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Montag, 4. März 1412.
Kbend-Ausgabe.
Nr. ,07.
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60. Iahrgang-
Oer MMonenstrerk.
Der englische Bergarbeiterstreik widerlegt das Wort, daß alles schon dagewesen sei, und er eröffnet deshalb sehr unerfreuliche unbegrenzte Möglichkeiten auf dem Gebiet des Arbeitskanrpfes. Daß in einem Gewerbe gleichzeitig mehr als eine Million Arbeiter rn den Ausstand getreten sind, ist bisher noch nicht dagewesen, und schon jetzt machen sich die Wirkungen res Bergarbeiterstreiks in ganz Großbritannien in schmnm- ster Weise bemerkbar. Sollte der Ausstand auch, wie die Optimisten hossen, nur eine Woche dauern, so würde er doch schon in dieser kurzen Zeit zu einer wenigstens partiellen Lahmlegung des Verkehrs- unü Wirtschaftslebens — das beweisen die neuesten unten wiedergegebenen Meldungen denn auch schon " und bei längerer Andauer notwendigerweise zu einer Katastrophe führen. ,
Um welche ungeheuren Objekte es sich bei diesem Streik handelt und wie groß sein Einfluß mchr nur auf das Wirtschaftsleben des Britenreiches, sondern bei seiner Andauer auch auf die Weltwirtschaft fern muß, wird ohne weiteres klar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Kohlenförderung Großbritanniens nach den ainllichen Angaben, die für das ,iahr 1310 vorliegen, 264% Millionen Tonnen betrug, wahrend die Kohlengewinnung Deutschlands sich im gleichen Jahre auf 152,8 Millionen Tonnen belief. Betragt doch die britische Kohlenausfuhr über 60 Millionen Tonnen jährlich, von denen rund 9 Millionen Tonnen auf Deutschland entfallen. Schon diese Ziffern zeigen, daß für England große Werte auf denl Sviele stehen, daß nicht nur die Rentabilität der Industrie vorüber gehend bedroht ist, sondern daß A b s atzm ö g l ich ketten für die zuni zeitweiseri Stillstand gezwungene Industrie verloren gehen könnten, die den Konkurrenten auf dem Weltmarkt vielleicht nie wieder streitig zu machen wären.
Diese ungeheure nationale Gefahr hat das Kabinett Asquith erkannt, und so sucht es denn noch immer zwischen den Arbeitgebern, von denen nur die Waliser und die Schotten aus ihrem Schein stehen, und den Arbeitnehmern, die im Laufe der letzten Tage unver kennbar radikaler und rabiater geworden sind, auch jetzt, nachdein der Krieg bereits ausgebrochen ist. weiter zu vermitteln, und zugleich ist die Regierung im Begriff, für den Fall des endgültige!: Scheiterns der Verhandlungen das Parlament mobil zu machen, um auf Dte fern für das dem Staatssozialismus bisher durchaus abholde England besonders ungewöhnlichen Wege ein Ende des Streiks zu ermöglichen.
Da aber die Mitglieder des Arbeitsausschusses erst ltn Dienstag wieder nach London zurückkehren und die Besprechungen voraussichtlich mehrere Tage m Anspruch nehmen werden, so wäre für den keineswegs wahrscheinlichen Fall einer Einigung nicht vor Anfang nächster Woche mit einem Friedensschluß zu rechnen. Scheitert dieser Versuch, so beruht bie letzte Hoffnung auf dem von der Regierung angekündigten Gesetzentwurf zur Einführung des Mindestlohnes auf den Kohlenzechen. Danach sollen in jedem Revier unter Beihilfe eines staatlichen Koinmissars zwischen Vertretern der Unternehmer und der Arbeiter Tarife bestimmt werden, so daß also das Gesetz nur den Grundsatz des Mindestlohnes sestsetzt, seine Gestaltung rm einzelnen aber den Revierämtern überlassen will. Selbst die walisischen Arbeitgeber, die sich bisher jeder Eintguiig widersetzten, haben erklärt, daß sie lieber dem staatlichen Zwange weichen als freiwillig die Forderungen der Arbeiter anerkennen würden. Auf der anderen Seite ist, wie schon betont, die Stimmung unter den Arbeitern eine erheblich radikalere geworden, und die Forderung ertönt immer lauter, daß man sich nicht mit dem gesetzlichen Prinzip des Mindestlohnes begnügen, sondern seine ziffernmäßige Festlegung verlangen solle. Ta aber das englische Parlament für einen solchen einschneidenden Eingriff in den Arbeitsvertrag keineswegs zu haben wäre. erscheinen die Aussichten auf einen baldigen Friedensichlutz imr w ungünstiger, als die Arbeiterführer unverkennbar immer mehr die Herrschaft über die Massen verlieren.
