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ELalter-Halle gröffnet von 8 Uhr morgens kis 8 Uhr abends.

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Für die Ausnahme von Anzeigen an «orgkschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernomtnen.

Mantag, II. März 1912.

Kdend-Ausgabe.

Nr. 119. - 60. Jahrgsug.

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politische Übersicht.

Oberbürgermeister Mrschner.

rvb. Berlin, 9. März. Der Magistrat machte amtlich bekannt: Nach Schluß der Magistratssitzung teilte der Bürgermeister dem Kollegium die Ab­sicht des Oberbürgermeisters Di*. Kürschner mit, demnächst vom Amt zurückzutreten. Ter Magistrat: nahm mit lebhaftem Bedauern von dem Entschluß Kenntnis und beschloß einstimmig, dem Ober­bürgermeister das volle Vertrauen des Kollegiums auszusprechen und die inständige Bitte vorzutragen, seine Rücktrittsabsicht aufzugeben.

Der Rücktritt des Oberbürgermeisters Kirschner von Berlin kommt nicht überraschend. Als vor Jahres­frist die zwölfjährige Amtszeit des Herrn Kirschner ab­gelaufen war, konnte die Ausschreibung der Stelle unterbleiben, weil Kirschner sich entschlossen hatte, er­neut zu kandidieren. Er wurde einstimmig auf aber­mals zwölf Jahre gewählt. Indessen wußien alle beteiligten Kreise, sowohl der Magistrat und die Stadt­verordneten wie auch die Regierungsstellen, daß Herr Kirschner nur darum wieder kandidiert hatte, weil er sich mit Recht sagen durfte und weil die städtischen Be­hörden es sich mit ihni sagten, daß ein Wechsel aus die­sem Posten gerade in der Zeit unratsam wäre, wo das Zweckverbandsge.setz vor der _■ Ausführung stand, Ivo es also besonders erwünscht sein mußte, daß die Maschine des größten deutschen Gemeinwesens reibungslos arbeite. Immerhin darf man sich wun­dern, daß Herr Kirschner schon so schnell zurück­treten will: einige Jahre hätte inan ihm als Ober­bürgermeister wohl noch gegeben. Aber verargen wird Herrn Kirschner, der doch nicht mehr zu den Jüngsten zählt, seinen Entschluß nur jemaiid, der nicht weiß, mit welchen außerordentlichen S ch w i e r i.g- ketten in stetem Kampf mit den Behörden sich gerade der Oberbürgermeister Berlins zu plagen hat. Sodann ist es offenes Geheimnis, daß Herr Kirschner durch die Mahl des Stadtkämmerers Steiniger zum Direktor des Zweckverbandcs ver­stimmt wurde: sein .Kandidat war der Oberbürger­meister Voigt-Barmen, der sich jedoch gegen den Wider­spruch einiger mit den Staätsbehörd eit in be­sonders enger Fühlung stehender Vororte nicht hatte durchsetzen lassen.

Eine sonderbare Geschichte.

Vom Kaiser will die „Saale-Zeitung" eine Ge­schichte erzählen können, von der Mit erheblicher Sicher- beit anzunehmen ist, daß sie nicht zutrifst. Aber diese Geschichte wird durch die Blätter gehen und darum darf Man sich mit ihr befassen. Das genannte Blatt be­richtet denn also, daß sich „im Aufträge" der norwegi­schen Regierung der deutsche Gesandte m Christiania an das Auswärtige Amt in Berlin mit der Frage wandte, ob Norwegen größere Mengen Kohlen aus Deutschland beziehen könne. Derartige Angelegen­heiten müßten, so heißt es weiter, mit einem ent­sprechenden amtlichen Gutachten versehen dem Kaiser dorqelegt werden. In dem Bericht an den Kaiser war gesagt, daß es bedenklich ist, allzugroße Mengen Kohlen an das Ausland abzugeben: man müsse über erneu ge- nügenden Vorrat für alle Fälle verfügen. Ter Kaiser sei jedoch ganz entgegengesetzter Meinung gewesen, er habe dem Bericht folgende Randbemerkung zugefügt: „Unsinn, die Situation muß ausgenutzt werden'" Der Gesandte sei entsprechend beschiedcn worden, woraus größere Bestellungen auf deutsche Kohlen^aus Norwegen erfolgten. Ties die Erzählung der „Saale-Zeitung", die uns vor allem darum.bedauerlich erscheint, weil sie dem Kaiser, dem Reichskanzler, auch unserem Gesand- ten in Cbristiania eine Stellung und Auffassungen wie Handlungen zuweisen, die, wenn es sich mit ihnen wirk­lich so verbielte, das stärkste Befremden Hervorrufen müßten. Zunächst kann unser Gesandter nicht „im Aufträge der norwegischen Regierung" an das Aus­wärtige Amt berichtet haben. Sodann kann es nicht möglich sein, daß der Kaiser nicht wissen soll, die Kohlenausfuhr sei keines der Gewerbe, dercn^ Förde­rung im staatlichen oder nationalen Interesse liege. Dem Kaiser ist es natürlich ebensogut wie iedem ein­sichtigen Betrachter bekannt, daß die Kohle schon hin­reichenden Absatz im eigenen Lande findet und daß ihre Ausfuhr gerade in kritischen Zeiten wenig willkommen sein kann, wie denn in solchen Zeiten mehrfach der Ge­danke eines Kohlenausfuhrzolls erwogen worden ist. Endlich kann es nicht richtig sein, daß eine Maßregel, die der Reichskanzler empfahl (bedingungsweise ein- Mal angenommen, daß die Erzählung bis dahin zu­trifft), vom Kaiser in dieser Art abgelehnt wird, und dnß her verantwortliche Staatsmann das schweigend

