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Derlag Langgasse 2! IDÖCihßtttItdl foc? 12 EUSQCSb^lt« „TaM-it-H-us" Nr.6«5o-S3.

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Für die

Sonntag» 3. Htärs 1912.

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Morgen - Ausgabe.

Ausnahme von Anzeigen an vorgeschriebenen Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen.

Nr. 106. . 60. Jahrgang.

Oie Politik der Woche.

Die Arbeit im deutschen Reichstag schreitet Zwar unter recht heftigen Redekämpfen, aber doch ohne ernstliche Zusammenstöße vorwärts, und neben der aus­gedehnten Eratsdebatte ist in dieser Woche noch das Reichs- und « t a a t s a n g e h ö r i g k e i t s g e s e tz nebst dem S ch u tz t r u p p e n g e s e tz im Plenum be­raten und alsdann der Budgetkommission überwiesen worden, wobei besonders die scharfe Opposition von seiten des Zentrums aufsiel, das sich in diesem^ Fall mit der Sozialdemokratie zusammenfand, während sich merkwürdigerweise die Parteien des alten Bülow- blocks in der Zustimmung zu der Vorlage begegneten. Kaum gegrüßt, gemieden, denn diese durchaus vorüber­gehende und lediglich dem Schutztruppengesetz geltende Parteigruppierung wird in der nächsten Woche bei bsr^ am Freitag erfolgenden Neuwahl des Präs r-' d i u m s einer einigermaßen entgegengesetzten Kcm- stellation Platz machen. Im übrigen steht über das neue Dreimännerkollegium noch immer nichts Ge­naueres fest, und als sicher kann nur gelten, daß mit dem 8. März die sozialdemokratischen Präsidenten­flitterwochen ihr Ende erreichen werden.

D em Präsidium der n e u e n b a y e r i s ch e n Kammer kann man wenigstens nachsagen, daß es durch Einheitlichkeit ersetzt, was ihm an Mannigfaltig­keit abgeht. Das Zentrum, welches ja auch nach den Wahlen noch über die Mehrheit in der Kammer ver­fügt, stellte sich auf den Standpunkt, „erst komm' ich, dann nochmal ich, und dann kommst du noch lange nicht", und so entnahm es sowohl den Präsidenten w:e die beiden Vizepräsidenten der eigenen Partei, während die Liberalen und Sozialdemokraten sich der Stimme enthielten. Der scharfe Gegensatz zwischen Mehrheit und Minderheit, der hierbei hervorgetreten ist, eröffnet keine sonderlich günstigen Aussichten für den Verlauf der Session, der die T h r o n rede in weiser Erkennt­nis der Sachlage nur ein sehr dürftiges Maß von ge­setzgeberischen Aufgaben in Aussicht gestellt hat.

Auf denn Gebiet der auswärtigen Politik steht im Vordergründe noch immer der Versuch einer deutsch­en g l i s che n T 6 tente , der nicht nur in den bei­den beteiligten Ländern mit regem Eifer erörtert wird, sondern vor allem auch in der französischen Presse recht mißgünstige Kommentare findet. Tie deutschen und die englischen Offiziösen aber hüllen sich in ein undurch- dringliches Schweigen, welches natürlich den Ver­mutungen und Kombinationen den weitesten Spiel­raum gestattet. Jedenfalls steht eines fest, daß das Friedensbedürfnis der Engländer durch die neuerdings chronisch gewordenen Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeitern eine nicht unerhebliche Verstärkung er­fahren hat, und insbesondere die Lohnbewegung unter d e n B e r g a r b e i t e r n hat die Politiker des JNselreiches mit ernster Sorge vor der dem ganzen Erwerbsleben drohenden Katastrophe erfüllt.

Ohne sonderliches Vertrauen hat die Welt von dem neuen, von russischer Seite angebahnten Versuch Kennt­nis genommen, eine Grundlage für die Friedens- Vermittlung zwischen Italien und der Tür-

MechdruS üctSeitaJ

Schuldig.

MiM von J!fe-Dore Tauner.

Als Fritz Konnrat den Schlüssel in der Entreetür knirschen hörte, schlich er sich scheu aus ber Stube in die Küche.

■ Er wußte, nun kam Vater zurück von der Arbeit und würde sich in der Stube waschen und umziehen, um mit ihm aufs Gericht zu gehen.