Was die Frage betrifft, wie lange die Bergarbeiter den Kainpf aushalten könnten, so komnit in Betracht, daß die Fonds aller Bergarbeitergewerkvercine auf rund 40 Millionen Mark zu schätzen sind, so daß dies einer Streikunterstützung voit 40 Schilli'ng pro Woche für etwa 5 Wochen reichen würde. Andererseits müßte aber der Notstand des durch den Grubenstreik, der ja zum Schluß alle Räder stillstehen lasseii würde, brotlos werdenden sonstigen Arbeiterheeres notwendigerweise auch auf den Bergarbeiterausstand zurückwirken. da er nicht nur eine Unterstützung seitens der
anderen Arbeiter unmöglich macht, sondern auch deren Sympathien für die Bergarbeiter notwendigerweise in das Gegenteil kehren müßte. Dieser Not- iaird, der sich schon jetzt bei der ärmeren Bevölkerung infolge des rapiden Steigens der Kohlenpreise und Nahrungsmittelpreise geltend macht, brinat aber auch zugleich die Gefahr ernster Ruhestörungen mit sich, und es ist begreiflich, daß das Kriegsministerium bereits umfassende Vorbereitungen für alle Eventualitäten getroffen hat. Aber die leitenden Männer des Jnselreiches werden darüber kaum im unklaren sein, daß dis an Zahl so schwache britische Armee einem Riesenausstand gegenüber, der sich zu einem Aufstand auswachsen würde, vollkommen machtlos wäre. Und das ist die Ursache der sorgenvollen Stimmung jenseits des Kanals.
Die allgemeine Lage, wb. London, 3. März. Der Ausstand bmext bei vollkommener Ruhe an. Seine Wirkungen werden von Ta>g zu Tag größer. Viele raufend Arbeiter der Industrie, der Damstffischerei und der Hälfen müssen feiern. Die Ansständigen verMedeNer Distrikte nahmen Resolutionen an, in denen den Behörden gedankt „wird, daß sie nicht besondere Volizeikräfte äbgeschickt hätten und versichert wird, daß die Arbeiter die Ordnung nicht stören werden. Nach einem Telegramm aus New Castle regten die Mitglieder des Vereinigten Eisenbahuangestellten-Verb«audes an, daß der Verband sie anweisen Möge, den TruWentransport während des StreW zu verweigern.
hd. London, 4. März. Anderthalb Millionen Arbeiter sind seit dem gestrigen Sonntag in England erwerbslos. Eine halbe Million Arbeiter ariderer Industriezweige hat durch sie bereits ihren Lebensunterhalt verloren. 16 Bahnhöfe in London werden heute und mortzc-n geschlossen. Der Bahnverkehr im ganzen Lande wird auf ein Minimum beschränkt. Viele Schiffe haben keine Kohlen mehr und die Handclsschrffahrt an der OsMste wird bereits heute eingestellt. Die Truppen werden für alle Fälle bereit gehalten. Man trifft im Lager zu Aldershot umfassende Vorkehrungen für schleunige Truppenbewegungen. Die königlichen Ingenieure werden zum sofortigen Dienst aus den Eisenbahnen bereit gehalten, um den Betrieb für Truppenzüge sicherzustellen. Die Preise für Nahrungsmittel beginnen schon zu steigen. Die internationale Ausstellung in Liverpool, deren Eröffnung auf den 25. Mai festgesetzt war, ist wegen des Streiks aus nächstes Jahr verschoben worden.
