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Donnerstag, 14. März 1912«

Morgen» klusgabe.

Nr. 124. -» 60. Jahrgang.

Pfarrer §tier.

Ohne Gerichtsverfahren abgesetzt.

Noch ehe der Fall Traub erledigt ist, hat man den Pastor Stier in Motzen kurzer Hand — und zwar sehr kurzer Hand — einfach abaesetzt. Ter Fall ist einiger­maßen bekannt. Pastor Stier in Motzen ist den wüsten Derrainspekulationen, die sich bei der Erwerbung des Neuen Zossener Militärschießplatzes breitgemacht haben, energisch entgegengetreten. Er hat in seinen 4 Ge­meinden noch kurz ehe die Bauern ihr Land an die Zwischenhändler — ohne die geht es nun einmal nicht ^ verkauft hatten, die Wertzuwachssteuer einzuführen versucht. Teilweise mlt Erfolg. Teilweise traf die behördliche Genehmigung nicht rechtzeitig ein. Stier glaubte nun, daß der Landrat bei größerem Eifer für eine rechtzeitige Inkraftsetzung hätte sorgen können. Es schloß sich eine Preßpolemik an. Stier griff auch sonst tn das ganze Wespennest der Landspekulationen in llnd um seine Pfarrei hinein.

Wer es aber mit einem preußischen Landrat und seinem Anhang verdirbt, der ist bei unseren Kirchen- öehörden schlecht angeschrieben. So leitete denn das Konsistorium vor etwa Jahresfrist das Disziplinar­verfahren gegen den Pastor Stier mit dem Zweck der Entfernung aus dem Amt ein. Und zwar, mit folgen­der eigenartiger Begründung: „Stier hat in einer mrt dem Amt eines Geistlichen nicht vereinbarenden. Weise kür die Wertzuwachssteuer agitiert und dabei den Landrat v. Achenbach und den ersten Kreissekretär der Verletzung der Amtspflichten und den Landrat außer­dem noch der Bodenspekulation beschuldigt. Weiter lvird dem Pastor zur Last gelegt, daß er eine Eingabe sür seine Gemeinde an den Reichstag gesandt und eins mische Berichtigung in das „Teltower Kreisblatt" ein- ßerüeft hatte." Man denke sich, auf so' nebensächliche Tinge hin wagt" es das Konsistorium, ein schweres Disziplinarverfahren einzuleiten. Von kirchlichen Dingen ist auch in der Begründung der Disziplinär- Untersuchung mit keinem Wort die Rede.

Das Verfahren nahm dann seinen Gang. Stier arbeitete mit riesigem Fleiße sehr umfangreiche Ver­teidigungsschriften aus. Er wandte sich in längeren Eingaben an den Kanzler sowohl wie an die Kaiserin. Er wollte einmal gründlich in die dunklen Gänge der Bodenspekulation in der Umgegend von Berlin hinein- muchten. Am 6. Juli 1911 war der Haupttermin an- öeraumt. Stier aber war ziemlich abgearbeitet, und Wan hatte ihm von gewisser Seite nahegelegt, zuvor ?inen vierteljährlichen Erholungsurlaub zu nehmen. Der Termin wurde verschoben. Das Konsistorium hat dann aber überhaupt keinen neuen Termin anberaumt, 'andern Stier bearbeitet, ob er sich nicht versetzen lassen Polle. Dieser aber lehnte aus dem anerkennenswerten Grunde ab, er möchte nicht, daß seine Gegner dächten,

wiche, weil er im Unrecht sei. Um Weihnachten herum

Maxim Gorki, der Fünfzigjährige

- (Geboren den 14. März 1862.)

Von Dr. Paul Landau.

Der 50. Geburtstag bildet auf dem Lebenswege eines leden Menschen eine Hauptstation, von der er und die, die seine Daseinsreise teilnehmend verfolgen, prüfende und wägende Blicke auf die dnr-chmessene Strecke zurückwerfen. 8retlich wird in der Entwicklungsgeschichte eines Künstlers Köser natürliche Einschnitt nicht stets seine geistige Begrün­ung finden, denn die „Jahresringe", die sein Werk ansetzt, Drusen gar zu oft parallel mit der Zahl der Lebensjahre. Aber das Bedürfnis, an der Halbjahrhundertwende eines bedeutenden Menschenlebens die Summe dos bisher Ge­gifteten zu ziehen, tritt doch gebieterisch hervor. Maxim ^»rfi steht am 14. März an diesem Wendepunkte, und bei chm wird man besonders aufgesordert, ans diesem Anlaß

