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Sonntag, 28. Januar 1912.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 46. * 60. Jahrgang.
Jür Jebrucrr irnö Mürz
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Oie Sozialdemokratie im neuen Reichstag.
Tie Parteien des schwarzblauen Blocks können es »licht erwarten, daß sich die Sozialdemokratie Unüberlegtheiten zuschulden kommen läßt. Am Oetfte« mochte die Rechte einen sozialdemokratischen Präsidenten gewählt wissen; die „Kreuzzeitung" äußert diesen Wunsm ganz offen. Daß sie es dabei mit der linken «erte des Hauses nicht gut meint, sondern gründlich schlecht, daß ihr Vorschlag durch ausgesuchte Bosheit und nicht durch einGefühl der verzichtenden Gerechtigkeit begründet wirb, braucht man nicht erst zu sagen. Aber die Konservativen und das Zentrum werden vermutlich nicht erleben, was sie hoffen. Der Radikalismus mag in der sozialdemokratischen Fraktion von 110 Mitgliedern absolur stärker vertreten sein als zuvor, relativ darf man ihn als die Minderheit bezeichnen, vor alleni aber ist er in sich selber bereits dem Gesetz der Wandlung unterworfen. Man erinnere sich, wie maßvoll auf dem Jenaer Parteitag Bebel sprach, wie er die sinnlosen Forderungen, die vor einem Generalstreik im Kriegsfall nicht zurückschreckten, klug zu dämpfen und gleichsam unter den Tisch fallen zu lassen verstand. Man denke daran, daß die sozialdemokratische Reichstagsfraktion das elsaß-lothringische Wahlgesetz trotz der monarchischen Spitze und trotz des Oberhauses bewilligte. Man halte sich vor Auaen, dag die Sozialdemokraten bei der Reichsversicherungs- vrdnung und bei manchem anderen Gesetz mitarbeiteten, und man wird nicht sagen können, daß erese Partei nur noch in der Negation das Herl juchen will. Aucb rst es wahrlich nicht gleichgültig, wie das offizielle Parteiorgan, der „Vorwärts", über das Wahlergebnis urteilt. Man hat die Ansichten rrnd bte Absichten der Führer in klarer Formulierung vor sich, wenn der „Vorwärts" schreibt: „Die Sozialdemokratie hat den
Liberalismus bei diesen Wahlen mit ihrer ganzen Mache unterstützt. Sie hat es getan, nicht weil sie sich ^zllu- sionen über die künftige Entwickelung hmgut, nicht weil sie übermäßige Hoffnungen hegt oder allzu großes Vertrauen in die liberalen Worte setzt, Aber sie ha>
■ gewollt, daß die Liberalen Gelegenheit haben, ihren Worten Taten folgen zu lassen. Tie Liberalen tragen setzt die Verantwortung Sozialdemokratie wird innerhalb wie außerhalb des Parlaments ihre ganze Macht eiusetzen.nur die Demokratisierung Deutschlands zu fördern, die -aae der arbeitenden Massen durch sozialpolitische Reformen zu
verbessern, gegen die Not der Teuerung und dis Steuer lasten wirksame Maßregeln durchzusetzen, W:r wissen, daß wir von keiner biirgerlichen Partei in unserem Kampf gegen den JniperialismuS und seine Begleit- erscheinungen — Wettrüsten, Kolonialpolitik, sdjufe“ zölleret — wirksame Unterstützung zu erwarten haben. Aber die Liberalen haben gelobt, fiir freiheitliche politische Entwicklung und für soziale Verbesserung einzutreten. Ta wollen wir sie b e i m Worte nehmen, da wird es sich zeigen, ob sie den Willen und die Kraft haben, ihr eigenes Programm durchzuführen. An uns soll es nicht liegen, wenn der Reaktion "l Deutschland ein Ende gemacht werden soll." Hinter diesen Sätzen