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Donnerstage 23. Januar 1912 .
Morgen - Ausgabe.
Nr. 40. * 60. Jahrgang.
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Steuerfragen im neuen Reichztag.
. Die Konservativen hören es mit Verdruß, beinahe mit Entsetzen, daß die Kostendeckung für die Heeresund die Flottenvorlage durch die WiedereinLringung der Erbanfallsteuer erfolgen soll. Mail begreift es bestens, daß den Matadoren des schwarzblauen Blocks, die um der Erbanfallsteuer willen den Fürsten Bülow gestürzt und den liberal-konservativen Block vernichtet haben, die Aussicht, hinterher doch noch durch das kau- dinische Joch zu kriechen, unangenehm über die Maßen ist. so rechnet denn die „Deutsche Tageszeitung" dem Reichskanzler mit beweglichen Worten vor, welchen Unsinn er zu begehen iin Begriff ist, wenn er wirklich abermals mit jener Steuer vor den Reichstag treten to m rF 6er klug wie das Bündlerblatt wird Herr v. ^-ethmann-Hollweg schließlich auch sein. Er wird es nicht ohne Heiterkeit lesen, wenn die „Deutsche Tageszeitung^ folgendes schreibt:
»Sollte überhaupt eine Mehrheit für eine Erbschaftssteuer im nächsten Reichstag vorhanden sein, so wurden die Dinge doch so liegen, daß diese Mehrheit schwerlich zugleich eine solche für Wehrmachtsforderungen wäre. Tie Regierung würde also auf der einen Seite eine Mehrheit für die Heeres- und Flottenvorlage vor sich haben, die aber in ihrem größten Teile entschiedene Gegnerin der direkten Erbschaftssteuer ist: auf der anderen Seite eine Mehrheit für direkte Erbschaftssteuer, von der aber wiederum mindestens der größere Teil gegen eine Wehrmachtsverstärkung stimmen würde. Wollte die Regierung gegenüber dieser Sachlage die Heeres- und Flottenvorlage mit einer Erbschaftssteuer verkoppeln, so würde sie doch ungefähr das Unklügste tun, was sich überhaupt nur denken läßt; und sie würde die Wehrmachtsvorlagen vermutlich ernsthaft gefährden." Die „Deutsche Tageszeitung" fährt fort: „Ferner aber: von denjenigen Parteien,
die in Machtfragen bisher die Hauptstützen der Reichs- leitung gewesen sind und das vermutlich auch weiterhin noch sein werden, sind die Nationalliberalen seit längerer Zeit Freunde einer Reichsvermögenssteuer: dom Zentrum gilt das gleiche, und auch die Konservativen baben bekanntlich in jüngster Zeit gegenüber der Möglichkeit, daß erhebliche Mehraufwendungen für
Heer und Flotte nötig werden sollten, ihren grundsätzlichen Widerstand gegen die Heranziehung der bundesstaatlichen Hauptsteuerquellen zur Deckung des Reichs- bedärfes aufgegeben und ihre Bereitschaft zur Bewilligung einer allgemeinen Besitzsteuer erklärt, die wohl schwerlich sehr weit von einer Reichsvermögenssteuer entfernt sein könnte. Tie Stellung der Konservativen ist dabei durch zwei Grundsätze gegeben: sie
wollen, daß nicht die kommenden Generationen, sonderii die lebende mit ihrem Besitz herangezogen wird: und sie wünschen keine Steuer, die das immobile Kapital einseitig treffen, das mobile aber, dessen weit größere Leistungsfähigkeit doch außer Frage steht, sicher weit weniger erfassen müsse." So das Bündlerblatt, das dann nochmals und abermals auseinandersetzt, daß eine einheitliche Mehrheit für die Wehrvorlagen und für die Erbschaftssteuer keinesfalls zu haben wäre: also würde die Regierung „schlechthin unpatriotisch" handeln, wenn sie gerade die Wehrmachtsvorlagen dazu benutzen würde, um die tiefe Kluft, die der Erbschaftssteuerstreit zwischen den nationalen Parteien gerissen hat, von neuem aufzureißen.