und gegen seine Überzeugung hinnimmt. Was an der sonderbaren Geschilpte in der „Saale-Zeitung" am meisten zu beklagen ist, das ist, daß wieder einmal die Person des Kaisers in einer Angelegenheit, die aus- schließlich ressortmäßig zu erledigen ist, in den Vorder­grund geschoben und der Kaiser als ein Mann behandelt wird, der seine persönlichen Ansichten ohne jede Rück­sichtnahme auf staatsrechtliche Gebundenheit durchsetzen möchte. Man weiß doch, welcher Wandel in dieser Be­ziehung seit dem Spätherbst 1868 eingetreten ist, und man sollte daher mit solchen Behauptungen jetzt doppelt vorsichtig sein.

Dsr Lohnkampf öer Bergarbeiter.

Die Lage im Ruhrrevier.

bä. Herne i. W., 11. März. Die entscheidende

Revierkonferenz, an der annähernd insgesamt 609 Berg- arbeitstr-Delegierte ans allen Teilen des Rührgebietes teil- nahmen, fand hier gestern vormittag statt. Reichstagsabge- ovdneter Sachse, der Vorsitzende des Alten Bergarbeiter- Verbandes, leitete die Versammlung und berichtete über die einzelnen Phasen der Bewegung. Grundsätzliche Gegner des Streiks waren nicht vorhanden. Me Redner Ver­traten entschieden die Meinung, daß der jetzige Augenblick für die Eröffnung des Kampfes günstiger als je sei. Rach fünfstündiger, mit großer Ruhe und Sachlichkeit ge­führter Debatte wurde -zur Abstimmung geschritten. 597 Delegierte stimmten für den sofortigen Gintritt in den Streik, 74 sprachen sich dagegen ans, 2 Stimmzettel waren ungültig. Es . wurde folgende Resolution angenommen: „Die am 10. März 1912 in Herne tagende, von Delegierten der drei vereinigten Verbände beschickte Revierkonferenz ist mit dom Vorgehen der Vorstände dieser drei Verbände voll und ganz einverstanden. Sie ist Einmütig dafür, daß diese auch von den Christlich-Sozialen voll­ständig gut geheißene Forderung, mit allem Nachdruck ein­heitlich verfochten und zur Annahme gebrächt wer­den soll, was nach erfolgter Ablehnung seitens der Zechen­besitzer nur durch den gesetzlich zulässigen. Streik erfolgen kann. Selbst wenn einzelne Zechen die ArbSiterforderun- gen bewilligen sollten, so müßte ihre Belegschaft so lange den Streik fortseHen. bis die Rev i erkoNser eN z entschieden hat. Die Konferenz ersucht alle Kameraden, die günstige Zeit auszunutzen, den Streik in aller Ruhe u>tiö' unter Ausrechteihaltung musterhafter Ordnung bis zu Ende zu führen. Die Konferenz ersucht.ferner alle Kame­raden, strengste Disziplin zu halten." — Rach der An­nahme der Resolution erklärten auch die Delegierten, die vorher b a g e g e n gsstimmt hatten, einmütig, sie würden sich dem Beschluß natürlich unterwerfen und nun auch für die NiederleMng der Arbeit bei den von ihnen ver­tretenen Organisationen eintreten. -

