Wiesbadener Tsgblstt.
B-klag Langgaff- SL wQlZKonLLick MU 12 ^UZaKveN. „TaM-tt-Haus" Nr. 8650-53.
„Tagblatt-Haus". WvW(vIIWHw( r.u~X 4Q- *** ♦*•*«**jgon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntag»,
Verlag Langgaffe 81
„Tagblatt-Haus".
LAalter-Halle geöffnet von 8 Uhr morgens bi» 8 Uhr abend»,
«-»uas.Prris für bilde Ausgaben: 70 Pfg, monatlich, M, 2,- vierteljährlich durch den Verlag Langgaffe SU ohne Bringcrloüm M, 3.- vierteljährlich durch alle deutichen Postanstalten, aus'chlie^, Bestellgeld, - L-zugs-Bestellungen nehmen augerdem entgezen: ,n Wiesdaben die Zweigstelle Vis- marckrma SS sowä die Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; in Biebrich: die dorngen Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und im Rhemgau die betreffenden Tagblatt-Träger,
Auzeigen-Annahme: Für die Abend-Ausgabe bi» tS Uhr mittags; sür die Morgen-Ausgabe bis S Uhr nachmittags,
Samstag» 9. März 1912.
„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.
Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntag»,
Anreiaen.Mreis für die Fette: iSPfg. für totale Anzeigen im „Arbcitsviarkt" und .Kleiner Anzeiger" in davon abweichender Sakauskühruna, sowie sür «Oe übrigen lokalen
, ü ich tt tb tt s ld i, i, ü l , ii 1 (UiVlv |*iv ** *" **V4**J3V. ^
)J«. sür totale Retl-Men; 2 Mt. für auswärtige «eÜLnie» Wanze halbe, drittel und viertel Seiten, durchlaufend, nach besonderer Berechnung. — Bei wiederholter^Aufnahme unveränderter Anze igen i» kurzen Zwischenräumen entsprechend-r^i-batt^
Für die Ausnahme von Anzeigen an vorgeschriebene,i Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.
Morgen - Kusgabe.
Nr. 116. - 60. Jahrgang.
Probleme des modernen Krieges.
Die Formen und Aussichten des modernen Krieges gehören zu den gewaltigsten Problemen der Gegenwart und beschäftigen die Gemüter in besonders hohem Maße. Einen bedeutenden Beitrag zur Beleuchtung und Erklärung dieses Problems liefert der G e nera l d er Kav alle r i e Friedrich v. Bernhard: in seinem
großen militärischen Werke „Vom heutigen
Kriege", dessen zweiter Band in den nächsten Tagen bei Mittler u. Sohn erscheinen wird. Wir sind in der Lage, unseren Lesern schon heute einen Auszug aus dem Inhalt dieses Bandes vorzulegen, der sich mlt den Einzelheiten des modernen Krieges beschäftigt und der, nicht minder wie der erste, dieses bedeutsame Thema mit überragender Sachkenntnis in äußerst interessanter Weise behandelt. General v. Bernhardt bestrebt sich im zweiten Band fernes Werkes zunächst darzutun, daß unsere moderne Kriegsführung vor allen Dingen ein überlegenes Prinzip des Handelns darstellen muß, wenn sie die ihr zur Verfügung stehenden Kräfte richtig verwerten_ soll. Wenn wir auf die Art des modernen Krieges blicken, so erkennen wir, daß es im wesentlichen drei Momente sind, die dem heutigen Krieg ein bestimmtes Gepräge dexlechen werden: Die Massen, die verbesserten Schutz- und Trutzwasfen und die neuzeitlichen Verkehrsmittel. Tie Erscheinungen sind sogar so beherrschender Natur, daß die ganze Untersuchung von ihnen ausaehen mußte. Wenn wir aber die Wirkungen, die biefe Faktoren der Kriegsführung ausüben, in ihrer Gesamtheit ins Auge fassen, so zeigt es sich, daß sie auf der einen Seite machtfördernd, auf der anderen aber wiederum lähmend wirken und ein Hemmschuh sür die freie Entschließung sind. Sie stellen Kraft-, aber auch Schwächemomente dar. Dieser Tatsache muß man sich bewußt öleiben, um ihre Bedeutung richtig beurteilen zu können. Die Massen, die heute für den Krieg Mobil gemacht werden, bringen den offenbaren Vorteil mit sich, daß alle lebendigen Kräfte eines Volkes auf- geboten werden, und daß dem Staat ein schier unerschöpfliches Menschenmaterial für die Kriegsführung iur Verfügung steht. Dagegen schließen sie die Gefahr sin, daß sich der taktische Wert der Truppe, der auf der Ausbildung, der gewohnten Disziplin und dein festen Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen beruht, in ihnen verflüchtigt, und dann unter Umständen pie Masse sich selbst zur Gefahr wird. Auch erschwert »ie Größe der Heere die operative Beweglichkeit und fwingt zur Magazinverpflegung. i
