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Samstag, 21 . Januar 1912.

3um Geburtstag des Halfers.

In ganz besonders ernster, politisch erregter Zeit begehen wir diesmal den Geburtstag unseres Kaisers, der am heutigen Tage sein 53. Lebensjahr vollendet. Begehen wir doch dies Fest unmittelbar nach eurer un­gewöhnlich heftigen Wahlichlacht und in einer Zest wo die leidenschaftliche Erregung dieses Kampfes noch in uns nachzittert und in allen politischen Kreisen mit ernster Sorge erwogen wird, wie sich m dem neuge­wählten Reichstag die parlamentarischen V er y cur niste gestalten, ob und wie er die Grundlage zu einer Prat- tischen, gedeihlichen Politik bieten wird.

Aber diese Sorgen oder Hoffnungen tun der festlich freudigen Stimmung, von der wir heute erfüllt md, keinen Abbruch, denn wie der Herrschet; m Deutschland über den Parteien steht, wenn es dre Rearerung auch nicht tut, so steht er auch über deren Zwistigkeiten und Kämpfen. Wir wissen zwar, daß es eme starte Gruppe von Unzufriedenen gibt, die an diesem <age abseits stehen. Aber wir möchten doch trotz alledem jene Gruppe nicht mit der Sozialdemokratie identmzieren, die bei diesen Wahlen von einer Treimlllionenpartei zur Viermillionenpartei angewachsen ist Tenn wenn jemals, so war es diesmal, wo der Wahlkampf sich im Zeichen einer tiefgehendenReichsverdrossenheit ab­spielte, geboten, zwischen den zielbewußten Anhängern der Umsturzpartei und der großen Masse der M i t- läufer zu unterscheiden, die mit ihrem sozialdemo­kratischen Stimmzettel einer besonders großen Mitz- vergnügtheit Ausdruck geben wollen. Auch d:e Führer der Partei wiegen sich schwerlich in denr Wahn, daß diese Mitläufer Anhänger derjenigen Bestrebungell sind, welche sich gegen die heutige S taats- und Gesellschaftsordnung, welche sich gegen Kaiser urw Reich richtet.

Es ist ja vielleicht vom menschlichen «Standpunkt begreiflich, wenn in einer Zeit, wo sich in Portugal an die Stelle der Monarchie die Republik gesetzt hat und in China der älteste Thron der Erde stürzt, auch bei uns die Klagen darüber ertönen, daß die monarchische Gesinnung in der Abnahme begriffen Jet. _ Aber wir müssen es doch weit von uns weisen daß irgendwelche Vergleiche gezogen werden zwischen den Dmiastlen der Tsing und der Braganza und dem Herrschergeschlech. der Hohenzollern, das in schwerer Zeit seinen Bern, erwiesen hat, den deutschen Stämmen das Banne: voranzutragen, und dessen Fürsten sich wohl alle be-

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»ußt waren, wie großen Herrscherr e ch t e.n ^ noch rößere H er r sch e r p fl ich

[ i u r c i c v c u u, v u t e n gegenüberstehen.

5at doch auch Kaiser Wilhelm H- ft* dem Wahl- pruch seines großen Ahnherrn, dessen 200. Geburtsta oeben erst festlich begangen wurde bekannt, daß er ich als den ersten Diener des Staates suhle.

In dieser ge m e i ns a m e n A r b est1 für da^ Wohlergehen, für die Macht und die Große de^ deutschen Reiches liegt das unzerreißbare Band, dm- Volk und Kaiser verknüpft. Und m dieser e cht

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Morgen - Ausgabe.

nationalen Gesinnung liegt uns die Bürgschaft für die ' Zukunft. Als unser Kaiser die Vertretung des deut- chen Volkes zum ersten Male begrüßte, tat er dies mit den Worten:Ich habe Sie gerufen, um vor Ihnen dem deutschen Volke zu verkünden, daß ich entschlossen bin. als Kaiser und als König dieselben Wege zu wan- dein, auf denen mein hochseliger Großvater das Ver­trauen seiner Bundesgenossen, dre Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Aus- lands gewonnen hat."