Er konnte ihm nicht unter die Augen kommen jetzt. — Nicht, daß er fürchtete, er würde ihn noch einmal halbtot schlagen wie damals, als es 'rauskam, daß er gestohlen hatte, aber er schämte sich zu sehr.

Damals hatte der sonst so ruhige Vater sich nicht ge­kannt vor Wut, und wenn Mutter nicht dazwischen gekom­men wäre — wer weiß, was geschehen wäre.

Aber mehr als des Vaters Zorn und die Prügel hatte sein Gram auf den Jungen Eindruck gemacht.

Als der Vater nach dem Strafgericht, das er über ihn ^gehalten, auf einen Stuhl am Tisch niedergefunken war, plötzlich dm Kopf auf die Arme gelegt und geweint hatte, er, den, Fritz noch niemals hatte eine Träne vergießen sehen, da hätte er gern noch einmal die furchtbaren Schläge ertragen, wenn er-dadurch seine Tat hätte ungeschehen machen können.

Der Vater hatte vor knapp einem Fahre fein Wjähriges Jubiläum als Schlosser in ein und derselben Fabrik ge­feiert, nie in seinem Leben hatte er sich das Allergeringste

fei zu schaffen, nachdem alle bisherigen Anstrengungen der Diplomatie sich als fruchtlos erwiesen hatten. Freilich ist das Friedensbedürfnis der Mächte durch die neueste italienische „Heldentat", durch das mit den Be­stimmungen des Völkerrechts nur schwer in Einklang zu bringende Bo m b a r d e m ent von Beirut sehr verstärkt worden, da die Interessen des Welthandels und des Weltverkehrs imm-er mehr in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber nachdem jetzt die italienische Kammer und der Senat die Annexion von Tripolis und Cyrenaika feierlich und mit stürmischer Begeiste­rung vollzogen haben, ist es klar, daß Italien nicht mehr zurück kann, wenn es auch noch immer zu einer Geldabfindung bereit sein dürste. Auf der anderen Seite versichern die Staatsmänner der Pforte, daß sie entschlossen seien, keinen Fußbreit türkischen Bodens aufzugeben, womit natürlich nicht gesagt ist, daß nicht ein neues Kabinett diese Meinung einer Revision unter­ziehen könnte.

Die bemerkenswerteste Erscheinung in dem sonst recht saumselig. verlaufenden italienisch-türkischen Wasfengang ist die besonders durch den Zwischenfall von Beirut herbeigesührte Verschärfung des Gegen­satzes zwischen den Italienern und den Franzosen, die doch bei diesem Kriege Pate gestanden haben. Ein Trost in Tränen für die empörte „Schwesternation" ist es dabei, daß es dem anderen romanischen Brudervolk, mit dem sie sich in Marokko in den Haaren liegt, den Spanier n, dort zurzeit nicht besonders gut geht, wenn auch die aus französischer. Quelle stammenden Meldungen über die spanischen Schlappen im Schrrifen- reiche mit Vorbehalt aufzunehmen sind.

Der neueste internationale Konflikt, nämlich der zwischen China und H o l l a n d, zeugt davon, daß die neugebackene Republik sich bereits als Weltmacht fühlt. In einer Beziehung aber ischsie vorbebaltslos in die Fußtapfen des bisherigen monarchischen Staats­wesens getreten, indem sie ihr Regime mit der Auf­nahme einer größeren Anleihe beginnt. Für die Ent­wicklung der Tinae in China selbst aber ist es jeden­falls ein gutes Zeichen, daß ihr die Bankwelt einen so weitgehenden Kredit einräumt. Tie Finanzleute haben in solchen Dingen eine feine Nase.

Deutsches Reich.

* Ein preußisches Etatsnotgefetz. Ein Etätsnotgvsetz Whfo in diesem Führe wie dem Reichstag, so auch dvm preußischen Landtag vorgelegt werden, da die rechtzeitige Fertigstellung des preußischen Etats sich bis zum 2. April nicht bewerkstelligen läßt. Das AbgeordneteNhaus kann den Etat erst Ende April verabschioden und das Herrenhaus erst im Saufe des Monats Mai die Etatsberatung vor­nehmen.