Die verbesserten Waffen ferner kommen dadurch, "aß sie außerordentlich materielle und moralische Wirkungen erzielen, der Kriegsführung offenbar zugute, andererseits aber haben sie zur Auflösung aller Keschlossenen Formen geführt, haben zur Folge, daß der Kampf auf sehr viel weiteren Entfernungen ausge- wchten wird wie früher, und haben die Truppe gezwungen, in erhöhtem Maße auf Deckung und Schutzmittel Bedacht zu sein. Dadurch haben sie die Gefechtsführung
besonders für den Angreifer außerordentlich erschwert und für den Kampf Formen geschaffen, di?, mit einer tatkräftigen Gefechtsführung in Widerspruch stehen. Faßt man aber die Wechselbeziehungen zwischen Masse und Waffe ins Äuge, so zeigt sich, daß den gesteigerten Wirkungen der letztere!: im Durchschnitt weniger festgefügte Truppen entgegenireten werden, daß trotz der Verbesserung der Waffen geringere taktische Leistungen zu erwarten sind. Die Verkehrsmittel der Neuzeit, Eisenbahnen und Kraftwagen, erleichtern die Bewegungen der Massen und erhöhen deren Beweglichkeit, aber sie fesseln andererseits — auch da, wo die Feldbahn den Bewegungen der Truppen zu folgen versucht — an die festliegenden Schienenstränge und die gebahnten Straßen. Das moderne Nachrichtenwesen endlich erleichtert zweifellos Erkundung, Befehls- und Nachrichtenübermittelung, aber es schafft auch neue Gebiete des Kampfes, die die Kriegsführung noch weiter komplizieren, und erschwert.überraschendes Handeln, das in früheren Zeiten w oft zum Erfolge geführt hat.
Diese so widerspruchsvollen Verhältnisse haben bewirkt, daß einerseits die frontale Defensive, andererseits die geplante operative Offensive stärker geworden sind wie früher, erstere, weil ihr vor allem die Waffenwirkungen und das Gelände zugute kommen, letztere, weil ihr vornehmlich der Umstand zum Vorteil gereicht, daß auf den weiteren Kriegstheatern der Massenheere und in den linearen Formen der Strategie und Taktik, die sich aus den Waffenwirkungen ergeben haben, die Möglichkeit unvorbereiteter Operationen mehr und mehr verloren gegangen ist. Diesen veränderten Erscheinungen des Krieges gegenüber sind die Faktoren des Erfolges, die im Wesen des Krieges selbst ihre Wurzel haben, die gleichen geblieben. Noch heute sind Mut und Kühnheit von ausschlaggebender Bedeutung: noch heute leistet die gutausgebildete Truppe unendlich viel mehr wie die lockerer gefügte und schleckt verwendete: noch heute ist der Angreifer dem Verteidiger dadurch überlegen, daß ihm die Wahl der Angriffsrichtung und die Möglichkeit überraschender Kräfteversamm- lung zusteht, und daß er alle moralischen Elemente einheitlicher und straffer zu spannen vermag als der Verteidiger: noch Heute sind die geistigen und sittlichen Machtmittel den rein materiellen Kraftfaktoren, der Zahl, und der Bewaffnung überlegen. Wenn man inmitten der Fülle dieser widerstreitenden Elemente und Wirkungen den Weg zum Sieg finden oder bahnen will, wird man die Tinge ihrem eigenen Schwergewicht, ihrer „automatischen" Entwickelung, nichts überlassen dürfen. Das führt zu einem rein mechanischen. Wettstreit, in dem nirgends ein geistiges Schwergewicht zu erkennen ist: jeder sucht den Gegner durch Masse des Heeres, Güte und Zahl der Waffen, Verbesserung der Transport- und Nachrichtenmittel zu überbieten: _ das gesteigerte Schutzbedürfnis führt zu immer weiterer Ausdehnung der Gefechtsfelder und Kriegstheater, alle materiellen Kampfmittel steigern sich in unübersehbarer Weise — aber in diesem Massenaufgebot verschwinden immer mehr die geistigen und sittlichen Faktoren des Erfolges, während sie in Wirklichkeit gerade der g ei st i g en Üb er l e a en h e 1 1 ein weites Feld der Betätigung eröffnen. Gegen diese — scheinbar natürliche — Entwicklung ist eine Reaktion geboten, wenn sie
nicht zum Verderben führen soll; zum Sieg der materiellen Mächte über die höchsten und edelsten Fähigkeiten der Volker. Man muß bestrebt sein, sich voc allem die Elemente dienstbar zu machen. d:e d:e En^gre der Kriegsführung zu steigern geeignet sind. me Wirkung der lähmenden und schwächenden Verhältnisse aber nach Möglichkeit zu beschränken und anszugleichen.