Wir geben uns darüber keinen Täuschungen hm, daß es zurzeit mit diesem Wohlwollen des Auslandes vielfach schwach bestellt ist, und daß die deutsche Nation wieder mehr denn je auf ihre eigene Kraft angewiesen ist. Aber wer etwa da draußen, vielleicht angelocki durch häusliche Auseinandersetzungen bei uns. glauben wollte, daß er auf die Uneinigkeit des deutschen Volkes spekulieren und sich aus unserer Haut Riemen schnei­den könnte, den sollte gerade die imponierende Ein­mütigkeit, mit der alle guten Deutschen, den Festtag ihres Kaisers als einen nationalen Festtcig. als ihr eigenes Fest begehen, darüber belehren daß das einige Deutschland" keine leere Phrase ist, sondern ein Faktor, mit dem wir rechnen können, wenn der Ruf ergeht: Feinde ringsum! So werden sich denn heute die Wünsche für das Wohlergehen des Kaisers zu dem allgemeineren Wunsche erweitern, daß das kostbare Gut eines angesehenen und befestig­ten Kaisertums der deutschen Nation stets_ er« halten bleiben möqe, daß Volk und Fürst sich, einig im Denken und Handeln, zusammenfinden in der Losung: Allezeit treu bereit für des Reiches Herr­lichkeit!

politische Übersicht.

Die Zweideutigkeit der konservatiVen Stichwuhlpolitik

wird am besten gekennzeichnet durch das Verhalten des Dt. Hahn für den Kreis Geestemünde. Es war daS Gerücht aufgekommen, daß für die nationalliberal, sozialdemokratische Stichwahl Dt. Hahn in Telegram­men an die Vertrauensmänner des Bundes der Land­wirte direkt zur Wahl des Sozialdemokraten oder wenigstens zur Stimmenthaltung aufgefordert habe. Ties war ja nun zwar nicht ganz zutreffend, aber die Aufklärung, die der Führer des Bundes der Landwirte, ein Herr Hottendorf, veröffentlicht, ist doch ungemeui bezeichnend für die Hahttsche Taktik. Zerr Hottendom teilt mit, daß Hahn am Tage der Stichwahl an eine, große Anzahl von. Vertrauensleuten eine stleichlautende Depesche folgenden Wortlauts _ gesandt habe:Trotz

meiner persönlichen Versuche im Wahlkreise Kaisers­lautern, selbst die nationalliberale Partei zu bewegen, in der Stichwahl für Dt. Roeficke einzutreten, lehnt diese das unbedingt ab und proklamiert Stimment­haltung. Freisinnige haben in Kaiserslautern Parole

Nr. 44. * 60. Jahrgang.

für den Sozialdemokraten ausgegeben, dadurch die Wahl des Sozialdemokraten ^sicher^ Dr. Diederich Hahn." Diesem Telegramm Hahns hatte i»er Bund der Landwirte noch folgende jesuitische merkung angehängt:Dies Telegramm sollte lediglich Aufklärung über die Verhältnisse in Kaiserslautern bringen, aber keine Parole für Hannover sein,"

Ties Kind, kein Engel ist so rein! Dt. Hahn schicki seinen Vertrauensleuten teure Depeschen lediglich zu dem Zweck, um ihnen eine interessante Neuigkeit aus einem weitentlegenen Wahlkreise mitzuteilen, aber bei­leibe nicht etwa, um sie durch diese Mitteilung irgend- wie zu beeinflussen! Der Bund der Landwirte muß seine Gegner sehr niedrig einschätzen, wenn er glaubt, -daß diese an die Harmlosigkeit der Hahnschen Depesche glauben sollen! In Wirklichkeit ist es ja ganz klar was Hahn beabsichtigt hat. Sein schlauer Plan lst aber

an der Ehrlichkeit der hannoverschen Bauern gescheitert, die den nationalliberalen Kandi­daten auch gewählt haben, nachdem sie es einmal ver- sprachen hatten. .

Goldene. Worte für Mrslanödeutsche.