* Der Weg ins Kaiserschloß, über den Weg ins Kaffer schloß, den 'der sozialdemokratische ReichDagspräsident nicht gehen will, macht Naumann in der „Hilfe" folgende be­achtenswerte Bemerkungen: „Also der SoziaWöm-kvat geht nicht, er hüllt sich in sein Pvoyvaanim, bleibt zielbewußt und läßt lieber das Präsidium der Linken in die Brüche gehen, als daß er die Schloßtreppe emporsteigt. Wir unsererseits billigen es nicht, daß ihn ein Teil der Nationallrberalcn

zuschulden kommen lassen, war geehrt und geachtet von allen Leuten, und nun war sein einziger Sohn — ein Dieb.

Ganz grau war der Alte geworden in diesen Wochen, und wer den Jungen ausah — blaß, hohläugig, das früher so frische, hübsche, offene Jung engssicht nicht zum Wieder- erkennen, der wußte nicht, für wen er mehr Mitleid haben sollte.

„Konnrats Fritze hat jestohlen und kommt vor's Je- richte", so hieß es laut und leise in dem Hause, in dem Konnrats nun auch schon über acht Jahre wohnten, aber keiner brachte es über sich, den Eltern oder dem Jungen ein rohes, unzartes Wort zu sagen, dafür hatte man doch zu viel Achtung vor den ruhigen, ordentlichen Leuten, die niemand zu nahe traten, und hatte den freundlichem, ge­fälligen Jungen, den man hatte heranwachsen sehen, zu gerne gemocht.

Nur Spretulle, der alte Verwalter, hatte Vater Konn­rat aüf die Schulter geschlagen, daß es nur so krachte, und hatte gemeint:

„Na, man Kopf hoch, oller Schwede, det kost den Hals > nich, un der Fritze wird doch noch en ordentlicher Kerl, daderfier laß ich mir hängen." lind Mutter Spretulle hatte die dicken Hände über ihrem dicken Leib gefaltet, hatte den Kopf von einer Seite zur anderen gewiegt, wie es so ihre Art war, und hatte mindestens sechsmal hinter­einander „Ach nee doch, ach nee doch man", gesagt, was bei ihr, je nach dem Ausdrucke, den sie darein legte, Entrüstung, Bedauern und Trost bedeutete.

Aber Schlosser Konnrat war ohne ein Wort zu sagen, mit fest zusammengeknifienen Lippen weitergegangcn. Er war überhaupt wortkarg und menschenscheu geworden seit des Sohnes Fehltritt.

deswegen nicht ctö Präsidenten oder Untersträstdentcn Wahlen soll, denn das Präsidium ist zunächst Leitung des Reichstags und Hat mit dem verantwortlichen Reichs­kanzler zu verkehren und dem Dhron gegenüber die ver­fassungsmäßigen Verpflichtungen zu übernehmen. Die Welt geht nicht unter, wenn der Besuch im Schloß unter­bleibt. Es ist auch vom nationaNiberalen Standpunkt ans richtiger, die größte Partei mit in das Präsidium zu lassen, mag sie zum Hosgange bereit sein oder nicht. Aber diese unsere Ansicht ändert eben doch gar nichts daran, daß in der Tat der rechte Flügel der National'libevalen die Be- .dingnnlg des HoWanges stellt und daß daran das Präsidium der Linken wahrscheinlich scheitern wird. Mag dieses Prä­sidium scheitern! Auch darüber geht die Welt nicht unter, ein Derlnst ist es Mer doch. Und dieser Verlust zieht weitere Verluste nach sich. Die Linke entsteht nicht. Wer schließlich daran schuld ist, kann zwischen rechtem und linkem Flügel strittig sein, das tröstet uns nicht über die Tat­sache hinweg, dlaß — wir alle dabei verlieren. Die sach­liche Hauptschuld daran trägt die Soziale emokr.nie! Nehmen wir nämlich einmal an, daß auch der rechte Flügel der NatiouaAiberalen so entgegenkommend ist, den Schloß­gang nicht absolut zu fordern! Dann entsteht das Präsi­dium der Linkech cs gibt die Linke, sie ist ins Leben ge­treten, aber sie kann doch Nicht regieren, b>en?t regieren heißt für den Deutschen Reichstag nichts anderes, als Kompromisse mit dom König von Preußen schließen. Solche Kompromisse aber fördert man nicht, wenn man eine her- kömmliche gesellfchnstliche Sitte verletzt."

