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Derlag Langgaffe 21 fflftrftotlffifh slAS 12 0MS£lClbClt» „TaA-ttHa>>s*- Nr. 6650-53.

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Mittwoch. 31. Januar 1912.

Morgen- Kusgabe.

Nr. 80. * 60. Jahrgang.

Oie konservativen und die Sozialdemokratie.

Unter den vielen bemerkenswerten Erscheinungen der Reichstagswahlen vom 12. Januar ist eine der mar­kantesten der völlige Zusammenbruch der konservativen Parteien in solchen Wahlkreisen, die eine starke, wachsende industrielle Arbeiterschaft besitzen und damit von vornherein ein Operationsfeld allerersten Ranges für die Sozialdemokratie sind. Und eine Lehre leuchtet aus dieser interessanten Tatsache mit eindringlicher Klarheit hervor: die konservative Partei versagt

vollständig gegenüber der S o z i a ldema- k r at i e, mehr und mehr überläßt sie den Kampf gegen die Sozialdemokratie den liberalen Parteien. Sie weiß eben ganz genau, daß die Masse des Volks sich je mehr, je länger von der konservativen Politik abge- stoßeu fühlt. Ohne die Tätigkeit der liberalen Parteien würde die Sozialdemokratie in den Gross­st ä d te n und in den industriellen Vorort- und Land­gebieten noch einen weit größeren Zulauf haben, als dies bisher schon der Fall ist. Der von den konser­vativen Parteien oftmals als angebliche „Vorfrucht der Sozialdemokratie" geschmähte Liberalismus _ fft _ also in weiten Landesteilen im Gegenteil die einzige Macht, die das Vorwärtsdringen der Sozialdemo­kratie noch einigermaßen aushält. Der Konser­vativismus aber gibt seine eigene Ohnmacht gegen­über jener großen, in allererster Linie auf der Unzu­friedenheit der Massen basierenden Bewegung unum­wunden zu.

Am charakteristischsten ist in dieser Hinsicht das — man darf wohl sagen — fast völlige Auslöschen der konservativen Partei und ihrer Nebengruppen in Berlin und seinen industriellen Vorortwahlkreisen Charlotten­burg und Niederbarnim. Tie hier in Betracht kom­menden Zahlen sind so lehrreich, daß sie einer kurzen Betrachtung wert sind.

In Berlin haben es ja die Verhältnisse mit sich ge­bracht, daß außer im ersten Wahlkreise, wo Kaempf sich ausgezeichnet gehalten hat, auch der Liberalismus einen Stimmenrückgang erfuhr. Aber er ist schlechter­dings nicht zu vergleichen mit dem v o l I st ä n d i g e n Debacl e, das die reaktionären Richtungen erlitten haben. Tie Konservativen hatten 1963 im ersten Wahl­kreise noch 2900, 1967 noch beinahe 1000, jetzt aber nur noch 482 Stimmen — und dies trotz großer Agitation und riesiger Plakate an den Säulen. Ter zweite Wahl­kreis, den einst Stöcker sehr ernsthaft bedrohte, brachte 1903 noch über 10 600 Stimmen, 1907 noch kerne 4000 und jetzt nur noch 2566. Im dritten Wahlkrerse konn­ten die Konservativen 1903 noch rund 3700 und 1907 1700 Anhänger mustern, setzt sind sie mit 616 Mann zu einer kleinen Zählkandidatur herabgeglitten. Der vierte Wahlkreis brachte in den Zeiten der Berliner Bewegung gelegentlich den Konservativen mehr Sum­

men als den Freisinnigen. Noch 1903 hatten sie mit 8600 fast die freisinnige Ziffer erreicht, aber schon 1997 blieben sie mit 6600 weit hinter ihr zurück, und jetzt konnte der Christlich-Soziale ^ Behrens nur noch 2671 Stimmen aufbringen (gegenüber 12 836 für den fort­schrittlichen Kandidaten Iw. Cauer!). Im fünften Wahlkreise, in dem einst der berüchtigte Cremer mit Eugen Richter hart um die Siegespalme rang, hatten die Antisemiten 1903 noch 3200 Stimmen, 1907 die Konservativen über 1500, und jetzt verzeichnete wieder ein Antisemit die klägliche Ziffer von 845 Stimmen. Endlich im sechsten Wahlkreise besaßen die Konservativen 1903 14 800, 1907 13000 Stimmen, und sie sind hier­mit ihrer Beamtenkandidatur auf 10 600 zurückgegan­gen ■—■ immerhin noch der relativ beste Ausgang in Berlin!