Goldene Worte an die Deutschen im Ausland spricht W. Tr. imDeutschen Evangelischen Volks- boten" für Südafrika. Wir geben sie im Auszua wieder:

Als deine Vorväter oder du selbst an, der Südspitze Afrikas ans Land gingst, hattest du einen deutschen Familiennamen, den deine Vorfahren rn der^ Hermai bis weit in die Jahrhunderte zurück Mit Ehren ge­tragen haben. Trage ihn getrost in Ehren weiter urw fange nickst an zu ändern. Wenn über dem a o, u ern paar kleine Striche stehen, so laß sie ruhig dableiben, Oder andernfalls du weißt ja! erst der kleine

Finger, dann die ganze Hand und zuletzt auch aas deutsche Herz. Wenn du Schmidt oder anderswie heißt, versuche nicht auf einmal als Engländer aufzutreten. Tu hast einen ehrlichen Vornamen mitqebracht. behalte den ruhig weiter und werde nicht plötzlich zum l?ohn oder Charles oder zu sonst wem. Sieh' dir den Aus- län der in Deutschland an. Er bat Rückgrat und bleibt, was -er ist, allezeit. Vielleicht hast du aucki Kinder. Gib ihnen schöne deutsche Namen mtt aut den Lebensweg. Sie werden dir vielleicht dankbar sein dafür. Gertrud, Hildegunde, Irmgard, Ilse. Helmut, Heinrich, Rudolf, Günter! Was gibt's da für herrliche Namen! Laß dein Haus zu einer deutschen Burg werden! Laß nur Deutsch sprechen! «ei uner­bittlich streng darin, lieber zu viel als zu wenig. Drau­ßen in der Schule lernen deine Kinder schon sowieso Holländisch und Englisch, besser als von dir, der du dA Sprachen vielleicht erst als Erwachsener gelernt hast. Mit iedem deutschen Landsmann sprich nur Deutsch. Sonst verachtest du deine Heimat. Sprich möglichst ein reines Deutsch!Holländere oder engländere" nicht! Sage nicht:Ich soll (zal) da^

tun" fürich werde das tun". Sprich nicht von muven", auch nicht vonTicket", ,/Cfftce" u. a., das

OvütbdruL verboten^

Eine Züricher Vortragswochr.

Von Fritz Müller (Zürich), unserer Gesellschaft wurde von allerhand Dingen gesprochen, die unmöglich feien. Möglich str alles, meinte M angehender Doktor der Philosophie, mit Ausnahme ernNe. SSV und die fei: Alle V-rtrag-e, die in Zürich während einer Winterwoche gehalten werden, anzahEn. Mein Freund opponierte. Ein hitziges Gefecht ward darans^ Und am Ende kam eine Wette zustande. Mem Freund ver­pflichtete sich, in der kommenden Woche alle dmch dasTag- blatt" angezeigten Vorträge zu besuchen, ^ch sollte ihn lonirollieren und begleiten. _

Mutig nahmen wir am Sonntag uw-er Unternehmen in Angriff. Da war zunächst am Vormittag von zehn w--' zwölf ein Vortrag desGenossen" Schweizer rn der Etn- tmckst: die Parteiprogramme der bürgerlichen Parteien Wir lernten manches, was man sonst nicht Hort. Mein Freund pries seinen guten Stern. Ohne den gelinden Zwang der!Wette hätte er sicher wzei Drittel des Sonntag-

Nachmittage gab es in der Großmünsterkirche eme Hiöbrezitation. Das war schon der Mühe wert. Und die Wette kam uns gar nicht Übel vor.

Der Abend führte uns zu Professor Forel, der im arotzen Saal des Schwurgerichtes dem Alkohol zu Leibe qinq. Es ist ja richtig: der dritte Bortrag an dem sonntag war ein wenig viel. Es gab da und dort eine blinde > 2 tell- ht unserem Kops, wo die Aufnahmofreudigkeit ein wenig zu versagen schien. Dennoch hielten wir uns wacker.