wb. Dortmund, 11. März. In seiner Rode führte der Reichstagsabgeor-direte Sachs e noch u. a. ans: Der Lvhn- kamps sei schon im Jahre 1910 reis gewesen. Damals wurde er-vertagt, weil die Christlichen sich ablehnend ver­hielten. -Selbst wenn in England kein Streik ansgebrochen wäre, 'hätte jetzt, Nach den ReichstagKwahlen, diese Be­wegung eingesetzt. Die Zechenherren haben erklärt, über Lohnfragen mit den Ausschüssen nicht verhandeln zu wollen, obwohl sie sehr wohl Lohnverbesserungen bewilligen könnt««, i Im letzten Jahre hätten die 24 Zechen im Ruhr- revier 182?4 Millionen Überschüsse erzielt, 19 Millio­nen mehr als wie km Jahre. 1910. Es bleibe nichts anderes übrig, als die jetzt durch den englischen Streik noch günstiger HÄvorhene Zeit wahrMnehmen, um den Berg- Herren bessere Löhne abzutrotzen.

wb- Bochum, 11. März. Die Gesamtzahl der von dom Dreibund veranstalteten Versammlungen betrug 70. Die Besucherzahl betrug insgesamt 132 000. I» Violen Ber- Mmmlnngen meldeten sich christliche Gewerkschaftler zum Wort, nm zn erklären, idaß sie ihren Führen nicht folgen, sondern den Streikenden sich anschließen würden. In Brtrop forderte der christliche Gswerlvereinler Sandtagsabgeordneter Brust die Christlichen auf, sich morgen früh mit Knütteln zu bewaffnen und zur Grube zu gehen.

wb. Essen a. d. R., .10. März, Die Arbeiterausschüsse >der sämÄichen Zechen der Doutsch-LnreMburgischen Berch Werks-- und Hüttenaktiengosellschast „Dännenbanm", „Prinz- Regent", „Kaiser Friedrichs ENbstollen", „Friedlicher Nach­bar", „Banker Mulde", „Hasenwinkel", „Bruchstraßc", „Wiendahlsbank", „Luise Tiefbau", „Glückauf Tiefbau", „Kaiser Friedrich", „Adolf von Hansenmnn" und „Treni-o- nia" sind bereits gestern für Donnerstag zu einer Be­sprechung der Streikfmge von der Direktion eingeläden worden.

bä. Essen a. d. R., 11. März. Die chRstlichen Gewerk­schaften, die bekanntlich schon vor längerer Zeit erklärt haben, sie würden sich an eineni Streik nicht beteiligen, haben gestern in zahlreichen Versammlungen im Kohlen­revier noch einmal erklärt, daß sie an ihrem einmal ge­faßten Beschluß sesthalten werden.

Die Aussichten.

nb. Essen, 11. März. Die Aussichten des Kampfes der streikenden Bergarbeiter sind vorläufig unsicher. Es ist damit zn rechnen, daß diejenigen Zechen, deren Betrieb durch den Streik in nennenswerter Weise betroffen wer­den, im Interesse der Arbeitswilligen nur in einer Schicht fördern lassen, also etwa von 3 Uhr früh bis 4 Uhr nachmittags. Der Ab- und Zugang der Nicht streikenden Bergleute vollzieht sich dann am hellen Tag nNd dadurch wird ein erhöhter Schutz 'gegen die Belästigungen der Streikenden gsschia-sscn. Die Streikenden verfügen im .ganzen über 30 Mi pro Kopf der Organisierten, daher kann der Streik nicht lange dauern. Die gesamte Belegschaft des RNhrkohleNgeBietes betrug am 1. Januar 1912 836104 Köpfe. -— Von der Berliner SchutzntanMM sind gestern 200 Mann unter Führung eines Polizeiossiziers nach döm Streikgebict Nbgegangen. Weitere Nachschübe werden in den nächsten Dagm folgen.

Bochum, 10. März. Der Negierungspräsident wird morgen einen Aufruf erlassen, worin die Bevölkernng ans­gefordert wird, Ruhe und Besonnenheit zu wahren und sich von allen Ausläufen lfermzuhälten. In dem Ansruf wird ferner daraus hingewissen, daß die Polizei Weisung er­halten habe, mit unnachsichtlicher Strenge gegen jede Ver­letzung der persönlichen Freiheit und des persönliche Eigentums einznschreiten.