In dem Riesenwahlkreis Teltow-Beeskow-Storkow- Charlottenburg rst der Zusammenbruch der konser­vativen Partei noch furchtbarer als in Berlin, weil es hier immerhin eine gewisse Position zu halten galt. Noch 1907 hatte der Sozialdemokrat nur mit rund 52 Prozent der abgegebenen Stimmen gesiegt, der konser­vative Bewerber folgte ihm mit über 62 000 Stimmen und wäre beinahe in die Stichwahl gelangt. In weitem Abstande kam damals der fortschrittliche Kandidat mit 39 000 Stimmen. Bei der jetzigen Wahl gelang es der Fortschrittspartei den Konservativen zu überflügeln und sich damit an die zweite Stelle zu setzen: die konser­vative Partei ist um mehr als die Hälfte der Stim­men hinter der Fortschrittlichen Volkspartei zurückge­blieben. Jene brachte nur 29 239 Stimmen auf, sank also um volle 23 000 Stimmen oder von 26 Proz. der Wählenden auf noch lange nicht 10 Prozent: die Fort­schrittspartei dagegen konnte den riesigen Gewinn von 31000 Stimmen buchen und rangierte mit 70089 Stimmen höchst ehrenvoll an dem von ihr erwünschten zweiten Platz. Nicht nur in Charlottenburg. Schöne­berg, Wilmersdorf, sondern auch in den Kleinstädten und sogar in dem rein ländlichen Bezirk Beeskow- ■ Storkow sind die konservativen Stimmen vielfach um 26 Prozent bis zur Hälfte heruutergegangen: in Rix- dorf sank die Ziffer von 4500 auf 600. Diese Ziffern aus einem der geistig regsamsten Kreise des Deutschen Reiches zeigen besser wie tausend Leitartikel die völlige Abkehr der selbständig denkenden Wähler­schaft von dem konservativen Programm. Sie sind ein Menetekel auch für die Regierung, die eiusehen müßte, daß sie sich auf eine Partei nicht stützen dürste, die in einem so wichtigen Wahlkreise einen so schmäh­lichen Z u s a m me n b r u ch erlebt. Auf der ande­ren Seite kann der Liberalismus trotz seines Unver­mögens, den Kreis der Sozialdemokratie zu entreißen, stolz sein auf die errungene Zifserhöhe, die höchste, die je ein liberaler Kandidat bisher in Deutschland er­reicht hat. Sie bietet die allerbeste Aussicht für die nächstjährigen Landtagswahlen.

Auch im Wahlkreise Niederbarnim ist die konser­

vative Partei von einer vernichtenden Niederlage heimgesucht worden. Ihre Stimmenzahl ging von 34000 auf 20 000 zurück, die liberale Kandidatur, für die nur verhältnismäßig wenig gearbeitet worden war, konnte im Handumdrehen 13600 Stimmen auf sich ver­einigen. Es ist charakteristisch, daß der Rückgang der Konservativen in den großen Berliner Arbeitervororten noch nicht einmal so bedeutend ist, wie in erner erheb- lichen Anzahl von mehr ländlichen Orten, wo die kon­servative Partei ganz offensichtlich sowohl an den Libe­ralismus wie an die Sozialdemokratie eine Menge Stimmen abgeben müßte. Zieht man das enorme Wachstum der Vororte jedoch in Betracht, so ist natür­lich auch hier der Rückgang der Konservativen außer­ordentlich stark. (Sie sanken z. B. in Lichlenberg von 3300 auf 1840 und in Rurnmelsburg von 2100 aus 1044, während der Liberale dort 1503, hier 1349 Sum­men auf sich vereinigen konnte.) In rein ländlichen Orten resp. in Kolonien schrumpfte die konservative Ziffer häufig um 50—75 Prozent der früheren Zahl zusammen. Der Liberalismus abgr hat auch hier für die Landtagswahlen gute Vorarbeit geleistet.

Wir fassen zusammen: die konservative Partei hat in den großstädtisch-industriellen Kreisen ihre Rolle aus gespielt, sie scheidet als politisch beachtlicher Faktor so gut wie völlig aus, und der Kampf um die Stimmen und Überzeugungen der Massen wird so gut wie ausschließlich zwischen dem Liberalismus und der Sozialdemokratie ausgesuchten. Auch ein Beitrag zum konservativen Kampf gegen den „Umsturz"!