von, wenn man sagen darf, programmatischer Bedeutung steht also auch Bebel, steht die Parteileitung. Die Proklamierung einer Taktik, die sich zu- nächst an das Erreichbare halten will und unerfüllbare Wünsche einstweilen beiseite schiebt, wird aber ganz ge- wiß nicht das letzte Wort und den letzten Schritt m der Mauserung der Sozialdemokratie bedeuten, ’&o sehr es in jener Partei auch bestritten werden mag. so sind wir der festen Überzeugung, daß die Sozialdemokratie auf dem Wege ist, sich zu einer Partei der Demokratie fortzuentwickeln, also, wenn auch fürs erste noch zögernd, auf dem Boden der gegebenen national-politisch-gesellschaftlichen Zustände zu treten, ganz wie das die französischen „Genossen" und die radikalen englischen Gewerkschaftler getan haben. „Ein Millerand tut uns not", soll der Kaiser einmal gesagt haben. Mas nicht ist, kann ja noch werden. Tie Sozialdemokraten. die natürlich behaupten werden, dies werde niemals _fein, kennen die Entwicklung in der Zukunft nicht. . Diese Tinge haben ihre unwiderstehliche Triebkraft in sich selber, und wenn die Sozialdemokratie schon längst aufgehört hat, die Sturmfahne der Revolution zu schwingen, so muß sie sich unweigerlich in dem Maße, iii dem sie wächst, den bestehenden Zuständen anpassen. Nur eine kleine Partei kann mit dem Umsturz spielen, einer großen legen Geschichte und Geschicke von selber Verantwortung auf. Und darum hat Geheimrat Ri eher, der Präsident des'Hansabundes, zehnmal recht, wenn er sich jüngst in München, als er dort mir schönem Erfolq für die Wahl Kerschensteiners eintrar, also sprach: „Die Regierung hat versucht, im Moment vor den Stichwahlen nochmals eine Sammlungspolitik zu inszenieren, obwohl die wissen müßte, daß anr Vorabend der Schlacht eine Frontänderung der politischen Parteien undenkbar ist. Der Moment wird kommen und hätte schon längst kommen müssen, wo die Regierung, und zwar unter Zuziehung des Hansabundes, den sie wohl endlich einmal als politischen Machtfaktor anerkennen muß, einsehen wird, daß nur durch eine gerechte Politik, also nur durch eine völlig paritätische Behandlung des Bürgertums unser modernes Deutsches Reich regiert werden kann, nicht etwa nur durch einen parlamentarischen Block nach Art des früheren, der, wie wir wissen, heute entstehen und morgen beseitigt werden kann und in dem der Liberalismus von oben herab seitens der in der Macht befindlichen Parteien behandelt wird, denen die kleinste Konzession abgerungen werden muß. Was not tut und was die Regierung nach Beendigung der Wahlen so
fort in die Hand nehmen muß, ist die Schaffung vo» Garantien für eine paritätische Behandlung aller Er- werbsstände und des deutschen Bürgertums m ferner Gesamtheit, von Garantien für eine moderne Reform d e s Pre ußisch e n WahIgesetzes und, was nach meiner Überzeugung noch viel wichtiger ist, für eme Reform der Wahlkreiseinteilung :n Preußen und im Reich, endlich die ärchassung von Garantien für einen energischen Widerstand oer Regierung gegenüber einer Wiederholung jener öden Jnteressenpolitik, kraft deren man ber der Finanzresorm die Erbschaftssteuer abgelehnt, dagegen in der Branntweinsteuer zugunsten des Großgrundbesitzes neue und dauernde Vorteile geschaffen hm. Dann, aber auch nur dann, kann das Bürgertum, da es alsdann nicht mehr befürchten muß. um die Fruchte