Wir begnügen uns mit der Feststellung, daß wenigstens so viel durch die Empörung der gesamten Linken über die frivole Steuerpolitik des schwarzblauen Blocks erreicht worden ist, daß die gegnerischen Parteien selber eine Reichsvermögenssteuer andrsten. Wer hätte dergleichen noch vor wenigen Jahren für möglich gehalten. Und heute ist es Wirklichkeit geworden. Ob Reichs- Vermögenssteuer, ob Erbanfallsteuer, es ließe sich ja darüber reden. Wir ziehen die Erbanfallsteuer vor, einmal weil sie besser vorbereitet ist, und sodann, weil sich das öffentliche Gewissen nicht eher beruhigen wird, als bis für den Frevel vom Juli 1909 Sühne geleistet worden ist. Es muß aber mehr noch geschehen: auch das Erbrecht des Reichs, das die Schwarzblauen damals gleichfalls zu Fall brachten, muß wiederkehren. Hierzu für diesmal nur eine wichtige zahlenmäßige Feststellung: Eine Ertragsberechnung für das Reichserbrecht aufzustellen, war bisher mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft, weil eine Statistik für die Zwecke der Erbrechtsreform fehlte. Es ist das Verdienst des Herrn Finanzministers, wie Justizrat Bamberger der „Täglichen Rundschau" schreibt, daß diesem Mangel setzt abgeholfen ist. Herr Dr. Lerche hat durch Erlaß vom 20. Februar 1911, der an sämtliche Oberzolldirektionen gerichtet ist, eine statistische Erhebung für den preußischen Staat angeordnet. Diese hat ergeben, daß im Rechnungsjahr 1908 auf Grund gesetzlicher Erbfolge, also ohne Testament, in Preußen 22% Millionen — mithin im Reiche 37% Millionen — an die Seitenverwandten mit Ausnahme der Geschwister vererbt sind. Nunmehr ist es möglich, mit größerer Sicherheit, wie bisher, den mutmaßlichen Ertrag der Reform zu berechnen. Dabei ist zu beachten, daß die Erhebung, sich nur auf die der Erbschaftssteuer unterliegenden Erbschaften erstrecken konnte. Werden auch die steuerfreien
Anfälle in Rechnung gezogen, so kommt man gemäß der amtlichen Materialien von 1908 auf den doppelten Betrag, auf 75 Millionen. Tie Materialien, selbst wiederum' stützen sich auf den Ertrag, der Vermögenssteuer Aus verschiedenen, hier nicht zu erörternden Gründen ist indessen anzunehmen, daß die Veranlagung zur Vermögenssteuer gegenwärtig um nahezu 50 v. H, hinter 'den tatsächlichen Verhältnissen zurückbleibt. Ist das richtig, so erhöht sich der Ertrag des Reichserbrechts von 75 auf rund 112% Millionen jährlich. Wenn man also auch nicht auf mehrere Hundert Millionen kommt, so ist doch das auf Grund der preußischen Statistik gewonnene Ergebnis und die danach zu erwartende Steigerung der Reichseinnahmen nur mit Freude zu begrüßen. Bamberger betont, daß ein Voranschlag sich überhaupt erübrigt, wenn man die Einkünfte aus deni Erbrecht des Reiches nicht zur Deckung von laufenden Ausgaben verwendet, sondern zur Verstärkung des unzulänglichen Reichsschatzes und zur beschleunigten Tilgung der Schuld. Er schließt mit den Worten: „Optimisten und Pessimisten müssen einig in^ den, Wunsche sein, daß die Reform auf das schleunigste zur Ausführung komme, weil jeder verlorene Tag mit rechtloser Bereicherung lachender Erben dem Reich Mittel entzieht, deren es eben letzt für Kriegs- und Friedenszwecke dringend bedarf." —^ „Sie „Tägliche Rundschau" möchte übrigens nicht unerwähnt lassen, daß die oben erwähnte amtliche Statistik durchaus auf die persönliche Anregung des Justizrats Bamberger selbst zurückzuführen ist.
politische Übersicht.
Der öritte Stichwahltag.
