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Wiesbsöemr Sagblatt.

verlas Sanggaff« 2t 1TI8chfc«iltCh ($0? 12 HtlSQOöSn. „T-gvl-tt.H-uS" Nr.skso-53.

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Sonntag» 10. März 1912.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 118. * 60. Jahrgang.

Die veckungsfrage.

Man merkt schon, die Sache ist gründlich verfahren. Nicht nur, dass der Bundesrat weder die Wehrvorlagen noch die dazu gehörige Kostenrechnung nebst Teckungs- vorschlägen noch nicht erhalten hat, es ist noch incht einmal eine vorläufige Verständigung darüber erzielt, wie die Deckung beschaffen sein soll. Eigentlich ist das ein kauin glaublicher Zustand, aber er besteht. Es rst wahr, Beschlüsse über die Höhe der Deckung konnten und können erst gefaßt werden, wenn sich der Bedarf genau übersehen läßt; es ist andererseits jedoch nicht weniger wahr, daß zum mindesten eine Verständigung über Art und Wesen der Kostenbeschasfuna möglich ge­macht werden mußte. Tie Verbündeten Regierungen konnten sich doch längst darüber klar sein, ob der An- keiheweg beschritten oder die Deckung aus den ^laufen­den Einnahmen genommeil, oder ob neue Steuern (und welche) vorzuschlagen seien. Aber nichts scheint bisher auch nur vorbereitet worden zu sein, nur das eine weiß inan, daß sich Herr Wermuth redlich bemüht hat, die Erbanfallsteuer wieder aus die Beine zu brin­gen. Sollte setzt die Sache bös ausgehen, so hätte sich der Reichskanzler bei seiner eigenen schlechten Taktik, bei seinem Mangel an Voraussicht zu beklagen und an- Suklagen. . . ..

Der erste große und grobe Fehler war es. daß dre Wehrvorlagen und die Teckungssutwürfe ilicht recht­zeitig und in der Weise ausgearbeitet wurden, daß der Reichstag sie gleich bei seinem Zusammentritt erhalten konnte. Man stelle sich einmal vor, wie ganz anders die Konservativen und das Zentruni hätten sprechen müssen, unweigerlich und durch die gegebene Sachlage verpflichtet, wenn die Volksvertretung alsbald vor ein klares, übersehbares, notwendig ineinander,greifendes Programm gestellt worden wäre. Hätte der Reichstag die Wehrvorlagen sofort vorgelegt bekommen und hätte der Reichskanzler sagen können, so und so viel kostet dre Sache, und gerade auf diese und nur auf diese Weise, nämlich durch die nicht zu entbehrende Erbanfallsteuer, wollen wir die Kosten decken, so wäre es dem schwarz- blauen Block beträchtlich schwerer geworden, als es ihm heute ist, die Erbanfallsteuer zu unterminieren. Der tatsächliche Zustand hätte seine Macht erwiesen. Tie Redner jener beiden Parteien hätten sich gar nicht erst in den Allgemeinheiten bewegen können, in denen die Phrase so gut gedeiht, in denen die Phrase aber auch Gewalt über Stellungnahme und Entschlüsse erhalten kann. Tie Herren Speck und zu Putlitz hätten sich bermutlich weislich gehütet, prinzipielle Erklärungen gegen die Erbanfallsteuer abzugeben. wenn diese Vor­tage als Bestandteil der Wehrvorlagen eine Entschei- duna niit Ja oder Nein erfordert hätte.

-Heute verhält cs sich nun so, daß der Reichskanzler me Unsicherheit seiner Stellung in dieser Kernfrage der inneren Politik allzu deutlich hat erkennen lassen, als "aß die gegnerischen Parteien nicht vollends die äußer­sten Anstrengungen macken sollten, die Befürworter dar ihnen so verhaßten Steuer aus ihren letzten Posi­tionen hinauszuwerfen. Es ist noch nicht einmal sicher, ob Herr v. Bethmann-Hollweg bas preußische Staats-

ministerium hinter sich hat, wenn er hier beantragt, die Erbanfallsteuer im Bundesrat cinzuvringen. Fühlt ich Las bayrische Ministeriums eins mit dein Zentrum, wie will man es dein konservativen preußischen Ministe­rium als dann verdenken, wenn es auf Beschwerden, Unwillen und Drohungen der Heydebrandleute hört? Alles ist Verfahren, und an die Erbanfallsteuer werden wir setzt nicht eher glauben, als bis wir die Vorlage tu Händen haben. .