Wesensliitien seiner eigenartigen Persönlichkeit zu um­grenzen, da die eine Periode seines Schaffens völlig abgc- tchlossen vor uns liegt, während es ihm trotz jahrelangen Fastens und Ringens noch nicht gelungen ist, eine neue ver­heißungsvolle Phase in seinem Dichten heraufzuführen. 2b die nun. Recht haben, die die Quellen seiner.Kraft über­haupt für versiegt halten, oder ob er aus dem wirren Chaos seiner jüngsten Produktion ein neues festes Weltbild, die whtge Sicherheit des Gestaltens gewinnen wird — jeden- falls ist für uns heute der Dichter des „Nachtasyl" der Held river zu Ende gegangenen Episode in der Geschichte der ^'ssischen und der Weltliteratur, ein farbenglühender, Psfi liierend er Komet, der bei fetrtent Aufgehen mit bei­spiellosem Jubel gefeiert und bei seinem jähen Niedex- ,?<vrge ebenso maßlos geschmäht wurde. Die Zeit ist wohl letzt . gekommen, um mit objektiver Gerechtigkeit die "betischsn Werte.zu betrachten, die er der Dichtung ge-

crhielt Stier dann eine neue Verfügung, daß das Disziplinarverfahren seinen Fortgang nehme.

Der Fortgang aber zeigt sich darin, daß das Kon­sistorium ihn kurzer Hand absetzt. Hat das Konsi­storium vor der Verteidigung und dem Beweismaterial Stiers etwa Angst gehabt? Tie Absetzung ohne geord­netes Gerichtsverfahren ist ein Gewaltakt, der an die schlimmsten Zeiten des Mittelalters erinnert. Das Schriftstück ist geradezu klassisch. Wir raten dem Kon­sistorium, es fein auf Büttenpapier gedruckt, bei der Ordination jedem Pfarramtskandidaten als Warnung zu übergeben.

Das Konsistorium erklärt, daß ihm im Laufe der Disziplinaruntersuchung Bedenken cm der vollen Zu­rechnungsfähigkeit des Angeklagten gekommen wären. Es hat darum die Akten an den. Kreisarzt Dr. LePP- mann geschickt, und er gibt lediglich auf Grund dieser folgendes Urteil ab: „Stier ist entweder auf dem Weg zum Querulantenwahn oder er ist ihm bereits verfallen, d. h. er ist entweder ein geistig Angekränkelter oder ein bereits Geisteskranker." Das Konsistorium ersucht dann Herrn Stier sich von Dr. Leppmann noch beson­ders aus seinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Aus Rat seines Anwaltes erklärt der aber Leppmann für befangen. Leppmann ist ein gern gesehener Freund aus dem Teltower Landratsamt, mit dem Stier in Streit stand. Nun macht das Konsistorium sich selbst einen Vers zurecht. Es stöbert in Stiers Vergangen­heit nach. Vor 16 Jahren hat einmal ein Arzt Herrn Stier bescheinigt, daß er an neurasthenischen Beschwer­den leidet, und daß er deshalb 3 Monate Urlaub er­halten müsse. Dann hat Stier 1905 ein Sanatorium ausgesucht, weil ihm wieder ein Arzt geraten hatte, seine nervöse Reizbarkeit dort zu heilen. Diese Nervo­sität sei dann in den letzten Jahren, sagt das Konsi­storium, schlimmer geworden. Worin hat sich das ge­zeigt? — Das Konsistorium schreibt an Stier: „Per­sonen, welche unter ihrem Eide nicht so aussagen, wie Sie es erwarten, beschuldigen Sie der Verletzung der Eidespflicht. Sie stellen unzählige nicht zur Sache ge­hörige Anträge und beschweren sich über ihre Ab­lehnung oder Nichtberücksichtigung," Ferner habe Stier selbst in einer 80 Seiten langen Denkschrift an den Kanzler erklärt, er habe ein halbes Jahr lang. Ämter und Familie vernachlässigt, Ehre und Gesundheit aufs Spiel gesetzt und unermeßlich schwierige Untersuchun­gen gemacht. Das ist alles. Damit ist Stier gerichtet. Es heißt dann am Schluß: „Wir sind zur Überzeugung gelangt, daß Sie wegen Schwäche Ihrer geistigen Kräfte zur Erfüllung Ihrer Amtspflichten dauernd unfähig sind." Mit 1800 M. Ruhegehalt wird 'Ltier zwangs­weise pensioniert.