Won den heute noch ausstehenden 33 Stichwahlen werden nur 4 Mischen Anhängern des schwarMauen Blocks ausgekochten (nämlich Mar:eNburg-ElbNtg, Schwetz, Kroto- schin und Oppeln). Diese 4 Mandate srnid also zunächst ohne weiteres zur rechten Seite, die bisher 186 Mandate gegen 173 der Linken zählt, zuzuschreiben. Auf der anderen Seite stehen aber nicht weniger als 13 Stichwahlen an, bei denen nur Parteien der Linken beteiligt sind (nämlich Frankfurt a. d. O,,,Guben, Sorau, Liegnitz, Hirschberg, Tongav, San- gerhaufen, Merseburg, Nordhausen, Altena, Bochum, Lennep und Duisburg). Diese 13 Mandate sind demnach wie ihre Parteibesetzung auch ansfalleu möge, von vornherein ans die linke Seite hinüberzurechnen. Cs würde sich darnach das rechnerische Ergebnis auf 186 + 4 ==. 19(1 für die Rechte, auf 178 w 13 — 191 Mandate für die Linke stellen. Die Entscheidung liegt demnach bei den 16 Stich Wahlen, die zwischen der Rechten und der Linken anAzufech- ren sind. Erringt die Linke davon nur 9, so hat sie eben die absolute Mehrheit des Reichstags. Man sieht affo, wie der Charakter des neuen Reichstags bestimmt werden wird von dem Ausfall einiger ganz weniger Wahlen. Um so mehr ist die Mahnung an alle linksgerichteten Wähler der noch ansstehenden 33 Wahlkreise berechtigt, das
Machdruck »erlisten.»
Mrandjagd.
Als auf den ostfries,sehen Inseln noch allgemeine Jagd- freihcit herrschte, noch keine Hasen und Rebhühner ausgesetzt und dir Jagd noch nicht für schweres Geld verpachtet war, da stellte sich wenn die Winterstürme brausen, der eine oder andere Jäger ein, der sich auf einige Wochen vor Anker legte. In den dornenverwachsenen Dünentälern gab es Karnickel und Schnepfen zu schießen, im Watt allerlei Getier, das sich auch essen ließ. Zur Ebbezeit ging man im Walt aus den Krabbenfang, untersuchte auch am soestrande zeitig am Morgen die alten Wracks nach den wohlschmeckenden Krustentieren, und wenn die nicht zu Haufe waren, ein Netzbeutel voll Seemuscheln fand sich überall mit Leichtigkeit. So konnte man sich seinen Lebensunterhalt, wenigstens an nicht flüssigen Bestandteilen, selbst beschaffen, ein freies Trapperleben führen, beinahe wie in Wild-West.
Besonders interessant war der abendliche Enten- strich. Alle Süßwafferenten, die bei Tage im Wattenmeer liegen, pflegen nachts das Süßwasser auszufuchrn. Sie verlassen das Meer aber meist eist dann, wenn die Watten, wo sie ihre Nahrung finden, von der Flut bis an den festen Strand bedeckt sind. Darauf muß man beim Entenstrich stets Rücksicht nehmen. So wanderten wir denn bald nach Mittag den langweiligen weiten Weg längs der Dünen, ran nach der einsamen äußersten Westspitze der Insel zu gelangen. Außer mir mein Faktotum, der alte Schiffer, der mich schon so manchmal zu erfolgreicher Seehundsjagd gefahren, während meines Aufenthaltes auf der Insel stets mein Koch, Leibjäger und Kammerdiener in einer Person, in hohen Seestieseln, die einläufige lange Vorderladerflinte kreuzweise nrit einer Seehundstasche über den blauen Schisferrock gehängt, den mächtigen Teersüdwester unter dem Kinn hinter dem Stopvelbart festgebunden, darunter
ein von Sonne und Salzwaffer braun gegerbtes Gesicht, faltig wie eine Geldtasche aus Alligatorhaur, geziert mit glänzend blaubrauner Nase, eine Figur, einzig in ihrer Art. Wir beide sind gute Freunde und ich danke dem alten Seebären manche interessante Mitteilung; gerade solche Naturmenschen pflegen oft eine bewundernswerte Beobachtungsgabe zu entwickeln. Der dritte im Bunde ist meines Kana- dierfreundes „Jakob", ein- schwarzer, rauhhaariger Fox, ein Gemisch pon mindestens einem Dutzend wirklicher oder sogenannter Rassen. Im Sommer bei der Seehundjagd diente er als Lockvogel. Wenn wir bei Ebbe aus der vorher ausgekundschasteten Sandbank, mitten im Watt, aus den Ellenbogen liegend die Ankunft der Seehunde erwarteten, unterstützte er die Versuche seines Herrn, durch seine huckenden Bewegungen diese glauben zu machen, cs wäre ihresgleichen. Aufmerksam verfolgte er mit seinen klugen Augen die aus und nie'dertauchenden runden Köpfe seiner Waffor- vetlern, mit denen er selbst eine gewisse Ähnlichkeit hatte, möglicherweise infolge direkter Blutsverwandtschaft. Jedenfalls interessierten sich diese ebenso sehr für ihn und manchem wurde der Versuch, eine persönliche Bekanntschaft anzuknüpfen, kaum daß die Flossensüße aus dem Wasser waren, zum Verhängnis. Beim Entenstrich war er uns unentbehrlich, denn ohne ihn wären die geschossenen Enten in der Dunkelheit gar nicht zu finden gewesen.