Wenn man von diesem Gesichtspunkt aus die wesentlichen Erscheinungen des heutigen Krieges in ihren! Wechselbeziehungen betrachtet, so wird man zu idem Schluß gelangen, daß im Kriege der Zukunft sich vop allem zwei Elemente als die entscheidenden und, ausschlaggebenden erweisen werden, gerade weil sie mit der scheinbar natürlichen Entwicklung der Tinge im Widerspruch stehen: der taktische und moralische Wert der Truppen nämlich, und ihre Operationsfähigkeit. Ter Hauptnachteil der Massenheere beruht, wie dies wohl zweifellos ist, in ihrem geringeren Wert als Marsch- und Gefechtstruppe und in ihrer geringeren Beweglichkeit, in ihrer operativen Schwerfälligkeit. Es muß also die Partei, die über eine bessere und overations- fähigere Truppe verfügt wie die gegnerische, ein zweifelloses Übergewicht gewinnen. Wenn ferner d:e verbesserten Waffen größere materielle und moralische Wirkungen hcrvorbringen als die schlechteren Waffen in früheren Kriegen, so muß abermals die Partei im Vorteil sein, die bei gleicher Bewaffnung die besseren Truppen ins Gefecht führt, d. h. solche, die mehr Verluste anshalten, eine, größere Offensivkraft besitzen und moralischen Erschütterungen weniger zugänglich sind« Tie operationsfähige Truppe endlich, d. h. die, dis besser marschieren, größere Anstrengungen und Entbehrungen anshalten kann und über das leistungsfähigere Fuhrwesen verfügt, wird unabhängiger vom Eisenbahn- und Straßennetz, sein als die weniger bewegliche und widerstandsfähige Truppe, wird daher freier operieren können als jene und wird damit einen abermaligen Vorieil über den Gegner erlangen. Auch wird sie die Ergebnisse der Aufklärung besser ausnützen können und mehr Aussicht haben, Überraschungserfolgs zu erzielen, als der weniger bewegliche und schlagkräftige Gegner. Nun wird man freilich erwidern können, daß die gleichen Überlegenheitsfaktoren auch früher schon oestanden. und auch in früheren Kriegen Erfolge gezeitigt haben. Das soll auch gar nicht bestritten werden. Dagegen darf man behaupten, daß die taktische und operative Leistungsfähigkeit dev Truppe heute gegenüber den im allgemeinen schlechterj ausgebildeten und schwerfälligen Massen der neuzeitlichen Heere an Bedeutung gewonnen haben: sie stellen einen verhältnismäßig sehr viel höheren Überlegenheits- Wert dar als früher. Darin liegt ihre entscheidende Wichtigkeit.
In demselben Sinne kommt auch noch ein änderet Gesichtspunkt hinzu, der von außerordentlicher Wich- tigkeit ist. Es ist ein feststehender Grundsatz, daß der Angriff nicht nur an sich die stärkere Form des Kriegsführens ist, sondern gerade im heutigen Kriege und unter modernen Verhältnissen an Überlegenheit gewonnen hat. Diese Überlegenheit aber beruht in: wesentlichen auf operativen Verhältnissen^ Ter Angreifer hat infolge der Initiative, die ihm zusteht, einen Vorsprung im Raum und in der Zeit, den
Leipziger Mehdrief.
Bikdsr von d«r Ostorvorm-sfse.
Leipzig, Anfang März.