Der Schutz der Arbeitswilligen von seiten der Zechen.

Dortmund, 9. März. Es stcht fest, daß den Arbeits- willigen dei einem eventuellen Streik ausreichender Schutz göwährls'stet werden w'ivd. Bei dem letzten Ausstand 1995 war das nicht d'er Fall. Nicht-nur in den Städten, sondern auch in den Landkreisen werden die Wege zu den Zechen mit einer genügenden Anzahl von Beamten besetzt sein, und insbesondere werden aus den Zechen sogenannte Wacht st üben eingerichtet.

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Eine offiziöse Auslassung.

Das Wolfffchr Telegraphcn-Burean verbreitet folgendst Mitteilung:

Berlin, 9. März. Nach den letzten Mitteilungen der Presse scheint einstimmig im Ruhrgedlet von den drei ver­einigten Borgaibeiterverbänden (freien sozialdemokra­tischen), der Hirsch-DünckerscheN und der Polnischen Ge- wertschast der Streik beabsichtigt zn sein und unmittelbar bevorznstche«. Diese ernste We n d u n g der Dinge hat sich erst in den letzten Tagen vollzogen. Aus Anlaß der den Zechenverwaltungen bekannten FordMungen der Berg­arbeiter " haben sich die Gnibcnbcsitzer bereit erklärt, über die Wünsche der Belegschaften in den 'Arbeiter a u s - schüss en zu verhandeln. Ein Teil der Zechenverwaltun­gen iz. B. die fisSalischen und auch andere) haben solche Bechandlungen bereits geMrt. Der übrige Teil der Gmbcnbssitzer ist z« Verhandlungen mit den gesetzlich ein­gerichteten ArheiteraNÄschüssen bereit. Auch die Regiie- rnng, in deren Namen bekanntlich der Staatssekretär des Innern Di-. Delbrück am 7. März mit einigen Reichs- tagKabge ordne ten im Reichstag die Sachlage desp rochen hat, hat mit besonderem Nachdruck ans diesen Weg hinge- wiesen. Unter diesen Umständen konnte erwartet werden, daß durch V-erhandlungen in den Urbeiterausschüssen eine Verständi'Mng herbeigesührt werden würde, dies um so mehr, als sich der Streik Hauptsächlich nm die Lohnfrage dreht und die Grubenbesitzer sich bereit erklärt haben, eine Erhöhung der Löhne, die schon seit längerer Zeit sich in steigender Richtung bewegen, eintreten zn lassen. Auch der Christliche Gewerkverein und der Evangelische Bevg- arbeitervervand, deren besonnene und «chige Haltung in der ganzen Frage besondere Anerkennung verdient, sind der Ansicht, daß es möglich sein wird, aus diesem Wege zn einer Verständigung M gelangen. Im Gögensatz hierzu werden nach MitteAiungen der sozialdemokratischen Presse

e für Sonntag, den 10. März, von den drei Vstreinigien ergar'beiterverbLnden einbernfcnen Bergaribetterver- mmlungen es ablehn'en, in den Arbeitemnsschüsscn ier die Forderungen zn verhandeln. Damit würden sich esse Verbände unbedingt ins Unrecht setzen. Sie wür- m sich aber auch weiter ins Unrecht setzen, Wenn unter >m Einfluß dieser Beschlüsse der Streik am nächsten iontag — also ohne Einhaltung der vertraMchen KKn- gnNg — ansbrechen ivüide. 2lNf wessen Seite sich bei nem solchen unter Kontraktbruch erfolgten Streik die sentliche Meinung stellen wird, kann nicht zweifelhaft in. Die Regierung wird jedenfalls mit allen gesetzlichen Uttelü die arbeiiswilligen Bergleute schützen.

(T'ie offiziöse Auslassung beweist wieder einmal, daß ;e Berliner ^Offiziösen von der „öffentlichen Meinung n allgemeinen recht w e n i g Ahnung haben. ~ n-ie oe- cteilt die SchuWslage denn doch wohl wezeNtlich anders, lachdem eine Erhöhung der Kohlenpreise eingetreten ist, » Mit die Forderung der Bergarbeiter nach Lohner- Buna bei diesen teuren Zeiten vielmehr m werten Kreisen ir durchaus berechtigt. Es ist auch nicht zutreffend, wie j in der essiziösen Auslassung heißt, daß „d i c" GnrbeN- chtzer zu Lohnerhöhungen sich bereit erklärt hätten; das rbcn nur einzelne Zechen getan.)