Ein Kbwehrvortrag des Professors Delitzsch.

sh. Spandau, 29. Januar.

Ter bekannte Verfasser von „Babel und Bibel", Ge­heimer Regierungsrat Professor Di*. Friedrich Delitzsch, hielt heute abend in den Bismarcksälen einen Vortrag, in dem er sich auf den gegen ihn in der Mahlzeit ge­fallenen Vorwurf verteidigte, daß er den Religions­unterricht aus der Schule entfernen wolle. Dieser Vor­wurf war seinerseits von dem hiesigen Militär-Obec-- pfarrer Konsistorialrat Strauß gegen Delitzsch erhoben worden. Der Redner führte vor einer zahlreichen Zu­hörerschaft aus, Oberpfarrer Strauß habe ihm vorge- worfen, daß er eine Schule ohne Religionsunterricht wolle. Demgegenüber weise er auf seine früheren Vor- iräge hin und erkläre wiederholt: Ich habe nicht von einem Gswissenszwange schlimmster Art für Geistliche und Lehrer gesprochen, die Dinge sagen müßten, an die sie selbst nicht glaubten, sondern ich habe nur ausge­führt, daß die Bibelforschung heute turmhoch über den theologischen Erklärungsweisen ständen und daß ich den Forderungen abhold sei, den Religionsunterricht über­haupt aus der Schule zu entfernen. Die gesamte Lehrer- ' schaft ist aber seit Jahren bemüht, den Religionsunter-

Sjratzenleben in Kairo.

Geschautes und Erlelbtes.

Von Paul Pasig.

Das Straßenlciben in einer orientalischen Großstadt bildet einen unerschöpflichen Quell d-er Unterhaltung und Belehrung. Denn da im Morgenlande fast der gesamte — oft auch der intimste — Verkehr sich in aller Öffentlichkeit vollzieht, so lernt man hier zugleich die innerste Eigenart des Volkes kennen, hört die Volksseele atmen, aufjauchzen, weinen.... ,

Im verstärkten Maße gilt das vom altehrwürdigen Pharaonenlande, in dessen über eine halbe Million Ein­wohner zählender Hauptstadt Kairo sich fast alle Nationen des Orients begegnen. Freilich ist es nötig, zu diesem Zwecke auch die entlegenen Viertel der Eingeborene mit ihren winkeligen, engen, mit Teppichen und Tüchern über­dachten Basaren auszusuchen, wozu ein flotter Esel, geführt von einem erfahrenen Treiber, und in der Hand ein derber Knüttel gehört, um allenfalls allzu Zudringliche abzu» wehren. Indes auch in den fashionablen „Frankenquar- tieren", der vornehmen Jsmailia, der stillen Abbasieh, der endlosen Muski mit ihren glänzenden Läden u. a. entwickelt sich ein Straßenverkehr, der den des Landes Undmdigen in Staunen setzt. Schon die vermummten, mit einem bis zu den Füßen herabreichcnden schwarzen Schleier verhüllten Frauen erregen unsere Aufmerksamkeit: fast gespenftffch drohend blicken uns die dunkel leuchtenden großen Augen, das einzig Sichtbare im Antlitz, an.

Aber wir gewinnen sofort zu ihnen Zutrauen, wenn sie uns als Blumenverkäuferinnen begegnen. Da scheinen sie etwas wie verkörperte Poesie . . . Und Poesie, wahre, unver­fälschte Volkspoeste ist es auch, was aus ihren Anpreisungen spricht. Schon der melodische Tonfall, in dem sie diese ausrufen, gemahnt wie ein echtes Lied. Und vollends der

Inhalt! Ja, wer die Sprache — Neu-Arabisch — nicht ver­steht, dem entgeht in der Tat ein hoher Genuß. Die Rosen» veMnferin z. B. kündet ihre duftige Ware an mit den schönen Worten: „Die Rose war ein Dorn; vom Schweiße des Propheten ist er aufgeblüht." Und jene Orangenver- käuserin dort, die in dem kunstvoll aus dem Haupte balancierten Korbe ihre roten Wutorangen seilbietet, tut dies mit den Worten: „Honig, o Orangen, Honig!", d. h. honigsüße Orangen. Eine dritte preist allerlei Naschwerk an, Mandeln, Pistanicn und vor allem die vielbegehrten Lupinen. Dies tut sie mit den Worten: „Hilfe! Die