hd. London, 3. März. In Glasgow sind die Kohlen- preise auf 50 M. Per Tonne gestiegen. 3000 Metallarbeiter sind entlassen worden. In Leeds sind die Spinnereien geschlossen worden. In Middleiborough stellten. die Hochöfen den Betrieb ein. In Eardiff werden alle Metall- fabriven in drei bis vier Tagen den Betrieb einstellen. In Swansea sind 10000 Arbeiter arbeitslos, in Sheffield wurden 4000 Arbeiter entlassen.
wb. London, 4. März. Die Streikenden geben sich fast täglich Vergnügungen hin und genießen besonders das lange Ausschlafen. Geld haben sie noch reichlich. — Aus Portsmouth wird gemeldet, daß das deutsche Tor- p e d o b o o t „G 175", das die „Hohenzollern" aus der Mfftelm'eerfahrt begleiten wird, dort aus Wilhelmshaven eintraf, UM Kohlen etnzunehmen, und daß das Schiff 49 Schilling pro Tonne zahlen mußte.
Amerikanische Kohlen für England.
Nerv York, 2. März. In Baltimore nahmen vier Dampfer Kohlenladu-ngen für England auf.
Wirkungen des Streiks in Norwegen', wb. Christiama, 2. März. Die Leitung der Fabrik Bvrregawrd in Sarpeborn stellte heute sämtlichen Arbeitern, 2000. an der Zahl, die 14tägige Kündigung zu, da die Fabrik wegen KohleuMgngjÄs, der durch den Kchlen- arberterstMk in England verursacht wird, außerstande ist, den Betrieb anfrechtznethalten.
Dis Lage im Wsstfälischen Nohlsnremer.
hd. Bochum, 4. März. Gestern fanden im Ruhrrevier 65 stark besuchte BersarbeiterversamMlungen statt, in denen die Redner des BergarbeitevüUüdes sprachen. In Werden sprach der frühere ReLchsdalgsabgeovgwete HUö.. Er führte in seiner Rede aus: DÄ geschlossener
Kampffront würden die Ruhrbergleute ihre Forderungen durchdrücken. Wenn die Bewegung scheitere, so feien daran die Leiter der christlichen Gewerkvereme schuld. In allen Versammlungen wurde die vom vorigen Sinntag bekannte Resolution angenommen. Auf die Em- pa'br der drei BersarbLiter-OiganisationeN ist bisher von keiner einzigen Zech- eine Antwort eingegangen. Die von dem Verband gestellte Frist läuft übermorgen ab. Ja verschiedenen Orten des Ruhrreviers tauchten gestern aus Grund von Londoner Blättermeleungen mehr cder weniger bestimmt das Gerücht auf, daß die westdeutsche, Bcrg- arbeiterschaft schon im Lause dieser Woche m den
Streik emtreten werde. Gegenüber diesen Gerüchten be
tonte Huö, daß alle derartigen Meldungen aus der^ Lüfi gegriffen seien. Was geschehen werde, geschehe m Be- schl-aß der BerWr^beiter-Nelegierteu-Kojiscrenz. dre bat» stattfinden wevoe. Bis zur Tagung dieser Konferenz werde jeder Bergarbeiter an der Arbeit bleiben.
Keine deutsche Eeldunterstütmng für die streikenden! hd. Berlin, 3. März. Zu der Mitteilung daß dw !sozial>demokvatischsn Gewerffchaften in Dem, Gand dum dnglischeu GenerMreMomitee eine halbe Million Mark als Unterstützung überwiesen haben, teilt der Reichstags- abgeordnete Sachse, der Borsttzende loes PWbani^s deutscher Bergarbeiter, mit, daß kein wahres Wort an dieser Meldung sei.
Die französischen Grubenarbeiter, hd Paris, 4. März. Die Grubenarbeiter in St. Etienne haben beschlossen, ruhig äbznwarten ob d.^ el^tagiS- DeMoUstpatßonsstrerk «er frauzoftfchen Gruben arbeiter aus Kammer und Senat die erwartete, Wnlung Haben werde. Wenn nicht, soll das ständige svanzostschr StreMamitee neue Anordnungen treffen.