eines etwaigen Sieges betrogen zu werden, mit allen anderen bürgerlichen Elementen zusammen gegen d-e Sozialdemokratie Front machen. Ties wird auch ® e * schehen, falls die Sozialdemokratie nicht i n zwischen ein gesehen hat, daß es, nachdem sie eine große Partei geworden ist, undenkbar ist, daß sie sich werter auf einen rein negativen Standpunkt stellt, undenr- bar, daß sie ferner eine anti-bürgerliche Parte: vlerv: und irationalen Forderungen entgegentritt, statt eme radikale Arbeiterpartei zu werden rmd sich bewußt auf den Boden der heutige ir Wirtschaftsordnung zu stellen. Als entschiedener Gegner der sozialdemokratischen Bestrebungen, als ern Feind des nebelhaften Zukunftsstaates würde ich der erste sein, der, falls sich die Sozialdemokratie nicht von Grund aus ändert, dann die Sammlungspolitik Mit- machän würde, wenn es sicher ist, daß das Bürgertum nicht die Zeche zahlen muß, wie es sie heute zahlen müßte, wenn es, ohne bte vorbedachten Garantien, zu- sammen mit den in der Macht befindlichen Parteien die Sozialdemokratie zu beseitigen suchen würde, zusammen mit jenen Parteien, die nach einem solchen Siege das Bürgertum noch mehr als sonst unter ihr Joch beugen würdeir. So ist es denii me Aufgabe der Regierung nach den Wahlen, dem heutigen Zustande der B e r b i t t er u n g beinahe aller Stände und Erwerbsgruppen durch solche Garantien ein Ende zu machen und nach dieser Richtung mit den liberalen Parteien, unter Z u z i e h u n g des H a n s a b u n d e s, zu verhandeln, der mit diesem Bürgertum vor allen: eine gerechte Einteilung der Wahlkreise und ern gerech- tes Wahlgesetz verlangen und der fordern muß, daß der moderne Staat in allen seinen Betätigungen der vorhandenen sozialen Mischung aller Kräfte entiprechen müsse Die Sozialdemokratie steht aber, gerade dann: wenn'sie gestärkt aus dem Wahlkampfe hervorgeht, vor einem Wendepunkt. Sind ihre Führer blmd genug. auf dem heutigen Boden der Negation und des Zerstörnßgswillens zu beharren, so Wird ihre Mach- vorausgesetzt nur. daß dem Bürgertum icnennsrlaiz- lichen Garantien gegeben sind, bald zu Ende sein, ^edec verkümmert und muß verkümmern, der aus die Dauer i d e al e und nationale Interessen mißachtet, der sie ersetzen zu können glaubt durm eine ö d e In t er es s enPo li t ik wie der B und der Landwirte oder durch eme ebenso ode
Machdruck Verbote».)
Letzte Fahrt.
Skizze aus dem Eisenbahndienst von Hermann Drvßler.
Mitten auf freier Strecke ertönte das schrille Signal der Dampspseife. Zwei Stunden vor Genua. — „Die Notleine ist gezogen worden, Eorrado!" schreit der Lokomotivführer Gisbert durch das furchtbare Getöse seinem Heizer zu. Der nickt und laßt die breite Schaufel sinken. Mechanisch senkt sich der Stopphebel. Ein pfeifendes Zischen. Die Bremsklötze fallen mit ihren stählernen Pranken scharf an die Räder, und kurz daraus hält der ZU« auf freier Strecke. Zugführer und Schaffner suchen die Waggons nach dem Coup« ab, in welchem die Notbremse gezogen wurde.
Gisbert ist unterdessen hevabgestiegen und geht um seine Maschine herum. Fingal ist ihr Name. Tatsächlich erinnert ihr Bau an den nebelhaften Heldenriesen der nordischen Sage. Ihr breitgewölbter Kessel gleicht der Brust eines Ungeheuers. Ihre Größe erhöht diesen Eindruck noch mehr. Gisbert führt sie zum erstenmal und' hat sie bereits lieb gewonnen.
