist Wieder unnachahmlich als veristischer Landschafter; Momnd bringt neue hellenische Tempslhügel weihevollster antiker Stimmung; Henri Martin sticht mit einer großen, eklatant farbigen und scharf impressionistischen Wandmalerei her­vor; Raffaelli malt seine Straßenszenen wie mit Tusche aus und erzielt die feinsten Bowcaurtgseffekte. Walter Gay, Aman-Jeau, I. E. Blanche, 8«, Gcmdara, Le Sidauer und La Touche bleibm aus ihrem ureigensten Gebiet mit tüch­tigen Leistungen, wie man sie von ihnen gewohnt ist und wie sie die Sammler und Museen von ihnen seit Jahren kaufen.

Lucicn Simont hat hier wie auch in seiner ersten Ge- samtausstellung, die bei Bernheim vielen Zulauf fand, nach den zahlreichen bretonischen Studien der letzten Fahre einen Versuch mit Nacktmalerei gemacht. Bei diesem ge­wissenhaften und so empfindlich talentierten Maler konnte man voraussetzen., daß er auch aus dom neuen Folde ein fleißiger Sucher sein werde, bevor er an die Öffentlichkeit trat. " Der ans whistlerisch nuancierten Tüchern ausge­streckte Franenkörper wurde von Simont anatomisch nur angedeutet, da ihn mehr das Farbenmysterium lockte; lei­der" entging die Iris des Künstlerauges nicht genügend der Modeauffassuug, die Flerschtöne regenbogenartig zerlegen zu müssen. Um der Natur zugleich ihr koloristisches, Licht- und Wärme-Geheimnis «bzulauscheu, verlor sich auch Simont zu weit in optischer Differenzierung. Seine Kirchenbilder mit Prozesstonen und Lunten Bretoninnen geben mehr Aussicht, der Nachwelt Simouts Name voll Bedeutung zu erhalten.

Von allen Darbietungen der vielen Kunstzalerim war unstreitig die posthume Sammelausstellung des zeichne­rischen Werks von Daniel Vierge die dem Kunstfreund wertvollste. Vierge, spanischer Herkunft, Lesaß zu Leb-

ich, wie mau bei der Besonderheit und Sachlichkeit der rzählten Vorgänge bald merken wird. „Spectator alter chvedbt ib'emt Mso: Als PaW Wus X. Äi>e LliMifanigrerche Encyclica Pascendi 8. 1907 ijetöffcwil lch^

>te in 'DeiutschlMd gchlissentlich irr Um aÄe Härten Krr-g. a>v- chwächmidien Text der frianzöMHen SpraHe^ bekanntgiogEN Durde, erfaßten nicht geringe Berl'eiIenheit un!d BerjÄM- nnng die kirchlichen Kreise Deurschtands. Das lange Schweigen des Epiflopais. der kockholischeN FalultatÄr und oer Zentrumspresse ging dem Vatikan' aus die Nerven. Endlich, am 10. Dezeimber 1907, traten die preußischen und oberrheinischen 'Bischöfe unter Vorsitz des KaMnals Fischer in Cölu zusammen. Die Stimmung der gckMchcn Würdenträger erschien gedrückt. Die Kurie hatte eine neue Häresie ersonnen, um das wiffenschaMiche Studium der Meologie überhaupt bekämpfen zu können; denn em „modernistisches ' System" PYilosoPhischchistorijchckrittschcr Art gab's nicht (Bffchois Dadolle von Dijon: „Der von der päpstlichen Enzyklika geschMderte Mddernist existrert nicht ). Mus X. stellte mit noch größerer MM tigkoit als fern staatsmänNischer Vorgänger Leo XIII. das MMche Studium aus die schmale Basis der aristotelffch-thomMcheu Theorie uNd verurteilte die „mode-ruiftische Neugier Der deutsche Episkopat schaud'erte vor den Ansfuhrungs>be!>.m- mungen des väMichen Rundschreibens zurück, wod-urch alle gewiffenhasten Forscher in Denischland der FursoE der römischen Kongregalionen des Index und der xM- auisition ausgeliöfert werden sollten, wenn sic auch nur die Schattenseiteu der kirchlichen N-rgiaugenhett und die Echi- heit ehrwürdiger Reliquien (die elf heiligen Leichentücher uNd zw'anzig nngenähten Röcke Christi, das Heilige Haus von Loreto und das hochheilig Präputium in der Kirche von Ealceterra bei Rom. das vr. Karl Marx Kaufmann nach Erlegung der Taxe von 5 Lire kniend unter dem Ge­läute aller lWocken verehren durfte) anzntasten oder wenn sie in Archäologie. Geschichte oder BibMorschung einen neuen Gedanken eiuznnrhren wagten. Die von Rom vor- aeschriebsne peinliche ttberwächnng der Professoren und Schriftsteller durch «ine argusäugigie Anfsichtsbchorde mußte das niMrigste Denunziantentum zeitigen uNd einer häßlichen KetzerriecherÄ Vorschub leisten. Dazu Wollte man sich in C-öln nimmermehr hergeben. Die V>ersammlun>g der deutschen Bischöfe beschloß darum, dem Heiligen Stuhl seine Unterwerfung anMzeigen, gleichzeitig aber auch fern Befremden darüber nicht vorznenthalten, daß so wichtige, die Bevölkemny des paritätischen Deutschlands ichmerz- lich berührend« Maßnahmen von Rom ans verfügt worden seien. obM den deutschen Episkopat auch nur gehört zu haben. Der von Rom aNgeordnete ^ überwachungsrat wurde für DeutschlaMd abgölehnt; er fei — so lautete der vorsichtig MfcheD — im bifchMichen Ordiuarmt taffachlrch schon vorbandlen. Das Schreiben des deuffchen Episkopats vom 24 Dezember 1907 an den Papst wurde im Vatilau aufs strengste g-hcimgehalion, und der von 'der Kurie ge- forderte in Dentschband nicht ernge-