* Die Deckungssrage der Wehrvorlagen. Das „B. Tck schreibt: Die Absicht der Reichsregierung, zur Lösung der Deckungsssage für die Wöhrvorlaigen irgend ein Monopol einzuführen, scheint noch keineswegs aNfgege-ben zu sein. Au ein Reichspctrolsummonopol hat man wohl zunächst gedacht und auch die Möglichkeit eines Kalimonopols er­wogen. Neuerdings erstrecken sich die Sondierungen der Regierungen auch in der Richtung aus Einführung eines

SPiritusmoNÄpols:

* Zur Förderung der Jugendpflege. Wie der „HaNN, Courier" hört, hat der LaNAwirtschastsMinister den Gem- ralkonrmissionen einen Erlaß zugehen lassen, in dem tovcfe ersucht werden, möglichst im Sinne der Verordnung Wer die JugeNdpstsge zu wirken. Hierfür dürfte sich bei der Bsavbettnua der größeren Zusammenlegungs- und Renten- guHachen recht häufig die MSMchlett bieten, da die Anlage von Turn- und Spielplätzen sich in vielen Fällen erwirken läßt. In dem Erlaß Mer die Jugendpflege ist gerade auf die Notwendigkett der Neuanlage von Spielplätzen in vielen Gegenden besonders hingewieseN worden, uNd di« Möglichkeit, auf billige Weise derartige Plätze für Zwecke der Jugendpflege zu erhalten, dürste sich bei der Tätigkeit der GeneraAommiffionen vielfach ergeben.

* Ein polnischer Propst gegen deutsche Katholiken. Der polnische Propst in Wollstein führt nach der „Schles. Ztg." gegen die dortigen deutschen Katholiken einen recht eigen­artigen Kamps. Ein deutscher katholischer Kaufmann trat im letzten Jabr dem Verein deutscher KathoWen bei. Bald daraus erschien bei ihm ein Abgesandter des Propstes mit der Drohung, daß dem Kaufmann bie: gesamte polnische Kundschaft entzogen werden wüvde, wenn er nicht sofort aus dom Verein austrete. Der Kaufmann lchnte dieses Ansinnen ab; die Folge war, daß vor Weihnachten plötz­lich die gesamte polnische Kundschaft ausblieb. Ähnliche BohkotteMärungen erfolgten auch an andere GesckMsts-

Jn der Küche stand die Mutter und machte noch schnell sine warme Suppe zurecht, die sollten sie essen, ehe sie sort- singen. Ab und zu fuhr, sie sich mit dem Schürzenzipfel Über das hagere, vergrämte Gesicht, aber als. mm der Sohn sintvat, sagte sie mit begütigender, freundlicher Stimme:

„Na, setz' dir man an den Tisch, Fritze, und etz en' Löffel Suppe, ich werd' dir auch 'ne Schmalzstulle zuigeben."

„Ich kann nich essen", sagte der Junge kurz, und es lag rin Etwas in seiner Stimme, das die Mutter nicht weiter in ihn drängen ließ, nur «inon kurzen, ängstlich-mitleidig«r Blick warf sie auf ihr Kind.

Am Küchentisch saßen die beiden kleinen Schwestern hei ihren Schularbeiten; scheu sahen sie auf den großen BMder und verstummten jäh, als er sich zu ihnen setzte.

Die Mutter füllte nun eine kleine Schüssel mit Suppe, machte eine Schmailzschuitte zurecht und ging hinein zum

Still saßen die drei Geschwister beieinander, bis die Kleinste, Olli, die immer besonders an dem großen Bruder gehangen, plötzlich in Tränen ausbrach.

„Kommste nu gleich ins Jofängnis, Fritze?" stieß sie schluchzend hervor. „ . „

„Quatsch nich", führ er sie rauh an, trotzdem ihm selbst die Tränen würgend nah in der Kehle saßen.

Fast war es ihm eine Erleichterung, als ihn die Mutter nun in die SMbe rief; aber als er aufftand, fühlte er, wie ihm die Knie zitterten, und ein ganz eigentümliches Gefühl von Übelkeit kam über ihn

Die Mutter warf noch einen kurze«!, sorgenden Bück ans ihren Ältesten und zupfte iroch schnell ein Flöckchen von dem sauberen, schwarzen, dem großen Jungen schon etwas

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