Die Neuen Meutereien in China,
Die Lage in Peking.
wb. London, 4. März. Dem Reuterschen Bureau wird aus Peking gemeldet: 800 Mann auSlanidtsche Truppen patrouillieren in der Umgebung der fremden NtederlasMN- aen. Die Bevölkerung ist vollkommen ruhig. Jetzt Mtm sich in Peking ungefähr 3000 Mann ausländische Trup„en ans. Von Port Arthur sind 5000 Japaner nach Tientpu beordert worden, wo die ausländischen Truppen nur loOO Mann stark sind. Alle Ynanschitat treu ^gebliebenen Truppen haben Peking in der Richtung aus Paotingsn^ ver.ahen, um den Aufständischen den Weg abzu,ch»erdetr. Die Hal^S der chinesischen Truppen und der Polizei m Pekrng b-ssevte sich erheblich, aber die Plünderungen dauern for,. Gestern nahmen bie Aufständischen Dungtschon bei Pekmg m den Besitz und plünderten die Häuser vieler Gvelleute. D.o um liegenden Ortschaften mußten deshalb beschossen werden.
• Die Besitztümer einiger Prinzen in Peking und evemalls aMündert wokden. Prinz Tschiug befindet sich schwer krank im französischen Hofpital in Pekings L-Ws- heutigen Tages wurden über 100 Hinrichtungen vollzogen; unter den HingerichLten befanden sich Frauen und viele Polizeibeamte. Soldaten rn Unuorm sind jedoch nicht hingerichlet worden, da dre Behorven auch die anderen Soldaten, dre alle ergent-ich rrgeNdwis an dem Ausstand beteiligt sind, ainfzurei-en be-Mcht-n. Die Leichen der Enthaupteten liegen noch in den Stmßsn. Bet den letzten Feuer sibrün sie n sind im ganzen 20 .Personen ums Leben gekommen. Die Ehinesen scheu wm Ausgang dieser Wendung besorgt entgegen, die Auslanoer glauben an eine Bcffernng der Lage.
Weitere Unnihcn am 3. März, vb. Peking, 3. März. In den ersten Morgenstunden Vom es zu einer ernsten Wiederholung der ^..nru^en, besonders im Westen der Stadt, wo in allen Strafen geplündert wurde und ebenfalls viele Brandr ausbmcuM. D'. >Meutever von Peking und Paotingfu, dre durch Soldaten verstärkt wurden, plünderten Paotingfu und brannten övüp« Teile der Stadt nieder. Andere Gruppen pluNdert-en Fangtav und Yuugpmgsn. Liyuanhang wurde von den Delegierten telegraphisch gebeten, die repubtMnqche Armee Nach Peking zu führen, um die Ordnung wlsderhrrzustellen.
Der Belagerungszustand in Peking.
■ wb. Peking, 2. März. Die Erklärung des Belagerungszustandes hat eine gute Wirkung ausgeübt, ^u der S^ach- barschaft der Gefandtschasten. die sich auf erne etwaige Be- lagerung vorbereiten, war alles ruhig.
wb. Peking, 4. März. Heute früh marschierte eens Abteilung UMlleri'e mit Musik zum Palast des Herzogs Knoi. des Paters der Kaiserin-Witwe, schoß das Tor ein und plünderte und brannte einen Teil des Palastes nwder. Die Truppen des Herzogs hatten sich gestern an den Plun- derungen beteiligt," aber heute kämpften sie gegen di- Plünderer. Es scheint, daß die ganze Nordarmee mrt der lWeuterei einverstaNdlen war, da sie glaubte, mo Amun,r der Delegierten aus Nanking bedeute ihre Entlassung.
Die Rolle der Mandschus.
wb. London, 4. März. Der Pekinger Korrespondent
I“ meldet, daß bei den Unruhen kerne Haiufer die Mandschus gehörten, geplündert worden
der „Dimes Und Läden feien.
hd Peking, 3. März. Yuanschikai soll den Gesandten Mittciluua gemacht haben, daß er sich eventuell unter ihren Spritz stellen werde, da er zu seinen eigenen Solidaten kein Zutrauen mehr habe.
hd. Peking, 3. März. Die Städt Paotingfu ist vollständig in den Händen der Meuterer. Der Teil der Stadt, welcher in der Nähe der <ms.wärfiLM WWonen