führt. Vor dieser energischen Weigerung wich Rom sosort zurück mit stillenr Groll im Herzen. Die scharfe Kritik, wÄcke die beiden Gölchrten Albert Ebrhard unid Joseph

Srb'Nl'her an Ux r Encyclica Pascendi 0 iuttß> NN de-m proprio „SacroTum Antistum" Wien, mx be aLeMngs

zMen nicht ganz den Ruf, den er allein schon dank zetucr Ton-Quichotte-Jllustrationen hätte genießen müssen: Er

hatte nicht die Eigenschasteu des gemal-erakten Menzel oder des peinlich-liehenswürdigen Richter — er fühtte den Griffel als Spanier mit Stierlamps-Temperament! Seine Schlachiemskizzen sind voll wilder Phantasie, mitunter etwas liederlich, aber stets groß angelegt. Niemand hat vor ihm aus einem Blatt Papier mit ein paar Strichen so hiimmelhochragende Pyrenäettberge zu zeichnen vermocht, zu denen die winzig klein, aber scharf und auf den ersten Blick sichtbar hineingekritzelten Gestalten Don Quichottes und Sancho-Panzas den Waßstab geben. Der Spanier, der mit dreißig Jahren wegen Lähmung der rechten Hand fein Metier aus die Linke umlernen mußte, hat, als er 1904 ist Paris starb, kaum ahnen können, daß bald nach seinem Hinscheiden die tausend Illustrationen, die er billig kreuz und quer verstreute, einen rsspektableu Sammlerwert erreichen würden.

Das lünsöH des Arts deeoratifs, das diese Ehren­rettung vornahm, hat auch das Verdicsrst, erneut den frau- zöflschen Geschsnack auf die japanischen Meistw 'der farbigen Kunstdrucke hmzulercken. Eine von allen Pariser Kollck- tioneuren beschickte Ausstellung vereinigt das . Hervor­ragendste, was der schon von den Goneourts in einem interessanten Buch geschilderte Utamaro geschaffen, und zu­gleich Werke seiner Vorgänger des 17. und 18. Jahrhun­derts, der japasrischeu „Primitiven" und der Hamuolu, Koriusai, Kyonogu und Sharaku. Diese Acerster brach.en das „Stilisieren" ihrer Geishas zu erneut so hohen Grade, daß viele Unciugewoihte kaum noch einen psychologrscheir Unterschied in den geschminkten und npertm Köpfchen sehen wollen. Der Kenner aber wird sich Nicht sattsehen an der Zartheit, Grazie und Beobachtungstteue sowohl irr der Zeichnung ivie der Farbengebung ans diesm Original­drucken. die einen hohen Wert erreicht baden. Die Kunst