Herr v. Lindequist ging, weil ihm die Kolomal- politik Bethmanns und Kiderlens nicht gefiel. Viel­leicht bekommt er einen Leidensgefährten in Herrn Wermuth. Auch der Schatzsekretär wird keine Finanz­politik verantworten wollen, mit der er in seinem Ge­wissen nicht übereinstimmt.

Die Politik der Woche.

Im deutschen Reichstag interessierten in dieser Woche die Dinge, die sich hinter den Kulissen abspielten, noch mehr als die Etatsdebatte, welche in gewohnter Reich­lichkeit vor sich ging. Wurde doch zwischen den Par­teien eifrig über die Neuwahl des Präsidiums an Stelle des bisherigen Provisoriums hin- und herverhandelt, und nicht minder lebhaft wurde die das Schicksal des Reichstags entscheidende Frage erwogen, auf welchem Wege und durch welche Mittel die heißumstrittene Deckung für die W e h r v o r l a g e n geschaffen werden soll. Endlich wandte sich das Interesse auch den be­deutsamen Verhandlungen der Geschäftsordnungs­kommission zu, die mit allen gegen die Stimmen der Konservativen bereits einige wesentliche Beschlüsse ge­faßt hat, so den, wonach bei der Besprechung einer Interpellation die Möglichkeit eines Vertrauens- p o t u m s oder Mißtrauensvotums gegenüber dem Reichskanzler gegeben sein soll.

Aber auch im Plenum des Reichstags wurde eine sehr aktuelle Frage berührt, die bei der Etatsdebatte im preußischen Äbgeordnetenhause noch ieingehender be­handelt wurde, nämlich die Lohnbewegung unter den Bergarbeitern im Ruhrrevier, die seit dem reglement­widrigen Streik auf den Zechen „Scharnhorst" und „Kaiserstuhl" eine recht bedrohliche Gestalt angenom­men hat. Besonders innerhalb des alten sozialdemo­kratischen Bergarbeiterverbandes herrscht unverkennbar eine starke Streiklust, und es gilt bereits als fraglich, ob die Mahnungen der Führer, welche die Ansstands­aussichten pessimistischer beurteilen, Erfolg haben wer­den. Auch tu England, wo der Generalstreik der Berg­arbeiter zugleich Hunderttausende anderer Arbeiter zu feiern gezwungen hat rurd allgemach das gesamte Wirt­schaftsleben lahm zu legen droht, haben sich alle Ver­mittlungsversuche trotz der persönlichen Bemühungen des Premierministers bisher alB erfolglos erwiesen und man rechnet setzt mit der Möglichkeit wenigstens einer mehrwöchigen Dauer des Kampfes.

Ein noch ungünstigeres Geschick war der neuerdings eingeleiteten Vermittlimgsaktion im italienisch-türki­schen Krieg beschieden, die ebenso erfolglos verlief wie der von der englischen Regierung, geplante Versuch eines gemeinsamen Vorgehens' der Mächte zur Verhinde­

rung italienischer Vorstöße gegen die türkischen Küsten in Europa und Asien. In der Tat scheint iur absth. bare Zeit noch jede Grundlage für einen schiedlich-sried- lichen Ausgleich zu fehlen, da Tripolis und Cprenarka gegenwärtig nach der i t aI i en i s ch e n Ge o g r aph i e zu Italien, nach der türkischen zur Pforte gerechnet werden und von beiden Regierungen versichert wird, daß sie zu irgend einem Verzicht nicht bereit seren. 'L-o wird also das Kriegsspiel mit seinen beiderseitigen Siegen und den beiderseitigeil Dementis fortgefiihrt werden, bis ein abermaliger Vermittlungsversuch —- abermals scheitert.