Eine hohe, heilige Freude quoll ihm im Herzen auf, als er heute morgen den Hebel niederdrückte und den Dampf mit voller Gewalt in die stählernen Adern des Triebwerkes einströmen ließ. Langsam und majestätisch setzte sich Fingal in Bewegung und schleppte die schwere Last der vollbesetzten Waggons Hinter sich her.
Eine hohe Begeisterung .steigt ihm auch jetzt wieder in die Brust ans. ein Stolz, als ob er selbst der Erfinder dieses.Riesen an Kraft, Ausdauer und Sicherheit wäre.
Er zündet die beiden Glotzaugen der Laternen an, denn es fängt an zu dunkeln, und vom Mittelmeer her ziehen znsammengeballte Wolkensetzen ins Land,
Plötzlich starrt ihn der Zugführer an, als ob er etwas Furchtbares- wahrgenommen hätte. Im nächsten Augenblick schreit er ihn an:
„Um Gottes willen, Gisbert, fahren Sie losl Der Lloyd-Expreß ist uns im Rücken!" .
Im selben Moment hören die beiden in der «eme das dumpfe Rollen und Knattom eines heranbrausenden Zuges.
„Richtig! Der Lloyd-Expreß passiert Diensta-guacht unsere Strecke. Wäre der Aufenthalt nicht dazwischen gekommen, so wären wir wohl bald in Savona auf ein Nebengeleis rangiert, um ihn vorbeizulaffen. So aber muß er uns direkt von hinten ansahren. Und es gibt kein Mittel, uns bemerkbar zu nmchen." Das alles fahrt Gisbert blitzschnell durchs Bewußtsein
„Das fnrchtb-are Unglück ist nicht zu vermeiden! Dreihundert Menschen im Zuge und die Insassen des anderen
„Mein Sohn, mein Selmo, fährt heute den Lloyd- Expreß!" schreit Gisbert auf.
Wie wahnstnnig stürzt der gequälte Vater auf die Maschine.
„Volldampf, Eorrado!" brüllt er fernen Heizer an. „Der Expreß ist hinter uns !"
Ehe der recht verstanden hat, stößt Gisbert den Dampf- Hebel herab. Mit einem wilden Ruck springt Fingal aus, daß die Ketten der Kupvelnng kni-rschen.
Eorrado scheint vom Schreck gelähmt zu sein. Gisbert selbst muß mit zugreifen. So reißt er ihm die Schaufel aus d>er Hand und stößt immer neue Kohlen in die Hollew- brände der Fenerbüchse.
Nun beginnt eine rasende Fahrt.
„Gelingt es uns. Savona zu erreichen, so sind wir gerettet!" schreit Gisbert, heiser vor Erregung und Aw sttcngnng. . , ■ .
„Gerettet!" Er beugt sich seitwätts und späht nach
hinten. „ , ,.
An einer fernen Biegung des 'Schienenstranges glaubt er die glühenden Augensterne seines Verfolgers ausblttzer» zu sehen. Er zieht den Griff der Tmnpfpfeise.
Wie ein gequältes Tier heult Fingal auf, daß der Schall schauerlich aus den Felswänden zurücktönt. Die Maschine zittert und stampft schnaubend in rasender Geschwindigkeit ihre eiserne Straße dahin. Nachtvögel stoßen sich an den Scheiben des Führerhauses die Köpfe ein oder werden von den auf- und niödersauseNden Ploylen Dörfer rechts und links im Tale fliegen blitzschnell vorbei. Sie lagen so friedlich und weich gebettet in der schonen Sommernacht. Hinter manchem Füller brannte -lcht. Die Bewohner ahnten wohl nicht, welch furchtbarer Kamps -Ntisaben MaMne und Sck'icksal hier ausgeiochtcn wurde. Sie ahnten es nicht^und auch die Insassen des Zuges nicht die wohl in ihren behaglich
die Köpfe schüttelten, wenn die Waggons bei einer Kurv« herüber und hinüber aeworlen wurden,
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