Ist das nicht unerhört? Man kann vielleicht zugeben, daß der Angeschuldigte eine etwas nervöse Art hat. Aber wer einen so schweren Kampf gegen Landrat, Spekulanten und Konsistorium führt, der braucht wahr­haftig Nerven wie Sechserstricke. Ich kenne Stier seit

schenkt und einen überblick über die bisweilen zur Epide­mie ausgeartete Gorki-Mode, die wir alle miterlebt haben, zu geben.

Selten mag wohl ein junger Anfänger so rasch zum .großen Nationalgeme, ja zum internationalen WEÄichter erhoben worden sein, als Alexej Maximowitsch UWHkow, der sich als Schriftsteller Gorki, der Bittre, nennt, 1893 veröffentlichte er seine erste Erzählung „Makar Tschudra", die wenig Beachtung fand. Etwa vier Jahre später aber lenkte der angesehene Wladimir Korolenko die Aufmerksam­keit auf diesen dichtenden Vagabunden, der durch seinen Lebenslauf wie durch das Milieu seiner Erzählungen gleichmaßen Sensation erregte. Mit Gorki kam gleichsam der „fünfte Stand" in der Literatur herauf, das „bar­füßige Regiment", der Kreis der Vagabunden, Gauner nnd Ausgestoßenen aus der Gesellschaft, der „gewesenen Leute", die aus den Höhen in die Tiefen des Lebens ge­sunken waren, und deren, die selbst nie 'etwas „gewesen". Und in dem Poeten, der als Gelegenheitsarbeiter, als fliegender Händler, als Strolch die langen Landstraßen, weiten Ebenen und breiten Flüsse des „Mütterchens" Ruß­land hinauf und hinab gezogen war, erschien nur der Typus der „kommenden Leute" in seinen Geschichten, die sich emporringen sollten aus der Nacht zum Licht, aus dem Sumpf zur Reinheit. Den Vagabunden harten schon vor ihm andere dargostellt, als romantischen Helden Hottet, Wolfgang Kirchbach als den Handwerksburschen aus der Walze, Richepin als heiteren Prinzen Vogelfrei, Dosto­jewski und U sperr ski als ein Sinnbild russischen Volks- charakters. Gorki gab als erster eine Psychologie des Vagabundentums, offenbarte die gewaltigen seelischsn Kräfte, die in diesen scheinbar Vertierten lebten. Aus allen seinen Gestalten klang ein inbrünstiger erschütternder KaMpfesrns nach Befreiung von den Fesseln der Gesell­schaft, strahlte eine Bewunderung der tatkräftigen Ur- natur. die noch nicht machtlos geworden ist. durch Las

Jahren und habe an seinen Kämpfen einen bescheide­nen Anteil gehabt. Ich muß sagen: Stier hat^sehr viel Mut und Eifer an. eine gute und ehrliche Sache gewandt. Das hätte die Behörde freudig anerkennen sollen. Aber Leute, die gegen weltliche Gewalten kämpfen, sind heute deni Konsistorium außerordentlich unbequem. Tie Kirche will ruhige Geistliche. haben, wie man das auch Herrn Stier wiederholt erklärt hat.

Unter solchen Umständen ist kein Geistlicher, der .gegen schwere Mißstände ankämpft, sicher davor, aus dem Amt gestoßen zu werden. Wie weit hat sich doch heute die Leitung der Kirche von dem Verhalten ihres Stifters entfernt. Er hat erklärt: Ärgernis muß kom­men! Das lag nach ihm in der Richtung des Christen­tums. Die heutige Kirche ivill jedes Ärgernis um­schiffen. H. Kötsch Le, Pastor a. D.

Deutsches Reich.