- Am Montag milßten wir unsere Zeit gut emteilcn Um acht Uhr aab es im Saale des Seidenhofes: ..Dre drei

hauptsächlichsten Verfahrungen der Kneippschen Hhdro- therapie". So hatten wir- in der Zeitung an-gezeigt ge­lesen, Wir konnten nur bis zur zweitenVerfahrung" bleiben, selbst wenn uns am Schlüsse einige unentgeltliche Wassergüsse verabfolgt worden wären. Dann ging's in die Sihlstvahe zum Vereinshaus. 8 Uhr 50 Minuten: Dort wurde über die Getreideversorgimg der Schweiz gesprochen. Wie uns schien, ein außerordentlich wichtiges urtd- zeitge­mäßes Thema. Der Redner führte soeben aus, wie die Schweiz ein Land sei, das unbedingt auf die Einfuhr von Getreide angewiesen wäre. Daß es gelte, dieses Getreide -durch den Staat ankaufen und verteilen zu lassen. Lange konnteir wir auch hier nicht verweilen, denn auf uns warte,e noch der5. Vortrag des 49. Zyklus" der Akademischen Rathausvorträge: Der Ausdruck der Persönlichkeit ttt der modernen Franenlyrik. Ich sank erschöpft in einen Stuhl in der Ecke und bewunderte meinen Freund, der mit heroischem Mute der Franenstlmme lauschte, bte _ uns mit dem Ausdruck der Persönlichkeit in der Fvauenlyrik bskanili zu machen versuchte. Was half das alles? Vor meiner Seele stand nichts als die drei Th>emen für heute abend: Professor Vrcdig: Einwirkung von Oxymtrilen ans Alka­loide, Privatdo-zent Grün: Zur Synthese der Fette. Da-. Jantsck: über die Doppelnitrate der seltenen Erden.

Mit diesen Themen hatte -mich mein Freund eben beim Eintritt in den Snal bekannt gemacht. Hrnterlrstrg erweii ^ mutz ich sagen, denn -da ich Ehemik-er bin, fürchtete er, ich würde ihm ziigunsten dieser Stoffe den ganzen Abend un­treu geworden fein.

Aber auch dies wurde ito-ch überwunden, und nach einem Stärkungsschoppen suchte ich mein friedliches Zimmer auf. "Fm Traume verfolgte mich das Problem, wie die moderne Frauenlyrik durch den ANb-au von Getreide in der Schweiz befördert werden könnte. Von Zeit zu Zeit erwachte ich schweiß-gebadet und besann mich mühsam darauf, daß 'das

alles jetzt nicht so nötig sei, wenigstens nicht für mich; Wie ein ruhiger Schlaf, der mir neue Kräfte gab sur den

Dienstag. . , r

Am Morgen traf ich meinen Freund in der Hochschule. Ich forderte kategorisch ein genaues Verzeichnis der Unter- nehmungen für heute abeUd. Er zog ganz vergMgt einen Zettel aus der Tasche und sagte, es sei dieses Mal nicht so viel und gut eingeteilt. .

6 Uhr:Die Melodien des Troubadours rn Trou- vöres" im Saale des Konservatoriums. 7 Uhr:Pause

zum Abendessen." 8.30 Uhr:Weltnaturschutz" von Dr.

Sara sin, Basel. 8,50 Uhr in der Thalysia:Die Küche als Urheberin der Krankheiten". 9,15 Uhr vmr einem psycho- loaischen Schriftstellcr:Das Leben der Seele nach dem Tode". , , .

Du siehst also, daß du schon um 10 Uhr zuhause sein und noch bis 12 Uhr arbeiten kamrst."

Beim Tageslicht kam mir alles nicht mehr so schlimm vor, und so sah mich der Abend wieder an der Arbeit. Es wurde dieses Mal wirklich nur 11 Uhr, lind ich vermochte am Schluffe auch noch ohne Mühe zusammenhängende Sätze zu sprechen. Aus dem Tische fand ich einen Brief meiner Mutter vor:Da ich dich persönlich nicht mehr zu sehen bokomme, so lade ich dich hiermit schrfftlich M deiner Ge- burtstagssoier ein." Richtig, drei Tage laug hatte ich die Meimgen kaum flüchtig gesehen. Morgen komrte ich mein Wort nicht halten, denn bei uns wurde streng an Men Familiensitten fostgohatten. Eigentlich spurte ich eine kleine Erleichterung und schlief, trotz des Konglomerats in meinem Hirn, ruhiger als die letzte Nacht.

Rasch, die Zeitnng her: was für Dinge brachte diese

^^Es^gab nu/n«h vier Nummern zu erledigen, und mein Freund sagte am Donnerstag triumPhiereMd:Siehst du.

die Wette ist fast schon gewonnen. Ich habe zwar heute noch