Attraktionen! Das ist «das Feldgeschrei, das in den! ungeheuren Gewoge, der Mustermesse von jedem Gesichte "bzulesen ist. Die Kinder sind die eifrigsten Meßbummler. Man hat seinen Spaß an diesen Nomen Weltbürgern, ^enn man sich durch den Riesend erkehr der Hauptstraßen hlNdurchdränsst, umgeben von dem buntesten Aufwand an Moderner Reklame. Pfiffige Kerlchen von drei, vier oder Mnf Jahren stehen an der Gosse oder am Rinnstein, kaum »aß sie die Nasen durch ibte schmalen Lücken drängen können, die in der quirlenden Masse der stehenden und gehenden Passanten freibleiben. Welch eine Begeisterung, tvÄch ein Erstaunen geht über ihre Gesichter, wenn ein lebensgroßes, ausgestopftes Kamel, beritten von kleinen Abenteurern ihres Geschlechts, im Zuge der wandelnden Reklame vorbergefahren wird, eine Giraffe, ein Pferd, An Bär oder fonst ein Tier in getreuer Nachahmung. Es m seltsam, immer gleich faszinierend ist diese wunderbare Durchotnanderbowegnng des von geschäftlichen Prinzipien geleiteten Menschenheeres mit dem.2M und Ab der verschiedensten Gefährte. Man könnte meinen, es würde ein närrisches Fest gefeiert. Die Häuser sind aufgeputzt, als sollte der König der Gaukler Einzug halten. Und doch llegt in dom ganzen eine ernste Bodeutung, gibt cs doch »re Verkörperung alles dessen, was dem Volke zum Gebrauch als Werkzeug oder Schmuck dienen soll.
Es ist jetzt allgemach fester Brauch geworden, die Dinge von künstlerisch vraktrscheu Gesichtspunkten ans zu prüfen, einen Gegenstand daraufhin zu erproben, ob Nützlichkeit und Schönheit in ihm einen harmonischen Ausgleich finden. Sogar die kleinen Drei-Käse-Hochs, die unter der Menge sich herumdrücken und ihr ganzes inneres Leben -gewissermaßen in Betrachtung aufgehen lassen, schauen gegen früher schon mit weit schärferen Augen auf die Art und Form der Dinge und sie kenn-ön ganz gut, was hier und da künstlerischer Einfluß originell, edel und zum Zugreisen prächtig gestaltet hat. Wohl keine Institution der Welt bringt die Goschmacksunterschiede der Menge so sehr ans Licht, wie die Leipziger Mustermesse, denn wo man geht und steht, fordern Artikel, die vorbildlich sein sollen, zur Beurteilung heraus, und Kaufmann, Künstler und Laie, Gebildete und Ungebildete vermischen auf tausendfache Weise ihre Äußerungen untereinander, in den Straßen, auf den Plätzen, in den Meßpalästen.
Bei den Ausstellern ist vielfach schon aus ihren Re- klamemitteln zu ersehen, was man von ihren Mustern zu halten hat. Die Metzreklame bringt in jedem Jahre einige kleine Sensationen hervor, die oft als wunderliche Gebilde vors Auge treten. So sieht man jetzt, auffallend täuschend dargestellt, eine überlebensgroße Figur auf den Händen durch die Straßen gehen. Zwischen den gespreizt aus wärtsstchenden Beinen ist das Rekl-amcschild der betreffenden Firma, die auf diese Weise Interessenten anlocken will, angebracht. Die Figur -erregt, wo sie nur erscheint, Aufsehen: die Kinder jauchzen, Erwachsene drängen sich, sse nt sehen, immer voran die Frauen, Mädchen und junge
urschen, die für den ganzen Dag von -der Straße nicht eg zu bringen sind, als handele es sich hier um ein Schau» iet, von dem die -ewige Seligkeit abhängig ist. Weiß sr Himmel nur, was sie darin finden, die Reklamepapiers l sammeln, mit -einer Gier, als wären es lauter Hundert« Mrks-cheine. Zu dicken Ballen stapeln ne die Papiere aach- nander, und die ganze Straße -entlang sieht man immer >ieder Arme über Arme sich vorstr-ecken, Hände zugreifen, m weißq, gelbe, rote, blaue oder grüne Papiere an sich zu äßen. Es ist ein lächerlicher Spaß, der sich täglich »ied erholt.
In dem Verkehrswirbel der Straßen taucht jetzt auch st-er eine neue gewichtige Gestalt auf: Der „fremdspr-ech- che" oder sprachkundige Schutzmann. Er ist an einem trbigen Band, -das er um den Arm trägt, zu erkennen, sie Kultursprachen, Französisch, Englisch, Spanisch, und uch Russisch und Esperanto beherrscht der Gestrenge des Gesetzes nun -in einem solchen Umfange, daß eine Ber-> ändigung zwischen ihm und den ausländischen Meßoe- lichern möglich ist, und er findet 'Gelegenheit, sich als em llann von Welt zu zeigen.
Man geht und steht, guckt sich die Augen aus,- trottet inter Tausenden von Menschen aller Klassen und' ehe :-au sich'? versieht, ist mau durch so und soviel Hose mttgc- issen Hinein in Meßpaläste, heraus und wieder hmem, nd schließlich weiß man nicht mehr, wie einem der Kopf teht Diese Welt des Kaufmanns ist für jeden lehrreich^ -er sehen will, was alles diese Welt hervorhriugt.
Heinrich Greise