* Gegen den Versuch, dieRütionalliborEcn nach rechts

zu drängen, hat sich der Ahg. Bassermann am Sonntag sehr kräftig auch auf dem Festmahl gewandt, das sich in Eökn an die Verhandlungen des rheinischen Parteitags der Nationallliberalen anschloß. Abg. Bassermünn erklärte nach dem Bericht der „DAsseEd. Atg.": Eine Partei wie die nationalliberale könne nicht verschwinden, aber sie müsse liberale Politik Machen: konservative Politik

mache man am besten in einer k o n servativen Partei. Die Partei wird vergehen, die immer in ihren alten Blättern Nachsicht, wie es einst war. Vielmehr müssen wir eingreisen, das Schöne und 'Herrliche zu erfassen, was die neue Zeit bietet, das Rinjgen von Hunderttausendcn und Millionen zum Licht und zur Freiheit. Möchten große Staatsmänner für uns kommen, die diese Zeit erkennen in ihren Gefahren, aber auch in dem Lichten und Hellen, was sie bietet. Man kann nicht das a l l g e m c i n e W a h I - recht,geben und die Leute in di e Reg i mettiet stecken und ihnen dann das G r o ß st a d t l e b e n ver­schließen wollen, wie es leuchtet und sich freut. Diese Menschen wollen ihren Anteil an den GlMsgütern der Erde. Wehe der Partei, der liberalen Partei, die das nicht erkennt. Mit diesem, imperialistischen, diesem liberaler!, diesem sozialen Gedanken muß ich für meine Person stehen und fallen, wie ich sie ans unserem BoAsleben geschöpft uüd als richtig erkannt habe in dreißigjährigem Wirken.

* Eine russische GedächtniSkapelle in Leipzig. Dias «iffische KviogsmiNisteviuM hat die Anregung zum Ban einer Kapelle in Leipzig gegeben, die ds!m Gedächtnis der am 18. Oktober 1813 in der Völkerschlacht gefallenen Russen ge-wjdmet ist. Den Platz für diese Kirche hat die Stadt Leipzig .zur Verfügung gestellt. Das Gebäude wird in der Rühe des VöMerMachtdenfmals am WindmüMenw« er­richtet, ganz in der Nähe der neuen Prachtstrahe, die, vom Bayerischen BahnhÄf über das Gelände der „JNternatio- nalen Bausach-Ausstellung 1913" führend, sich zum Denk­mal hinzicht. Diese Straße, deren imposanten Abschluß das VAkerschlachtderÄNbal bildet, echält den Rauten „Straße

ffsische Kardinalübel, die Reflexion. Rußland sah eine ,öit lang in diesem Barfüßler-Dichter seine Sehnsucht nach inem echten großen Volksgenie verkörpert, der Nekrassow n Dostojewskis Grabe Ausdruck verliehen hatte. Die rachtvolle Frische seines Stils, - seine primitive Schärfe es Sehens schufen eigenartige, vorher nie geschilderte Ge­ölten auf einem wundervollen NaturhiniergruNd; man bersah die weichlichen und rührseligen Züge, die sich ein- blichcn und die Anfänae einer gewissen literarischen Ver- ildung des allzu rasch berühmt Gewordenen ahnen ließen. )iese ersten Erzählungen zeigen Gorki als einen Entdecker anstlerischen und stofflichen Neulands von nationaler flöße, aber zugleich die ewigen Triebe des Menschen- erzens betonend; ihren Höhepunkt erreicht seine episch- 1 rische Kunst in den Romanen „Foma Gordjejew", diesem errlichen Bild der Wolga und ihrer Welt, mit Mark wains Mississippi-Büchern vergleichbar, und den „Drei llenschew', seinem tiefsten Werk, das das alte russische Problem von dem Drang nacb dem „gerechten Leben", von ein Sehnen nach der „Seelenrettung" behandelt und den rmen Naturmenschen aus schwerster Schuld sich zur Wa.hr- eit unid Befreiung durchringen läßt.

Zn Beginn des neuen Jahrhunderts gehörte Gorki, er mit 39 Jahren zu dichten angesangen hatte und mit 35 okannt geworden war, zu -den gefeiertsten und gelesensten usstschen Schriftstellern, und sein Siegeszng durchs Aus- rnd hatte begonnen. In Deutschland ergießt sich seit 1901 ine Flut von Übersetzungen über das Lesepubliknm, das w. der Originalität dieses Ausschnitts aus dem innersten iußland entzückt ist. „Ausgewählte Werke" werden in ahlroichen Bänden herausgebracht, 1903 fangt eine Ans- abe seiner gesammelten Werke zu erscheinen an, die 66 steferungen umfaßt, in populären Auswahlbüchern, tote e sonst nur den Klassikern, zuteil werden, wirbt man für hn Was uns besonders .zu Gorki hinzog, war einmal te'weite Note, die er in die Lstcratur brachte, dann .aber