Lupinen von EmbZbe (bei Kairo) sind besser denn Mandeln. O wie süß ist das kleine Söhnlein des Flusses" (so genannt, weil sie vor dem Kochen in Mlwaffer gewässert werden ). 1

Wasser — Wasser — Wasser: das ist in dem regenlosen Pharao-nenlande noch immer trotz Wasserleitung usw. eine Existenzfrage, und daher gehören die abenteuerlich geklei­deten Wasserträger noch immer zu den wichtigsten Straßen- siguren. Sie heißen „Sakkcks" und gliedern sich in zwei Gruppen. Die einen sorgen für Löschung des Straßen» staubes und schleppen das Wasser aus dem Nil in un­förmigen ZiegcEälgen auf dem Rücken herbei. Tief ge­beugt keuchen sie unter ihrer schweren Bürde mnd sind zu­frieden in ihren Lumpen, wenn sie für ein paar Piaster ihr mühseliges Amt verrichten können. Die anderen bieten in ungeheuren, ebenfalls auf dem Rücken getragenen tönernen Flaschen Trinkwasser feil und locken mit ihren gegenein­ander geschlagenen Messingschalen die durstigen Seelen her­bei . . . Wohl bekomm's!

Eine typische Straßenfigur ist ferner der Schuhputzer, der in allen Altersklassen und Größen, vom unmündigen Kinde bis zum gereiften Manne, enit seinem primitiven hölzernen Putzkaften an allen öffentlichen Orten, vor den Hotels. Gastwirtschaften, EafKs, Kaufläden^ usw. herum­lungert und durch sein unaufhörliches, in näselndem Tone gerufenes „Boye" (Farbe), wobei er auch wohl auf die Stiefel zeigt, Nervöse rasend machen kann. Das gleiche

gilt von den Eseltreibern, die gleichfalls in allen Alters­klassen vertreten sind und mit ihren munteren Grautieren an Ecken und belebteren Orten ihrer Kunden- harren. Oder vielmehr — oft stürzen sie, die Tiere vor sich herjageüd, rudelweise aus den arglos Dahinschreiienden los, um­ringen ihn und preisen in allen Dialekten die Vortrefflich- kcit ihrer Reittierchen an, ehe auch nur der überrumpelte eine Miene zuckte oder einen Wunsch äußerte. Am drolligste« nimmt es sich ans, wenn der Eseltreiber, die Nationalität des Fremden vermutend, in dessen Sprache zu radebrechen beginnt. „Bismarckessele" wurden ehedem als vorzüglich angeprivsen und den „Gladstoneesselen" weit vorgezogen. Dann kamen die „Willoffessele" an die Reihe ... Ob es auch „Bethmann-Ho-llweg-Essel" geben wird? Wir möchten es bezweifeln.

An Stratzencmfzügen ist kein Mangel, denn der Orient ist die Heimat der Wallfahrten und Pilgerzüge. Da sehen wir die verschiedenen Sekten des Islam mit ihrem wehen­den buntfarbigen Banner, und meist auch aus jener eigen­artig amnutenden Musik bestehend, aus Trommeln, Pfeifen und Oboen, andächtigen Blickes an uns vorüberziech-en; die berühmteste dieser Wallfahrten mit dem kostbaren, zur Ver­hüllung der Kaabi dienenden Teppiche (Mahnial), einem Geschenke des Sultans, das ein besonders geschmücktes Kamel trägt, hat die heilige Stadt Mekka zum Ziele und vereint alljährlich einmal Tauseride Gläubiger, die nach dem Ruhme trachten, zu den „Hadschi" (Mekkapilger) gezählt zu werden, und daher einen grünen Turban tragen dürfen.

Dann wieder sind es die Beschneidungs-, Hochzeits- und Tranerzüge. die unsere Aufmerksamkeit fesseln. Die Knaben, die beschnitten werden sollen-, ritten früher ..»eist uns einem prächtig aufgezäumten Rosse und verhüllten vielfach als Mädchen verkleidet, ihr Antlitz mit einem kostbaren seidenen ^uch» um den bösen Mick der Zuschauer abzuhalten, der dem Knaben schaden könnte. Die wichtigste Person nach ihm ist der Barbier mit feiüem schrankartigen Kasten, in dem die erforderlichen chirurgischen .Instrumente vechsrgen sind.