Mittlerweile sind wir beim „Entenschul" angekommen. Das sind flache Erdlöcher, wie sie an den zum Enlrnsall geeigneten Plätzen seit Generationen eingerichtet sind. Mein Leibjäger holt von den Dünen, was er eigentlich nicht darf, mehrere Arme voll „Helm" (Dünengras) und polstert mir, so gut cs geht, die „Schul" aus. So, jetzt liege ich drin. „Jakob" drehte sich erst einige Male in die Runde, dann legt er sich dicht an meine Seite und träumt. Die Sonne hat sich längst empfohlen, die Dünen verschwimmen in einander und weißlicher Nebel wogt über dam Watt. Welch geheimnisvolles Rauschen und Murmeln drüben aus dem
Watt? Leise rauscht in der völligen Windstille das steigend« Flutwasier. Und wie der Strand sonderbar knistert! Deut, lieh trägt die Seeluft das geringste Geräusch zu uns herüber. Die Rottgänse scheinen wieder recht lustiger Laune zu sein: „Rack, rack" — immer dasselbe Geschrei.
Auf dem Watt ist es mittlerweile recht munter geworden; ununterbrochen rufen die Pseiserpel ihr „huijü" und dazwischen „quaguaquakt" die Stockente. Auch das Flut- Wasser ist lauter wie vorher. Das kann doch nicht das Rauschen der See sein? Lauter, stärker wird es, gerade über uns sich in ein vielfaches „witititit" verwandelnd.
Zugleich sehe ich ein, Mei.zählen ist unmöglich,
aber dicke schwarze Klumpen warm es in der Lust, eine ganze Menge. „Hm, hm! Warum habm Sie nicht geschossen?" flüstert es neben mir. „Maul Hallen!" „Witi- titit". Nichts zu sehen, und dabei kann man ja fast den Luftzug fühlen und sie mit den Händen greifen. Aber eher fliegen einem die Augen aus dem Kopse. „Witititit" rechts, links, überall, aber überall nichts ztl sehen. „Witititit" — kohlpechrabeulfiustere Nacht. Rrrumm! Einen armdicken Feuerstrahl befördert meines Jagdgeuossen Kabyleuslinte in die Lust! Jetzt endlich sehe ich ein Dutzend flatternder Enten und schicke meine beiden Ladungen Nummer 5 aus der Zwölserslintc in die ungefähre Richtung, denn von Zielen kann keine Rede sein, dafür ist ein zu großer Segen an Dunkelheit vorhanden. Lautlose Stille mit innerlicher Beschämung. „Jakob", der vergeblich verlorm gesucht, kommt sehr indigniert zurück: „Eine Hattd voll Schrot und nicht eine einzige Ente zu finden; Stümper!" „Auch di« Rottgänse höhnen ihr „Rack, rack". Schräg hinter uns kommt der Mond zum Vorschein; langsam kriecht er über d-!« Dünenköpfe herüber. Es steht gerade so aus, als ob er mit der Nachtmütze winkte und uns ebenfalls auslachte wegen der Schießerei!
Es saust schon wieder in der Luft, also fertig zum Feuern Rechts und links in der Ferne, namentlich in der