Nicht geringere Sorgen als dieser allgeinach etwas blutiger werdende Zweikampf im nahen -Orient verur­sachen der internationalen Diplomatie die bedeutsamen Vorgänge im fernen Osten, der Bürgerkrieg nn Reich der Mitte, bei dem sich die Chinesen ietzt mehr niehr damit begnügen, sich gegenseitig Zopfe und Kopfe abzuschneiden, sondern der auch bereits unter den Fremden blutige Opfer gefordert hat. Angesichts der Ermordung des deutschen Arztes Dr. Schreyer und des englischeir Missionars Tay haben alle Mächte sich zur Verschärfung der Schutzmaßnahmen genötigt gesehen, während das Syndikat der Bankeii gleichzeitig dem Präsidenten Auanschikai Barmittel zugänglich gemacht hat, um auf diese Weise wenigstens die Soldsorderun- gen der meuternden und plündernden Soldaten zu be­friedigen.

Auch in Marokko, um das sich noch immer zwei Herren streiten, gärt es an allen Ecken lind Enden, und die Franzosen haben mit ihrer angeblichen Kültur- mission bis jetzt wenig Erfolge erzielt. . . . Ist es doch eine Ironie der Geschichte, daß in Agadir, wo. während das deutsche Kanonenboot „Panther" dort ankerte, Ruhe herrschte, jetzt, wo die Trikolore der Revublik cni- faltet ist, ein französischer Staatsangehöriger ermordet worden ist. Aber auch die s p a n isch - f r a nz o j Zi­schen Verhandlungen über die A u s t e i l u n g der Beute kommen nicht vom Fleck, und die Reibun­gen in den streitigen Gebieten haben sich derart ver­mehrt, daß mit der Möglichkeit eines völligen Scher- terns gerechnet ivird, nm so mehr, da das Kabinett Asquith, welches hier von den streikenden Bergarbeitern und dort von den tobenden Suffragettes bedrängt wird, keinerlei Neigung mehr zilr Rolle des ehrlichen Mak- lers zu verspüren scheint.

Sehr scharf zugespitzt hat sick auch der Konflikt zwi­schen Österreich und Ungarn, der infolge der Differen­zen bei der Wehrvorlage ausgebrochen ist und zu einer sehr ernsten Kabinettskrisis in Ungarn geführt hat. Graf Khuen-Hedervary hat sich redliche Mühe gegeben, zwischen: den Forderungen der begehrlichen Kossnthianer und dem entschieden ablehnenden Standpunkts der Krone und vor allem des Thronfolgers Franz Ferdinand zu vermitteln, aber Zis und Trans können wieder ein­mal nicht zueinander kommen, und so steht die Donau­monarchie erneut vor einer ernsten Krisis, die deshalb um so bedrohlicher ist, weil auch die österreichi­sche Regierung in dem gegenwärtigen varlamentari- schen Tohuwabohu eines Rückhalts gegenüber der magyarischen Begehrlichkeit ermangelt.

WaÄbrLik Verbote».)

Der Marsch auf den Großherrn.

Von Paul Beye.

Eigentlich heißt dieser Berg ganz anders, aber da die

Mchichte buckstäblich wahr ist, so-Also der Berg

"egt in den transylvamschen Alpen, hart an der österveich- ^garischen Grenze nach Rumänien zu und ist über acht- ^hnhundert Meter hoch. Ein richtiger wilder Hochgebirgs- vvck, mit Eis, Klüften, Schneestürmen und steil und unweg- fatti. Hie und da klettert der eine oder der andere Kom- bagNie-Kommattdant mit seiner Gesellschaft auf den Gipfel Und macht dort Felddienst-Äbung. Die „höchste" Streberei kannte das ber Major.

Der Major! Dem lag — slt venia verbo! — über­haupt der Großherr im Magen. Von wegen des berühm- * eit Marsches, den der Oberleutnant Hitzler auf den Groß-

harrn gemacht. Nämlich-

Also eines Abends sitzt die edle Stammrunde unter Präsidium des Majors im KMcehaus und trinkt ihre ^stgesetzten sechs Runden. N-cht niehr, nicht weniger.

. Aus einmal bemerkt der Major, daß der Hitzler, sonst *** Feschesten einer, nicht recht mittut.

. „Oberleutnant, du trinkst ja heute nichts!" Der Major m nämlich noch so einer vom alten gemütlichen. öster- ^rchischen Schlag und huldigt also auch noch dem alten ^vauch, «Hz seine Offiziere außerdienstlich „du" zu tiiu-

ue«e».

, „Herr Major, ich bitte gehorsamst, ich — ick bin heute m schläfrig."

-Bist krank?"

„Nein, Herr Major."

„Bist verliebt?"

„Auch nicht. Nur schläfrig."

„Dann will ich dich nicht aufhalten. Schau, daß dich druckst, Schlashauben, ehe ich mich ztt giften ansang'."

Nichts konnte der Major weniger leiden, als v;r- schlasene Leute. Daß ihm nun gar Ärr Hitzler, der schöne, sesche Kerl, so ein Alt-Weiber-Gesicht zeigte, fuchste ihn erst recht.

„Ich werd' dich schon vom Schlaf kurieren", brummte er.

Hitzler aber, froh, so leichten Kaufs davon zu kommen, rrachm Kappe >ind Säbel und empfahl sich schleunigst. Zehn Minuten -später lag er in seinem BeÄ und schnarchte.

Auf eininal rüttelte ihn jemand am Arme. Ganz er­schrocken fuhr er in die Höhe: „Was ist denn los?"

Vor ihm stand sein Bursche.

„Danne Oberleint". stotterte er, „den Kopral is da."

„Der Korporal? Was Teufelt Wie spät is denn?"

„Halbe zwei!"

„Den Korporal soll — —", der Rest war Schnarchen.

Abermaliges Rütteln.

„Danne Oberlcint, den Kopral Haie schriftliches Befehl von danne Major."

Hitzler wurde mit einem Mal ganz niunter. Befehl vonl Major? Da steche was dahinter.

„Soll KinJommen."

Der Korporal trat ein, salutierte, wie es in Österreich Vorschrift ist, mit der flachen Hand an dir Kappe, so daß es aussah, als gäbe er sich selbst eine Ohrfeige, und Über­reichte einen zusammcngcfaltcneu Zettet. Hitzler las:

„Bataillonsbefehl: Herr Oberleutnant Hitzler hat so-

l fort nach Erhalt dieses Befehles mit einer Patrouille, be­

stehend aus einem Umerofsizicr und sechs Infanteristen, auf den Großherrn abzumarschieren und die Wege des­selben behufs Gangbarkeit für größere Truppenmassen zu untersuchen. Eine Skizze ist anzufertigen."

Der Oberleutnant starrte bald den Zettel an, bald die blöden Gestchter der vor ihm stehenden Bakas. Er glaubte zu träumen. Aber Befehl ist Befehl. Hitzler fluchte, daß die Wände wackcilten, aber es half ihm nichts.

Er schickte den Korpora! in die Kaserne hinunter. Den Zugstihrer Blai und sechs Infanteristen solle er wecken und im Gange bereitstellen. Er käme selbst gleich nach.

Dann zog er sich an und stapfte in die Kaserne hinunter, wo die Patrouille bereits Geivehr bei Fuß stand, mit halb verschlafenen, halb wütenden Gesichtern natürlich.

Als er am Kaffeehause vorüberkam, stand richtig der Major auf der Terrasse und lachte. Hinter ihm die ganze übrige Gesellschaft, die auch lachte. Hitzler salutierte und ballte die Faust. Sturm und Regen — er war jetzt schon naß bis auf die Haut.

Hinter der Stadt begann das rumänische Dorf, das sich schon hoch ins Gebirge hinaufzog. Eine halbe Sümde hinter der letzten Hütte bog von der Landstraße der Sterg auf den Grotzherrn ab. Von da waren es bei gewohn-- lichem Wetter noch gute fünf Stunden aus den Eupsel. Bei dem Reaen und Sturm aber mindeitens acht, iii.d Kön bür spürte n.an, wie in den Regen Schnee und- Eis-

-- ei« Sbe«. 3» einet Staub«

rnufvte er an dem kleinen Jägerhaus sein. Und dort-

Vorwärts, Kinder", sagte er zu scinen Bakas, die stumm und mißmutig sich hinter ihm her durch ben Sturm schoben.